24./25. Februar

In Berlin findet der Parteitag der PDS unter dem Motto "PDS - progressiv, produktiv, pro DDR" statt. Die Delegierten verabschieden ein neues Programm und Statut. Parteivorsitzender Gysi erklärt in einem zweieinhalbstündigen Referat, die Stimme der PDS habe "nationale und internationale Bedeutung", weil davon die "Eigenstaatlichkeit der DDR im Vereinigungsprozess" abhänge. Er umreisst das Wahlprogramm der PDS und macht dessen Abgrenzung zu den Wahlplattformen der bestehenden anderen 50 Parteien, vor allem zur SPD deutlich. Jedoch werde zu dieser Partei ein partnerschaftliches Verhältnis angestrebt. Er schlägt die Abschaffung der Wehrpflicht in beiden deutschen Staaten vor, plädiert für die Beibehaltung des Runden Tisches auch nach den Volkskammerwahlen und wendet sich gegen ein "Aneinandernageln" beider deutscher Staaten zum Schaden Europas. Premier Modrow teilt mit, dass er sich nach langem Zweifeln entschlossen habe, bei den Volkskammerwahlen für die PDS zu kandidieren.
(BZ, 26.2.1990)

Für eine souveräne DDR, gegen Vereinnahmung und Sozialabbau demonstrieren im Berliner Lustgarten mehr als 50 000 Berliner und Gäste. Zu dieser Veranstaltung hatte die PDS eingeladen.
(BZ, 26.2.1990)

In Leipzig beschließen die 500 Delegierten des SPD-Parteitages die Grundsatzdokumente der SPD in der DDR und wählen ihre Führungsgremien. Stellvertreter des neuen Parteivorsitzenden Ibrahim Böhme werden Karl-August Kamilli aus Leipzig sowie Angelika Barbe und Markus Meckel aus Berlin. Zum Geschäftsführer wird Stephan Hilsberg gewählt.

In den verabschiedeten programmatischen Dokumenten bekennt sich die SPD zur deutschen Einheit. Grundprinzipien ihrer Politik werden Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sein. Kernpunkt ihrer wirtschaftspolitischen Aussagen: eine demokratisch, sozial und ökologisch orientierte Marktwirtschaft. Die SPD strebt eine Leistungsgesellschaft an, in der die Leistungsfähigen die Schwächeren solidarisch unterstützen. Ein angestrebtes umfassendes Sicherungssystem soll vor Armut schützen.

Die Delegierten verabschieden, ihr Wahlprogramm. So soll der Vereinigungsprozess der beiden deutschen Staaten nach Auffassung der SPD im gesamteuropäischen Rahmen stehen und die Rechte und Interessen der vier Siegermächte sowie der deutschen Nachbarn wahren. Dabei geht es der Partei um ein geordnetes Zusammenwachsen und nicht um einen chaotischen Anschluss der DDR an die BRD. Eine umsichtige Reform der Rechtsordnung solle sichern, dass Marktwirtschaft, Mitbestimmung und soziale Sicherheit nicht auseinanderlaufen. Angestrebt wird von den Sozialdemokraten eine gemeinsame Erklärung beider deutscher Parlamente zur Anerkennung der heutigen Grenzen. Eine Sechs-Staaten-Konferenz der vier Siegermächte und der beiden deutschen Staaten unter Beteiligung der Nachbarländer soll den Rahmen für ein geeintes Deutschland abstecken.

Verhandlungen zwischen beiden deutschen Regierungen über ein Vertragswerk zur deutschen Einheit könnten nach Auffassung der SPD schon im April beginnen. Ein sogenannter Rat zur deutschen Einheit soll, ausgehend vorn Grundgesetz der BRD, ein gemeinsames Grundgesetz erarbeiten. Über diese Verfassung müsste ein Volksentscheid stattfinden. Erst dann könnte ein gesamtdeutsches Parlament gewählt werden. Während des Parteitages wird Willy Brandt auch zum Ehrenvorsitzenden der SPD der DDR gewählt.

Beschlossen wird eine Sperrfrist für die Aufnahme ehemaliger SED-Mitglieder, die erst nach dem 7. Oktober des vergangenen Jahres aus der SED oder der PDS ausgetreten sind. Vom Austritt bis zur Behandlung eines Aufnahmeantrages muss mindestens ein Jahr verstrichen sein. Für ein weiteres Jahr dürfen keine Wahlfunktionen ausgeübt werden. Analog soll bei Funktionären der ehemaligen Blockparteien verfahren werden.
(BZ, 26.2.1990)

Auf einer Wahlkundgebung der SPD spricht Willy Brandt vor etwa 60 000 Leipzigern. Er betont in seiner Rede, dass nicht Anschluss der DDR an die BRD, sondern ein Zusammenschluss beider Teile Deutschlands sozialdemokratischer Politik entspreche. Willy Brandt appelliert, die DDR nicht zu verlassen.
(BZ, 26.2.1990)

Die Vereinigte Linke (VL) und DIE NELKEN gehen zur Volkskammerwahl ein "Aktionsbündnis Vereinigte Linke" ein. Das wird auf dem Wahlkongress der VL in Berlin beschlossen. Angestrebte Bündnisse, so mit der KPD, der USP oder der Alternativen Jugendliste seien nicht zustande gekommen, gibt Bernd Gehrke vom DDR-Sprecherrat der VL bekannt. Das Aktionsbündnis wolle vor allem die Bürger ansprechen, die für eine souveräne DDR eintreten.
(BZ, 26.2.1990)

Der Verband der Film- und Fernsehschaffenden hält in Berlin einen außerordentlichen Kongress ab, auf dem ein vorläufiges Statut angenommen wird. Der Verband definiert sich als unabhängige Berufsorganisation, die künstlerische, berufliche, rechtliche und soziale Interessen ihrer Mitglieder vertreten will. Bei der Regierung der DDR soll der Status der Gemeinnützigkeit beantragt werden.
(BZ, 26.2.1990)

In diesem Jahr sind nach Angaben des Bundesinnenministeriums bereits 100 000 Bürger aus der DDR in die BRD übergesiedelt.

Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 4./5. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990, ISBN 3-7303-0604-9

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