Der Leiter der Ständigen Vertretung der DDR in der BRD, Botschafter Horst Neubauer, trifft mit BRD-Minister und Kanzleramtschef Rudolf Seiters in Bonn zusammen. Wie ADN mitteilt, legt er "entschiedene Verwahrung dagegen ein, dass von BRD-Seite Absprachen und Zusagen im Zusammenhang mit der Ausweisung ehemaliger DDR-Bürger aus den BRD-Botschaften in Prag und Warschau nicht eingehalten wurden". Er verwahrt sich gegen Falschdarstellungen verantwortlicher BRD-Politiker über den Ablauf der Aktion am 30. 9./1. 10. 1989. Wörtlich heisst es bei ADN weiter:
"(...) Botschafter Neubauer wies darauf hin, dass es sich um eine einseitige Entscheidung der DDR gehandelt habe, die ausschließlich aus humanitären Gründen getroffen wurde, nicht zuletzt im Interesse von Kleinkindern. Diese Entscheidung war Bundesminister Seiters am Vormittag des 30. September durch den Leiter der Ständigen Vertretung der DDR in der BRD (...) im Auftrage der Regierung der DDR mitgeteilt worden. Wenn der bei dieser Unterredung anwesende BRD-Außenminister Genscher nunmehr den 'Ruhm' in Anspruch nimmt, durch angestrengte Verhandlungen in New York und anderswo die bekannte Regelung durchgesetzt zu haben, so entspricht dies schlicht der Unwahrheit.In den Gesprächen mit Bundesminister Seiters war darauf verwiesen worden, dass die DDR davon ausgeht, dass seitens der Regierung der BRD Schlussfolgerungen für den normalen, den internationalen Gepflogenheiten entsprechenden Betrieb in ihren Botschaften in Prag und Warschau gezogen werden. Dazu gab es eine entsprechende Abstimmung. Auch dies wurde von BRD-Seite nicht eingehalten. Botschafter Neubauer verwies Bundesminister Seiters darauf, dass dies auf DDR-Seite als grober Vertrauensbruch betrachtet wird. Er forderte nachdrücklich, dass die sich inzwischen wieder in den BRD-Botschaften in Prag und Warschau befindlichen DDR-Bürger aus den Botschaften verwiesen werden und in die DDR zurückkehren, wo sie ihre Anliegen vorbringen können, über die entsprechend bekannten Zusicherungen entschieden wird. Botschafter Neubauer betonte, dass vernünftige Lösungen - auch bei schwierigen Fragen - nur bei gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Verlässlichkeit gefunden werden können. Bestrebungen, humanitäre Lösungen für politische Demonstrationen und Medienspektakel zu gebrauchen, verbauen den Weg für sachliche Zusammenarbeit."
(ND, 3.10.1989)
Gegenüber ADN äußert sich zu dieser Demonstration der amtierende Vorsitzende des Zivilsenats des Bezirksgerichtes Leipzig, Karl-Heinz Matheiowetz, hinsichtlich rechtlicher Aspekte später:
"(...) Er betonte, dass derartige Veranstaltungen anmeldepflichtig sind. Da für die Veranstaltung am 2. Oktober keine Genehmigung erteilt war, sei sie ungesetzlich gewesen. Nicht genehmigte Demonstrationen könnten durch die Ordnungskräfte der VP aufgelöst werden, Darüber hinaus sei nicht auszuschließen, dass die mit der Demonstration verbundenen Aktivitäten strafrechtliche Tatbestände erfüllen. Teilnehmende müßten nach den Grundsätzen des Zivilrechts auch voll für alle von ihnen angerichteten materiellen Schäden aufkommen."In der Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg beginnt eine von nun ab ununterbrochen durchgeführte Mahnwache für die politischen Gefangenen in der DDR. In einem Flugblatt verweist die Mahnwache darauf, dass in den letzten Wochen "in Leipzig, Potsdam und Berlin Menschen wegen ihres gesellschaftlichen Engagements und der Wahrnehmung grundlegender Menschenrechte kriminalisiert und inhaftiert" wurden. Die Mahnwache fordert: "Freilassung der Inhaftierten, keine Abschiebung der Betroffenen gegen ihren Willen, Einstellung der Ermittlungsverfahren, Aufhebung aller Strafbefehle (Haft- und Geldstrafen)". Sie erklärt:
"Die gegenwärtige innenpolitische Krise kann mit polizeistaatlichen Methoden nur verschärft und in keinem Falle gelöst werden. Auch die größte Fluchtwelle. seit dem Mauerbau zeigt, dass die Abschottung eines Landes von politischen Veränderungen in Europa nicht möglich ist, denn ein Land, das sein konstruktives Potential einer starren, festgefahrenen Staatsräson opfert, verspielt die eigene Zukunft.Täglich finden um 18.00 Uhr in der Gethsemanekirche aktuelle Informationsandachten statt. (...) Bringt bitte Kerzen, Blumen und Nahrungsmittel, Tee und Kaffee mit."
3. OktoberADN meldet:
"Auf Grund der Berichte, die der DDR zur Verfügung stehen, bereiten bestimmte Kreise in der BRD weitere Provokationen zum 40. Jahrestag der DDR vor, die gegen Ruhe und Ordnung gerichtet sind.Nach der Konsultation mit der ČSSR wurde die Vereinbarung getroffen, zeitweilig den pass- und visafreien Verkehr zwischen der DDR und der ČSSR für Bürger der DDR mit sofortiger Wirkung auszusetzen."
(ND, 4.10. 1989)
"Die Regierung der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik hatte alle Fragen, die mit dem illegalen Aufenthalt von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik auf dem Gelände der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland verbunden sind, äußerst zurückhaltend behandelt. Die zuständigen tschechoslowakischen Organe gewährten die erforderliche humanitäre, gesundheitliche und Versorgungs- sowie weitere technische Hilfe. Die Regierung der ČSSR beteiligte sich initiativreich und aktiv an der Suche nach einem allseits annehmbaren Ausweg aus der Situation, die auf gar keinen Fall durch unser Verschulden entstanden war.
Nachdem eine entsprechende Lösung gefunden war, schufen wir die erforderlichen rechtlichen und technischen Bedingungen, damit die DDR-Bürger das Gelände der Botschaft der DDR in Prag und anschließend die Tschechoslowakische Sozialistische Republik verlassen konnten. Zugleich erhielten wir die Information, die Regierung der BRD werde sichern, dass sich eine ähnliche Situation nicht wiederholt. Nach einigen Stunden aber war die Prager BRD-Botschaft erneut für den Zustrom von Flüchtlingen aus der DDR geöffnet.(...) Die Bewegung von Bürgern der DDR durch Prag, die mit diesem verantwortungslosen Schritt der BRD in direktem Zusammenhang steht, stört ernsthaft die öffentliche Ordnung in der Hauptstadt der Tschechoslowakei. Wir werden selbstverständlich den freien Zutritt zum Gebäude der BRD-Botschaft in Prag durch den Haupteingang garantieren. Wir behalten uns allerdings das Recht vor, in dem Augenblick, da wir es für erforderlich halten, weitere notwendige Maßnahmen zur Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung zu ergreifen. (...)"
(ND, 4.10.1989)
Ohne auf den Massenexodus von DDR-BürgerInnen einzugehen, erklärt Partei- und Staatschef Erich Honecker auf seinem Treffen mit antifaschistischen Widerstandskämpfern und Aktivisten der ersten Stunde, dass nichts daraus werde, wenn man in der BRD glaube, "die DDR durch einen umfassenden Angriff aus den Angeln heben zu können".
Am Rande der Eröffnungsveranstaltung für die neue Pädagogische Hochschule in Neubrandenburg gewährt Volksbildungsministerin Margot Honecker der FDJ-Zeitung "Junge Welt" ein Interview, in dem sie u. a. erklärt:"(...) Nachdenken ist zu keiner Zeit - ob über unser Land, über sich selbst - unwichtig. Ich würde nicht meinen, dass es heute deshalb wichtiger wird, weil einige Leute uns das Nachdenken lehren wollen über den Sozialismus. Wir haben uns ein großes Programm gegeben, über die Jahrtausendwende den Sozialismus weiter zu entwickeln. Das klingt immer so allgemein. Aber das heisst ja: Wie wollen wir unser Leben einrichten in diesem Land, wie wollen wir es noch besser einrichten? Weiche Probleme haben wir zu lösen? Da brauchen wir vor allem eins nicht: falsche Ratgeber. (...) Ohne eigene Bestandsaufnahme ist doch nichts bisher gegangen! Wie hätten wir denn das alles schaffen sollen, wenn wir bloß blind durch die Gegend gelaufen wären. Also geht's weiter mit dem Nachdenken über das, was wir künftig angehen werden, womit wir noch nicht zufrieden sind. Aber nicht, weil konterrevolutionäre Kräfte versuchen, den Sozialismus in der DDR anzugreifen. Nicht weil jetzt von ihnen ein Anstoss kommt: Nun diskutiert doch mal über eure Fehler, und im Grunde meinen sie, dass der Sozialismus ein Fehler sei. Weg vom Sozialismus? Das ist nicht unser Thema! Wir werden den Sozialismus weitermachen. Und deshalb müssen wir Über das reden, was wir tagtäglich gestalten müssen. Beispielsweise unsere sozialistische Demokratie - so dass jeder die DDR als etwas empfindet, bei dem er mitmacht, mitentscheidet, mitverantwortet. Nicht nur darüber reden, sondern machen!
(...) Wir sind in einer Situation, in der wir standhaft bleiben müssen. Nicht weil wir stur sind, oder wie die anderen sagen: 'Betonköpfe', sondern weil wir um unsere Verantwortung für den Frieden wissen. Das ist die entscheidende Frage, die darf keinem aus dem Blickwinkel geraten. (...)"Der Berliner Rechtsanwalt Dr. Gregor Gysi verfasst im Auftrag von Bärbel Bohley und Jutta Seidel eine Eingabe an das Ministerium des Innern zur Nichtzulassung der Bürgerbewegung Neues Forum.
4. OktoberADN teilt mit:
"in Übereinkunft mit der Regierung der ČSSR hat die Regierung der DDR entschieden, die Personen, die sich widerrechtlich in der Botschaft der BRD in Prag aufhalten, über das Territorium der DDR in die BRD auszuweisen. Dabei ließ sie sich vor allem von der Lage der Kinder leiten, die von ihren Eltern in eine Notsituation gebracht worden sind und die für deren gewissenloses Handeln nicht verantwortlich gemacht werden können. (...)"Was der DDR-Zeitungsleser nicht erfährt ist, dass es sich um rund 7 600 DDR-Flüchtlinge handelt, die in verriegelten Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn über das Gebiet der DDR transportiert werden. Angeblich hatte sich die Ausreise "aus technischen Gründen" um einen Tag verzögert. In Wirklichkeit mussten Gleise und Bahnhöfe entlang der Strecke von Menschen geräumt werden, die auf die fahrenden Züge aufspringen wollten.
Zu schweren Zusammenstößen mit Sicherheitskräften der DDR kommt es am Dresdener Hauptbahnhof. Hier haben sich etwa 10 000 Menschen (Reisende, Ausreisewillige, Schaulustige) versammelt. Es kommt zu tätlichen Auseinandersetzungen und zu Verletzten auf beiden Seiten. Der Sachschaden am Bahnhofsgebäude, das mit Pflastersteinen beworfen wird, ist hoch.Unter den Angehörigen der Volkspolizei-Bereitschaften, die zur Absicherung um den Dresdener Hauptbahnhof aufgezogen sind, befindet sich auch der 23jährige Maik Schmidt aus Leutersdorf, Krs. Zittau. Ihm wurde mit einem Wurfgeschoss der Unterkiefer gebrochen. Gegenüber der FDJ-Zeitung Junge Welt" berichtet er u. a.:
"(...) Am Dresdener Hauptbahnhof hatten sich, von kleinen Gruppen organisiert, einige tausend Randalierer und leider auch Schaulustige eingefunden, die Hetzparolen und neonazistische Sprüche schrieen. (...) Ich versuchte mit meinen Genossen, am Taxistand des Ausgangs Prager Straße für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Die Meute bestürmte uns, schlug auf uns mit Gummischläuchen ein, die mit Metall gefüllt waren, Brandflaschen wurden geworfen, Eisenhaken flogen uns um die Köpfe, Feuerlöscher wurden als Wurfgeschosse benutzt, schließlich rissen sie das Straßenpflaster auf und schleuderten die Steine auf uns, so dass wir zurückweichen mussten. Als ich einen Stein abgewehrt hatte, traf ein anderer auf meine Schildkante und flog mir ins Gesicht. (...) In mir steigt Zorn auf, wenn entgegen jeder Wahrheit behauptet wird, die VP knüppele gegen alles, was sich da in den Weg stellt. Aber unsere Geduld wurde bis zur Schmerzgrenze in Anspruch genommen, als wir praktisch tatenlos mitansehen mussten, wie eiskalt mit Kindern, ja Säuglingen, gepokert wurde, um das durchzusetzen, was mit der Eisenstange nicht gelang. Was sind das für Frauen, die ihre Babys im Kinderwagen aufs Gleis schieben, um dieses zu blockieren! Was ist das für eine Mutter, die mit der Nahrungsverweigerung für ihre drei Kinder, praktisch auf deren Kosten, solange einen Hungerstreik durchführen wollte, bis sie in den Westen ausgereist ist!"Nach Informationen des Neuen Forum werden von den Sicherheitskräften Wasserwerfer und Schlagstöcke eingesetzt.
In der Berliner Gethsemanekirche beginnt Angela Kunze eine Fastenaktion. In einem Flugblatt erklärt sie:"Ein konkretes Angebot zum gewaltfreien Widerstand.
- Ich faste, um mich zu besinnen und mein Leben durch Stille und Gebet neu auszurichten.
- Ich faste, um mich reinigen zu lassen von Angst und Resignation, Hass und Gewalt, Ungeduld und Sensationslust.
- Ich faste, weil ich keine andere Ausdrucksmöglichkeit für meinen Protest sehe, gegen die Art und Weise, mit der unsere Politiker ungerührt den Schein aufrechterhalten und den 40. Jahrestag als ihren Sieg feiern.
- ich faste, weil ich, im Gegensatz zu unseren staatlichen Medien, betroffen bin über die große Anzahl von Menschen, die unser Land verlassen.
- Ich faste, um in Solidarität zu leben mit allen Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit t einsetzen und deswegen leiden müssen und verfolgt werden.
- Ich faste in der Hoffnung, dass sich auch noch andere daran beteiligen - Stunden oder tageweise, und wir ein Zeichen unseres persönlichen Engagements für dieses Land setzen und bereit sind, dafür unsere materiellen Bedürfnisse einzuschränken."
"Das Präsidium der Akademie der Künste ist der Ansicht, dass das vierzigjährige Bestehen der Deutschen Demokratischen Republik, an dem wir teilhaben mit Leben und Arbeit, ein Grund ist, um ein umfassendes offenes und öffentliches Gespräch zu beginnen. Der Sozialismus, der sich auch als alternativer Entwurf zur bürgerlichen Weltordnung Versteht, ist für die Mehrheit der Menschen da, und die Mehrheit muss sich an ihm beteiligen, damit er die materielle, geistige und moralische Produktivität gewinnt, um sich durchzusetzen. Er braucht öffentliches Denken als Instrument und Korrektiv seiner Pläne, als Vermittlung zwischen historischem Anspruch und alltäglicher Erfahrung. Öffentlichkeit ist notwendig auf allen Ebenen der Gesellschaft. Sie benötigt Diskussion und Disziplin, Solidarität und die Persönlichkeit jedes einzelnen, und das alles zugleich.
