DDR 1989/90Brandenburger Tor


Sa. 11. November


Zwischen dem Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Egon Krenz, und dem Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Kohl, fand am Sonnabend ein weiteres Telefongespräch statt. Im Mittelpunkt des intensiven Meinungsaustausches standen, wie es in einer Mitteilung heißt, weitere Schritte der Zusammenarbeit zwischen der DDR und BRD.
(Neues Deutschland, Mo. 13.11.1989)

In seinem Diskussionsbeitrag auf dem Plenum führte Eberhard Aurich, 1. Sekretär des Zentralrates der FDJ, aus, dass die Frage der Neubestimmung der Position der FDJ zur SED, zu anderen Parteien und Massenorganisationen zu stellen sei. Die sektiererische Einengung der FDJ, "Helfer und Kampfreserve der SED" zu sein, ihre Ausrichtung auf kommunistische Erziehung, auf den Zwang der engen Parteidisziplin ihrer Kader stünden mehr und mehr den Interessen ihrer Mitglieder entgegen, habe die FDJ in Verruf gebracht und ihren Masseneinfluss geschmälert. Natürlich wolle man um den einheitlichen sozialistischen Jugendverband kämpfen, es werde darüber diskutiert, wie die Organisation ein Dach für die vielen Interessen sein könne, offen für Mitglieder, gleich welcher Partei, welcher Weltanschauung oder welchen religiösen Bekenntnisses. Ob es künftig neben der FDJ noch andere Organisationen gibt, hänge davon ab, wie es gelinge, diese Frage produktiv zu beantworten.
(Neue Zeit, Sa. 11.11.1989)

Zum neuen 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Erfurt wurde am Sonnabend einstimmig Prof. Dr. Herbert Kroker gewählt. Zuvor hatte die Bezirksleitung einem Antrag von Gerhard Müller entsprochen, ihn von dieser Funktion zu entbinden. Gerhard Müller besaß nicht mehr das Vertrauen der Parteibasis und hatte auf der 10. Tagung des Zentralkomitees nicht die erforderliche Stimmenzahl für seine Wiederwahl als Kandidat des Politbüros gefunden. Die Neuwahl wurde auf einer Kundgebung in der Thüringer Bezirksstadt bekanntgegeben, auf der Tausende Erfurter Genossen dem Sekretariat ihrer Bezirksleitung mit ihrem SED-Mitgliedsbuch die "Rote Karte" zeigten.
(Berliner Zeitung, Mo. 13.11.1989)

Mit der Vorbereitung auf die für heute [Mo. 13.11.] anberaumte Tagung der Volkskammer der DDR beschäftigte sich am Sonnabend in Berlin der Zentrale Demokratische Block der Parteien und Massenorganisationen.

Zunächst informierte SED-Generalsekretär Egon Krenz über ein kurz zuvor geführtes Telefonat mit BRD-Bundeskanzler Helmut Kohl. Mit Interesse habe Kohl die Feststellung aufgenommen, dass die von der SED initiierte souveräne Entscheidung der DDR für die Regelungen im Reiseverkehr von den Vorsitzenden aller Blockparteien mitgetragen wurden.

Danach berichtete er über das Aktionsprogramm seiner Partei. Jede Partei stoße in der Diskussion auf unterschiedliche Meinungen, die man nicht fürchten sollte. Die Parteien und Massenorganisationen müssten ihr Bündnis qualitativ weiterentwickeln.

Notwendig sei ein großes Maß an Konsens für die Erneuerung der Gesellschaft.

Die Vorsitzenden der Parteien und Massenorganisationen sowie der Präsident des Nationalrates der Nationalen Front der DDR äußerten ihre Standpunkte zur Arbeit im Bündnis und legten ihre konzeptionellen Überlegungen für die radikale Umgestaltung dar. Sie stützten sich dabei auf die von den jeweiligen Führungsgremien bereits erarbeiteten und zur öffentlichen Diskussion gestellten Plattformen und Konzeptionen.

Mit hohem Verantwortungsbewusstsein und sachlicher. Genauigkeit beriet das Gremium die der Verfassung und dem Gesetz entsprechenden 'Modalitäten für die heutige Volkskammertagung. Die Teilnehmer sprachen sich dafür aus, dass auf der Beratung der obersten Volksvertretung alle Abgeordneten gehört werden, die in der Debatte sprechen wollen.
(Berliner Zeitung, Mo. 13.11.1989)

2 000 Genossinnen und Genossen der Kreisparteiorganisation Neubrandenburg waren am Sonnabend zu der Kundgebung in die Bezirksstadt gekommen. Viele sprachen sich ihre Enttäuschungen, Hoffnungen, Vorschläge vom Herzen.
(Neues Deutschland, Mo. 13.11.1989)

Auf Initiative einer kirchlichen Gruppe findet am Sonnabend in Fürstenwalde eine friedliche Demonstration für demokratische Erneuerung statt. Etwa 8 000 Teilnehmer, darunter auch Mitglieder der SED und der LDPD, forderten auf Transparenten unter anderem freie Wahlen, eine Erneuerung des Bildungssystems und die Zulassung demokratischer Bürgerinitiativen.
(Berliner Zeitung, Mo. 13.11.1989)

Auch in Plauen demonstrieren Tausende.

In der Klosterkirche in Guben führen das Neue Forum und die SDP eine Veranstaltung durch. Sie werben dabei auch für eine Mitarbeit in ihren Organisationen.

In Hof wird von der Frankenpost die Vogtlandpost als Informationsblatt herausgegeben. Auch am Grenzübergang Ullitz wird das Blatt verteilt.

An mehreren Stellen werden neue Grenzübergangsstellen errichtet. Privatpersonen brechen als sogenannte "Mauerspechte" in Berlin mit mitgebrachtem Werkzeug Teile aus der Mauer. Manche behalten Stücke als Erinnerung. Beginn der Portionierung der Mauer in verkaufsfähige Größe. Zum Schutz der DDR-Grenzposten vor Randalieren fährt in Berlin auf der Westseite der Mauer die Polizei auf.

Ausnahmezustand in den grenznahen Städten der BRD durch den Besucherandrang aus der DDR. Banken, denen das Bargeld zur Auszahlung des Begrüßungsgeldes auszugehen droht, holen sich Bargeldnachschub in den Kaufhäusern.

Vielerorts fällt in der DDR der Schulunterricht aus.

In den Räumen der Christusgemeinde in Berlin-Oberschöneweide findet ein DDR-weites Koordinierungstreffen des Neuen Forum statt. Diskussionsthemen waren Reformen in der DDR. Bärbel Bohley meinte, wir bewegen uns auf dem Boden der Verfassung. Die Verfassung ist zu ändern und wir wollen die Verfassung auch ändern. Es wird ein Landessprecherrat und eine Kommission für die Erarbeitung von Programm und Statut bestimmt.

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