5. Oktober

Die rund 600 DDR-Flüchtlinge, die sich in Warschau aufhalten, gelangen mit einem Sonderzug der Deutschen Reichsbahn nach Hannover.

Die etwa 200 DDR-BürgerInnen, die in der Prager BRD-Botschaft Zuflucht gefunden haben, nachdem tags zuvor die Sonderzüge in die BRD abgefahren waren, kehren in die DDR zurück mit der Zusicherung, dass sie innerhalb der nächsten zwei Monate ausreisen dürfen. Die DDR-Medien informieren:

"Von DDR-Bürgern wird die Frage gestellt, was mit den freigewordenen Wohnungen geschieht, deren bisherige Bewohner illegal die DDR verlassen haben. Gelegentlich wird verbreitet, dass derartige Wohnungen etwa für einen Zeitraum von einem Jahr freigehalten würden. Wie von zuständiger Stelle verlautet, gibt es eine solche Regelung nicht. Den örtlichen Organen wird anheim gestellt, freigewordene Wohnungen umgehend an neue Mieter, die daran Interesse haben, zu übergeben."
(ND, 5.10.1989)

In Dresden kommt es erneut zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften.

Von einer Demonstration mit rund 800 Teilnehmern in Magdeburg werden etwa 250 Demonstranten den Sicherheitsbehörden zugeführt.


6. Oktober

Im Berliner Palast der Republik findet in Anwesenheit von 4 000 geladenen Gästen aus der DDR und über 70 Delegationen aus dem Ausland die offizielle Festveranstaltung zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung statt. Festredner sind der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzende des DDR-Staatsrates, Erich Honecker, und Michail Gorbatschow, Generalsekretär des ZK der KPdSU und Vorsitzender des Obersten Sowjets der UdSSR.

Honecker schildert die 40jährige DDR-Entwicklung als Erfolgsbilanz. In diesem Rahmen räumt er ein, "dass das Leben in unserem Lande wie auch die internationalen Ereignisse (...) in unserer Zeit Fragen (stellen), die der klaren Antwort (...) bedürfen". In diesem Zusammenhang stellt er dem Volk der DDR in Aussicht:

"(...) Wir werden unsere Republik in der Gemeinschaft der sozialistischen Länder, durch unsere Politik der Kontinuität und Erneuerung auch künftig in den Farben der DDR verändern. Die Ziele sind im Programm unserer Partei niedergelegt. Es geht um die weitere Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Selbstverständlich ist dies kein Vorhaben, das binnen kurzer Zeit und nach fertigen Rezepten, ohne unablässige Suche nach den jeweils zweckmäßigsten Lösungen zu bewältigen wäre. Es handelt sich vielmehr um einen historischen, einen langwierigen Prozess tiefgreifender Wandlungen und Reformen in allen Bereichen. (...) Dementsprechend bleiben wir beim Erreichten nicht stehen, erhalten wir Bewährtes, trennen uns von dem, was überholt ist und hemmt, schreiten wir auf dem Kurs der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik voran. In diesem Geist werden wir auch die sozialistische Demokratie in ihren vielfältigen Formen weiterentwickeln. Unser Anliegen ist, dass die Bürger sich immer aktiver und konkreter an den Staatsgeschäften beteiligen. (...) Unsere Probleme allerdings lösen wir selbst, mit unseren sozialistischen Mitteln. (...) Die Kombinate haben eine Reife erreicht, die es ermöglicht, schrittweise eine neue Qualität von Leitung, Planung und wirtschaftlicher Rechnungsführung zu verwirklichen. Eigenerwirtschaftung der Mittel - das ist ein Schlüsselwort für Änderungen (...). Weit geöffnet wird der Raum für Verantwortung und Eigeninitiative auf dem soliden Boden eines bilanzierten Planes. Der Einfluss des einzelnen wie des Kollektivs und der Gewerkschaften im Betrieb wird sich erhöhen. (...) ".

