Die Fraueninitiative "lila offensive" stellt auf einer Veranstaltung in der Berliner Gethsemanekirche ein Standortpapier vor, in dem sie u. a. feststellt:
"(...) Sozialwissenschaftliche Forschungen belegen, daß sich in der DDR zwar positive Veränderungen hinsichtlich der Situation und des Ansehens sowie des Selbstverständnisses von Frauen vollzogen haben, aber dennoch das Wesen der gesellschaftlichen Verhältnisse noch immer als patriarchalisch charakterisiert werden muß. Nach wie vor sind männlich dominierte Maßstäbe, Denkweisen und Verhaltensweisen präsent und normbestimmend.Folglich ist die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln nicht per se gleichbedeutend mit der Aufhebung der sozialen Ungleichheit von Frau und Mann. Hierzu bedarf es außer sozialistischen Produktionsverhältnissen eines tiefgreifenden Wandels des gesellschaftlichen Bewußtseins, der geistigen Kultur (Kunst, Wissenschaft, Ideologie, Alltagsbewußtsein etc.) der Gesellschaft.
Als Zielstellung formuliert das Standortpapier u. a.:"(...) Unser Ziel besteht darin, der Ungleichheit der Stellung der Geschlechter in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Wir wollen insbesondere die Mechanismen benennen und bekämpfen, die geeignet sind, die bestehende soziale Ungleichheit von Frau und Mann zu reproduzieren und festzuschreiben.
Wir sehen Möglichkeiten und Notwendigkeit unseres Wirkens auf drei Ebenen:1. Wir wollen dazu beitragen, das Problembewußtsein hinsichtlich der Stellung und Situation von Frauen und Männern in der DDR zu erzeugen bzw. bestehendes zu differenzieren.
2. Wir wollen Veränderungen in den gesellschaftlichen Bedingungen einfordern, die auf die Herstellung realer Gleichstellung von Frauen und Männern gerichtet sind.3. Wir wollen dazu beitragen, die Fähigkeit von Frauen, ihre Situationen zu erkennen, ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu artikulieren und schließlich daraus abgeleitete Absichten und Forderungen zu realisieren, entscheidend zu erhöhen. (...)"
Unter Punkt 3 "Selbstverständnis der 'lila offensive'" heißt es u. a.: "Wir verstehen uns als Feministinnen.Feminismus ist für uns Interessenwahrnehmung für Frauen - unabhängig von ihren Lebens- und Liebesverhältnissen. (...)
Feminismus meint in unserem Verständnis nicht die völlige Ausgrenzung von Männern. Soll eine Gleichstellung tatsächlich praktizierbar, tatsächlich wirkungsvoll sein, muß sich männliches Selbstverständnis parallel zu weiblichem Selbstverständnis mitentwickeln. Deshalb kann es uns Feministinnen nicht um einen Frauenzentrismus gehen, der die Männer nur als Objekte behandelt. Es muß unser Anliegen sein, ihnen Kenntnis und Anteilnahme an unseren Ansichten zu ermöglichen, damit das Wissen, daß die Emanzipation des einen Geschlechts nur durch die Emanzipation des anderen Geschlechts erreicht werden kann, umgesetzt wird, damit Geschlechtsverhältnisse zu emanzipierten Verhältnissen werden." Die Fraueninitiative, die sich "als Bestandteil einer unabhängigen Frauenbewegung" versteht, stellt folgenden Forderungskatalog auf:"I. Erwerbstätigkeit
1. Reale ökonomische Gleichstellung von Frau und Mann sowie freier Zugang von Frauen und Männern zu allen Berufszweigen.Dazu sind folgende Schritte notwendig:
Höherbewertung, und bessere Bezahlung für 'frauentypische' Berufe- Förderung der Motivation und des Zugangs von Frauen zu wissenschaftlichen und technischen Berufen
- Förderung der Motivation und des Zugangs von Männern zu Berufen des Sozialen Bereichs (Kindererziehung, Gesundheitswesen, Dienstleistung)
