DDR 1989/90Brandenburger Tor


Mi. 1. November


Die Partei- und Staatschefs der UdSSR, Michail Gorbatschow, und der DDR, Egon Krenz, führen in Moskau einen Meinungsaustausch und kommen zu "völliger Übereinstimmung in allen Fragen". Im Bericht von ADN heißt es:

"(...) Sie betonten die Verantwortung und Entschlossenheit ihrer Parteien, mit der Kraft aller Kommunisten und der ganzen Gesellschaft die revolutionäre Umgestaltung zum Erfolg zu führen und dafür das bei weitem noch nicht erschlossene moralische, geistige und materielle Potential des Sozialismus umfassend zu mobilisieren. Sie unterstrichen, die Kommunisten beider Länder seien dabei, den heutigen Bedingungen entsprechend Formen und Methoden zur weiteren qualitativen Ausgestaltung der politischen Vorhutrolle der marxistisch-leninistischen Parteien zu suchen und zu erproben. (...)"
(ND, 2.11.1989)

Auf der anschließenden Pressekonferenz wertet Krenz das Gespräch als "ausgezeichnet". Auf entsprechende Fragen von Journalisten äußert Krenz u. a., sein unlängst mit BRD-Kanzler Helmut Kohl geführtes Telefongespräch habe in ihm den Eindruck hinterlassen, man sei sich einig, dass die Tatsache zweier deutscher Staaten genutzt werden solle, um miteinander auszukommen. Auf die Frage, ob mit der nun zugesagten Reisefreiheit für DDR-Bürger auch die Mauer abgetragen werde, sagte Krenz, solche Gründe, die zur Errichtung der Grenze führten, bestünden weiter. Man müsse reale Schritte tun und keinen Träumen nachhängen. Auch die Frage der Wiedervereinigung Deutschlands stehe nicht auf der Tagesordnung. Zum Einmarsch der Truppen des Warschauer Vertrages 1968 in die ČSSR sagt er, er habe nichts zu revidieren und diesen Beschluss nicht zu bedauern. Zum Führungsanspruch der SED erklärt Krenz, er werde alles dafür tun, damit dieses in der Verfassung verankerte Prinzip realisiert werde. Zur Wende in der DDR äußerte er, die Entscheidung für die Wende sei nicht von heute auf morgen getroffen worden, sie sei Ergebnis einer kollektiven Diskussion innerhalb der Partei, die die Kraft besitze, diese Wende selbst herbeizuführen. Eine Partei mit über zwei Millionen Mitgliedern sei in der Lage, auch schwierige Zeiten zu überstehen. Die derzeitigen Veränderungen in der DDR seien Ergebnis der Arbeit des Politbüros und des Zentralkomitees der SED. Er fasse die Tatsache, dass viele DDR-BürgerInnen auch in diesen Tagen sich zu Kundgebungen, zu Treffen zusammenfinden, als Ausdruck dafür, dass man dafür ist, dass die Neuerungen, die die SED begonnen habe, unumkehrbar gemacht werden.

Die seit Mitternacht wieder geöffnete Grenze zur ČSSR passieren bis in die Nachmittagsstunden rund 8 000 DDR-BürgerInnen.

In Berlin beginnt ein dreitägiger Philosophiekongress. In seiner Eröffnungsrede stellt Prof. Dr. Alfred Kosing, Präsident der Vereinigung der Philosophischen Institutionen der DDR, u. a. fest:

"(...) Wir, jeder von uns, wir haben uns kritisch und selbstkritisch mit Verantwortungsbewusstsein und wissenschaftlicher Redlichkeit zu fragen, ob und in welcher Weise die marxistisch-leninistische Philosophie ihren gesellschaftlichen Auftrag erfüllt hat, wieweit sie ihn und aus welchen Ursachen verfehlt hat und welche Konsequenzen sich daraus auch für die Erneuerung der Philosophie selbst ergeben. (...)"
(ND, 2.11.1989)

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8

Der Vorsitzende des Zentralvorstandes der IG Metall im FDGB, Gerhard Nennstiel, tritt von seiner Funktion zurück. In einer Erklärung des Sekretariats des Zentralvorstandes der Industriegewerkschaft Metall heißt es dazu, das Sekretariat des Zentralvorstandes der IG Metall habe am Mittwoch mit großer Bestürzung durch einen Artikel in der "Berliner Zeitung" "über den Umfang und das Ausmaß des Eigenheimbaues des Vorsitzenden des Zentralvorstandes der IG Metall, Kollegen Gerhard Nennstiel, Kenntnis erhalten". Die mit diesem Artikel der Gewerkschaft und der Öffentlichkeit bekanntgewordene Problematik berühre das Sekretariat in außerordentlich tiefem Maße. "Damit wurde das Vertrauensverhältnis zwischen den Mitgliedern und dem Vorsitzenden erheblich belastet. Im Interesse des Vertrauens der Mitglieder der IG Metall zu ihrer zentralen Leitung und ihrer Glaubwürdigkeit hat das Sekretariat des Zentralvorstandes mit Kollegen Nennstiel eine gründliche Beratung durchgeführt. In dieser Beratung nahm Kollege Nennstiel zu diesen Vorwürfen Stellung und gab eine Erklärung ab. Das Sekretariat des Zentralvorstandes billigte den Antrag des Kollegen Nennstiel zur Entbindung von der Funktion des Vorsitzenden des Zentralvorstandes der IG Metall und beschloss, dazu eine Sondersitzung des Zentralvorstandes der IG Metall für den 7. November 1989 einzuberufen. Das Sekretariat habe veranlasst, dass durch die zuständigen staatlichen Organe eine Untersuchung aller Umstände erfolgt und die Ergebnisse öffentlich bekannt gemacht werden.
(Neues Deutschland, Do. 02.11.1989)

