DDR 1989/90Brandenburger Tor


Sa. 17. März 1990


In der Nacht vor den Wahlen in der DDR ging in Leipzig das erste Piratenfernsehen auf Sendung. AFP zufolge begann zwei Stunden vor Mitternacht "Kanal X" aus den Räumen der Bürgerbewegung "Neues Forum" zu senden. Das nichtkommerzielle Fernsehen beabsichtige, trotz fehlender Erlaubnis zunächst täglich zwei Stunden Programm zu machen. Die Organisatoren des Piratensenders wollten nach eigenen Angaben vor allem denen Gehör verschaffen, die die Veränderung in der DDR bewirkten, aber nicht für eine praktische Heirat mit der Bundesrepublik gestimmt hatten, wie die SPD und die konservative Allianz.
(Berliner Zeitung, Mo. 19.03.1990)

Hör- und Fernsehrundfunksender dürfen in der DDR nur von der Deutschen Post errichtet und betrieben werden. Darauf machte der Abteilungsleiter im Ministerium für Post- und Fernmeldewesen Dr. Gerhard Feustel in einem ADN-Gespräch aufmerksam. Im Falle des privaten Fernsehsenders "Kanal X", der vom 17. bis zum 19. März aus Leipzig sendete, sei deshalb die Inbetriebnahme von der Funkkontrolle der Post messtechnisch verfolgt, der Standort ermittelt und der weitere Betrieb untersagt worden.
(Berliner Zeitung, Fr. 30.03.1990)

Die durchschnittliche Altersrente in der DDR beträgt nach der Rentenerhöhung vom Dezember vorigen Jahres 447 Mark und ist damit 66 Mark höher als im Dezember 1988. Gemessen am durchschnittlichen Arbeitseinkommen von Arbeitern und Angestellten entspricht das 42 Prozent statt zuvor 37 Prozent. Das geht aus jüngsten Veröffentlichungen des Statistischen Amtes der DDR hervor. Danach erhalten 104 000 Männer und Frauen sechs Prozent aller Empfänger von Altersrente bei der Sozialversicherung - die monatliche Mindestrente in Höhe von 330 Mark. Ein Vergleich der durchschnittlichen Altersrenten bei Männern und Frauen zeigt, dass die der Frauen erheblich geringer sind. Das hängt nach Angaben der Statistiker mit der Höhe des früheren Arbeitseinkommens und mit der Zahl der Berufsjahre zusammen.
(Berliner Zeitung, Sa. 17.03.1990)

Für die Opfer stalinistischer Willkür fand am Sonnabend in der Strafvollzugseinrichtung Bautzen eine feierliche Ehrung statt. Männer vom Kurt-Schumacher-Kreis e.V. und Vertreter der Interessengemeinschaft von DDR-Bürgern, die zu Unrecht von sowjetischen Militärtribunalen verurteilt worden waren, trafen sich an der Stätte ihrer Leiden, um ihrer in der Haft verstorbenen Kameraden zu gedenken.
(Berliner Zeitung, Mo. 19.03.1990)

Der Name "Freiheit" ist aus der Medienlandschaft des Bezirks Halle verschwunden. Seit Sonnabend erscheint die unabhängige Tageszeitung für Sachsen-Anhalt als "Mitteldeutsche Zeitung" mit neuen Inhalten und verändertem Gesicht. Die "Mitteldeutsche Zeitung" stelle sich dem Anspruch, die Nummer 1 in Sachsen-Anhalt zu sein, betonte Chefredakteur Stefan Lehnebach.
(Berliner Zeitung, Mo. 19.03.1990)

Bei der Eröffnung eines von der AEG gesponserten Leipzig-Gastspiels des Internationalen Frankfurter Varietés "Tigerpalast" erklärte AEG-Vorstandsvorsitzender Heinz Dürr, das Unternehmen wolle damit helfen, eine große Tradition der Messestadt wieder aufleben zu lassen. Die AEG Verstehe ihr Engagement für Kunst und Kultur als Teil ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, die die Finanzierung bestimmter Aufgaben einschließt, welche der öffentlichen Förderung entbehrten. Dürr warnte vor dem Versuch, die Gesellschaft nach vorgestanzten Mustern, wie beispielsweise hier Wirtschaft, dort Kultur, zerlegen zu wollen. Die Komplexität der hochentwickelten Industriegesellschaft verlange vielmehr ganzheitliches Denken. Deshalb werde sich die AEG über den wirtschaftlichen, technologischen und sozialen Einsatz hinaus in der DDR auch kulturell engagieren.
(Berliner Zeitung, Sa. 17.03.1990)

Historiker des Franz-Mehring-Instituts der Karl-Marx-Universität Leipzig haben einen Arbeitskreis für die geschichtswissenschaftliche Bewältigung des Stalinismus gebildet. Im Gründungsdokument heißt es u. a.: "Der endgültige Bruch mit dem stalinistisch-deformierten System erfordert es, neben den Aktivitäten zur juristischen und politischen Rehabilitierung der Verfolgten und Gemaßregelten eine tiefgründige geschichtswissenschaftliche Analyse der Ursachen, des Wesens und der Wirkungen des Stalinismus in der DDR vorzunehmen. In Abstimmung mit ähnlichen Initiativen werden sich die Unterzeichner vor allem auf den sächsischen Raum konzentrieren." Betroffene wie andere Interessenten werden zur Unterstützung des Arbeitskreises mit Informationen bzw. Dokumentenmaterialien gebeten.
(Neues Deutschland, Sa. 17.03.1990)

In Berlin wird der Demokratische Jugendbund gegründet.

Das frühere Organ der Bezirksleitung der SED für Frankfurt (Oder), "Der Tag, erscheint nun als "Märkische Oderzeitung" mit dem Untertitel Unabhängig, Überparteilich, Regional.

In Plauen erscheint der Vogtland-Anzeiger. Tochter der Frankenpost aus Hof.

Letzte Demonstration in Plauen vor der Volkskammerwahl.

Letzte Wahlkampfveranstaltung der SPD in Dessau vor der Volkkammerwahl.

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