- Quotenregelung für Leistungs- und Entscheidungsfunktionen
- gleiche Entfaltungsmöglichkeiten von Frauen und Männern in einem Beruf hinsichtlich ihres fachlichen Könnens und Wissens
Dazu sind folgende Schritte notwendig:
- Förderung der Vereinbarkeit von Mutterschaft als auch Vaterschaft und BerufstätigkeitII. Bereich der individuellen Reproduktion
1. Frauen und Männer übernehmen Verantwortung und Arbeitsaufwand für den häuslichen und erzieherischen Bereich zu gleichen Teilen.Dazu sind folgende Schritte notwendig:
- Aufhebung der einseitigen Festlegung sozialpolitischer Maßnahmen auf Mütter2. Entscheidungsfreiheit in bezug auf Gestaltung von Lebens- und Liebesverhältnissen
Dazu sind folgende Schritte notwendig:- Abschaffung aller an die Ehe gebundenen Privilegien
- zivilrechtliche Absicherung aller nichtehelichen (z. B. lesbischen) Lebensgemeinschaften
- Demokratisierung des gesellschaftlichen Erziehungsprozesses
- Schaffung alternativer Möglichkeiten zur Kinderbetreuung und -erziehung (Kinderläden, Spielhäuser, Jugendzentren)
Die Interessen von Frauen und Männern müssen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens berücksichtigt werden.
Dazu sind folgende Schritte notwendig:- Einführung einer 50-Prozent-Quotierung bei der Aufstellung von Kandidatinnen für alle Ebenen der Volksvertretungen (Volkskammer, Bezirks- und Kreistage)
- Durchsetzung von Quotenregelungen in den Leitungen von Parteien und Organisationen entsprechend des Anteils von Frauen bzw. Männern
- Zulassung und Förderung alternativer Interessenvertretungen von Frauen (autonome Frauenbewegung)
- Bildung einer Frauenfraktion in der Volkskammer, in der Vertreterinnen der autonomen Frauenbewegung einen gleichberechtigten Platz haben
- Frauenministerium bzw. Frauenreferat in der Regierung als Übergangslösung
1. Überarbeitung des Strafgesetzbuches mit dem Ziel, die konsequente Bestrafung jeder Form von Gewalt gegen Frauen zu ermöglichen.
2. Herstellung eines gleichberechtigten Status von Männern hinsichtlich des Erziehungsrechtes bei Scheidungen sowie generell bei Wahrnehmung der sozialen VaterschaftV. Sozialisation
Abbau geschlechtsstereotypischer Verhaltensnormen.Dazu sind folgende Schritte notwendig:
1. Schaffung von Kommunikations- und Begegnungsmöglichkeiten für Frauen, die es Frauen ermöglichen, eigene Bedürfnisse zu erkunden und zu artikulieren (Frauencafes, -clubs, -bibliotheken, -wohngemeinschaften, -ferienhäuser)2. Entwicklung eines öffentlichen Bewußtseins und der Diskussion über die Geschlechterfrage
- Öffnung der Medien für diese Problematik bzw. Zulassung neuer Frauenzeitschriften, -sendungen etc.3. Abbau rollenfixierter Erziehung
- kritische Analyse von Lehrplänen und -büchern hinsichtlich der Vermittlung von Geschlechtsrollenstereotypen und Erarbeitung neuer LehrmittelDer Berliner Rechtsanwalt Prof. Dr. Wolfgang Vogel sowie die BRD-Staatssekretäre Walter Priesnitz und Jürgen Sudhoff, begleitet vom Leiter der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR, Franz Bertele, versuchen in der Prager BRD-Botschaft die inzwischen über 1000 Ausreisewilligen zur Rückkehr in die DDR zu bewegen. Vogel erneuert die verbindliche Zusage der DDR-Regierung, daß alle Rückkehrer innerhalb der folgenden sechs Monate in die BRD ausreisen dürfen. 200 DDR-Bürger nehmen das Angebot an und fahren in Bussen in die DDR zurück.
Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 1. Folge 2. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0582-4