13. März

In verschiedenen Städten der DDR finden wieder Wahlkundgebungen statt.

Beim Aktionstag der SPD-Berlin stellen sich Hans-Jochen Vogel, Walter Momper, Egon Bahr, Horst Ehmke und Johannes Rau gemeinsam mit Vertretern der SPD der DDR den potentiellen Wählern.

Erste Schritte zur Sozialunion mit der BRD stellt Lothar Pawliczak, Wirtschaftsberater der DDR-SPD, auf einer Pressekonferenz in Berlin vor. Den am Montag vom Runden Tisch gefaßten Beschluss über die Privatisierung des Volkseigentums bezeichnet er als "entscheidende Frage auf dem Weg zur sozialen Marktwirtschaft".

Seine Partei wolle mit ganzer Kraft für die Rechte der DDR-Bürger streiten, betont Gregor Gysi in Freiberg. Bei einer Vereinigung nach Artikel 23 des BRD-Grundgesetzes gingen jedoch viele Rechte der Einwohner der Republik verloren. Erstmals greift Hans Modrow in den Wahlkampf ein. Er spricht vor 50 000 Zuhörern in Neubrandenburg.

In Halle, einer Station der gemeinsamen Wahlkarawane von Grüner Partei und UFV durch 22 Städte der DDR, fordert Henry Schramm von der Grünen Partei dazu auf, den großen Parteien auf die Finger zu schauen, damit sie nach dem 18. März ihre Wahlversprechen halten.

Für einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes wirbt eine Wahlkundgebung der "Allianz für Deutschland" mit Bundeskanzler Kohl in der Cottbuser Innenstadt.

Die Währungsumstellung müsse noch in diesem Jahr, noch vor dem Sommer kommen und bedürfe keiner staatlichen Einheit, erklärt Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) vor etwa 50 000 Versammelten in Leipzig.
(BZ, 14.3.1990)

Die dritte Gesprächsrunde der gemeinsamen Expertenkommission DDR/BRD zu Währungsfragen geht in Berlin zu Ende.

Wie es in einer Pressemitteilung heißt, besteht Einvernehmen darüber, die Gespräche alsbald fortzusetzen. Beide Seiten teilten das Grundverständnis, dass eine Währungsunion und Wirtschaftsgemeinschaft - gestützt durch einen Sozialverbund - als entscheidender Schritt zur staatlichen Einheit zu verstehen sei. Modalitäten und Zeitpunkt der Währungsumstellung könnten nur im Gesamtverbund aller Elemente entschieden worden.

Das deutsch-deutsche Expertengremium gelangt zu der Auffassung, dass die Einführung einer sozialen Marktwirtschaft die grundlegende Voraussetzung darstellt, um die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der DDR zu beseitigen. Nur so sei es möglich, Versorgungsmängel rasch zu überwinden, den erforderlichen Zustrom privaten Kapitals zu ermöglichen und neue zukunftsträchtige Arbeitsplätze zu schaffen.
(BZ, 14.3.1990)

Die dänische Tageszeitung "Land og Folk" veröffentlicht Teile eines Briefes von Erich Honecker an Ingmar Wagner, Mitglied der KP Dänemarks, in dem es u. a. heißt:

"Der Weg in die kapitalistische BRD wurde trotz vorhandener Vorbehalte freigelegt. Das zeigt sich jetzt mit aller Deutlichkeit. Ich brauche Dir und Deinen Freunden nicht zu sagen, was das für die Nachbarstaaten bedeutet. (...) Lieber Ingmar, Du hast recht, die Verletzung meiner Würde als Kommunist und ehemaliges Staatsoberhaupt der DDR erfolgt bereits. Sie ist zugleich eine Beleidigung der internationalen Arbeiterbewegung, der untaugliche Versuch, die Ideale des Sozialismus in den Herzen der Menschen zum Erlöschen zu bringen. Das wird, davon bin ich fest überzeugt, nicht gelingen. Dass unser Bestreben nicht vergebens war, sondern Samen für die Zukunft gelegt hat, sieht man schon heute allein an der Tatsache, dass die Mehrheit der Bürger der DDR bei einem Arrangement mit der BRD, das heißt bei ihrer Verschluckung, keinesfalls die sozialen Errungenschaften vermissen möchte. Das ist eine, Hoffnung für die Zukunft. (...) Gehe bitte davon aus, dass ich vor dem Gesetz nicht schuldig bin. Allen Anschuldigungen zum Trotz, man kann unsere frühere Politik, die dem Wohle des Volkes diente, nicht nachträglich kriminalisieren."
(BZ, 14.3.1990)

Willi Lindemann, Leiter einer Sonderkommission des DDR-Ministerrats gibt bekannt, dass 1989 rund 15 Millionen Mark in Devisen für die "Privilegierung für Personen und Personengruppen" ausgegeben wurden. Allein die Versorgung der Politbürowohnsiedlung Wandlitz kostete jährlich sechs bis acht Millionen Mark.

Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 4./5. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990, ISBN 3-7303-0604-9

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