Die Tageszeitungen der DDR teilen mit, dass Staats- und Parteichef Erich Honecker "nach erfolgreicher Gallenblasenoperation in gutem Gesundheitszustand" aus stationärer Behandlung entlassen wurde und einen Genesungsurlaub angetreten hat.
In ungarischen Auffanglagern warten mehr als 3 500 DDR-Bürger auf Ausreisemöglichkeiten in die BRD.Die Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen wendet sich mit einem Schreiben an DDR-Staatsratsvorsitzenden Honecker. Darin heißt es u. a.:
"Beunruhigt und betroffen sieht die Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen, dass die Zahl derer, die einen Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR stellen, nicht abnimmt, dass Bürger auf dem Weg über die ungarisch-österreichische Grenze die DDR verlassen und dass einzelne ihre Ausreise mit anderen Aktionen zu erzwingen suchen.Die Konferenz ist im Blick auf diese Situation ratlos. Auch die von der Konferenz erbetenen Reiseerleichterungen haben in ihrem bisherigen Umfang nicht dazu geführt, die Zahl der Ausreiseanträge zu vermindern.
Die Konferenz kann keine kurzfristige Lösung für dieses Problem anbieten. Sie sieht eine wesentliche Ursache für Reiseanträge darin, dass von den Bürgern erwartete und längst überfällige Veränderungen in der Gesellschaft verweigert werden. Sie hält es für unabdingbar und dringlich, in unserem Land einen Prozess in Gang zu setzen, der die mündige Beteiligung der Bürger an der Gestaltung unseres gesellschaftlichen Lebens und eine produktive Diskussion der anstehenden Aufgaben in der Öffentlichkeit sichert und Vertrauen zur Arbeit der staatlichen Organe ermöglicht.Wir bitten deshalb erneut und dringlich darum,
- offene und wirklichkeitsnahe Diskussionen über die Ursachen von Unzufriedenheit und Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft zu führen und sie nicht sogleich durch stereotype Belehrungen oder sogar Drohungen abzuweisen;Die Konferenz ist sich dessen bewusst, dass die Lösung der gegenwärtigen Probleme ein langwieriger Prozess sein wird. In diesem Prozess wird auch die Verhandlungs- und Veränderungsbereitschaft anderer Staaten, insbesondere der Bundesrepublik Deutschland, wichtig. Damit der Abbau der gegenwärtigen Spannungen und des einseitig wirkenden Wirtschaftsgefälles möglich wird, sind Umdenken und neue Konzeptionen erforderlich.
Die Konferenz sieht ihre Aufgabe vordringlich darin, mit den Gemeinden zu bedenken, was es für uns als Kirche bedeutet, dass Menschen bei uns nicht bleiben wollen. Am Leben und Handeln der Christen soll erkennbar sein, dass sie selbst bereit sind, sich zu verändern und in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. (...)Manche der Ausreisewilligen müssen wir fragen, an welchen Maßstäben sie ihre Lebensumstände und Lebenserwartungen messen. Wir warnen vor der Illusion, daß höherer wirtschaftlicher Wohlstand schon Lebenserfüllung bringt.
Angesichts der bereits gerissenen unübersehbaren Lücken im Gesundheitswesen, in der Wirtschaft und in anderen Bereichen müssen wir daran erinnern, dass jeder Mensch nicht nur Verantwortung trägt für die Gestaltung seines eigenen Lebens, sondern Mitverantwortung hat für die Gemeinschaft, in die er hineingestellt wurde. (...)" Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 1. Folge 2. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0582-4