Der wissende und informierte Mensch ist handlungsfähig. Wer gebraucht wird, auch mit seinem Kopf, fühlt sich zu Hause. Wir haben einen Vorrat an Denksubstanz, die beste Währung unseres Landes. Er stellt die eigentliche Produktionsreserve dar, sie muss freigesetzt werden. Das heisst, dass keine Frage von Belang unausgesprochen bleiben darf.Die täglichen Erfahrungen des Bürgers prägen die öffentliche Meinung in unserem Land, die oft genug im Gegensatz zu der veröffentlichten Meinung steht, ein Widerspruch, der zu empfindlichen Störungen des moralischen und geistigen Klimas in der Gesellschaft führt. Dieser Widerspruch muss durch ein neues Verständnis für den Gebrauch der Medien aufgelöst werden, durch das auch eine Ritualisierung der Sprache zu überwinden wäre, die häufig den gemeinten Sinn nicht mehr trägt.
Entscheidungen, die Bürger unseres Landes betreffen, müssen für diese begründet und durchschaubar sein. Wo dies nicht der Fall ist und Anonymität waltet, entsteht ein ohnmächtiges Bewußtsein der Bevormundung, das in direktem Gegensatz zu dem von der veröffentlichten Meinung propagierten Bild des mündigen Staatsbürgers gerät.Vertrauen beruht auf Vertrauen. Wir brauchen es als Grundwert des Umgangs miteinander. Niemand darf verdächtigt werden, der sich Sorgen um die Zukunft unseres Landes macht.
Die DDR hat die Identität auch durch ihre Kunst gewonnen. Auf die Auskünfte der Künste über Lebensqualität und Lebensgefühl, über die tatsächliche moralische Befindlichkeit des Individuums, kann so wenig verzichtet werden, wie auf ihren Gehalt an humaner Utopie. Soziale Sicherheit ist nicht denkbar ohne den geistigen Reichtum der Kultur.Wenn wir erörtern, was wir weiter mit diesem Land vorhaben, wenn wir Vorzüge und Nachteile vergleichen, Chancen und Verzicht, wenn wir Vorschläge erwarten, dann motivieren wir Menschen verschiedener Generationen, Gemeinwohl und eigenes Leben miteinander in Beziehung zu setzen.
Antifaschismus, Friedensliebe, soziale Gerechtigkeit, die Pflege und Mehrung der Kultur, das sind geistige Grundpositionen unserer Gesellschaft und bleibende Arbeitsfelder. Wir sind nicht am Ziel. Wir haben uns zu behaupten, benachbart einem anderen deutschen Staat in einem anderen Weltsystem, der unsere Sprache spricht und aus gleicher Geschichte kommt. Wir sind mit ihm widersprüchlich verflochten in Kooperation und Konfrontation, in menschlicher Verbindung und politischer Trennung. Die Vernunft, die wir unserer gemeinsamen Zukunft schulden, wird bedroht durch Kräfte, die uns noch immer die Existenz bestreiten, auch durch Leute, die uns plündern mit dem Ausdruck des Bedauerns.Die gesellschaftliche Strategie, die der XII. Parteitag der SED zu erarbeiten hat, beruht auf der täglichen Arbeit von Millionen Menschen in allen Bereichen der Produktion.
Die Akademie der Künste stellt ihre Erfahrungen und die Fähigkeiten ihrer Mitglieder zur Verfügung, jetzt und auf Dauer."Vertreter der oppositionellen Bürgerbewegung Demokratie jetzt, des Demokratischen Aufbruchs, der Gruppe Demokratischer Sozialistlnnen, der Initiative Frieden und Menschenrechte, der Initiativgruppe Sozialdemokratische Partei in der DDR, des Neuen Forums sowie Vertreter von Friedenskreisen finden sich zusammen, um, wie es in ihrer Gemeinsamen Erklärung heisst, "Möglichkeiten gemeinsamen politischen Handelns zu besprechen". Weiter lautet die Gemeinsame Erklärung:
"Wir begrüßen die sich entwickelnde Vielfalt der Initiativen als Zeichen des Aufbruchs und des wachsenden Mutes, eigene politische Positionen öffentlich zu vertreten.Uns verbindet der Wille, Staat und Gesellschaft demokratisch umzugestalten. Es kommt darauf an, einen Zustand zu beenden, in dem Bürgerinnen und Bürger dieser Gesellschaft nicht die Möglichkeit haben, ihre politischen Rechte so auszuüben, wie es die Menschenrechtskonventionen der Vereinten Nationen und die KSZE-Dokumente verlangen. Wir erklären uns solidarisch mit allen, die wegen ihres Einsatzes für diese Ziele verfolgt werden. Wir setzen uns ein für die Freilassung der Inhaftierten, die Aufhebung ergangener, Urteile und die Einstellung laufender Ermittlungsverfahren.
Wir halten es für vorrangig, in unserem Lande die Diskussion darüber zu eröffnen, weiche Mindestbedingungen für eine demokratische Wahl eingehalten werden müssen: Sie muss unterschiedliche politische Entscheidungen ermöglichen. Sie muss geheim sein, d. h. die Wähler sind verpflichtet, eine Wahlkabine zu benutzen. Sie muss frei sein, d. h. niemand darf durch Druck zu einem bestimmten Wahlverhalten genötigt werden. Die nächsten Wahlen sollten unter UNO-Kontrolle stattfinden. Wir wollen zusammenarbeiten und prüfen, in welchem Umfang wir ein Wahlbündnis mit gemeinsamen eigenen Kandidaten verwirklichen können. Um unser Land politisch zu verändern, bedarf es der Beteiligung und der Kritik aller. Wir rufen alle Bürgerinnen und Bürger der DDR auf, an der demokratischen Erneuerung mitzuwirken."5. Oktober
Die rund 600 DDR-Flüchtlinge, die sich in Warschau aufhalten, gelangen mit einem Sonderzug der Deutschen Reichsbahn nach Hannover.Die etwa 200 DDR-BürgerInnen, die in der Prager BRD-Botschaft Zuflucht gefunden haben, nachdem tags zuvor die Sonderzüge in die BRD abgefahren waren, kehren in die DDR zurück mit. der Zusicherung, dass sie innerhalb der nächsten zwei Monate ausreisen dürfen. Die DDR-Medien informieren:
"Von DDR-Bürgern wird die Frage gestellt, was mit den freigewordenen Wohnungen geschieht, deren bisherige Bewohner illegal die DDR verlassen haben. Gelegentlich wird verbreitet, dass derartige Wohnungen etwa für einen Zeitraum von einem Jahr freigehalten würden. Wie von zuständiger Stelle verlautet, gibt es eine solche Regelung nicht. Den örtlichen Organen wird anheim gestellt, freigewordene Wohnungen umgehend an neue Mieter, die daran Interesse haben, zu übergeben."In Dresden kommt es erneut zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften.
Von einer Demonstration mit rund 800 Teilnehmern in Magdeburg werden etwa 250 Demonstranten den Sicherheitsbehörden zugeführt.6. Oktober
Im Berliner Palast der Republik findet in Anwesenheit von 4 000 geladenen Gästen aus der DDR und über 70 Delegationen aus dem Ausland die offizielle Festveranstaltung zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung statt. Festredner sind der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzende des DDR-Staatsrates, Erich Honecker, und Michail Gorbatschow, Generalsekretär des ZK der KPdSU und Vorsitzender des Obersten Sowjets der UdSSR.Honecker schildert die 40jährige DDR-Entwicklung als Erfolgsbilanz. In diesem Rahmen räumt er ein, "dass das Leben in unserem Lande wie auch die internationalen Ereignisse (...) in unserer Zeit Fragen (stellen), die der klaren Antwort (...) bedürfen". In diesem Zusammenhang stellt er dem Volk der DDR in Aussicht:
"(...) Wir werden unsere Republik in der Gemeinschaft der sozialistischen Länder, durch unsere Politik der Kontinuität und Erneuerung auch künftig in den Farben der DDR verändern. Die Ziele sind im Programm unserer Partei niedergelegt. Es geht um die weitere Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Selbstverständlich ist dies kein Vorhaben, das binnen kurzer Zeit und nach fertigen Rezepten, ohne unablässige Suche nach den jeweils zweckmäßigsten Lösungen zu bewältigen wäre. Es handelt sich vielmehr um einen historischen, einen langwierigen Prozess tiefgreifender Wandlungen und Reformen in allen Bereichen. (...) Dementsprechend bleiben wir beim Erreichten nicht stehen, erhalten wir Bewährtes, trennen uns von dem, was überholt ist und hemmt, schreiten wir auf dem Kurs der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik voran. In diesem Geist werden wir auch die sozialistische Demokratie in ihren vielfältigen Formen weiterentwickeln. Unser Anliegen ist, dass die Bürger sich immer aktiver und konkreter an den Staatsgeschäften beteiligen. (...) Unsere Probleme allerdings lösen wir selbst, mit unseren sozialistischen Mitteln. (...) Die Kombinate haben eine Reife erreicht, die es ermöglicht, schrittweise eine neue Qualität von Leitung, Planung und wirtschaftlicher Rechnungsführung zu verwirklichen. Eigenerwirtschaftung der Mittel - das ist ein Schlüsselwort für Änderungen (...). Weit geöffnet wird der Raum für' Verantwortung und Eigeninitiative auf dem soliden Boden eines bilanziert en Planes. Der Einfluss des einzelnen wie des Kollektivs und der Gewerkschaften im Betrieb wird sich erhöhen. (...) ".Mit keinem Wort geht Honecker auf die Massenflucht von DDR-Bürgern ein. Statt dessen erklärt er:
"(...) Die zügellose Verleumdungskampagne, die derzeit, international koordiniert, gegen die DDR geführt wird, zielt darauf ab, Menschen zu verwirren und Zweifel in die Kraft und Vorzüge des Sozialismus zu säen. (...)"Der sowjetische Partei- und Staatschef, Michail Gorbatschow, dem im Laufe des Tages von oppositionellen Kräften in Berlin der Ruf entgegenklang: "Gorbi, hilf uns!", sagt in seiner Festrede zum Thema Perestroika:
"(...) Natürlich hat die DDR, wie jedes andere Land, ihre eigenen Entwicklungsprobleme, die ihre Durchdenkung und ihre Lösung erfordern. Sie sind sowohl vom inneren Bedürfnis der Gesellschaft zur ständigen Weiterentwicklung hervorgerufen als auch vom allgemeinen Prozess der Modernisierung und Erneuerung, der jetzt im gesamten sozialistischen Lager vorgeht. (...) Wir zweifeln nicht daran, dass die Sozialistische Einheitspartei mit ihrem intellektuellen Potential, ihren reichen Erfahrungen und ihrer politischen Autorität imstande ist, in Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlichen Kräften Antwort auf die Fragen zu finden, die durch die Entwicklung der Republik auf die Tagesordnung gestellt wurden und die ihre Bürger bewegen. (...) Die Versuche der Unifizierung und Standardisierung in den Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung, einerseits der Nachahmung, andererseits der Aufzwingung von irgendwelchen verbindlichen Mustern, gehören der Vergangenheit an. (...) Die Auswahl der Entwicklungsformen ist eine souveräne Angelegenheit eines jeden Volkes. (...) Vor allen Dingen sollten unsere westlichen Partner davon ausgehen, dass die Fragen, die die DDR betreffen, nicht in Moskau, sondern in Berlin entschieden werden. Die DDR ist ein souveräner Staat, sie unternimmt selbständig Maßnahmen, die verschiedene Aufgaben des Schutzes ihrer Interessen, ihre Innen- und Außenpolitik betreffen. (...)"Mit einem Fackelzug von über 100 000 aus allen DDR-Bezirken zusammengeholten Teilnehmern legt die FDJ durch den Mund ihres Ersten Sekretärs, Eberhard Aurich, ihr Bekenntnis zur sozialistischen Republik und zur SED ab. In dem FDJ-Gelöbnis heisst es unter anderem:
"(...) Dieses Land ist unser Land. Hier sind wir zu Hause. Hier haben wir noch viel vor. Hier verwirklichen wir unsere Pläne und schaffen unser Glück. Hier arbeiten und lernen, studieren und forschen, tanzen und lieben wir. Hier wollen wir leben in Freundschaft und helfen einander. (...)"Was zuvor und auch an diesem Tag keinem SED- oder FDJ-Funktionär in aller Öffentlichkeit über die Lippen kam, äußert die 19jährige Studentin Gabi Hansch aus Gotha:
"(...) So richtig ausgelassen feiern kann ich nicht. Weil einige nicht mehr dabei sind, viele in meinem Alter, die unser Land verlassen haben. Die im Gegensatz zu mir meinten, hier keine Perspektive zu haben. Das macht mich traurig und nachdenklich."Als die "Berliner Zeitung" diese Meinung wiedergibt, gehört noch Courage dazu, solches zu äußern und zu veröffentlichen. Denn wie mit Andersdenkenden verfahren wird, liest sich in einer von ADN verbreiteten Meldung so:
7. Oktober"In den Abendstunden des 7. Oktober versuchten in Berlin Randalierer, die Volksfeste zum 40, Jahrestag der DDR zu stören. Im Zusammenspiel mit westlichen Medien rotteten sie sich am Alexanderplatz und Umgebung zusammen und riefen republikfeindliche Parolen. Der Besonnenheit der Schutz- und Sicherheitsorgane sowie der Teilnehmer an den Volksfesten ist es zu verdanken, dass beabsichtigte Provokationen nicht zur Entfaltung kamen. Die Rädelsführer wurden festgenommen."
(BZ 9.10.1989)
Ein Ereignis, dass in der DDR zunächst nur durch Meldungen von BRD und Westberliner Fernseh- und Rundfunkstationen bekannt wird, ist die Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) in Schwante (Kreis Oranienburg). Im Auftrag der Initiativgruppe erläutert Markus Meckel in seinem Vortrag die Notwendigkeit der Parteigründung und die Programmatik der SDP:
"1. die gegenwärtige Herausforderung zur ParteigründungVorausgesetzt, wir einigen uns, so gründen wir heute die Sozialdemokratische Partei der DDR.
Wir wollen damit ein Hoffnungszeichen setzen in der Unruhe und Spannung dieser Tage und Wochen. Es soll ein Zeichen sein des beginnenden Endes einer entmündigenden Herrschaft und des notwendigen Anfangs einer wirklich demokratischen Republik.(...) Die Situation in unserem Land ist bedrohlicher denn je. Die Politik der SED hat das Land in eine schwere Krise geführt, eine Krise, die offenbart, was in diesem Land seit Jahrzehnten geschieht. Diese Politik plündert das Land aus und verschleudert seine Ressourcen.
Wir leben von der Substanz und durch ständige Hypotheken auf die Zukunft. Täglich verlassen viele zumeist junge Menschen die DDR.Natur und Umwelt werden durch unverantwortliche Politik und schlechtes Wirtschaften in großem Ausmaß zerstört. Wir werden zum Müllplatz des Westens. Schweinefleisch geht billig in den Westen Gülleseen bleiben zurück (Quaschwitz, Bezirk Gera).
Alles, was für Devisen zu bekommen ist, wird verkauft, selbst kulturelles Erbe. Alte Städte verfallen und werden abgerissen. (...)Wer etwas gegen all dies tun will, erfährt: Du bist nicht zuständig! Das geht dich nichts an.
Wenn er oder sie den Verantwortlichen sucht: Es gibt ihn scheinbar nicht.Eine organisierte und scheinbar anonyme Verantwortungslosigkeit prägt das System. Ein 40jähriger absoluter Wahrheits- und Machtanspruch der SED hat die Menschen ihrer Zuständigkeit für die eigene Wirklichkeit beraubt.