Der Bundesvorstand des FDGB setzt seine 10. Tagung, die am Montag begann, nicht wie ursprünglich beschlossen am 17. November, sondern bereits am Donnerstag dieser Woche fort. Der Vorsitzende des FDGB-Bundesvorstandes, Harry Tisch, hat mitgeteilt, er werde auf dieser Sitzung seinen Rücktritt erklären. In Erklärungen und Stellungnahmen an den Bundesvorstand, die der Presse, so auch dem ND am Dienstag übermittelt wurden, hatten zahlreiche Gewerkschafter namens ihrer Kollektive gegen die Vertagung dringend erforderlicher Entscheidungen, wie zum Beispiel über die von Harry Tisch gestellte Vertrauensfrage, protestiert. Im Interesse der Erhaltung der Einheitsgewerkschaft wurde unter anderem gefordert, die Bundesvorstands-Tagung unverzüglich fortzusetzen.
(Neues Deutschland, Mi. 01.11.1989)

Oberbürgermeister Erhard Krack, Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann und der Vorsitzende der Gewerkschaft Kunst, Herbert Bischoff, haben den folgenden Aufruf unterzeichnet:

Liebe Bürgerinnen und Bürger der Hauptstadt!

Am 4.11.1989 führen Berliner Kunst- und Kulturschaffende in Ausübung ihrer demokratischen Rechte eine Demonstration durch. Gemeinsam mit anderen Werktätigen der Hauptstadt wollen sie für eine DDR als sozialistischen Rechtsstaat eintreten, der die Rechte und Meinungen seiner Bürger schützt und ihnen entspricht. Das war und ist auch Gegenstand vieler Gespräche in Berlin, ja, im ganzen Land.

Diese Volksaussprache ist Ausdruck eines Prozesses der Veränderung und Erneuerung unserer sozialistischen Gesellschaft, die es vor allem durch konkrete Taten zu untermauern gilt. Viel wird davon abhängen, mit welcher Konsequenz, aber auch mit welcher Sachlichkeit und Besonnenheit wir diesen Prozess weiterführen.

Die am 29.10.1989 in Berlin begonnenen Sonntagsgespräche sind nur ein Beispiel dafür.

Wir rufen alle Bürgerinnen und Bürger auf, durch ihr Verhalten am 4.11.1989 dafür Sorge zu tragen, damit diese friedliche Manifestation ihrem Grundanliegen gerecht werden kann, damit der Geist dieser Initiative nicht durch Provokation und Gewalt gestört wird.
(Neues Deutschland, Do. 02.11.1989)

Als unmittelbare Reaktion auf eine Anfrage beim ersten Berliner Sonntagsgespräch gründen die Freidenker der DDR einen Interessenverband für Rollstuhlfahrer. Das wurde vom Zentralvorstand des Verbandes mitgeteilt.
(Berliner Zeitung, Do. 02.11.1989)

Auf der Pressekonferenz in Moskau sagte Egon Krenz: "Also hier muss ich Genossen Gorbatschows Politik verteidigen und sagen, alles was sich in der DDR vollzogen hat, ist das Ergebnis der Arbeit des Politbüros und des Zentralkomitees meiner Partei."

In mehreren Städten in der DDR kommt es zu Demonstrationen. Genossen in der Nähe des Mikrofons platzieren, in Reden Konzentration auf kleine Problem, damit größere nicht angesprochen werden können, Beschallung und Schutz der Demonstration durch die Volkspolizei, sind Überlegungen, die im Vorfeld der Demonstration bei der SED-Bezirksleitung Neubrandenburg angestellt wurden.

In Neubrandenburg ziehen die Demonstranten durch die Innenstadt. Kundgebung auf dem Karl-Marx-Platz.

Demonstrationen gibt es auch in Halberstadt, Neustrelitz, Pasewalk und Penzlin.

In Potsdam-Babelsberg findet eine Kundgebung der Gruppe "Kontakte" statt. Es wird auch zur Demonstration am 04.11. aufgerufen.

Leipziger Bürgerinnen und Bürger verhindern am Morgen den Abbau der erst vor wenigen Tagen aufgestellten Litfaßsäule mit dem Schriftzug "Dialog am Karl-Marx-Platz".

Die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe tagt in Strausberg bei Berlin.

Nach der Grenzöffnung zur ČSSR nutzen DDR-Bürger aus grenznahen Gebieten dies zu einem Kurzausflug in die BRD.

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