DDR 1989/90Brandenburger Tor

Was schrieb die A-Schicht des KKW 1988 an den Staatsrat?

Staatsrat der DDR
Marx-Engels-Platz
Berlin, 1020

Greifswald, 27.10.1988

Wir, die Kollegen und Genossen der A-Schicht des Kernkraftwerkes "Bruno Leuschner" Block 5 - 8, wenden uns mit diesem Brief an den Staatsrat der DDR, um einige Gedanken zu den uns bewegenden innenpolitischen Problemen zu äußern. Gleichzeitig bitten wir um Antwort auf die durch uns nicht klärbaren Fragen.

Durch unsere Belegschaft wird seit Jahren die Versorgung im Greifswalder Territorium mit erstens hochwertigen Konsumgütern, zweitens den so genannten "1 000 kleinen Dingen" und drittens mit Lebensmitteln, wie zum Beispiel Fleisch- und Wurstwaren, Molkereiproduktionen sowie Obst und Gemüse, als unzureichend kritisiert. Über den Bekanntenkreis unserer Kollegen wissen wir, dass dies jedoch kein spezifisches Problem Greifswalds ist. Demgegenüber werden wir durch unsere Massenmedien ständig mit der erfolgreichen Verwirklichung unserer Wirtschafts- und Sozialpolitik konfrontiert, die sich insbesondere in den regelmäßig veröffentlichten Statistiken dokumentiert.

Dieser Widerspruch ist Grund vieler Diskussionen unter der Bevölkerung. Seine Ursache sehen wir in der unzureichenden Effektivität unserer Volkswirtschaft begründet, welche sich in unserem Arbeitsbereich, bei der Inbetriebsetzung von Block 5 des KKW, täglich in folgendem äußert. Mangelhafte technologische Durchdringung der Prozesse und unzureichende Arbeitsorganisation führen seit Jahren zu einer Verschwendung des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens und hoher Investitionsmittel auf unserer Baustelle. Durch unsere Arbeit kennen wir die Energiesituation in der DDR und wissen, dass jede Verzögerung der Inbetriebnahme weiterer Kernkraftwerksblöcke durch Importe von Elektroenergie teuer erkauft werden muss. Um so mehr beunruhigt es uns, dass sich, ungeachtet der hierzu existierenden ZK- und Ministerratsbeschlüsse, keine wirklich spürbaren Veränderungen abzeichnen. Auch Ministerbesuche auf unserer Baustelle änderten daran nichts, da die Probleme oftmals beschönigt oder verschleiert werden.

Im Bereich der Konsumtion sehen wir in der derzeitigen Preispolitik eine weitere Äußerung unserer uneffektiven Wirtschaft. Nach Veröffentlichung des Preises für den Wartburg 1.3 kam es auch in unserer Belegschaft zu zahlreichen Diskussionen. Mit Interesse verfolgten wir die Begründung des hohen Grundpreises in der Rede des Genossen Schabowski auf der Berliner Bestarbeiterkonferenz und in der Parteiinformation Nr. 252. Dabei entstand jedoch bei uns die Frage, ob es für die DDR wirtschaftlich sinnvoll ist, einen PKW mit diesem sehr hohen Aufwand zu produzieren, welcher einen Preis bedingt, der die Kaufkraft vieler Haushalte jetzt übersteigt?

Weiterhin beunruhigt uns die Preisentwicklung für hochwertige Konsumgüter. Entsprechend den statistischen Mitteilungen werden die meisten neuen Konsumgüter mit einer, gegenüber ihren Vorgängermodellen, gesteigerten Arbeitsproduktivität hergestellt. Nach unserem Verständnis führt die Steigerung der Arbeitsproduktivität zur Senkung des Warenwertes. Der Preis sollte Ausdruck des Wertes sein. Weshalb wird jedoch ein neuer, höherer Preis bei uns stets mit einer Erhöhung des Gebrauchswertes begründet? Für uns als Energiearbeiter ist es in besonderem Maße unverständlich, dass neue, energiesparende Konsumgüter, wie zum Beispiel Waschmaschinen, Farbfernseher, Kühlschränke, Radios u. a., mit erhöhtem Gebrauchswert zu hohen Preisen angeboten werden, die ihren Kauf für breite Kreise der Bevölkerung unlukrativ machen. Wir meinen, dass sich hier durch eine realere Preisbildung Einsparungen von Elektroenergie in volkswirtschaftlichen Größenordnungen realisieren ließen.