Die jahrzehntelange Bevormundung und Entmündigung hat es verhindert, dass die meisten Bürger dieses Landes eine Identität als DDR-Bürger entwickelt haben. Die Menschen verloren weitgehend die politische Dimension als Teil ihres Lebens und wurden so eines Teils ihrer selbst beraubt. Sie erfuhren sich nicht als Herren im eigenen Haus, sondern als Untertan, als Befehls- und Weisungsempfänger.Normale soziale Rechte wie z. B. eine angemessene Berufsausbildung und das Erhalten einer Wohnung oder die den Fähigkeiten angemessene Stellung und Verantwortung in Beruf und Gesellschaft - all das wurde unter der Hand zu einem Privileg, das zu verlieren man Angst hatte.
Dieses System der Angst war ein Wesensmerkmal unserer Gesellschaft.Und wirklich vorbei ist es noch nicht.
Die SED betrachtet bis heute Staat und Gesellschaft als ihren Besitz, den sie möglichst umfassend gestalten und formen will.Neben der Entmündigung der Bürger führt dies auch zu einem riesigen bürokratischen Apparat mit seinen Sicherheitskräften und zu der bekannten Unflexibilität in Gesellschaft und Wirtschaft.
In den Ländern Osteuropas ist in den letzten Jahren vieles in Bewegung gekommen. Das hat auch in unserem Land manche Hoffnung geweckt. Doch ist diese Hoffnung in den letzten Monaten bei vielen einer großen Enttäuschung und Perspektivlosigkeit gewichen, weil die SED keinerlei Bereitschaft zu wirklichen Reformen gezeigt hat.Diese Politik der SED verhindert zunehmend selbst, was ihr erklärtes Ziel ist. Durch eine 40jährige Geschichte hat sie, den Begriff des Sozialismus so sehr diskreditiert, dass er gegenüber vielen DDR-Bürgern kaum noch benutzbar ist als Bezeichnung eigener Zielbestimmung. Dabei wollen wir genau das, was in der Version des Sozialismus angesprochen ist: ein gerechtes und soziales Gemeinwesen. Die Chancen des Aufbaus eines solchen Gemeinwesens in einer nichtkapitalistischen DDR schwinden jedoch bei längerer SED-Herrschaft immer mehr, deshalb wollen wir nicht warten, sondern tun, was wir selbst tun können.
Wir treten ein für eine völlige Neuorientierung und Umstrukturierung von Staat und Gesellschaft in der DDR.Auch wir wollen einen Staat in antifaschistischer Tradition, wie er vor 40 Jahren proklamiert wurde. Doch wollen wir es grundsätzlicher. Wir sind Gegner jedes Totalitarismus - also auch des Stalinismus.
So ist gerade im Anknüpfen an die antifaschistische Tradition eine radikale Veränderung nicht nur gegenwärtiger Politik notwendig, sondern des Systems als Ganzes. (...)2. Warum eine sozialdemokratische Partei?
2.1. Die Inhalte des Namens als OrientierungSchon im Namen einer sozialdemokratischen Partei sind zwei grundlegende Kriterien für die Entwicklung, die wir wollen, angesprochen. Sie soll sozial und demokratisch sein!
Mit dem festen Zusammenhang beider Begriffe ist die notwendige Zusammengehörigkeit von sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen Menschenrechten und den politischen und bürgerlichen Grund- und Partizipationsrechten ausgedrückt.Diese Menschenrechte sollen Leitlinien und Grundlagen unserer Politik sein und müssen gegen jede staatliche und wirtschaftliche Macht geschützt und durchgesetzt werden. Oft wird für diese Zielrichtung dann auch der Begriff des demokratischen Sozialismus gebraucht.
Zu unserer Zielbestimmung gehört als drittes Kriterium noch die ökologische Orientierung. (...)2.2. Das Anknüpfen an die deutsche sozialdemokratische Tradition
Mit der Wahl dieses Namens stellen wir uns bewusst in eine alte Tradition. Der Grundcharakter der deutschen Sozialdemokratie war von Anfang an das Eintreten für die Benachteiligten im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozess - und das waren zuallererst die Arbeiter. Dabei war der Ansatz von vornherein nicht paternalistisch, sondern lag in der Mobilisierung der Betroffenen, die in der SPD zum Subjekt ihres eigenen Befreiungskampfes wurden. Schon früh band die Sozialdemokratie die Verfolgung ihrer Ziele an demokratische Wege und Methoden, d. h. an Rechtsfassung und -normen.Sie war gegen Gewalt im gesellschaftlichen Kampf. Dem fühlen wir uns verbunden. Sie machte Veränderung der Gesellschaft in einem demokratischen Gemeinwesen vom Willen der Mehrheit abhängig und versuchte, diesen Mehrheitswillen zu formen und zu mobilisieren.
So wurde sie zunehmend zu einer Volkspartei, welche die Gewerkschaften unterstützte und für die Mitbestimmung am Arbeitsplatz und in der Gestaltung der Produktion eintrat, ebenso wie schon sehr früh für die Gleichberechtigung der Frauen.Diese Tradition ist uns wichtig.
Nach der unter Druck stattgefundenen Vereinigung von SPD und KPD auf dem Gebiet der heutigen DDR wurde diese Tradition schnell verdrängt. Wir wollen sie wieder lebendig werden lassen - unter den für uns spezifischen Bedingungen in der DDR. (...)Die Bestimmung unserer Programmatik ist ebenfalls von einem wichtigen, von marxistisch-leninistischen Parteien verfemten Prinzip gekennzeichnet: dem Revisionismus.
Jede historische Situation erfordert die Überprüfung und mögliche Revision des Programms aus dem jeweiligen Kontext und konkret auf ihn bezogen. jeden Anspruch auf eine angebliche Einsicht in eine gültige Geschichtsmethaphysik und einen sich daraus ableitenden Wahrheitsanspruch lehnen wir ab.Wir haben die Hoffnung, dass die SDP in der DDR zu einer Volkspartei wird. Sie soll Bürgerinnen und Bürger aller sozialen Schichten ungeachtet ihrer Weltanschauung und ihres Glaubens vereinigen mit dem Ziel einer ökologisch orientierten sozialen und demokratischen Entwicklung der DDR.
Wir laden alle SED-Mitglieder ein zu prüfen, ob diese Partei für sie zu einem Ort demokratischer Mitarbeit für dieses Ziel werden kann. Wir wollen die Entwicklung dieses Landes aktiv mitgestalten und in ihm für die Verwirklichung dieser Ziele arbeiten.Wir werden auch bereit sein, dafür Verantwortung zu übernehmen - in dem doppelten Sinne, dass wir einstehen für das, was wir tun, und dass wir bereit sein müssen, einmal an demokratischer Machtausübung beteiligt zu sein.
2.3. Das Sich-Hineinstellen in einen internationalen Kontext2.4. Nächste Schritte im Aufbau der Partei
(...)
3.2. Zu einer demokratischen Ordnung in Staat und Gesellschaft
Demokratie, d. h. die Teilnahme aller Bürger und Bürgerinnen an den Entscheidungsprozessen auf Grund gleicher Rechte und Pflichten, wird zu einer Grundbestimmung unseres Gemeinwesens in der DDR werden müssen. Nur so wird eine breite Identifizierung der Menschen mit diesem Land möglich werden. Voraussetzung jeder demokratischen Ordnung ist die möglichst klare Trennung von Staat und Gesellschaft, d. h. nicht nur von Staat und Kirchen, sondern ebenfalls von Staat und Partei(en).Jede(r) hat das Recht, innerhalb des demokratischen Rechts in der Gesellschaft seine Interessen und seinen politischen Willen zu verfolgen und zur Geltung zu bringen und sich dafür mit anderen zusammenzuschließen. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten: Vereine, Gewerkschaften, demokratische Bewegungen, Bürgerinitiativen, Parteien, Bildungseinrichtungen usw.
Pluralität der Interessen und Kräfte stärkt die Gesellschaft und macht sie menschlich. Hier entwickeln und bilden sich politische Existenz und demokratische Haltung, d. h. die Zuständigkeit und Verantwortung für die eigenen Verhältnisse.Politische Macht muss durch Mehrheitsfindung zustande kommen, der Öffentlichkeit durchsichtig sein, gesellschaftlich kontrolliert werden und abwählbar sein.
Die staatlichen Funktionsweisen sind: Das frei gewählte gesetzgebende Parlament, die Regierung und eine unabhängige Justiz.Aufgabe des Staates ist es:
- die persönlichen, sozialen, kulturellen und politischen Grundrechte der Bürger und die ihnen entsprechende Wahrnehmung von Verantwortung zu ermöglichen, zu stärken und zu schützen.Allen Monopolisierungen in Staat und Gesellschaft ist entgegenzutreten, insofern sie die sozialen und politischen Rechte der Bürger beeinträchtigen und verkehren. Wo sie nicht vermeidbar sind - oder gar notwendig, wie im Falle des Gewaltmonopols des Staates, - ist strengste demokratische Kontrolle notwendig.
Alle Entscheidungen in Staat und Gesellschaft müssen so dezentral wie möglich und so zentral wie nötig getroffen werden. (...)Demokratie soll unsere politische Kultur bestimmen und bedarf einer starken Öffentlichkeit.
Die in Demokratie verwirklichte Freiheit wird aber nur Bestand haben, wo Menschen solidarisch füreinander einstehen und auch der Schwache zu seinem Recht kommt, wo Menschen bereit und fähig sind, Verantwortung wahrzunehmen. Niemand darf in Staat und Gesellschaft von der demokratischen Teilhabe ausgeschlossen oder durch soziale, nationale und rassistische Schranken von ihr ferngehalten werden.3.3. Wirtschaftsdemokratie in einer sozialen Marktwirtschaft mit ökologischer Orientierung.
(...)
3.3.1. Markt und Staat
Unsere Wirtschaft muss wieder eine ökonomisch durchsichtige Wirtschaft werden. Sie soll wieder flexibler und effektiver werden durch den notwendigen Markt und entsprechenden Wettbewerb.Der Marktmechanismus ist ein nicht durch Planung zu ersetzendes Mittel der Steuerung der Wirtschaft. Er muss in unserer Wirtschaft wieder zur Geltung kommen.
Der Markt reagiert aber auf einen Bedarf und produziert für ihn, wenn für diesen auch Kaufkraft da ist. So entsteht ein soziales Problem für alle, die am ökonomischen Reproduktionsprozess nicht teilnehmen bzw. teilnehmen können. Es entsteht die Aufgabe der sozialen Sicherung.Ebensowenig ist der Markt fähig, ökologische Kriterien von sich her zu erfüllen, da die Natur oft erst langfristig und an anderer Stelle die Folgen der menschlichen Eingriffe zeigt.
Es entsteht die Aufgabe der Erhaltung unserer natürlichen Lebensbedingungen für die kommenden Generationen.Ein wichtiges Mittel ist eine Gesetzgebung, welche die Verursacher haftbar macht und ökologische Vorsorge- und Nachfolgekosten in das Marktgeschehen einbezieht.
Der Markt lebt vom Wettbewerb. Dieser muss erhalten, seine Untergrabung durch Machtballung und Verflechtung von Konzernen verhindert werden. Dafür ist eine Kontrolle durch den Staat notwendig zur Verhinderung von Monopolen und wirtschaftlicher Machtkonzentration (wirksames Kartellamt, straffe Unternehmensgesetzgebung).Humane Ziele und nicht allein der Profit müssen wirtschaftliche Entwicklung lenken. Durch Gebote, Verbote, Grenzwerte etc. und gezielte Förderung bestimmter technologischer Entwicklungen und Produktionsformen ist die Wirtschaft so zu lenken, dass sie Mensch und Natur nicht bedroht.
Alle diese Aufgaben erfordern eine staatliche Rahmengesetzgebung nach sozialen und ökologischen Kriterien, die gleichzeitig ein willkürliches profilorientiertes Wachstum verhindern.Der Staat ist darüber hinaus verantwortlich für die Infrastruktur und die Gewährleistung notwendiger Gemeinschaftsgüter.
Finanz- und Kreditwesen bleiben eine Institution des Staates.3.3.2. Gemischte Wirtschaftsformen und demokratische Kontrolle
Wir setzen uns ein für eine soziale Marktwirtschaft mit vielfältiger gemischter Wirtschaftsstruktur und unterschiedlichen Eigentumsformen (z. B.: Genossenschaften, Arbeiterselbstverwaltung, Eigentum oder Beteiligung des Gesamtstaates, der Städte und Gemeinden, private Eigentumsformen).Wichtig ist nicht in erster Linie, wer und wo der Eigentümer, d. h. der Entscheidungsträger ist, sondern dass effektiv gewirtschaftet wird und der erwirtschaftete Reichtum allen zugutekommt durch entsprechende Umverteilung und Investitionen. Wir treten ein für Mitbestimmung, Kapitalbeteiligung und Selbstverwaltung als Wege zur Demokratisierung der Wirtschaft.
Eine Unternehmensvielfalt wirkt der Machtkonzentration, entgegen. Neue Unternehmensformen, die die Demokratisierung der Wirtschaft fördern, müssen ausprobiert und gefördert werden.Eine breite Beteiligung aller, die die Werte im Produktionsprozess erarbeiten, und der Gewerkschaften ist bei den Entscheidungen auf den verschiedenen Ebenen des Wirtschaftslebens notwendig.
Dafür ist ein kluges Mitbestimmungsrecht erforderlich.Gleichzeitig muss stärker nach ökonomisch wirksamen Formen gesucht werden, die Rechte und Interessen der Konsumenten zu stärken.
Freie und starke Gewerkschaften spielen sowohl für die Demokratisierung des Wirtschaftslebens als auch für die soziale und rechtliche Absicherung der Arbeiter und die Solidarität zwischen ihnen eine wesentliche Rolle. Zu ihrer Stärkung ist das Streikrecht notwendig.3.3.3. Herausforderungen an die Energiepolitik der DDR
(...)
3.3.4. Umbau in der Landwirtschaft
Landwirtschaft und naturnahe Landschaftsgestaltung müssen zusammenkommen.Großflächige industrielle Landwirtschaft mit schweren Maschinen sowie die Intensivbearbeitung der Böden mit chemischem Dünger und der Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln tragen wesentlich zur Zerstörung unserer Umwelt bei und sind zudem wirtschaftlich unrentabel und wenig flexibel. Die Landwirtschaft muss umstrukturiert werden hin
- zu gemischten Eigentumsformen und kleineren Einheiten (Genossenschaften, kleinere und mittlere private Betriebe),3.3.5. Konsumgewohnheiten und Lebensstil
(...)
3.4. Soziale Sicherheit und Gleichberechtigung der Frau
(...)
Die Gleichberechtigung der Frauen ist in der sozialen Anerkennung und auch ökonomisch im internationalen Maßstab weit vorangeschritten.
Doch kommt es häufig zu Doppelbelastungen in der Arbeit, Familie und Haushalt. Auf den höheren Ebenen in Staat und Gesellschaft sind Frauen unterrepräsentiert.Eine Neubewertung von Gestaltung und Verteilung von Arbeit ist erforderlich, um Frauen und Männern mit ihren spezifischen Fähigkeiten gleichberechtigt Geltung zu verschaffen.
3.5. Zur AußenpolitikWir setzen uns für ein friedliches und gerechtes Miteinander der Völker ein, für Abrüstung auf allen Ebenen und wollen uns im eigenen Land für entsprechende Schritte einsetzen.
An der Seite der Entwicklungsländer treten wir für eine grundlegende Neuordnung der Wirtschaft ein, um zu gerechten Handelsbedingungen zwischen den Völkern zu kommen.Ein wichtiges Anliegen der Außenpolitik muss die Förderung der Menschenrechte sein. (...)
Wir treten ein für die Gewährung von Asyl für politisch Verfolgte.Solidarität mit den entrechteten und unterdrückten Völkern und nationalen Minderheiten sollte Prinzip unserer Außenpolitik sein.
