DDR 1989/90Brandenburger Tor

Mitteilung der Bürgerinitiative des Kreises Auerbach

Am 30.10.1989 wurde aus Mitgliedern funktionierender Bürgerrechtsgruppen aus Treuen, Auerbach und Ellefeld sowie weiterer Bürger unseres Kreises die Bürgerinitiative des Kreises Auerbach gegründet. Seit dem 31. 10. 1989 führt die Bürgerinitiative Gespräche mit den Blockparteien, dem Rat des Kreises sowie der SED-Kreisleitung und Kirchenvertretern. Dafür, sowie zur Ausarbeitung von Konzepten und zur Koordinierung unserer Arbeit wurde ein Sprecherrat benannt. Dieser wird sich in der kommenden Woche in einer öffentlichen Sprechstande vorstellen.

Personen, die der Bürgerinitiative des Kreises Auerbach nicht angehören, mögen unseren Namen nicht benutzen, sondern in ihrem eigenen Namen sprechen. Zur Darlegung unserer Ziele und Arbeitsmethoden und als Aufruf zur Mitarbeit haben wir folgende Konzeption erarbeitet:

Konzeption der Bürgerinitiative des Kreises Auerbach

Auf den Demonstrationen wird immer wieder die Zulassung des "Neuen Forum" gefordert, einige Bürger versteigern sich sogar zu der Forderung, das "Neue Forum" möge mit der SED den Platz tauschen. In diesem Zusammenhang ist zu überlegen, über welche Mittel und Möglichkeiten eine so junge Gruppierung eigentlich verfügt. Dabei möchten wir von der Situation der Bürgerinitiative des Kreises Auerbach ausgehen.

Die Situation im Land spitzt sich aufgrund der anhaltenden Massenflucht täglich zu. Während die führende Partei Position für Position aufgibt und doch nicht in der Lage ist, das Wesentliche zu tun, nämlich auf ihren Führungsanspruch zu verzichten und freie Wahlen auszurufen, beginnen die Blockparteien sich zu profilieren. Hier sehen wir im Augenblick unsere wesentliche Aufgabe. Vergessen wir nicht, dass die Blockparteien über eine funktionierende Struktur und politische Erfahrung verfügen. Beides sind Positionen, die sich das "Neue Forum" erst erarbeiten muss. Wenn also gefordert wird: "Neues Forum" an die Macht, so ist diese Forderung, zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt, eine politische Illusion. Es heißt jetzt: schnell handeln und eine Situation zu schaffen, die die Menschen zum Hier bleiben bewegt. Diese Situation hat zur Voraussetzung:

1. die Aufgabe des Machtmonopols der SED

2. den Rücktritt der Regierung

3. freie Wahlen.

Unter freien Wahlen verstehen wir, dass in geheimer Abstimmung die Partei gewählt wird, die dem Volk die beste und klarste Konzeption zum Ausweg aus der tiefen Krise unseres Landes bietet. Bisher wird noch zu viel geredet. Was wir brauchen, sind Lösungsangebote. Unsere momentane Aufgabe sehen wir in der Beschleunigung dieses Prozesses, wobei wir vor allem auf die Kompetenzen der Parteien Einfluss nehmen müssen.

Dazu brauchen wir jeden Bürger, der sich im Rahmen legaler und gewaltfreier Lösungen für diese Arbeit kompetent und verantwortlich fühlt. Showmaster und Alleinunterhalter, wie wir sie hin und wieder auf Bürgerforen und bei Demonstrationsgesprächen erleben, sind nicht erforderlich. Es geht nicht um die Befriedigung und Darstellung privater Eitelkeit und Geltungssucht. Jeder, der ans Mikrofon tritt oder zur Feder greift, möge sich auf seine politische und menschliche Reife besinnen. Wir rufen alle Bürger auf, die in dem hier angebotenen Rahmen arbeiten wollen, sich in ihrem Wohnort mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen. Wählen Sie einen Sprecher oder in größeren Gruppen einen Sprecherrat. Stellen Sie eine Verbindung zur Bürgerinitiative des Kreises Auerbach her. Dulden Sie keine Provokateure, Scharlatane oder Leute, die die Bürgerinitiative als Plattform für private Abrechnungen benutzen wollen. Verwenden Sie unseren Namen nur, wenn Sie sich zu unseren Zielen und Methoden bekennen und Sie eine legitime Verbindung zu uns haben.

aus: Freie Presse, 09.11.1989

Δ nach oben