DDR 1989/90Brandenburger Tor


"Wir, Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, wenden uns an Sie im Bewusstsein der Verantwortung jedes einzelnen für das Schicksal Europas angesichts der bevorstehenden Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenwaffen. Wir fühlen uns darin denjenigen in der Bundesrepublik verbunden, die wie wir, Christen und Nichtchristen, in einer neuen Runde des Wettrüstens eine Bedrohung des Friedens und des Lebens überhaupt erkennen.

Wir wenden uns an Sie angesichts der uns gemeinsam drohenden Vernichtung im Falle eines Krieges, in der gemeinsamen geschichtlichen Verantwortung der Bürger beider deutscher Staaten, von deren Boden aus in der Vergangenheit zwei Weltkriege begonnen wurden, in der Hoffnung, gehört zu werden, wenn es um uns alle betreffende Entscheidungen für unsere Zukunft geht.

Wir sind uns bewusst, dass auch die DDR und wir, Bürger dieses Staates, eine hohe Verantwortung für den Frieden tragen. Wir, die Unterzeichneten, treten in unterschiedlichen Verantwortungsbereichen für ein der neuen Situation entsprechendes Umdenken von einer Politik der Abschreckung zu einer Politik der Sicherheitspartnerschaft in Europa ein.

Die Aufstellung amerikanischer Mittelstreckenwaffen in der Bundesrepublik wird die Aufstellung neuer atomarer Kurzstreckenwaffen in der DDR zur Folge haben. Dies kann im Konfliktfall beidseitig den Zwang zum präventiven Erstschlag von deutschem Boden aus erhöhen, kann im Falle technischen oder menschlichen Versagens die Bevölkerung beider deutschen Staaten einer nuklearen Katastrophe ausliefern.

Wir, die Unterzeichneten, wollen unsererseits dafür eintreten, dass die Regierung der DDR trotz zunehmender Spannungen an der Politik des Verhandelns, an den Zielstellungen Gewaltverzicht, kernwaffenfreie Zone und Abrüstung festhält.

Wir bitten Sie daher: Tun Sie alles in Ihrer Verantwortung Stehende, damit es nicht zu der geplanten Stationierung von Pershing II und Marschflugkörpern in der Bundesrepublik kommt!

Fördern Sie durch politische Initiativen den Verhandlungsprozess, notfalls über die angegebenen Fristen hinaus!

Durch Ihr NEIN zu einer Stationierung zum jetzigen Zeitpunkt würden Sie eine wichtige Vorleistung für den Frieden wagen und sich damit gegen den Selbstlauf einer uns alle tödlich bedrohenden Rüstung entscheiden."