3.5.2. EuropaWir treten für eine intensive Weiterführung des KSZE-Prozesses ein und sehen darin wichtige Schritte auf dem Weg zur gesamteuropäischen Friedensordnung, die wir anstreben. In dieser werden Warschauer Vertrag und NATO überflüssig sein. Darauf wollen wir hinarbeiten.
Wir unterstützen die Veränderungen in den anderen Staaten Ost- und Mitteleuropas und wollen mit den Kräften der Veränderung dort in einen intensiven Kontakt und Erfahrungsaustausch eintreten. Wo wir uns gegenseitig helfen können, müssen wir es tun!Große Befürchtungen hegen wir angesichts des für 1992/93 vorbereiteten (West-)Europäischen Binnenmarktes. Wir sehen eine ' Entwicklung zur Konzentration wirtschaftlicher Macht und nicht die notwendigen europäischen Institutionen die sie realiter begrenzen würden. Wir befürchten, mit anderen Ländern zum bloßen Hinterhof Westeuropas degradiert zu werden. Wir hoffen, in Zukunft mit der Unterstützung verbündeter Kräfte in Westeuropa den Spielraum eigenständiger Entwicklung uns erhalten zu können, den wir dringend brauchen.
3.5.3. Die Deutsche FrageWir anerkennen die Zweistaatlichkeit Deutschlands als Folge der schuldhaften Vergangenheit unseres Volkes. Damit sind künftige Optionen im Rahmen einer europäischen Friedensordnung nicht ausgeschlossen, doch können sie jetzt nicht handlungsorientierte politische Ziele sein.
Mit der Bundesrepublik Deutschland verbinden uns eine gemeinsame Geschichte, Kultur und die Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Nation. Dazu kommen millionenfache verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen zwischen den Menschen. Doch eine fast 45jährige Nachkriegsgeschichte, die die beiden deutschen Staaten in feindliche Bündnisse einbezogen hat und in ihnen zu recht unterschiedlichen Entwicklungen geführt hat, eingebettet in eine ganz bestimmte europäische Konstellation, das läßt sich nicht einfach alles wegwischen. Die Rede von Wiedervereinigung ist da äußerst unproduktiv und im Grunde rückwärtsgewandt, denn eine Wiedervereinigung wird es nun bestimmt nicht geben können.Wir wollen das freie Selbstbestimmungsrecht für die Bevölkerung der DDR. Wir wollen offene Grenzen mit visafreiem Verkehr zur Bundesrepublik und die Anerkennung der Staatsbürgerschaft der DDR durch die Bundesrepublik.
Nach dem letzten Weltkrieg sind bald 50 Jahre vergangen. Wir sollten Verhandlungen zwischen den beiden deutschen Staaten und den ehemaligen Siegermächten anstreben, um zu einem Friedensvertrag zu kommen. Dieser stellt die dringend anstehende Souveränität der beiden deutschen Staaten her und sollte auch zur Anerkennung Westberlins als Teil der Bundesrepublik führen. Dafür treten wir jedenfalls ein. Ein wichtiges Ergebnis nimmt der Rückzug der alliierten Truppen und besonders der beiden Großmächte aus beiden deutschen Staaten ein. Das erfordert eine gleichzeitig weitreichende abrüstungspolitische Rahmenbedingung und brächte den friedenspolitischen Prozess in Europa ein Stück voran.4. Schlussbemerkungen
(...)
Jeder, der daran mitarbeitet, ist Teil der Hoffnung für dieses Land."
In der Gründungsurkunde erklären die 43 Unterzeichner "in voller Übereinstimmung mit dem von der Initiativgruppe zur Bildung einer SDP erklärten Grundsatz, auf eine ökologisch orientierte soziale Demokratie hinzuwirken".Die Anwesenden der Gründungsversammlung wählen einen Parteivorstand und zum Geschäftsführer der SDP den Historiker Ibrahim Böhme.
Am 9. Oktober 1989 wird die Gründungsurkunde der SDP beim Ministerium des Innern der DDR hinterlegt. Eine Rückantwort von dort wird nicht erteilt.Linke DDR-Lesben und -Schwule rufen am 7. Oktober 1989 zur Gründung eines "rosa-lila Forums" auf. In dem Aufruf heisst es unter anderem:
"(...) Wir verbinden das Streben nach der umfassenden menschlichen Emanzipation mit dem Kampf um befreite Sexualität und Liebe. Schwule und Lesben erfahren Unterdrückung in dieser Hinsicht doppelt und dreifach.Noch immer werden die Interessen von Schwulen und Lesben in unserem Land ungenügend berücksichtigt. Die endlich erfolgte formale juristische Gleichstellung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die zaghafte Erweiterung von Begegnungsmöglichkeiten mehr der Integration von Lesben und Schwulen in ein veraltetes Gesellschaftsmodell als ihrer wirklichen Emanzipation dienen soll.
Es bleiben auch für Lesben und Schwüle zu wenig Möglichkeiten, ureigenste Interessen selbstverantwortlich wahrzunehmen. Weder gibt es eine wirksame parlamentarische Vertretung noch Medien in eigener Regie.Die eigentliche, historisch unzweifelhafte Legitimation unseres Staates, der Antifaschismus, bleibt auf halber Strecke stehen, wenn es um das Schicksal Hunderttausender von Schwulen und Lesben in unserer Geschichte und Gegenwart geht.
Darum fordern wir: eine Geschichtsschreibung, die die homosexuellen Opfer des Faschismus nicht länger totschweigt; die Anerkennung der ehemaligen KZ-Häftlinge mit dem rosa Winkel als Verfolgte des Naziregimes; Wiedergutmachung für jene, die auch in der DDR wegen ihrer Liebe zum eigenen Geschlecht verfolgt wurden; eigenverantwortete Strukturen und Organisationen, um unsere Interessen selbst zu vertreten; den Abbau noch bestehender gesetzlicher Benachteiligungen, beispielsweise in Erb-, Steuer- und Adoptionsrecht; neue Wege in der Unverheiratetenpolitik und entsprechende wohnungspolitische Konsequenzen; eine AIDS-Politik, die nicht weiter durch Ignoranz gegenüber den gruppenspezifischen Problemen von Schwulen Schuld für den Tod von Menschen auf sich nimmt; ein einklagbares Asylrecht für all jene, die aus politischen oder geschlechtsspezifischen Gründen in ihrer Heimat verfolgt werden (...); ein konsequentes Berücksichtigen schwulen- und lesbenpolitischer Aspekte in Volksbildung, Armee, Strafvollzug etc. durch Einbeziehung derer, die es angeht; sowie ein Verankern dieser neuen Politik in der Verfassung durch den Grundsatz, dass niemand aufgrund seiner geschlechtlichen Neigung in irgendeiner Form diskriminiert werden darf.(...) Wir sprechen uns für alle Formen der friedlichen, demokratischen Meinungsbildung und -äußerung aus. Wir sind bereit, unsere lesben- und schwulenpolitischen Forderungen auch in die traditionellen und sich formierenden politischen Vereinigungen und Strukturen einzubringen.
Wir rufen alle Lesben und Schwulen auf, sich unabhängig vom bisherigen Rahmen ihres Engagements in einem rosa-lila Forum des gemeinsamen Gesprächs zusammenzufinden. Es soll Teil eines pluralistisch-sozialistischen gesamtgesellschaftlichen Forums sein, das sich über unser Land spannt als Neuer Regenbogen."8. Oktober
In Berlin kommt es im Bereich der Gethsemanekirche und der Schönhauser Allee erneut zu Demonstrationen. Tausende nehmen daran teil. Die Polizei geht mit Hunden und Räumfahrzeugen gegen die Demonstranten vor. Über die gewaltsame Auflösung dieser und anderer Demonstrationen in Berlin verfassen von der Polizei Festgenommene später Gedächtnisprotokolle in einem Gesamtumfang von etwa 80 Seiten. Hier einige Auszüge:"Eine Gruppe von etwa 100 Menschen bewegte sich vom Alexanderplatz über die Prenzlauer Allee und Dimitroffstraße und bog in eine Seitenstraße ein. Die Leute gingen ruhig, ohne Sprechchöre, unter Beachtung der STVO auf dem Bürgersteig lang. Von einem 'Rädelsführer' war die Gruppe vorher eindringlich ermahnt worden, in keinem Fall, selbst bei Gewaltanwendung durch die Polizei, Gewalt in irgendeiner Form anzuwenden. Wer dafür nicht garantieren könne, wurde aufgefordert, die Gruppe zu verlassen. Nachdem die Gruppe in die Dunckerstraße eingebogen war, wurde diese von beiden Seiten durch Polizeiketten abgeriegelt ... Von hinten fuhr ein Wasserwerfer heran und beschoss alle im Kessel Befindlichen. Pfiffe aus den umliegenden Häusern wurden mit einem Wasserstrahl in die Fenster beantwortet. Danach wurden alle auf Wagen geladen und abgefahren. (...)"
"Nachdem sich etwa 20 Personen auf dem Wagen befanden, drei Uniformierte aufgesprungen waren, wurde gestartet. Und mit uns gemeinsam bewegten sich fünf LKWs in Richtung Immanuelkirchstraße, Polizeirevier ... Auf unserem LKW kamen Gespräche zustande, die die Gründe der Menschen für den Aufenthalt im Bereich Lychener/Ecke Stargarder Straße beinhalten. Eine Frau erzählte, dass sie in der Stargarder Straße wohne und mit dem Auto unterwegs war. Sie wurde aufgefordert, ihr Auto abzustellen. Beim Aussteigen wurde sie sofort festgenommen und auf den LKW befördert. Einem Mann ging es ähnlich. Er wollte zu seiner Freundin in die gemeinsame Wohnung. Nachdem man ihn vertröstet hatte, 'eine Weile zu warten', wurde er ebenfalls grundlos aufgeladen. Eine Mutter, die gemeinsam mit ihrem zwölfjährig en Mädchen unterwegs war, wurde gemeinsam mit der Tochter aufgeladen. Nur zwei von den auf unserem Wagen befindlichen Menschen waren von der Gethsemanekirche gekommen und wollten nach Hause gehen. Alle wurden einfach so, ohne Grund, aufgegriffen.""Als das Fahrzeug hielt und die hintere Klappe geöffnet wurde, erkannte ich sofort, dass wir in der Immanuelkirchstraße waren. Die große Aluminiumeinfahrtstür war weit geöffnet. Ich sah einen etwa fünf bis acht Meter langen Gang, auf dem etwa 20 Polizisten und zwei bis drei Helfer der VP (Volkspolizei), mit Gummiknüppeln rechts und links verteilt, eine Gasse bildend, standen. Gleichzeitig brüllten ein oder zwei Polizisten: 'Los runter! Im Lautschritt!' und prügelten auf die ersten vor mir los. Dann war ich dran. Die ersten Schläge auf dem Fahrzeug, dann runterspringen, loslaufen, die 'Gasse' entlang (vor mir eine junge Frau). Schläge auf den Rücken, Hintern und Oberschenkel. Ich hielt die Arme vor dem Gesicht, kam auf einen Hof, hörte Kommandos: 'An die Wand stellen, Beine breit, Gesicht zur Wand, Arme hoch, Hände an die Wand.' Ich sehe beim Laufen drei Garagen, davon eine geöffnet, in der einige Leute breitbeinig stehen. Ich muss mich an ein geschlossenes Garagentor stellen. Immer wieder höre ich, wie Leute geschlagen werden. Ich merke, wie ein Polizist von hinten auf mich zukommt. Er tritt mir gegen die Waden und brüllt: 'Beine und Arme weit auseinander!' Ich siehe jetzt etwa 90 Zentimeter von der Wand entfernt. Beine ungefähr genau so weit auseinander, die Arme gestreckt an die Wand gestützt. So stehe ich etwa eineinhalb Stunden. In dieser Zeit werden die Personalausweise eingesammelt und Leute geschlagen, die nicht 'richtig' stehen. Man hört Schreie und Hundegebell. ... Nachdem die eineinhalb Stunden vergangen sind, werde ich aufgefordert, im Laufschritt in die offene Garage zu gehen. Dort werde ich durch eine besonders extreme Körperhaltung gequält. Ich musste mich an die Wand stellen in 'gewohnter' Stellung. Dann kam ein Polizist von hinten und fordert mich mit den Worten 'Wir werden euch Demokratie schon beibringen' auf, von der Wand wegzukommen und die Beine noch weiter auseinander zu machen.... Mir wurden Schläge angedroht, falls ich zusammenbräche. Ich brach nach etwa 20 Minuten zusammen. Die Polizisten lachten und sagten, sie seien human, ich dürfe mich hinknien."
"Mein Nebenmann hielt nicht durch, brach langsam zusammen, dafür wurde er getreten, durfte sich danach aber als Gnadenakt ('Damit sie spüren, wie human wir sind') kniend an die Wand lehnen. Auf die Frage eines anderen, ob er auf die Toilette gehen kann, weil er blasenkrank sei, wurde geantwortet: 'Das will ein Deutscher sein? Bettnässer, was?' Andere hatten sich in die Hose gemacht vor Angst und wurden dafür verhöhnt und beschimpft.""Ich hörte die Schläge und die Schreie des jungen, dazu bellten die beiden Polizeihunde, die ohne Maulkorb hinter uns angebunden waren. Ein Polizist sagte: 'Wollt ihr wissen, was Demokratie ist?' Darauf folgte ein Schlag und ein Schrei.... Es folgten noch Bemerkungen wie: 'In den USA hätten sie euch nicht anders behandelt.' 'Wir warten, bis ihr euch in die Hosen geschissen habt, dann können wir mit euch reden.' Ich stand da und zitterte vor Angst und Kälte."
"Seit ungefähr 30 Stunden hatten wir keine Information von draußen, und mir selbst kam es schon fast vor, als ob im Land ein Putsch der Republikaner stattgefunden hätte. Wir wußten nicht, wie lange das noch alles dauern würde, da von gesetzlichen Maßnahmen ja keine Rede mehr war.""Danach wurde ich zum Verhör zu einer Frau der K. (Kriminalpolizei) gebracht. ... Ich musste begründen, warum ich schwarze Kleidung trage, warum sich an meinem Sweatshirt ein Gorbatschow-Anstecker befindet, warum ich diesen Zettel (aus der Gethsemanekirche) in meiner Tasche habe. Ich wurde gezwungen, eine Erklärung zu schreiben, die beinhaltete, dass ich wisse, dass das Neue Forum verfassungsfeindlich sei und dass ich mit Ordnungswidrigkeitsbestrafung beziehungsweise mit strafrechtlicher Verfolgung zu rechnen hätte, wenn ich die Ideen des Neuen Forums verbreitete oder mich mit ihnen identifizierte."
"Spätestens seit dem gestrigen Tag habe ich das Vertrauen zu unserem humanistischen Staat verloren. Ich dachte, dass wir den Militarismus spätestens seit 1949 abgebaut hätten. Für mich gibt es ab Sonnabend nichts mehr zu feiern. Ich glaube, dass 50 Prozent der jetzt Inhaftierten mit dem Gedanken spielen, einen Ausreiseantrag zu stellen."9. Oktober
Nach dem inzwischen traditionellen Friedensgebet in mehreren Leipziger Kirchen kommt es in der Messestadt erneut zur Montagsdemonstration für demokratische Erneuerung in der DDR, an der rund 70 000 Menschen teilnehmen. In den Kirchen und über den Leipziger Stadtfunk wird ein Aufruf verlesen, der die Unterschriften von Generalmusikdirektor Prof. Kurt Masur, Gewandhauskapellmeister, dem Pfarrer Peter Zimmermann, dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange und der drei Sekretäre der SED-Bezirksleitung Leipzig Roland Wötzel, Kurt Meyer und Jochen Pommert trägt. In dem Aufruf heisst es u. a.:"(...) Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Lande. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, dass diese( Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. (...)"