Wir wissen, dass unser Staat jährlich viele Milliarden Mark zur Verfügung stellt, um die stabilen niedrigen Verbraucherpreise für Waren des Grundbedarfs, Tarife und Dienstleistungen zu gewährleisten. Dies ist gut und richtig so und findet auch unsere volle Unterstützung. Es entsteht jedoch bei uns immer häufiger die Frage, ob die Struktur der Subventionen auch heute noch unseren sozialistischen Prinzipien in vollem Umfang entspricht? So trifft es auf unser Unverständnis, dass stets mit Stolz auf unsere niedrigen Preise für Kinderbekleidung verwiesen wird, wo diese in vielen Fallen nicht den Kindern zugute kommen. Ein Teil unseres Nationaleinkommens fließt in Form von subventionierter Kinderbekleidung mit den Touristen in das Ausland. Kinderbekleidung in den oberen Größen wird verstärkt von Erwachsenen gekauft und getragen, während viele Schulkinder der oberen Klassen, bedingt durch ihren Wuchs, keine Kinderkonfektion mehr tragen können. Wäre es nicht doch zeitgemäßer, die Kinderbekleidung unsubventioniert zu verkaufen und mit einem Teil der dadurch frei werdenden Mittel ein entsprechend hohes Kindergeld zu zahlen?

Wir sind stolz auf unsere seit Jahrzehnten stabilen Preise für Grundnahrungsmittel, müssen aber andererseits immer häufiger beobachten, wie Brot in steigendem Maße von der Bevölkerung weggeworfen wird. Hier fehlen nicht nur Kleinverpackungen, die dem Bedarf älterer oder allein stehender Bürger entsprechen. Auch werden Brot, Haferflocken, Gemüse und Speisekartoffeln bevorzugt im Einzelhandel erworben, um in der privaten Tierhaltung verfüttert zu werden. Denn: "Es kostet ja fast nichts."

Unsere Wohnungsmieten sind stark subventioniert und wir wissen dies zu schätzen. Dennoch halten wir es für überdenkenswert, inwieweit stark unterbelegter Wohnraum durch eine differenziertere Subventionspolitik schneller wieder freigezogen und größeren Haushalten nur Verfügung gestellt werden kann.

Die Grundursache für die angeführte Uneffektivität und die daraus entstehenden Probleme sehen wir in der Verletzung, beziehungsweise mangelhaften Durchsetzung des Leistungsprinzips. Sicher, in den meisten Bereichen unserer Volkswirtschaft wurden leistungsorientierte Lohnsysteme eingeführt. Aber erfüllen diese auch unsere Erwartungen oder werden die Prämienteile nicht schon zumeist als fester Lohnbestandteil unabhängig von der Leistung gesehen? Eine andere, nicht zu übersehende Erscheinung ist die, dass sich unter unserer Bevölkerung, unabhängig von der Sozialstruktur, drei Gruppen gebildet haben. Von diesen schafft sich die eine durch ihre tägliche Arbeit einen entsprechenden Lebensstandard. Die anderen hingegen gelangen mit geringem Arbeitsaufwand, einerseits durch Korruption und so genannte "Beziehungen" sowie andererseits durch den Besitz frei konvertierbarer Währung (vorwiegend DM), zu einem meist höheren Lebensniveau. Wir verstehen, dass ökonomische Zwänge die Beweggründe für den Ausbau der Intershops und den nunmehr auch ermöglichten privaten Transfer von DM über unsere Staatsbank sein müssen, fragen jedoch gleichzeitig, was ist größer - der ökonomische Gewinn oder der ideologische Schaden? Viele Kollegen fragen sich, warum von ihnen hohe Leistungen gefordert werden, wenn sie einen Teil ihrer Bedürfnisse mit der dafür empfangenen Währung - unserer Mark der DDR - in unserem Staat nicht oder nur nach langen Mühen befriedigen können. Wir dürfen doch nicht die Augen davor verschließen, dass sich die D-Mark immer mehr zu einem Fetisch unter unserer Bevölkerung entwickelt und die illegalen Tauschkurse eine stetige Aufwärtstendenz besitzen.

Wir haben in diesem Brief eine Anzahl aktueller Fragen erwähnt, die uns bewegen und von denen wir wissen, dass sie nicht nur in unseren Kollektiven, sondern auch in breiten Bevölkerungskreisen diskutiert werden.