Mit keinem Wort geht Honecker auf die Massenflucht von DDR-Bürgern ein. Statt dessen erklärt er:

"(...) Die zügellose Verleumdungskampagne, die derzeit, international koordiniert, gegen die DDR geführt wird, zielt darauf ab, Menschen zu verwirren und Zweifel in die Kraft und Vorzüge des Sozialismus zu säen. (...)"
(ND, 9.10.1989)

Der sowjetische Partei- und Staatschef, Michail Gorbatschow, dem im Laufe des Tages von oppositionellen Kräften in Berlin der Ruf entgegenklang: "Gorbi, hilf uns!", sagt in seiner Festrede zum Thema Perestroika:

"(...) Natürlich hat die DDR, wie jedes andere Land, ihre eigenen Entwicklungsprobleme, die ihre Durchdenkung und ihre Lösung erfordern. Sie sind sowohl vom inneren Bedürfnis der Gesellschaft zur ständigen Weiterentwicklung hervorgerufen als auch vom allgemeinen Prozess der Modernisierung und Erneuerung, der jetzt im gesamten sozialistischen Lager vorgeht. (...) Wir zweifeln nicht daran, dass die Sozialistische Einheitspartei mit ihrem intellektuellen Potential, ihren reichen Erfahrungen und ihrer politischen Autorität imstande ist, in Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlichen Kräften Antwort auf die Fragen zu finden, die durch die Entwicklung der Republik auf die Tagesordnung gestellt wurden und die ihre Bürger bewegen. (...) Die Versuche der Unifizierung und Standardisierung in den Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung, einerseits der Nachahmung, andererseits der Aufzwingung von irgendwelchen verbindlichen Mustern, gehören der Vergangenheit an. (...) Die Auswahl der Entwicklungsformen ist eine souveräne Angelegenheit eines jeden Volkes. (...) Vor allen Dingen sollten unsere westlichen Partner davon ausgehen, dass die Fragen, die die DDR betreffen, nicht in Moskau, sondern in Berlin entschieden werden. Die DDR ist ein souveräner Staat, sie unternimmt selbständig Maßnahmen, die verschiedene Aufgaben des Schutzes ihrer Interessen, ihre Innen- und Außenpolitik betreffen. (...)"

Mit einem Fackelzug von über 100 000 aus allen DDR-Bezirken zusammengeholten Teilnehmern legt die FDJ durch den Mund ihres Ersten Sekretärs, Eberhard Aurich, ihr Bekenntnis zur sozialistischen Republik und zur SED ab. In dem FDJ-Gelöbnis heißt es unter anderem:

"(...) Dieses Land ist unser Land. Hier sind wir zu Hause. Hier haben wir noch viel vor. Hier verwirklichen wir unsere Pläne und schaffen unser Glück. Hier arbeiten und lernen, studieren und forschen, tanzen und lieben wir. Hier wollen wir leben in Freundschaft und helfen einander. (...)"
(BZ, 9.10.1989)

Was zuvor und auch an diesem Tag keinem SED- oder FDJ-Funktionär in aller Öffentlichkeit über die Lippen kam, äußert die 19jährige Studentin Gabi Hansch aus Gotha:

"(...) So richtig ausgelassen feiern kann ich nicht. Weil einige nicht mehr dabei sind, viele in meinem Alter, die unser Land verlassen haben. Die im Gegensatz zu mir meinten, hier keine Perspektive zu haben. Das macht mich traurig und nachdenklich."
(BZ, 9.10.1989)

Als die "Berliner Zeitung" diese Meinung wiedergibt, gehört noch Courage dazu, solches zu äußern und zu veröffentlichen. Denn wie mit Andersdenkenden verfahren wird, liest sich in einer von ADN verbreiteten Meldung so:
[siehe 7. Oktober]

Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 1. Folge 2. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0582-4

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