An jenen Tag erinnert der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer später in einem Zeitungsinterview:"Die Leute gingen mit der chinesischen Angst im Bauch auf die Straßen. Ich habe das erlebt in Leipzig. Wie war die Stadt belagert. Sie können sich das nicht vorstellen.
In dieser bedrohlichen Situation ist etwas Wunderbares passiert. Als nämlich drei der Kirche nahen Gruppen in Leipzig am 9. Oktober den Appell zur Gewaltlosigkeit verabschiedeten, der dann in den Kirchen verlesen worden ist. Leute, die jahrelang unter starker Bespitzelung und Bedrängung der Staatssicherheit standen, bekannten sich darin zu ihrer Angst, auch zu der Angst um die Uniformierten und mahnten: Gewalt löst keine Probleme, ist unmenschlich. Gewalt kann nicht das Zeichen einer neuen, besseren Gesellschaft sein."In einer Zeitungsreportage wird über die Leipziger Demonstration u. a. berichtet:
"(...) 'Wir sind das Volk!' heisst die Parole des Tages, und für diesen Abend hat sich die Staatsgewalt entschieden, das Volk auch Volk sein zu lassen. Gerüchte kursieren zwar am Straßenrand: 'Ganz Leipzig ist abgesperrt.' 'Da vorn ist eine Bullensperre. Aber erstmals seit den erstarkenden Demonstrationen der letzten Wochen hat sich die Polizei fast vollständig zurückgezogen und lässt die Demonstranten ungehindert die spontan eingeschlagene Route wählen.Nur die grün uniformierten Betriebskampfgruppen stehen mit großem Aufgebot bereit. Bis in den späten Abend hinein werden ihre LKWs von Demonstranten umringt, die mit den Genossen' das Gespräch suchen. Mensch, ihr könnt doch nicht auf eure eigenen Kinder einprügeln! heisst es immer wieder aus den Diskussionstrauben. 'Ihr wisst doch selber, was in den Betrieben alles schiefläuft. Da muss doch was passieren.' Immer wieder an diesem Abend das Erstaunen über sich selbst: 'Mensch, das darf doch nicht wahr sein!' 'Das gibt's doch gar nicht! Nee, daran können die "nicht mehr vorbei!'
(...) Der Leipziger Aufruf der drei SED-Bezirkssekretäre, der wie von Geisterstimme im Halbstundentakt aus einem Lautsprecher hallt, bleibt zunächst beinahe unbeachtet. Erst als der Demonstrationszug nach eineinhalb Stunden erneut am Karl-Marx-Platz angelangt ist, strömen die Leute zusammen, hören gespannt zu, applaudieren. Als sich in Leipzig gegen 21 Uhr die bisher größte Demonstration auflöst, ist in den DDR-Medien von Dialog keine Spur. Wenn die Demonstranten bei ihrer Ankunft zu Hause den Fernseher angeschaltet haben, konnten sie in der Aktuellen Kamera erfahren, was sie in der realsozialistischen Wahrheitsfindung immer noch sind: 'antisozialistische Störer' und ,vom Westen ferngesteuerte Randalierer'."Der Dresdener Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer empfängt 20 Bürger der Stadt, die tags zuvor von Tausenden Demonstranten in der Stadt zu ihren Sprechern bestimmt worden waren. In ihrem Neun-Punkte-Programm wird u. a. gefordert: Klärung des gewaltsamen Vorgehens von Sicherheitskräften gegen Demonstranten am 8. Oktober, Gewährung von Meinungs-, Demonstrations- und Reisefreiheit, freie Wahlen, Zulassung des Neuen Forums. Berhofer sagt zu, die Forderungen zu prüfen und gegebenenfalls an höhere Stellen weiterzuleiten.
In der Berliner Gethsemanekirche verliest Bischof Gottfried Forck einen Appell führender Vertreter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, in dem die Führung der DDR aufgefordert wird, "Umfassend deutliche und glaubhafte Schritte einzuleiten, damit eine breite Übereinstimmung für eine demokratische und rechtsstaatliche sozialistische Perspektive der DDR gefunden wird".In Halle wird eine Schweigesitze mit 2 000 Teilnehmern gewaltsam aufgelöst.
In Magdeburg demonstrieren mehrere tausend Menschen.Das FDJ-Organ "Junge Weit" veröffentlicht einen Offenen Brief des Präsidenten des Schriftstellerverbandes der DDR, Hermann Kant, verfasst "bei grimmiger Verfassung am 1. Oktober 1989". Kant bezieht sich darin auf seine in der JW-Ausgabe vom 23./24. September 1989 nachgedruckte Antwort auf eine Umfrage der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", was nach seiner Auffassung in der DDR "eher Verwirrung als Klärung gestiftet" habe. Nach Ausführungen zur "Selbstherrlichkeit im Pressewesen" der DDR schreibt Kant unter anderem:
"(...) Zurückgekehrt von einer verflucht anstrengenden Reise, fand ich die Klage von Schülern vor, die man mit meinen von Euch nachgedruckten Äußerungen angestrengt hatte, um nicht zu sagen behelligt, und die mich darob weidlich verfluchten ... Pädagogisch gestimmte Personen lösten eine Aussage meines 'Zeit'- und 'Junge Welt'-Beitrages aus dessen Umfeld und beauftragten die ihnen unterstellten jugendlichen, den Sinngehalt der folgenden Satzverbindung aufzuspüren und seine Triftigkeit anhand von fünf Beispielen zu belegen: Wir haben uns den anderen weggenommen; sie wollen uns wiederhaben.Allen Missverständissen halbwegs vorzubeugen. Ich bestehe auf dieser Ansicht; in ihr drückt sich etwas aus, das jene 40 Jahre, die wir feiern sollen und feiern wollen, zu einer Zeit der Kämpfe machte. Wer übersieht, dass wir uns den anderen weggenommen haben und sie uns wiederhaben wollen, kann von den Kämpfen der letzten Tage keinen verstehen. Und kann natürlich auch keinen dieser Kämpfe bestehen.
Insofern ist gegen die Beschäftigung mit meiner Formulierung gar nichts einzuwenden, aber striktesten Einwand erhebe ich, wenn man so tut, als sei das alles, was ich zu den Kämpfen der letzten Tage und Wochen zu, sagen weiß. Wenn man mich als einen hinstellt, der glaubt, unsere derzeitige Niederlage sei einzig auf das Wirken des allbösen Klassenfeindes zurückzuführen. Wenn man mich zu denen rückt, die am Klassengegner bemängeln, dass er sich wie ein Klassengegner aufführt. Wenn man mich klingen lässt, als wüsste ich zur schmählichen Wanderbewegung dieser Wochen nur von bösen Buben zu sagen, die da locken oder unsere braven Mitropa-Kellner mit Menthol vergiften. Einwand erhebe ich, wenn man mich zu denen zählt, die nicht fragen wollen, warum man den bösen Buben wohl Folge leistet und Freunde, Nachbarn, Arbeit, Wohnung, Pläne, Heimat und kleinen Besitz in den Wind schlägt. Schärfsten Widerspruch lege ich ein, wenn man den Anschein erweckt, ich sei des Glaubens, meines Gegners Kraft allein veranlasse junge Frauen, ihre Kinder über Botschaftszäune zu reichen, und dieselbe Kraft bewege junge Männer, freiwillig Quartier in fremden Kasernen zu suchen ...Ja doch, die anderen wollen uns wiederhaben, und wer zu ihnen geht, löst diesen Willen auf persönlichste Weise ein. Das jedoch entbindet uns nicht der Frage, was an unseren Verhältnissen jemanden veranlasst, jemanden, der eben noch Bürger dieses Landes, Schüler unserer Schulen, Leser Eurer Zeitung war, sich auf undurchschaubar andere, unzweifelhaft riskante Verhältnisse einzulassen. So wahr es auch ist, so bringt es uns doch nicht weit, wenn wir andeuten, gar mancher habe beim Weggang weniger Klassen als Hubraumklassen im Auge und verspreche sich goldene Berge dort, wo sich doch so viele rostige Halden türmten. jetzt kommt es nicht so sehr darauf an, die anderen schlecht, als vielmehr das Eigene gut zu machen. Weniger vor dem Sumpf da drüben warnen (ja, es gibt ihn, ich weiß, und seine Beschreibung soll auch künftig nicht verboten sein); mehr an die eigene Nase fassen (Selbstkritik nannte man das vor Zeiten). Wir müssen uns an der eigenen Nase aus dem Sumpfe ziehen - zugegeben ein eher literarisches Verfahren, aber zu viel anderem reicht meine Bildung nicht hin.
Aber meine literarische Bildung reicht doch zu, von der Vergeblichkeit zu ahnen, auf die wir uns einrichten müssen, wenn wir die Dinge nicht bei ihrem Namen nennen. Eine Niederlage ist eine Niederlage, und passe sie noch so schlecht in den Vorabend eines gloriosen Feiertages. Die Züge, mit denen die Deutsche Reichsbahn, die einstens Lenin aus der Schweiz durch Deutschland nach Russland transportierte, nunmehr Bürger der. Deutschen Demokratischen Republik via Deutsche Demokratische Republik aus Warschau nach Braunschweig verfrachtet, sind nun einmal wahrlich keine Siegeszüge. Unseres Sieges jedenfalls nicht. (...)Ich bin eine Woche im nördlichen Ruhrgebiet gewesen und habe sechs Veranstaltungen lang hören können, wie denen ums Herz ist, die von unserem 40. Jahrestag lesen und auch vom Eintreffen weiterer Dreißigjähriger aus unserem Land in ihrem Land. Meine Bücher, derentwegen die Tour vor sechs Monaten verabredet wurde, kamen wohl zu Wort, hatten aber bald das Maul zu halten, denn allzusehr ging den Leuten der Mund über von dem, wovon ihnen das Herz überfloss. Sagen sollte ich, was los sei mit der DDR und dem Sozialismus dort und auch gleich mit dem Sozialismus überhaupt. (...)
Die Reise blieb schwierig genug. Ob in Dortmund, Hamm, Lünen, Kamen, Soest oder im Justizstrafvollzug Werl, dem ehemals berüchtigtem Zuchthaus Werl, in dem auch heute nur Leute von beträchtlichem Täterkaliber sitzen - es war Maloche, wie ich sie nicht zu häufig betreiben möchte. Ja, wenn Bösewichte vorherrschend gewesen wären, das hätte sich machen lassen, aber neben den Störenfrieden, an denen es nirgendwo fehlte, waren vor allem friedfertige Leser versammelt, und deren Ratlosigkeit hat mir zugesetzt. Mit den Schreihälsen, darunter auch solchen, die, wie jüngst erst von der 'Zeit' empfohlen, mit dem nagelneuen Bundespass in der Tasche ihre nagelneue Schmähfreiheit gegen mich erprobten, kommt man zurecht, wenn man die drei Griffe dieser Menschen kennt - mit der Trauer jener, denen die DDR zumindest eine bedenkenswerte Neuheit war, ein Vorgang, über den sich bislang sehr gut mit ihnen reden ließ, mit dieser Trauer mag ich nicht lange sein.
Nein, Freund Schütt (Hans-Dieter Schütt, damals Junge Welt-Chefredakteur Anm. d. Hrsg.), ich weiß kein Rezept gegen zu geringe Arbeitsproduktivität und ein reizloses Lohnsystem, aber um derlei ist es in sechs vielstündigen Debatten kaum gegangen. Es ging um eine Freiheit, von der sie da drüben glauben, sie hätten die Fülle davon, und von der wir hierzulande denken, sie bestünde in der Abwesenheit von Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Sozialelend und Bildungsnot. Darin besteht sie sicher zu größeren Teilen, und in der Abwesenheit von Kriegsfurcht, Konzerndiktat, Ausbeuterei und Großbesitz besteht sie zuallererst, aber zum einen hält der Mensch derlei Güter, verfügt er nur lange genug über sie, für selbstverständlich und will sich nicht immerfort als dankbar für sie erweisen müssen, und zum anderen fressen bürokratische Gängelung, allwaltender Pädagogismus, verordnete Abstinenz gegenüber Gütern, die anderswo als Normbestandteile des 20. Jahrhunderts gelten, mangelnde Freizügigkeit von Ideen im eigenen Lande und Trichterbegriff von Agitation an dieser bei uns doch so reichlich vorhandenen Substanz.Wenn wir nicht möchten, dass uns die, denen wir uns weggenommen haben und die uns wiederhaben wollen, sukzessive wiederkriegen, müssen wir uns mit uns selbst verständigen. Kritisch und selbstkritisch, offen, nicht wehleidig, hart und geduldig. Hellhörig, was auch ohne Misstrauen geht. Vertrauensvoll, was nicht ohne Wachheit geht. Unter Verzicht auf Pomp und Gepränge und diese elendige Selbstzufriedenheit. - Dass die DDR ein Staat von beträchtlichem Verdienst um den äußeren Frieden ist, hat sich längst herumgesprochen. Ich wollte, dem liefe die Nachricht von unserem vernünftigen Umgang mit uns selbst bald hinterher.
Vor vielen Wochen habt auch Ihr, ähnlich der 'Zeit', eine Umfrage gemacht. In einem Satz sollte man sagen, was man als das Beste an der DDR empfinde. Ich weiß meine Antwort auf Eure Frage nach dem Besten der DDR noch genau, zumal ich sie in einem nicht sehr korrekten, dafür aber kaum verkürzbaren Satz geliefert habe. - 'Dass es sie gibt', sagte ich. Fragte man mich jetzt nach dem Schlechtesten an ihr, müsste ich wohl sagen; 'Dass es sie so wie derzeit gibt.'"Der Brief Kants findet republikweit Anklang. Es ist das erste Mal, dass ein SED-ZK-Mitglied die Dinge so offen beim Namen nennt.
Sitzung des Präsidiums des Kulturbundes der DDR. In einem Kommuniqué heisst es dazu:"(...) Einen breiten Raum in der Beratung des Präsidiums nahm die Diskussion über die aktuellen politischen Ereignisse ein. Das Präsidium teilt die Besorgnis vieler Bundesfreunde und Gesprächspartner aus allen Bezirken über die entstandene Lage und fordert die Leitungen und Vorstände auf, unsere Kräfte gemeinsam mit allen gesellschaftlichen Partnern für die Weiterentwicklung des Sozialismus, der sozialistischen Demokratie in unserem Lande einzusetzen. (...)
Wir sind sehr betroffen, dass viele Tausende ihre Heimat, unser Land, verlassen. Das Wirken der Gegner des Sozialismus dabei ist für jeden offensichtlich, aber wir stellen uns auch die Frage, warum es uns nicht gelungen ist, vor allem junge Menschen unter den Auswanderern für das schwierige, aber perspektivreiche Leben bei uns zu gewinnen. (...)Die unerläßliche Erneuerung unserer Gesellschaft fördern wir vor allem dadurch, dass in den Klubs der Intelligenz, und in allen Kulturbundveranstaltungen das offene Gespräch über alle ökonomischen, politischen und geistig-kulturellen Fragen unseres Lebens stattfindet. Entschieden setzen wir uns dafür ein, dass das Wort unserer Abgeordneten, unserer Leitungen und unserer sachkundigen Mitglieder von den staatlichen Organen gehört und berücksichtigt wird. Ein reicheres kulturelles Leben überall muss das Ziel sein. In unserer kulturpolitischen Wochenzeitung 'Sonntag' sollen die wichtigsten Themen unserer Zeit offen, realistisch und konstruktiv erörtert werden. (...) Unser Land braucht alle Ideen und Kräfte für Frieden, Demokratie und Sozialismus, denn die großen Ideale der Menschheit können in keiner Ausbeuterordnung verwirklicht werden."
