Das Neue Forum beantragt als erste oppositionelle Gruppe zum ersten Mal in der DDR ihre offizielle Zulassung als Bürgervereinigung.
In der Prager BRD-Botschaft erhöht sich die Zahl der DDR-Bürger auf über 500.
Der Vorsitzende der LDPD, Prof. Dr. Manfred Gerlach, gibt in seiner Festansprache auf der Veranstaltung seiner Partei zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung ein Signal für neues Denken:"(...) Höher- und Weiterentwicklung bedeutet in der Politik nicht bloß Vervollkommnung des Erreichten; es verlangt, Neues nicht zu blockieren, sondern aufzuspüren und auf den Weg zu bringen. (...)"
(DM, 20.9.1989)
ADN berichtet:
"Der Minister des Innern der DDR teilt mit, dass ein von zwei Personen unterzeichneter Antrag zur Bildung einer Vereinigung 'Neues Forum' eingegangen ist, geprüft und abgelehnt wurde. Ziele und Anliegen der beantragten Vereinigung widersprechen der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik und stellen eine staatsfeindliche Plattform dar. Die Unterschriftensammlung zur Unterstützung der Gründung der Vereinigung war nicht genehmigt und folglich illegal. Sie ist ein Versuch, Bürger der Deutschen Demokratischen Republik über die wahren Absichten der Verfasser zu täuschen."
(ND, 22.9.1989)
In der von dem SED-Politbüromitglied und für Medienpolitik verantwortlichen ZK-Sekretär Joachim Herrmann angewiesenen agitatorischen Erwiderungen auf den Massenexodus von DDR-Bürgern über Ungarn hebt sich der Bericht des 39jährigen Berliner Mitropa-Kochs Hartmut Ferworn (SED) über den "Menschenhandel mit DDR-Bürgern" besonders hervor:
"(...) Am 11. September kam ich mit dem Corvina-Express in Budapest an. Bis zur Rückfahrt hatte ich rund sechs Stunden Zeit, wollte etwas essen, ein bißchen bummeln, was man eben so macht. In einem Bistro (...) setzt sich plötzlich ein junger Mann zu mir. (...) Er sprach Leipziger Dialekt und sagte mir auf den Kopf zu: Sie sind doch der Mitropa-Koch aus dem 'Corvina'. (...) Als wir dann ins Gespräch kamen, bot er sich an, mir interessante Ecken der Stadt zu zeigen, die ich noch nicht kannte. Er müsse vorher nur noch Gepäck bei seiner Gastgeberin abstellen und bat mich mitzukommen. In der ganz normalen Altbauwohnung bot mir eine gut deutsch sprechende Ungarin zunächst einen Kaffee und dann eine Menthol-Zigarette an. Sie schmeckte irgendwie komisch, und nach wenigen Minuten fielen mir die Augen zu, schwanden mir die Sinne. (...)" Derart betäubt sei er in einen Reisebus nach Wien verfrachtet worden. "(...) Offensichtlich hat man mir ein Betäubungsmittel gegeben, wie ich jetzt erfahren habe, eine beliebte Methode westlicher Geheimdienste und ihrer Handlanger. (...) Ich sagte dem 'Fremdenführer': Ich will doch gar nicht in die BRD. Er feixte nur: 'Mitgefangen, mitgehangen. Jetzt geht's erst mal in die BRD-Botschaft nach Wien.' Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und überlegte krampfhaft, wie ich da herauskomme. (...)" Nach Aufenthalt in der BRD-Botschaft in Wien, einer Einweisung ins Hotel Aquila zur Übernachtung konnte er "diesen professionellen Menschenhändlern" schließlich wieder entkommen: "ich nutzte die erstbeste Gelegenheit, um telefonisch Kontakt mit der DDR-Botschaft in Wien aufzunehmen. Dort sagte man: 'Selbstverständlich helfen wir Ihnen, wieder nach Hause zu kommen.' Man schenkte mir Vertrauen. Am Donnerstag, dem 14. September, war ich wieder in der Heimat. (...) Ich habe am eigenen Leibe erfahren, wie der Menschenhandel funktioniert, wie Bürger unseres Landes in die BRD geschleust werden - wenn es sein muss, auch gegen ihren Willen, auf verbrecherische Weise."Diese Story löst in weiten Kreisen der DDR-Bevölkerung herzhafte Lacher aus.
Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 1. Folge 2. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0582-4
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