DDR 1989/90Brandenburger Tor


Was sie ist und was sie will, die neu konstituierte
"Betriebsinitiative Faserplattenwerk"?

Noch eine dieser sich gegenwärtig bildenden Bewegungen, werden einige sagen, sind es nicht bald genug?

Wir wurden in der Vergangenheit mit Sicherheit nicht überhäuft durch progressive Bewegungen in unserem Land. Dieses mag auch Grund dafür sein, dass wir heute erst dort stehen, wo wir schon vor Jahren hätten sein müssen. Jeder nimmt Anteil an dieser Situation; wird emotional stark strapaziert durch die Ereignisse.

Die Unzufriedenheit wächst, die Arbeitsmoral sinkt, und die Leitungen in unseren Betrieben träumen (reiben sich den Schlaf aus den Augen - oder noch nicht?).

Um diese Unzufriedenheit und die vielen Einzelaktionen der Vergangenheit zu beenden, haben sich aus dieser Situation heraus am 28. November 1989 einige Kollegen zusammengeschlossen. Wir wollen dazu beitragen, dass in unserem Betrieb, im Faserplattenwerk Ribnitz, endlich wieder vernünftige, d. h. der Zeit angepasste Verhältnisse einziehen. Die Initiative liegt bei uns Werktätigen, die bisher für unmündig erklärt wurden.

Die Initiativgruppe Faserplattenwerk ruft alle auf, mitzuarbeiten daran, dass wir eine neue Beziehung gewinnen zur Arbeit, die ins spüren lässt: Wir werden gebraucht, wir sind ein Teil des Betriebes, unsere Leistung zahlt sich spürbar aus.

Wir sind der Meinung, dass die Grundlagen dafür sind:

1. Erhöhung der Effektivität der Produktion

Dazu muss das gesunde Aufwand-Nutzen-Denken wieder entwickelt werden. Solche irrsinnigen und künstlich hochgespielten Kennziffern wie IWP und Ratioleistungen müssen verschwinden. Der Gewinn ist der Gradmesser der Produktivität, und was unproduktiv wird, kann sich nicht in der Lohntüte wieder finden, und daran hat niemand ein Interesse.

Darum müssen hier neue, auch marktorientierte Gedanken mit allen Konsequenzen entwickelt werden.

2. Durchsetzung der Demokratie im Betrieb

Demokratie ist für uns nach wie vor Einzelentscheidung, aber unter kollektiver Beratung, wobei das Kollektiv der Bedeutung und dem Inhalt der jeweiligen Situation angepasst sein muss. Die Orientierung ist aber stets: mehr Autorität, mehr Wertschätzung den Fachleuten sowie den Betroffenen.

Wenn wir uns mit Stolz Faserplattenwerker nennen, dann dürften wir uns auf dem richtigen Weg befinden.

3. Neue Rolle der Gewerkschaften

Bei der Durchsetzung der bisher genannten Ziele ist davon auszugehen, dass unpopuläre Maßnahmen, die ökonomisch begründet sind, zum Abbau von übersozialer Funktionalität durchzusetzen sind (Umsetzungen; Kündigungen u. a.). Dazu, wie auch zur Wahrung aller anderen Interessen der Werktätigen (z. B. Lohn, Leistung), bedarf es einer starken, bewußten Gewerkschaft neuen Typs, die sich direkt am Betriebsgeschehen beteiligt.

4. Entwicklung der kommunalen Beziehungen

Wir arbeiten in unserem Betrieb, leben aber außerdem in dem Territorium Ribnitz und Umgebung. Hier muss ein neuer Denkprozess der Beziehungen zueinander einsetzen. Sei es die Wohnungsfrage oder der Umweltschutz, die nicht am Betriebstor haltmachen.

Wir, als größter Betrieb, und größter Verschmutzer, müssen uns den neuen Anforderungen bewusst werden und handeln.

Diese Ziele zu erreichen, bedarf es einer breiten, intensiven Mitarbeit aller Beschäftigten des FPW.

Die Betriebsinitiative besteht gegenwärtig aus:

Das Aufgabenfeld erstreckt sich über anleitend-organisatorische Tätigkeit bis zur Durchsetzung von Beschlüssen auf Grundlage demokratischer Mitbestimmung im Betrieb;

Hier erfolgt die analytisch-schöpferische Mitwirkung alter interessierten Werktätigen zur Bearbeitung der vielfältigen Aufgaben, die wiederum vorrangig aus den eigenen Reihen kommen und der Betriebs- bzw. Gewerkschaftsleitung vorgelegt werden.

Die Initiativgruppe FPW ist ein zeitlich begrenzt arbeitendes Organ, welches sich auflöst, sobald. die Situation, die zur ihrer Gründung führte, nicht mehr besteht.

Ihre Erkenntnisse und Erfahrungen werden der Gewerkschaftsleitung übergeben.

Wir wünschen uns diesen Zeitpunkt sehr bald herbei und bitten alle Faserplattenwerker um Unterstützung in verschiedenen Formen.

Jeder ist aufgerufen, seinen Beitrag zum Gelingen der Sache zu leisten.

H. K(...)/K. R(...)

Ansprechpartner zu allen Fragen, die den oben genannten Zielen entsprechen, sind:
Koll. J(...), TIM (Tel. 471)
Koll. K(...), IBR (Tel. 931)
Koll. R(...), E (Tel. 298)


"Saalfunk" soll genutzt werden

Die "Initiativgruppe FPW" beabsichtigt die in unserem Kultur- und Speisesaal installierte Übertragungstechnik auch zu anderen Zwecken als bisher üblich zu nutzen. So ist vorgesehen, in den Frühstücks- oder Mittagspausen mit dieser Technik über Aktivitäten und deren Ergebnisse unsere Faserplattenwerker kurzfristig und direkt zu informieren.

aus: produktiv, Nr. 22, 15. Dezember 1989, 17. Jahrgang, Betriebszeitung des VEB Faserplattenwerk Ribnitz-Damgarten, Herausgeber: Leitung der SED-Grundorganisation des VEB Faserplattenwerk - Stammbetrieb des VEB Möbelkombinat Ribnitz-Damgarten
ausgezeichnet mit der "Ehrennadel der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft" in Silber

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