(BZ, 13.10.1989)
ADN verbreitete eine Information der Presseabteilung des Ministeriums des Innern "zu den von westlicher Seite erhobenen Verleumdungen über den Einsatz der Volkspolizei in den letzten Tagen". Darin heisst es u. a.:
"In mehreren Städten der DDR war es zu Störungen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit gekommen. Zur Auflösung ungesetzlicher Zusammenrottungen hatte die Volkspolizei wiederholt aufgerufen. Erst als alle Ermahnungen zur Gewaltlosigkeit und zur Zurückhaltung nicht fruchteten, war der Einsatz von Ordnungskräften zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung unumgänglich. Wahr ist, dass Randalierer, aufgeputschte Störer und kriminelle Elemente staatsfeindliche Parolen riefen und die im Ordnungseinsatz befindlichen Volkspolizisten tätlich angriffen. Sie warfen mit Steinen, Flaschen und Brandsätzen, schlugen brutal und rücksichtslos mit Stahlstangen und anderen Schlaggegenständen auf die Ordnungskräfte ein. Und nicht zufällig trugen viele der Krakeler Schutzhelme, was auf vorsätzliche und geplante Handlungen schließen lässt. Tatsache ist, dass die Volkspolizei äußerst zurückhaltend und erst, nachdem sie angegriffen wurde, gegen Unruhestifter unter Anwendung polizeilicher Hilfsmittel vorging und nicht, wie westliche Medien behaupten, blindlings und rücksichtslos auf unbeteiligte Bürger einschlug.Wahr ist ebenfalls, dass 106 Volkspolizisten zum Teil erheblich verletzt wurden, 46 Rowdys kamen zu Schaden. Angebliche Tote sind von den Westmedien frei erfunden. (...)."
(ND, 11.10.1989)
"(...) In Zurückhaltung - die selbstverständlich auch Grenzen hat haben wir uns immer geübt und werden das auch künftig tun. (...) Fast höre ich, da ich das Wort Zurückhaltung gebrauche, gellendes Gejohle und wüste Beschimpfungen, mit denen in den zurückliegenden Tagen unsere Genossen, zum Teil nur wegen ihrer Anwesenheit, bedacht wurden. Aber was ist das anders, wenn wir denjenigen, die versuchten, eine ungesetzliche Demonstration am 8. 10. durchzuführen, rund zwei Stunden Zeit zum Überlegen gaben, bevor wir mit aktiven Handlungen begannen? Und - das darf man wohl unterstreichen - auch der Beginn der aktiven Handlungen war davon geprägt, möglichst wenig im Umfeld befindliche Personen in der einen oder anderen Form, zu behindern. Aktive Handlungen, das hieß zunächst für uns Räumung der seit längerem blockierten Fahrbahnen nach fast pausenloser geduldiger Aufforderung. Erst als das Wegdrücken allein nicht mehr half bzw. unsere jungen Genossen, darunter viele, die ihren Wehrdienst versehen, tätlich angegriffen wurden, waren Zuführungen unvermeidlich. (...) Mich bewegt zum Beispiel, dass es im Zusammenhang mit der Durchsetzung unserer Ordnungsmaßnahmen leider beinahe unvermeidlich ist, dass, wenn wir zum geschlossenen polizeilichen Vorgehen gezwungen werden, auch einzelne Unbeteiligte betroffen sind. Wir bedenken das, können es jedoch nicht generell ausschließen, so bedauerlich das im konkreten Fall auch ist.
(BZ 12.10. 1989)
In Dresden, wo der Dialog zwischen Oberbürgermeister Berghofer und Demonstranten weitergeführt wird, werden 500 inhaftierte Demonstranten freigelassen.
ADN teilt mit:"Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR hat Proteste der Chefredaktionen einiger BRD-Medien, darunter ARD und ZDF, wegen Behinderungen' ihrer Korrespondenten in den letzten Tagen durch Organe der DDR entschieden zurückgewiesen. Die Leitungen dieser Medien wurden darauf aufmerksam gemacht, dass sich ihre Korrespondenten unbefugt in polizeilichen Handlungsräumen aufhielten. Wiederholten Aufforderungen durch die Volkspolizei, ihre Arbeit einzustellen, wurde nicht Folge geleistet. In vielen Fällen traten diese Journalisten sogar als Mitinitiatoren von Krawallen und Zusammenstößen auf und beteiligten sich an der Aufwiegelung von Rowdygruppen. (...) Bereits am Montag hatte das DDR-Außenministerium einen ähnlichen Protest der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR entschieden zurückgewiesen."
(ND, 11.10.1989)
11. Oktober
Die SED-Führung gibt ihre Sprachlosigkeit, die sie bisher gegenüber dem Massenexodus von DDR-BürgerInnen einnahm, auf. Das Politbüro des ZK der SED verfasst eine Erklärung, in der es u. a. heisst:"(...) Der politische Wille unserer Partei, ein für alle zukunftssicheres Leben aufzubauen, wurde in den vierjahrzehnten Deutsche Demokratische Republik zum bewussten Wollen von Millionen Werktätigen in Stadt und Land. Dieses Miteinander ist unsere Stärke.
Der Sozialismus braucht jeden. Er hat Platz und Perspektive für alle. Er ist die Zukunft der heranwachsenden Generation. Gerade deshalb lässt es uns nicht gleichgültig, wenn sich Menschen, die hier arbeiteten und lebten, von unserer Deutschen Demokratischen Republik losgesagt haben. Viele von ihnen haben die Geborgenheit der sozialistischen Heimat und eine sichere Zukunft für sich und ihre Kinder preisgegeben. Sie sind in unserem Land aufgewachsen, haben hier ihre berufliche Qualifikation erworben und sich ein gutes Auskommen geschaffen. Sie hatten ihre Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn. Sie hatten eine Heimat, die sie brauchte und die sie selbst brauchen. Die Ursachen für ihren Schritt mögen vielfältig sein. Wir müssen und werden sie auch bei uns suchen, jeder an seinem Platz, wir alle gemeinsam.Viele von denen, die unserer Republik in den letzten Monaten den Rücken gekehrt haben, wurden Opfer einer großangelegten Provokation. Wiederum bestätigt sich, dass sich der Imperialismus der BRD mit einem sozialistischen Staat auf deutschem Boden niemals abfinden wird, Verträge bricht und das Völkerrecht mißachtet. Mit dem 40. Jahrestag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik glaubten imperialistische Kreise den geeigneten Zeitpunkt gefunden zu haben, um mit einer hasserfüllten Kampagne ihrer Massenmedien Zweifel am Sozialismus und seiner Perspektive zu verbreiten. Sie wollen von der Hauptfrage unserer Zeit, der Sicherung des Friedens, ablenken.
Wir werden auch künftig nicht zulassen, dass die Macht der Arbeiter und Bauern, dass die Werte, Ideale und Errungenschaften des Sozialismus angetastet werden. Das gebietet uns unsere Verantwortung für die sichere Gegenwart und Zukunft unseres Volkes. Das sind wir nicht zuletzt den Hunderttausenden deutschen Revolutionären, den aufrechten deutschen Patrioten, den Millionen Opfern des deutschen Faschismus und Militarismus schuldig. Das erwarten unsere Freunde im Warschauer Vertrag und in aller Welt von uns.Deshalb ist es das Gebot der Stunde, dass sich alle, deren Handeln von politischer Vernunft und humanistischem Verantwortungsbewußtsein gegenüber den Menschen unseres Landes bestimmt ist, deutlich abgrenzen von jenen, die die Bürger für konterrevolutionäre Attacken zu missbrauchen trachten. Die Probleme der weiteren Entwicklung des Sozialismus in der DDR lösen wir selbst - im sachlichen Dialog und im vertrauensvollen Miteinander.
Die sozialistische Arbeiter-und-Bauern-Macht ist von niemandem erpressbar. Wer bewusst die Konfrontation sucht und schürt, der hat nicht die Interessen des Volkes im Sinn, der beeinträchtigt das gesellschaftliche Leben und verfolgt sehr eigennützige politische Ziele. Wer verantwortungslos Ruhe und Ordnung stört, der muss sich fragen lassen, wessen Geschäft er betreibt und für wen er bereit ist, die Sicherheit von Bürgern, ihrer Familien und nicht zuletzt ihrer Kinder aufs Spiel zu setzen.Das Politbüro weiß sich mit der großen Mehrheit unseres Volkes in seinem Handeln einig. Es sind Millionen Menschen, die mit ihrer angestrengten Arbeit, mit ihren Initiativen und Vorschlägen ebenso wie unsere marxistisch-leninistische Partei für einen Sozialismus wirken, der allen gleiche Rechte und gleiche Chancen einräumt, aber natürlich auch gleiche Pflichten auferlegt. An diesem Willen unseres Volkes, an der Kraft unserer einheitlich und geschlossen handelnden Partei, am Bündnis aller in der Nationalen Front und im Demokratischen Block vereinten Kräfte unseres Landes wird auch in Zukunft jeder Versuch der Gegner scheitern, den Sozialismus in unserer Heimat, der Deutschen Demokratischen Republik zu beseitigen. (...)
Gemeinsam wollen wir über alle grundlegenden Fragen unserer Gesellschaft beraten, die heute und morgen zu lösen sind. Gemeinsam wollen wir Antwort finden, wie wir die nicht leichten Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts im Sinne der humanistischen Ideale des Sozialismus bestehen können. Gemeinsam wollen wir unser Vaterland so gestalten, dass die wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnisse jedes einzelnen entsprechend seinen Leistungen immer besser erfüllt werden können. Es geht um die Weiterführung von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Es geht um wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und ihren Nutzen für alle, um demokratisches Miteinander und engagierte Mitarbeit, um gute Warenangebote und leistungsgerechte Bezahlung, um lebensverbundene Medien, um Reisemöglichkeiten und gesunde Umwelt. Es geht um den Beitrag unserer Republik für die Sicherung des Friedens in der Welt. Es geht buchstäblich um alles, was dem Wohl des Volkes dient. Gemeinsam wollen wir in einer starken sozialistischen DDR die Schwelle zum nächsten Jahrtausend überschreiten.Mit der nächsten Tagung unseres Zentralkomitees werden wir unserer Partei und dem gesamten Volk im Sinne unserer strategischen Konzeption von Kontinuität und Erneuerung dafür unsere Vorschläge unterbreiten. Sie beruhen auf den tausendfach geführten Diskussionen in den Parteiorganisationen der SED, auf den Vorschlägen und Überlegungen, die uns von den Werktätigen aus allen Teilen der Republik zugegangen sind. Alle Meinungsäußerungen und Vorschläge für einen attraktiven Sozialismus in der DDR sind dafür wichtig. Wir stellen uns der Diskussion.
Wir haben alle erforderlichen Formen und Foren der sozialistischen Demokratie. Wir rufen auf, sie noch umfassender zu nutzen. Doch wir sagen auch offen, dass wir gegen Vorschläge und Demonstrationen sind, hinter denen die Absicht steckt, Menschen irrezuführen und das verfassungsmäßige Fundament unseres Staates zu verändern. Die Deutsche Demokratische Republik - das sind die Bürgerinnen und Bürger, die im demokratischen Bündnis unter Führung der SED diesen Staat zu ihrem Wohl geschaffen haben. DDR, Sozialismus und Frieden, Demokratie und Freiheit gehören für immer zusammen. Nichts und niemand kann uns davon abbringen.Mehr denn je ist jetzt die vertrauensvolle Zusammenarbeit nötig, um auf die Fragen, die viele beschäftigen und alle betreffen, gemeinsame Antworten zu finden - Antworten, die uns allen nützen. Sie können nicht in der kapitalistischen Vergangenheit gefunden werden. Der Sozialismus auf deutschem Boden steht nicht zur Disposition. Das Volk der Deutschen Demokratischen Republik hat sich für immer für den Sozialismus entschieden. Gehen wir in diesem Sinne gemeinsam an die Arbeit und lassen uns von der Erfahrung leiten, dass der Sozialismus nur das Werk aller sein kann. Unser Arbeitsplatz bleibt unser Kampfplatz für Sozialismus und Frieden."
(ND, 12.10.1989)
"(...) Seit Jahren schon beobachten wir eine fortschreitende Politisierung des Publikums, eine Sensibilisierung der Menschen angesichts der globalen Bedrohung, des Schicksals des Sozialismus in der Welt von heute. Höchst verschiedenartige Befürchtungen und Hoffnungen sind mit den Krisen und Konflikten in sozialistischen Ländern verbunden, noch halten viele eine Erneuerung des Sozialismus für unumgänglich. Auch in der DDR wird mehr wirkliche Demokratie und erlebbare Öffentlichkeit gefordert, immer offener wird die Kritik an Bevormundung und Entmündigung von Bürgern.
Unterhaltungskünstler versuchen seit Jahren, mit ihren Mitteln und Möglichkeiten auf diese Bedürfnisse und Erwartungen zu reagieren, im Dialog mit dem Publikum Antworten auf viele, dringende Fragen zu suchen. Immer wieder konnten wir erleben, dass diese Sicht auf die reale Wirklichkeit unsere Autorität im Lande erhöht, dass ein Konsens der progressiven Kräfte und Bestrebungen möglich und notwendig ist. Dabei wurden und werden wir aber zunehmend mit Problemen und Widersprüchen, Forderungen und Meinungen konfrontiert, die nur gemeinsam analysiert, nur mit vereinten, gesellschaftlich organisierten Kräften gelöst werden können. Die entschlossene Führung unserer Gesellschaft durch die Partei der Arbeiterklasse ist in dieser Situation notwendiger denn je. Kunst, auch Unterhaltungskunst ist überfordert, wenn an sie einseitig Funktionen kritischer Öffentlichkeit delegiert werden. Mehr noch, gerät die soziale und kulturelle Identität des Landes in Gefahr, kann auch eine noch so entschlossene und mutige Kunst nichts retten. Die Ereignisse der letzten Wochen haben die politische und kulturelle Situation in der DDR dramatisch zugespitzt. immer deutlicher äußern sich in unseren Veranstaltungen, im Kollegenkreis Betroffenheit, Ohnmacht und Empörung im Zusammenhang mit dem legalen und illegalen Übertritt von DDR-Bürgern in die BRD. (...) Erregt wird eine öffentliche Diskussion über diese Entscheidung der überwiegend jungen Menschen gegen die DDR, über die Ursachen des Verlustes an Glaubwürdigkeit und Identität unserer Politik, Ideologie und Medienkultur gefordert. Enttäuschung und Verwirrung breitet sich angesichts einseitiger Berichterstattung und tendenziöser Kommentierung und des Verfalls politischer Kultur in den eigenen Medien aus. Betroffenheit und auch Angst wird angesichts der offenen Bekundung revanchistischer Ansichten und großdeutscher Absichten in den BRD-Medien geäußert. Befürchtet wird, dass Errungenschaften der Politik der Entspannung und des Dialogs der Zuspitzung der Lage zum Opfer fallen. Wir erleben extremistische Stimmungen und gewaltsame Aktionen im eigenen Land. Bekannte Unterhaltungskünstler sehen sich bereits öffentlichen Beschuldigungen und antisozialistischen Verleumdungen ausgesetzt.Erschwert wird ein offensives Reagieren von unserer Seite noch dadurch, dass mancherorts Partei- und Staatsorgane rigoros gegen unbequeme Haltungen von Unterhaltungskünstlern - vor allem von Liedermachern, Rockmusikern, Kabarettisten und Wortkünstlern - vorgehen. Mit Verboten und Verurteilungen ist aber keine Klärung von Sachverhalten und Tatbeständen zu erreichen, wie auch Maßregelungen und kleinliche Zeilenzensur kein Mittel zur Austragung von Meinungsverschiedenheiten sind. Auch ist allein die Abwehr und Ablehnung gegnerischer Attacken nicht ausreichend, unsere eigenen Angelegenheiten können und müssen wir schon selber klären. Wir halten gerade jetzt eine öffentliche Verhandlung der das Land seit längerem bedrängenden, im Lande besonders dringlichen Probleme für unerläßlich.