Sicher ist es richtig, über unsere Massenmedien unsere Erfolge darzulegen und gute Erfahrungen weiterzuvermitteln. Warum aber spürt man in unseren Medien bis heute nicht auch - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die reale Situation? Wir befinden uns doch in einer Zeit, die umfangreiche Probleme mit sich bringt, und die im Brief dargelegten Fragen erreichen teilweise eine Brisanz, die zu schneller Lösung drängt!

Wir wissen, dass wir an einem der Brennpunkte unserer Volkswirtschaft arbeiten und sind bereit, mit hohen Leistungen unseren konkreten Beitrag zu leisten. Eine notwendige Voraussetzung dafür ist jedoch völlige ideologische Klarheit. Um unsere Partei- und Staatspolitik auch in ihrer Gesamtheit zu verstehen, benötigen wir Antwort auf die oben genannten Fragen. Uns interessiert dabei vor allem, welche Auffassungen von zentraler staatlicher Seite hierzu bestehen und auf welchen Wegen diese Probleme gelöst werden sollen. Wir vertrauen fest darauf, dass eine Beantwortung dieses Briefes uns helfen wird, das Vertrauen unserer Werktätigen auch in die Innenpolitik unseres Staates zu festigen und die Leistungsbereitschaft unserer Kollegen weiter zu erhöhen.

Kollektiv der A-Schicht,
Block 5 - 8

aus: Ostsee-Zeitung, Nr. 280, 28.11.1989, Organ der Bezirksleitung Rostock der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Herausgeber: Bezirksleitung der SED


Vom Leben bestätigt

Worüber sich die A-Schicht heute Gedanken macht - wie weiter mit der Kernenergie?

Die A-Schicht im KKW - was sind das für Menschen? Sind es Helden? Sind es Klassenfeinde? Hatte sich im KKW eine konspirative Plattform gegen dm Sozialismus gebildet? Was ist hier eigentlich vor gut einem Jahr vorgegangen?

Was sind das für Menschen?

Die A-Schicht, ein Kollektiv von rund 60 Mann, fünf Gewerke, Maschinisten, Elektriker, Blockleitpersonal, BMSR-Techniker, viele junge Leute, 18 Genossen. Sie sind als Schichtkollektiv Betreiber des Blockes 5, der gegenwärtig im Probebetrieb Elektroenergie ans Netz führt, und sie werden die künftigen Betreiber für weitere Kraftwerksblöcke sein. Sind voller Wünsche, Träume, sie schlagen sich mit vielen Fragen herum, im Betrieb oder zu Hause, wie jeder Mensch. Sie waren und sind voller Sorge. Voller Sorge um die Entwicklung in unserem Land. Diese Sorge ließ sie vor einem Jahr diesen Brief schreiben, über den bis heute diskutiert, dessen Wortlaut aber nur sie selbst und einige "Eingeweihte" kannten.

Sie hatten nicht das erste Mal versucht, die Probleme, die im ganzen KKW diskutiert wurden, öffentlich zu machen. In Versammlungen, Monatsberichten an die SED-Kreisleitung. Auch auf Kreisleitungssitzungen wurde darüber gesprochen. Das Ergebnis: Keine Reaktion oder Unmut. Was nicht sein kann, darf nicht sein!

Nun also dieser Brief vom 28.10.88 an den Staatsrat! Reagiert wurde prompt. Aber nicht vom Staatsrat.

Als erstes sprachen Genossen der SED-Bezirksleitung mit den Mitgliedern des Kollektivs. Wenig später wurde eine Arbeitsgruppe geschickt, vom ZK der SED, mit Dr. Horst W(...), von der SED-Bezirksleitung mit Günther K(...).

Aussagen der Kollektivmitglieder bei unserem Gespräch in der vergangenen Woche dazu:

Zwei Mann der Befragungsgruppe sprachen mit jedem einzelnen. Sie äußerten u.a.: Aus diesem Brief spricht der Klassengegner! Dieser Brief ist staatsfeindlich!

Der Brief erschien auch im Dezember 1988 im "Spiegel". Keiner der Kollektivmitglieder weiß bis heute, wie er an diese Adresse gelangte. Danach schalteten sich Genossen des MfS ein.

Der A-Schicht wurde gesagt: Wer jetzt noch zu dem Brief steht, steht auf der Position des Klassengegners!

Befragungen euch in den Wohnhäusern.

Die Kollegen der A-Schicht unterstreichen, dass die Gespräche mit den Vertretern der Staatssicherheit sachlich gewesen wären. Das sei hier im Sinne objektiver Berichterstattung auch erwähnt.

Die Folgen:

Im Politbüro wurden parteierzieherische Maßnahmen beschlossen (Politbürobeschluss vom 22.11.88).

