Kein linker "Aufbruch" in der DDR

Friedrich Schorlemmer und andere wollen den Demokratischen Aufbruch verlassen und wenden sich der SDP zu

taz: Herr Schorlemmer, ist Ihr Übertritt zur SDP tatsächlich perfekt?

Schorlemmer: Nein, das ist noch nicht perfekt, aber es gibt bei meinen Freunden und mir die Überlegung eines Anschlusses an die SDP. Wir sind jedenfalls der Meinung, dass wir neben der SED eine linke Partei brauchen, die alle ihre Kräfte konzentriert, damit die SED mal für ein paar Jahre in die Opposition gehen kann.

Es gab ja schon früher Überlegungen einer Fusion von SDP und Demokratischem Aufbruch. Sind die passe?

Ja, das bedauere ich, und aus diesem Grunde werde ich wahrscheinlich den geplanten Schritt mit anderen zusammen tun. Es hat sich gezeigt, dass im Demokratischen Aufbruch bürgerlich-konservative und sozialdemokratisch-ökologisch orientierte zusammen in einer Partei sind, was für den Bürger, der wählen soll, völlig unübersichtlich ist.

Hat es diese Spaltung von Anfang an gegeben, oder würden sie von einem Rechtsruck in den letzten Wochen sprechen?

Beim Parteitag im Dezember hat sich herausgestellt, dass viele Leute im "Aufbruch" sind, die andere Perspektiven verfolgen als das Programm. Viele sagen: "Keine Experimente", und meinen damit den Abschied von jeglichem Experiment, das mit Sozialismus zu tun hat - da sind sozialdemokratische Positionen mit eingeschlossen. Der zweite Punkt ist, dass einige die sofortige Einführung einer Marktwirtschaft verfolgen, während andere die Marktwirtschaft von vornherein sozial und ökologisch binden wollen und nicht erst dann, wenn ökonomische Effizienz erreicht ist. Drittens suchen viele im "Aufbruch" eine möglichst schnelle Vereinigung mit der Bundesrepublik, während die anderen die Annäherung in den europäischen Einigungsprozess einbinden wollen.

Glauben Sie, dass Ihre Vorstellungen in der SDP gut aufgehoben sind?

Wir wollen den linken Flügel stärken. Auch das Programm der SDP ist ja noch nicht festgeschrieben, und ich denke, dass es auch in der SDP Leute gibt, die sich in einer liberal-konservativen Partei eher zu Hause fühlen. Der Differenzierungsprozess steht der SDP genauso noch bevor wie dem Neuen Forum.

Können Sie mit der Fixierung der SDP auf die West-SPD leben?

Ich hoffe, dass wir zwar zu dieser europäischen Friedenspartei in der Bundesrepublik Kontakt haben, aber dass wir das als eine gegenseitige Befruchtung und nicht als Vereinnahmung organisieren.

Glauben Sie, dass das Wahlbündnis der Opposition zustande kommt?

Ich hoffe es und werde mich dafür einsetzen. Ich bin gegen faule Kompromisse, aber wenn wir uns weiter zersplittern, gewinnt davon nur die SED. Das würde bedeuten, dass die reformunwilligen Kräfte in der SED wieder stärker werden. Das müssen wir verhindern.

"Den linken Ideen in der DDR läuft die Zeit weg." Das war Ihre Einschätzung vor zwei Monaten. Wie steht der Wettlauf heute?

Das hat sich seit Bukarest noch verschlimmert. Ceauşescu hat das Wort "Sozialismus" zerschossen. Wir können das Wort für eine Weile wohl nicht mehr benutzen, aber ich bin nicht bereit, mir die sozialdemokratischen und sozialistischen Ideen nehmen zu lassen.

Interview: Matthias Geis

aus: taz Nr. 3000 vom 06.01.1990