Wir sehen uns in diesem Zusammenhang veranlaßt, neuerlich auf die bewußtseinsverändernde und sozial-orientierende Kraft der Massenmedien hinzuweisen. Sie müssen besonders in der DDR, wo immer mehr und auch neue bürgerliche Medien an Einfluss gewinnen, als Organe kultureller Kommunikation und eines öffentlichen Diskurses eingesetzt werden. Die Kritik an den inneren Verhältnissen und Zuständen der DDR darf nicht den BRD-Medien überlassen werden, die ja nichts anderes können und wollen, als eine bürgerliche Gegenöffentlichkeit zum Sozialismus zu konstituieren und zu organisieren. (...)Wir bemerken, dass der Widerspruch zwischen dem Bild der DDR in den nationalen Medien und den sozialen und individuellen Erfahrungen des Publikums immer eklatanter wird. Die wirklichen Errungenschaften und Leistungen des Sozialismus geraten in Gefahr, wenn sie beständig und einseitig überbetont werden, wenn die Medien ein Bild des Arbeitseifers, des Aufstiegs, der Eintracht und Zufriedenheit zeichnen, obwohl der Alltag der DDR-Bevölkerung nachweislich anstrengender und schwieriger geworden ist und die Zahl der ungelösten Probleme und persönlichen Sorgen zunimmt. Der Weggang von Arbeitskollegen und unersetzbaren Fachleuten tut gerade gegenwärtig ein übriges, wozu noch der Eindruck kommt, dass Gesellschaft und Staat diesem Phänomen irgendwie hilflos gegenüberstehen.
In vielen unserer Veranstaltungen werden Insonderheit die Verminderung von sozialer Lebensqualität und die Verschlechterung der ökologischen Situation in vielen Städten, Industrieregionen und Landschaftsräumen in der DDR beklagt. Auch der Zerfall vieler Altbaugebiete, wichtiger historischer Stadtteile und der Abriss traditionsreicher Gebäude belastet die Stimmung. Die Kritik am unzureichenden Angebot des Handels und den weiter reduzierten Dienstleistungen nimmt zu. U. E. muss der Erfolgsbilanz zum 40. Jahrestag der DDR eine ehrliche Darstellung der ungelösten Probleme und Aufgaben folgen. (...) Nicht nur Mitglieder der SED erwarten vom XII. Parteitag der SED einen mutigen Schritt in die Richtung eines humaneren, moderneren und leistungsfähigeren Sozialismus.Auch bedarf das Lob an der ehrlichen und gewissenhaften Arbeit vieler Arbeitskollektive, Betriebe und Einrichtungen einer Ergänzung durch die Auseinandersetzung mit Mittelmaß, mangelnder Qualitätsarbeit in nicht wenigen Bereichen der Industrie, Landwirtschaft, der Dienstleistungen, des Handels und der Gastronomie. Dies gilt auch für die Angebote und Leistungen des kulturellen Bereiches, einschließlich der Künste. (...)
Alles in allem müssen wir der Leistungs- und Konsumgesellschaft des Westens jetzt erst recht das zukunftsorientierte Modell einer Arbeitsgesellschaft und Solidargemeinschaft des Sozialismus auf deutschem Boden entgegenstellen. Wir können nicht besser, wir können nur anders sein. (...)Wir Unterhaltungskünstler wollen das Unsere tun, um den Weg aus den Gefährdungen der Gegenwart in die Bewährungen der Zukunft zu finden. (...)
(BZ, 19.10.1989)
Berlins Oberbürgermeister Erhard Krack und die kirchenleitenden Persönlichkeiten der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg Bischof Dr. Gottfried Forck, Konsistorialpräsident Manfred Stolpe und Generalsuperintendent Dr. Günter Krusche begegnen sich zu einem Gespräch im Roten Rathaus. Krack betont die Dialogbereitschaft auch Christen gegenüber, um Fragen zu beraten und gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie die DDR als Hort sozialer Sicherheit mit breitem gesellschaftlichen Engagement künftig weiter gestaltet werden soll. Bischof Forck erklärt, die Kirche wolle mithelfen, ein Klima des Vertrauens zu bewahren, das die Lösung anstehender Probleme erleichtert. Auch die Christen der DDR hätten das Bedürfnis, von ihren Mitwirkungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten im Staate stets Gebrauch zu machen. Er sehe, so sägt Bischof Forck, durchaus einen Konsens "zwischen dem Bibelwort 'Suchet der Stadt Bestes, und betet für sie; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl' und dem Grundsatz 'Plane mit - arbeite mit - regiere mit' ".
Im Hinblick auf die Ereignisse der jüngsten Zeit bemerkt Generalsuperintendent Dr. Krusche: "Es ist nicht kirchliches Ziel, die DDR zu destabilisieren. Es kommt auch für die Kirche darauf an, die Teilnahme der Bürger an der Gestaltung der Gesellschaft zu fördern."Die Teilnehmer vereinbaren eine Fortsetzung des Dialogs und eine unkomplizierte Verständigung bei der Lösung von Fragen, die beiderseits für wichtig gehalten werden.
(BZ, 13.10.1989)
"Als Bürgerinnen dieses Landes erklären wir Frauen uns solidarisch mit allen Menschen, Initiativen und Gruppen, die an der demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft mitarbeiten, um den Sozialismus lebbarer zu machen. (...)
Wir beteiligen uns mit unseren Vorstellungen für dringend notwendige gesellschaftliche Veränderungen an der öffentlichen Diskussion:Demokratische Grundrechte
Die Respektierung der Mündigkeit aller ist Voraussetzung, um verantwortlich an den Veränderungen in unserem Land teilzunehmen. Dazu ist erforderlich, die individuelle Entfaltung in allen Lebensbereichen zu gewährleisten, damit. eine freie und unabhängige Willensbildung und Meinungsäußerung möglich ist.Dabei ist für uns Frauen entscheidend
- dass die Gleichberechtigung in vollem Umfang gesetzlich verankert wird und Bedingungen zu schaffen sind, diese auch de facto wahrzunehmen,Die uneingeschränkte Verwirklichung der Gleichberechtigung bedeutet eine Verminderung der Spannungsfelder und mehr Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft, wodurch diese auch nach außen friedfähiger wird.
RechtsreformDie Gesetzlichkeiten müssen die verfassungsmäßig verankerten demokratischen Grundrechte schützen (Verfassungs- und Verwaltungsgerichtsbarkeit) und eine vom Staat unabhängige Rechtsprechung gewährleisten (Trennung von Legislative und Exekutive). (...)
Uns ist es besonders wichtig,- dass jede Form von Gewalt gegen Frauen gesetzlich einklagbar ist,
- dass sozial Schwache nicht kriminalisiert werden,
- dass Familien- und Arbeitsrecht im Interesse der Gleichberechtigung überprüft und verändert wird (z. B. Erziehungsgehalt, Chancengleichheit, Berufswanderung).
Erziehungs- und Bildungssystem
Ziel ist die Befähigung zu offener kritischer Auseinandersetzung und kreativ verantwortlicher Mitgestaltung in der Natur und Gesellschaft.Voraussetzungen dafür sind:
- Achtung und Akzeptanz der Persönlichkeit, insbesondere der des KindesZur Verwirklichung dessen bedarf es einer individuell ganzheitlichen anstelle leistungsorientiert polytechnischer Erziehung und Bildung, die frei ist von autoritären Strukturen.
Erziehungs- und Bildungseinrichtungen dürfen kein Instrument ideologischer Ausrichtung und Beeinflussung sein.Die Vielfalt von Erziehungs- und Bildungsmodellen ist Voraussetzung für lebendige Zukunftsorientierung mit neuen Inhalten und Werten (Sexualerziehung, Umweltkunde, Illusionskörperschaft in die Gegenwart setzen ... ).
Die vermittelten Inhalte sowie die Sprache, als Ausdruck des Bewußtseins, müssen Möglichkeiten der Identifikation für Frauen und Männer enthalten und ihre Gleichberechtigung widerspiegeln, um die traditionell entstandenen Rollenbilder und die damit verbundenen Diskriminierungen der Frau zu überwinden.Ökologie/Ökonomie
Ziel ist es, einen gesellschaftlichen Wertwandel zu erreichen, der zu einem ausgewogenen Verhältnis ökonomischer Interessen (Verbesserung des materiellen Lebensstandards) und ökologischer Notwendigkeiten (Wiederherstellung und Bewahrung unseres natürlichen Lebensraumes) hinführt. Hierbei muss die Ökologie das Primat haben. Dazu ist ein schrittweiser ökologischer Umbau unserer wachstumsorientierten Industriegesellschaft notwendig durch z. B.- öffentliche Information, Diskussion und Kontrolle der Umweltbelastungen mit Schwerpunkt der Schadlosigkeit der Produktion,
- sofortiger Stopp von Müllimporten,
- keine Nutzung von Atomenergie,
- sparsamer Umgang und Nutzung alternativer erneuerbarer Energien,
- Gewährleistung durch Gesetzgebung, dass die Verursacher durch die Beseitigung der durch ihre Produktion entstandenen Umweltbelastungen voll verantwortlich sind,
- Veränderung der Konsumgewohnheiten,
- Entmilitarisierung und Reduzierung der Bürokratie auf ein notwendiges Mindestmaß.
Aufgabe ist die Erhaltung der psychischen und physischen Gesundheit aller.
Eine wesentliche Bedeutung dabei besitzt die Prophylaxe, für deren Durchführung soziale und politische Maßnahmen erforderlich sind (höhere Mindestlöhne, höhere Renten, mehr Grundurlaub, flexible Arbeitszeit, Teilzeitbeschäftigung, alternative Wohnmodelle, Arbeitslosenunterstützung ...). Die Bewertung von Krankheit und Gesundheit muss unter Berücksichtigung sozialpsychologischer Kriterien ganzheitlich erfolgen, weder die Leistungsfähigkeit noch traditionelles Rollenverhalten kann als Norm dafür ausschlaggebend sein.Außerdem ist es wichtig, ein breitgefächertes System von Rehabilitations- und Integrationsmodellen aufzubauen, in welchen Selbsthilfegruppen eine besondere Bedeutung zukommt.
Es ist notwendig, Frauengesundheitszentren und -kommunikationszentren einzurichten. Solange die Gewalt gegen Frauen noch existiert, müssen Frauenhäuser zur Krisenhilfe geschaffen werden.Kunst und Kultur
Gesellschaftliche, Konflikte müssen in der Kunst ihren Spannungsraum finden.Voraussetzungen dafür sind Autonomie, Selbstverantwortung und Selbstorganisation der Kunst und Zugang zu Öffentlichkeit über Medien, öffentliche Räume und moderner Vervielfältigungstechniken ohne staatliche Zensur, persönlicher Verfolgung und Freiheitseinschränkungen. Damit sich die Frau über ihre bisherige Rolle hinaus als aktives Medium in der Gesellschaft darstellen kann, muss eine Quotenregelung in allen künstlerischen und kulturellen Organisationen erfolgen.
Entmilitarisierung
Um unsere Gesellschaft gerechter, friedlicher und ökologischer zu gestalten, müssen die vorhandenen Ressourcen so wirksam wie möglich eingesetzt werden.Den Einsatz von Menschen, Material und Umwelt für militärische Zwecke können wir uns nicht leisten.
Wir sind der Überzeugung, dass
- sofortiger Rüstungsstopp und Abrüstung auf allen Gebieten,Ebenso sind jegliches militantes Verhalten im Alltag und der in allen Lebensbereichen vorhandene Sexismus abzulehnen."
Die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands sei und bleibe eine Partei für den Sozialismus. Das erklärt Parteivorsitzender Prof. Dr. Manfred Gerlach bei einem Treffen des Politischen Ausschusses des Zentralvorstandes mit Abgeordneten und Staatsfunktionären, die der LDPD angehören. Zu den angestauten Fragen und Problemen der Zeit äußert er u. a.:"(...) Die Geschichte beweist, dass keine Partei im Sozialismus a priori, schon kraft ihrer Existenz und ihres Wirkens die politische Wahrheit für sich hat. (...) Politische Wahrheit, das heisst Politik, die aus einem demokratischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess hervorgeht und dann zur Sache aller wird, kann nur aus dem Bemühen aller hervorgehen. Öffentliche Angelegenheiten (und was eigentlich ist im Sozialismus keine öffentliche Angelegenheit?) bedürfen des demokratischen Dialogs aller gesellschaftlichen Kräfte. Es geht beileibe nicht darum, bürgerlich-parlamentarisches Schattenboxen ersatzweise in den Medien stattfinden zu lassen, sondern um Gedankenaustausch, um Einbringen von Kompetenz, von Sachkunde, um Interessenabwägung und auch um Kontrolle der Verantwortlichen. Es geht also um Kommunikation als Teil menschlicher, politischer, eben sozialistischer Kultur. Einzubeziehen sind natürlich auch Bürgerbewegungen, die, ohne in einer Partei organisiert oder bisher sonst in der Nationalen Front aktiv zu sein, auf demokratische Weise in Übereinstimmung mit der Verfassung am Dialog teilnehmen wollen. Wir unterscheiden zwischen Bürgern, die die Regierungspolitik öffentlich kritisieren oder ablehnen oder wenigstens modifiziert wissen wollen, und Feinden des Arbeiter-und-Bauern-Staates. Die einen sind in öffentliche Diskussionen einzubeziehen, die anderen in die Schranken zu verweisen - mit den gebotenen Mitteln! Anders können die Kräfte des Volkes nicht so umfassend erschlossen werden und zum Tragen kommen, wie sie tatsächlich zum Tragen kommen müssen. (...)
Wir brauchen hierzulande keinen 'Runden Tisch', wir haben einen seit fast 45 Jahren, einen 'Tisch', an dem im Herbst 1949 über die Gründung des Staates der Arbeiter und ihrer Verbündeten beraten wurde - den Demokratischen Block. Er war in der Vergangenheit oft der Ort vertrauensvoller Beratungen, offener Worte, kritischer Bestandsaufnahmen und gemeinsamer Entscheidungen. (...)Die Entscheidung der LDPD für den Arbeiter-und-Bauern-Staat war die Entscheidung gegen die deutsche Reaktion und gegen alles, was Kapitalismus bedeutet. Dabei bleibt es! Nachdenken in der LDPD über Politik und Gesellschaft heute bedeutet Nachdenken über den Sozialismus und seine Zukunft in der DDR und nicht Nachdenken über Rückkehrmöglichkeiten in die historische Vergangenheit. (...)
Ohne historische Kontinuität, was Grundlegendes angeht, und ohne permanente revolutionäre Erneuerung kann der Sozialismus nicht gestaltet werden. Was aber ist heutzutage Erneuerung? (...)Wir treten entschieden dafür ein, gesellschaftliche und politische Verkrustungen aufzubrechen, Überholtes der Geschichte nicht verbal, sondern tatsächlich zu überantworten, unvermeidliche Entscheidungen unverzüglich im Bündnis gemeinsam zu treffen, Entscheidungen, die Realitätssinn und Vertrauen in den Bürger zur Grundlage haben. Die Notwendigkeit solcher Schritte sollte niemand länger mit dem Hinweis begegnen, es habe ja die Bodenreform oder die antifaschistisch-demokratische Umgestaltung des Schulwesens oder die Bildung der Kombinate gegeben. Das war grundlegend für die DDR, ist aber Geschichte. Sie für Erneuerung heute auszugeben, frustriert die nachfolgenden Generationen, weil sich die geradezu lähmende Assoziation einstellt, sie hätten bloß zu vollenden, was die Gründerväter unkorrigierbar vorgezeichnet haben. (...)
