DDR 1989/90Brandenburger Tor

Nachdenken über deutsche Einheit

Eine Stimme aus dem anderen deutschen Staat

Von Konrad Weiß

Ich kann und mag mich nicht damit abfinden, dass es Deutschland für alle Zeit doppelt geben muss. Der gegenwärtige Zustand ist weniger ein Ergebnis des Zweiten Weltkrieges als vielmehr ein Produkt des Kalten Krieges. Die deutsche Einheit ist Ideologien und Machtinteressen geopfert worden, hier wie dort. Die Gründergeneration in beiden Staaten hat den mühevolleren Weg von Schuldbekenntnis, Reue und Umkehr, von Dialog und Gewaltverzicht gescheut. Dabei mag es politische Unterschiede gegeben haben. In der psychologischen Motivation ihres Separatismus aber sind Adenauer und Ulbricht Brüder.

Zum schmerzlichen Ergebnis des Zweiten Weltkrieges, zum endgültigen Verlust Schlesiens und Pommerns und Ostpreußens kann ich mich vorbehaltlos bekennen; zum schmerzlichen Ergebnis des Kalten Krieges kann ich es nicht. Ich will, dass meine Enkelkinder einmal in einem Deutschland ohne Mauer leben. Politik kann man mit Visionen allein nicht machen. Aber man kann auch keine Politik machen ohne Vision. Mir scheint, bei ihrem Bemühen um die kleinen Schritte haben die Politiker allzu sehr auf die Füße geschaut, die eigenen und die der anderen, aber den Blick nach vorn haben sie vergessen. Ich bin kein Politiker, also darf und will ich öffentlich träumen und von meiner Vision sprechen.

Ich will es verantwortlich tun. Voraussetzung jedes Nachdenkens über und allen Handelns für deutsche Einheit ist meiner Ansicht nach dreierlei:

Erstens: Die Außengrenzen, wo wie sie 1945 gezogen wurden, sind für alle Zeit unantastbar. Des müssen sich unsere Nachbarn sicher sein. Deutsche Einheit ist nicht a priori der höchste Wert; Frieden und nachbarschaftlicher Solidarität gebührt immer und unter allen Umständen Vorrang. Nie und nimmer darf eine Antwort auf die deutsche Frage mit Gewalt gesucht werden.

Zweitens: Ein einheitliches Deutschland muss ein schwaches Deutschland sein, schwach und gerade dadurch fähig zu Solidarität und Nachbarschaftlichkeit. Ich wünsche mir ein entmilitarisiertes Deutschland, ein Deutschland, dessen wirtschaftliche Kraft vor allem den Armen dieser Welt zugute kommt, ein Deutschland, dessen nationales Erbe eingebettet ist in eine multinationale Kultur.

Drittens: Die Bemühungen um deutsche Einheit müssen einhergehen mit Bemühungen um die europäische Einheit. Die sogenannte "Europäische Gemeinschaft", die in Wahrheit eine westeuropäische ist und halb Europa, auch siebzehn Millionen Deutsche, ausschließt, muss so verändert werden, dass alle Europäer, sofern sie wollen, in ihr eine Heimstatt finden können. Diese längst fällige Umgestaltung muss mit der Öffnung und Hinwendung Europas zu den Kontinenten der Zweidrittelwelt verbunden sein.

Dies sind die Prämissen. Und die Vision? Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir Deutschen die Völker der Welt bitten, uns Vergebung und Versöhnung auch formell durch einen Friedensvertrag zu gewähren. Unsere Kinder und Enkelkinder, lange nach dem Krieg geboren, haben einen Anspruch darauf. Den Anbruch des neuen Jahrtausends sollen sie in einem Mutterland erleben, das nicht länger unter einem latenten Kriegszustand leidet, denn nichts anderes ist doch ein Waffenstillstand, unser Status seit 44 Jahren. Die stete Verdrängung dieses Umstandes macht unser Volk krank und anfällig für nationalistischen Ungeist.

Deutschland braucht keine Soldaten, weder fremde noch eigene. Oder glaubt jemand ernstlich, dass in ein Deutschland ohne Bundeswehr und Volksarmee Holländer oder Polen, Franzosen oder Ungarn, Schweizer oder Finnen einmarschieren würden? Und auch Amerika und die Sowjetunion wären wohl froh, uns los zu sein. Konzentrieren wir unsere Kräfte auf das Know-how der Friedfertigkeit!

Die beiden deutschen Staaten müssen sich, um der Einheit willen, grundlegend ändern. Sie müssen sich aufeinanderzureformieren. Ein einheitliches Deutschland kann und soll weder eine um ein Viertel vermehrte Bundesrepublik noch eine um drei Viertel gewachsene DDR sein. Der Einheit wird eine Zeit der andauernden und vielleicht gar verfestigten Zweistaatlichkeit vorausgehen müssen. Der langwierige Weg der Annäherung führt sicher ins nächste Jahrhundert hinein. Wichtig ist, dass die Deutschen hier und dort sich nicht noch mehr entfremden. Deswegen, und hier schließt sich mein Kreis, sind die kleinen Schritte der Politiker doch wichtig.

Schon heute aber muss in beiden Deutschländern die Einheit neu als Wert erkannt und verinnerlicht werden. Ich denke, in der Bundesrepublik stärker als in der DDR, wo entgegen aller staatlichen Doktrin der Einheitsgedanke lebendiger ist. Die linken und alternativen Kräfte in der Bundesrepublik dürfen das nationale Feld nicht den Konservativen allein oder gar den rechten Nationalisten überlassen. Ein Umdenken in der nationalen Frage und das Bedenken neuer sozialer und demokratischer Modelle für Deutschland gehört auf die Tagesordnung der Linken hier wie in der DDR.

Sollten dafür nicht die ermutigenden Erfahrungen des konziliaren Prozesses der Kirchen anwendbar sein? Wir könnten, eine progressive Tradition unserer Geschichte aufgreifend, eine Deutsche Nationalversammlung einberufen, in der Bürgerinnen und Bürger beider Staaten paritätisch vertreten sind.

Politiker sollten darin eine Minderheit bleiben. Diese Versammlung müsste in beiden Deutschländern durch einen breiten demokratischen Prozess vorbereitet und begleitet werden.

Am ferneren Ziel dieses Prozesses sollte der Entwurf einer gemeinsamen Verfassung und ein Volksentscheid stehen, in dem die Deutschen über ihre weitere Zweistaatlichkeit oder aber ihre Einheit entscheiden können.

Bedingung, dass ein solcher Prozess zum Tragen kommen kann, sind tiefgreifende Reformen in beiden deutschen Staaten.

Hierzu zähle ich die volle Verwirklichung der Menschenrechte hier wie dort, die Reduzierung der Macht der hier und dort etablierten Parteien, den Abbau der Staatsbürokratien, die Annäherung der Wirtschaftssysteme und den Beginn eines gemeindeutschen Abrüstungsprozesses, um nur einiges zu nennen.

Vor allem aber sollten wir Deutschen weitaus stärker als bisher basisdemokratische Formen in unser politisches Instrumentarium aufnehmen. Das, denke ich, könnte dem Prozess der nationalen Einheit auf eine gesunde und zukunftsorientierte Weise förderlich sein.

Die Zeit, Nr. 27, 30.06.1989

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