Zitat dazu aus dem nachfolgenden Beschluss der SED-Bezirksleitung vom 24.11.88: "Das Sekretariat der Bezirksleitung missbilligt die Arbeitsweise des Sekretariats der Kreisleitung der SED Greifswald. Günter K(...), 1. Sekretär der Kreisleitung, und Eckara G(...), 2. Sekretär der Kreisleitung werden wegen nicht genügender Wahrnehmung ihrer persönlichen Verantwortung bei der Verwirklichung der Beschlüsse des XI.-Parteitages der SED eine Verwarnung ausgesprochen". Gleichlautender Text auch für Stephan M(...), ehemals Parteiorganisator des ZK der SED im KKW. Parteierzieherische Maßnahmen dafür also und nicht, wie in der OZ vom 8. 11. 89 aufgrund anders lautender Informationen berichtet wurde, wo zum Ausdruck kam, dass sie die A-Schicht unterstützen. Das war nicht so. Deshalb fühlen sich die Kollegen der A-Schicht betrogen, wenn die parteierzieherischen Maßnahmen zurückgenommen werden, wie es in der OZ vom 21.11.89 stand.

Dr. Reiner L(...), Generaldirektor des Kombinates, stellte sich bei der Aussprache im Politbüro schützend vor das Kollektiv, sprach sich dagegen aus, die Schicht aufzulösen, Genossen aus der Partei auszuschließen.

Im Kollektiv Vertrauensbruch, Vertrauensverlust, Verunsicherung, Angst, Psychologischer Druck bis an die Grenze des Erträglichen.

Am 4. November 1988 erneute Befragung durch die Arbeitsgruppe.

Die bejahende Antwort auf die Frage: Stehst du zur Politik der SED? wurde als Distanzierung und Zurücknahme des Briefes ausgelegt. Sie nahmen dann den Brief auch zurück, weil ihnen vom damaligen Politbüro versprechen worden war, dass alle Fragen beantwortet würden . . ., weil sich in Greifswald 14 Tage lang das Angebot in den Läden spürbar verbesserte. Sie distanzierten sich vom Wortlaut, nicht von inhaltlichen Problemen. Sie mussten es tun! Mussten gegen ihre innere Überzeugung in den Kollektiven sprechen, "begründen", warum sie nicht richtig handelten. Welch eine Demütigung!

Ihre Haltung heute?

Die Kollegen der A-Schicht triumphieren nicht. Sie fühlen sich nicht als Helden, haben sich nie so gefühlt. Kein Genosse ist hier aus der Partei ausgetreten. Sie haben nie verlangt, rehabilitiert zu werden. Das Leben hat das längst getan, sagen sie heute. Sie sind dennoch voller Fragen, voller Sorgen. Wie soll es weitergehen? Viele sind skeptisch. Viele können bis heute nicht fassen, wie so etwas möglich wurde.

Sie wissen um ihre Verantwortung für die Elektroenergieerzeugung. Sie sagen: Gut zu arbeiten ist das A und O. Wir müssen unsere ökonomische Basis erhalten, ausbauen. Wir müssen wissen, wofür wir arbeiten. Sie wollen das Beste geben in ihrer Arbeit, weil sie wissen, was davon abhängt. Sie sagen: Wenn die SED überleben will, darf sie nicht mit Seife sparen. Zur Verantwortung sind die zu ziehen, die ihre Verantwortung missbrauchten. Fehler dürfen sich nicht wiederholen. Wer kein Vertrauen genießt, auch nicht das der Parteilosen, darf nicht in verantwortungsvolle Funktionen gewählt werden. Sie fordern, dass über die Entwicklung der Kernenergie in unserem Land mehr in der Öffentlichkeit berichtet wird, damit nicht Halbwahrheiten Verbreitung finden. Es ist für die Kollegen nach wie vor deprimierend, dass angesichts der angespannten Energiesituation der Ausbau und die Inbetriebsetzung der Blöcke 5 bis 8 nicht schnell genug realisiert werden. Dafür, so sagen sie, wurden bereits vor einem Jahr Maßnahmen beschlossen, die bisher ihrer Meinung nach nicht wirksam wurden. Über Veränderungen wollen sie sich in der nächsten Zeit verständigen.

Im Gespräch mit Vertretern aller Gewerke der A-Schicht war K(...) G(...).

aus: Ostsee-Zeitung, Nr. 280, 28.11.189, Organ der Bezirksleitung Rostock der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Herausgeber: Bezirksleitung Rostock der SED

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