Wir sind dafür, den Sinn des Sozialismus zu verwirklichen. Dazu bedarf es der kritischen Überprüfung der Wirkungsweise und Wirkungsgrenzen wirtschaftlicher, sozialer, politischer und moralischer Triebkräfte, um dem Leistungsprinzip freie Bahn zu verschaffen. Wir spüren immer deutlicher, dass, wenn es um die Durchsetzung dieses Prinzips geht, Hindernisse zerbrochen und weggeräumt werden müssen, die der Entfaltung von Individualität und Kreativität jetzt noch schier unüberwindlich entgegenstehen. Anpassung und Heuchelei, manchmal getarnt als Bewahrung des Bewährten und als Treue zu Beschlüssen, wirken kontraproduktiv; sie vor allem verursachen Verzicht auf Engagement und damit auf Leistung, Rückzug ins Private, Ausgrenzung und schließlich Verlassen - so oder so - der DDR.Jedem Bürger müsse das Gefühl vermittelt werden, er werde gebraucht, wird zuweilen gesagt und geschrieben. Es geht indessen nicht um Gefühle. Es geht vielmehr um politische Moral, um staatsbürgerliche Rechte und um die Sicherheit, dass sich moralisches Verhalten lohnt und Rechte so wahrgenommen werden können, wie es die Verfassung gebietet.
(DM, 13.10.1989)
SED-Generalsekretär und DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker empfängt die Vorsitzenden der anderen Blockparteien, Dr. Günther Maleuda (DBD), Gerald Götting (CDU), Prof. Dr. Manfred Gerlach (LDPD), Prof. Dr. Heinrich Homann (NDPD), sowie den Präsidenten des Nationalrates der Nationalen Front, Prof. Dr. Dr. Lothar Kolditz. Honecker, begleitet von den Politbüromitgliedern und ZK-Sekretären Joachim Herrmann und Günter Mittag, informiert über die Erklärung des SED-Politbüros (11. 10. 1989), ohne in seinen Ausführungen über sie hinauszugehen. Die Parteivorsitzenden und der Nationalratspräsident betonen, dass die Politbüroerklärung "ihre volle Zustimmung findet".
SED-Politbüromitglied Harry Tisch, Vorsitzender des FDGB-Bundesvorstandes, gibt in der Zeitung "Tribüne" "Antwort auf Fragen von Gewerkschaftern, Vertrauensleuten und anderen Funktionären der Organisation". Er sehe in den "zahlreichen Briefen", die ihn erreichten und in denen von Werktätigen artikulierte "Meinungen zur gegenwärtigen Situation und zur weiteren Entwicklung unseres Landes zum Ausdruck" kommen, Bereitschaft und Entschlossenheit, "alles in ihren Kräften stehende zu tun, um die entwickelte sozialistische Gesellschaft in der DDR auszugestalten". Weiter heisst es u. a.:"(...) Sie verhehlen aber auch nicht ihre Besorgnis über ungelöste Probleme. Sie äußern ihre Wünsche und Erwartungen. (...) In vielem teile ich Eure Sorgen. (...)
Es wäre weltfremd, die Augen vor den zahlreichen Problemen zu verschließen, die wir zu bewältigen haben. Hier muss man die Sache jedoch differenziert betrachten. Es gibt objektiv wirkende Dinge, auch im internationalen Rahmen, die nicht von heute auf morgen zu lösen sind. Es gibt aber auch Erscheinungen subjektiver Natur, die - wenn wir es richtig anpacken - schnell verändert werden können. Solche Fragen wurden von Euch angesprochen. Sie beziehen sich auf die Weiterführung der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, auf den Ausbau der sozialistischen Demokratie, auf die Bewältigung von Ersatzteil- und Versorgungsfragen, auf die Arbeit von Presse, Rundfunk und Fernsehen, auf Reisemöglichkeiten und eine Umwelt, an der auch noch unsere Kinder und Enkel Freude haben werden. Antworten müssen und können nur im breiten demokratischen Dialog mit allen Werktätigen ausgearbeitet werden. (...) Kollegen, es bleibt eine Wahrheit: Der Sozialismus ist so gut, wie wir ihn selbst gestalten. (...) Allen von Euch gestellten Fragen werden wir uns stellen. Wir werden sie als Interessenvertreter der Arbeiterklasse beantworten und sie lösen helfen. (...) Kritik muss geübt werden, wo Kritik notwendig ist. Kritik muss aber auch zur Kenntnis genommen werden. Widersprüche dürfen nicht zugedeckt, sie müssen in geeigneter Weise produktiv gemacht werden. Sie bedürfen in stärkerem Maße der offenen und gründlichen Erläuterung. Wir sind aufgefordert und bereit, kühne und mutige Entscheidungen zu treffen. Schnelle und umfassende Informationen auf allen Ebenen sowie in den Medien sind dafür unverzichtbar. (...)SED-Politbüromitglied und FDGB-Vorsitzender Tisch weilt bei Arbeitern in der Elbewerft Boizenburg, SED-Politbüromitglied, ZK-Sekretär und 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, Günter Schabowski, sucht Arbeiter des VEB Bergmann-Borsig auf. In den mehrstündigen Begegnungen kommt es zu kritischen Meinungsäußerungen der Werktätigen. Laut SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" (14./15. 10. 1989) wertet Schabowski "die Diskussionsrunde als Auftakt im Betrieb für die gründliche Aussprache in Vorbereitung des XII. SED-Parteitages. Probleme, die in der Erklärung des Politbüros des ZK der SED angesprochen sind, können so gelöst oder zur Entscheidung vorbereitet werden."
Der Vorsitzende der DBD, Dr. Günther Maleuda, erklärt in einem Brief an alle Mitglieder seiner Partei die Bereitschaft zu "konstruktivem Dialog für Kontinuität und Erneuerung". Über vieles müsse. diskutiert und auch gestritten werden. Maleuda, der auf Briefe an den Parteivorstand eingeht, nennt als Probleme, die geklärt werden müssen, größere ökonomische Leistungsfähigkeit der Betriebe, Durchsetzung des Leistungsprinzips, bessere Versorgung des Dorfes mit Waren des täglichen Bedarfs sowie der Landwirtschaft mit Ersatzteilen und moderner Technik. Er unterstreicht: "Doch an der Macht der Arbeiter und Bauern lassen wir nicht rütteln! Die DBD war, ist und bleibt allzeit ein zuverlässiger Bündnispartner der Partei der Arbeiterklasse."Teilnehmer am Böhlener Treffen der Initiative "Für eine Vereinigte Linke" nehmen zur Erklärung des SED-Politbüros Stellung. In ihrer Erklärung heisst es u. a.:
"(...) Während die Fluchtwelle ihrem Höhepunkt zustrebte, fuhr die politische Führung fort, die Bürger unseres Landes wie Menschenabfall zu behandeln: Zehntausende aus dem Land flüchtende Bürger wurden als von westlichen Medien und kalten Kriegern manipulierte Abtrünnige verurteilt, denen man keine Träne nachzuweinen hätte. Nachdenkliche Stimmen gingen in diesem Trommelfeuer unter. Andererseits wurden zentrale Interessen der Bevölkerung weiter ignoriert, Forderungen nach Demokratisierung diffamiert und Teilnehmer an öffentlichen Manifestationen anfangs pauschal als antisozialistische Randalierer und Provokateure abgestempelt. (...)Doch die Flut von Protesten auch aus den Reihen der Gewerkschaft, der Parteigruppen und von immer mehr Berufsverbänden ließ sich immer weniger totschweigen, wenn gleichzeitig Zehntausende gewaltlos demonstrieren und Diffamierung und Einschüchterung immer weniger greifen. Schließlich wurde auch sachlicherer Umgang mit unseren Problemen und Konflikten auf verschiedenen Ebenen sichtbar, aber noch wird das Bild durch die alten Muster geprägt. (...)
Die Verachtung, mit der bis jetzt die Bedürfnisse der Mehrheit von zum Bleiben entschlossener Bürger weggewischt wurden, richten nun auch für die Regierenden sichtbar immer größeren Schaden an. Eine wachsende Zahl von Mitgliedern und Funktionären der SED sieht das so, wie öffentliche Bekundungen für einen Dialog beweisen. Die Lüge, auf Reformen drängende Menschen unseres Landes seien darauf aus, den Sozialismus in der DDR zu vernichten, gerät in immer schreienderen Kontrast zu den Forderungen der Menschen, die Reformen fordern, gerade weil sie den Sozialismus in der DDR endlich aufbauen wollen! Mit der Unterstellung einer vom Westen gesteuerten Opposition gehe es um die Wiederherstellung des Kapitalismus, maßen die Herrschenden sich an, einen Sozialismus zu verteidigen, der weder diesen Namen verdient, noch in seiner heutigen Gestalt von der Bevölkerung getragen wird. Er muss erst einmal erkämpft werden! Nicht irgendwann, sondern heute gilt es, den Sozialismus überhaupt zu ermöglichen, indem wir unsere Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen und der bisherigen verhängnisvollen politischen Stagnation ein Ende setzen!Mit der Aufforderung des Politbüros der SED vom 11. Oktober, einen gesellschaftlichen Dialog über alle Probleme des Landes zu beginnen, hat die Führung der SED den bisher geleugneten Handlungsbedarf eingestanden und indirekt die Tauglichkeit der bisherigen Politik in Frage gestellt. Machen wir nicht die Haltung der für die gegenwärtige Situation verantwortlichen Parteiführung zum Dialog, sondern unsere eigene Bereitschaft zu einem radikalen Wandel im Namen des Sozialismus und der Demokratie zum Maßstab unseres Handelns! Nun sind alle Bürger, auch die SED-Mitglieder, nicht nur verstärkt gefordert, sondern auch in der Lage, sich selbst für einen solchen Weg zu engagieren.
Wir können jetzt nicht mehr die Verantwortungslosigkeit der Mächtigen dieses Landes zum Maßstab unseres Tuns und Lassens machen. Nicht das Dialogangebot in der Erklärung des Politbüros vom 11. Oktober, sondern der Druck, welcher von den entstandenen scharfen Widersprüchen ausgeht und die Herausforderung an alle Menschen unseres Landes, endlich selbst etwas zu ändern, ist die Grundlage unseres Handelns. Über die entstandene Situation und die Schuldigen dafür dürfen wir uns keine Illusionen machen: Nicht nur die sozialistische Perspektive der DDR steht auf dem Spiel; auch die Bewahrung und Entwicklung so wichtiger sozialer Errungenschaften wie die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, die kostenlose medizinische Betreuung aller Bürger, die soziale Sicherheit oder die gleichen Bildungschancen für Arbeiterkinder sind gefährdet, wenn der Stagnation nicht bald ein Ende gesetzt wird. Wir müssen befürchten, dass immer mehr Menschen in ihrer Enttäuschung sich nicht nur von der Regierung und der SED, sondern vom Weg des Sozialismus überhaupt distanzieren. Schon 100 000 Menschen haben in diesem Jahr die DDR verlassen, und der Strom reisst nicht ab. Die 'bewährte' Methode, die Verbleibenden noch nachdrücklicher einzumauern und die ihren Protest und ihren Willen zu bleiben öffentlich bekundenden Menschen durch die Sicherheitsorgane zusätzlich einzukesseln, hat die Wut anwachsen lassen und birgt die Gefahr einer Eskalation in sich. Die Fortsetzung dieses bankrotten Kurses gefährdet auch all, das, worauf die DDR mit Recht stolz sein kann. (...)Zwar wurden mit der Beseitigung des kapitalistischen Privateigentums alle Bürger zu Werktätigen gemacht, aber die Stalinisten haben nicht die Unterwerfung des Staates unter die Werktätigen ermöglicht, sondern die Unterwerfung der Werktätigen unter den Staat herbeigeführt! Die allgegenwärtige Entmündigung jedes einzelnen in unserer Gesellschaft ist eine permanente Enteignung des Volkes durch die bürokratischen Apparate und eine Perversion der in der Verfassung niedergelegten Prinzipien des Volkseigentums und der sozialistischen Demokratie. Trotz wichtiger sozialer Errungenschaften warf der Absolutismus einer stalinistischen Bürokratie unser Land auf dem Gebiet wichtiger Menschenrechte hinter die von den Werktätigen im Kapitalismus erkämpften Freiheiten zurück, statt über sie hinauszugehen: Wir dürfen nicht reisen, wohin wir wollen, wenn es 'der Staat' nicht will. In allen denkbaren Fragen entscheiden bestallte Behörden unsere eigenen Angelegenheiten und maßen sich gesetzlich an, ihre Beweggründe geheimzuhalten. Die ungebrochene Selbstherrlichkeit der beamteten Bürokratie gipfelt in ihrer Erklärung, unsere Entmündigung erfolge in unserem eigenen Interesse, weil nur sie wüßten, was für uns gut und was dagegen schädlich sei! jede Form der Selbstbetätigung, Selbstorganisation oder auch nur Kritik an grundlegenden staatlichen Entscheidungen wird von hysterischen Verdächtigungen begleitet und vielfach kriminalisiert. Diese Verhöhnung unserer Würde ist seitens der Bürokratie verbunden mit der Erwartung, dem Volk stünde es dagegen an, zum Dank für die Unfehlbarkeit ihrer nicht gewählten Oberhäupter regelmäßig zu Prozessionen ihrer Huldigung anzutreten. Und in dieser komfortablen Position haben die Bürokraten allerdings etwas zu verteidigen, nämlich ihre Macht und einen mit westlichen Konsumgütern ausstaffierten Privilegien-'Kommunismus', in dem allerdings nur sie schon leben, während sie ihn dem Volk erst versprechen, falls es nach ihrem Kommando ordentlich arbeitet.
Auch auf dem Gebiet der Wirtschaft wird immer deutlicher, dass der Weg im Krebsgang in Richtung Entwicklungsland führt. Das spürt jeder; da hilft weder Agitation noch Propaganda! Immer deutlicher werdende Stagnation wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse und zum Teil sogar ihr Rückschritt sind schon zur Genüge Anlass für Unmut. Doch angesichts der Schönrednerei unserer Verhältnisse können es immer weniger Menschen ertragen, für dumm verkauft zu werden:- während die Erfolge der Mikroelektronik herausgestellt werden, verliert die DDR eine Weltmarktposition nach der anderen
- während man die wachsende Zahl schwer einsetzbarer Industrieroboter feiert, kann man nicht einmal telefonieren oder resigniert entnervt an unserem Nah- und Fernverkehrsnetz
- während das Wohnungsbauprogramm Triumphe feiert, verfallen ganze Stadtteile und Industrien
- während immer veredeltere Produkte zu immer veredelteren Preisen auf den Verbrauchermarkt geworfen werden, verschwinden wie selbstverständlich immer mehr und vor allem billige Produkte aus dem Sortiment, und die geheime Inflation nimmt zu
- während die soziale Gerechtigkeit gefeiert wird, werden die Rentner betrogen
- während beschwörend verkündet wird, der Mensch stehe nach wie vor im Mittelpunkt, verkommt unser Gesundheitswesen
- während der erfolgreiche Kurs der Intensivierung fortgesetzt wird, steht das mitteldeutsche Industriegebiet vor einer ökologischen Katastrophe.
Was ist zu tun?
Wenn die Fortsetzung des gescheiterten Kurses der politischen Führung und damit die Gefährdung der sozialistischen Perspektive unseres Landes aufgehalten werden soll, darf sich das Ringen nicht nur auf den Kampf um das freie Wort konzentrieren. Dieser wichtige Prozess ist mit dem 'Neuen Forum' und anderen Bürgerinitiativen in Gang gekommen. Wenn aber verhindert werden soll, dass die Kosten des bisherigen verfehlten Kurses auf die Bevölkerung abgewälzt werden; wenn eine grundsätzliche Änderung der Entwicklung, ein Durchbruch zu Demokratisierung und sozialistischer Freiheit durchgesetzt werden soll, dann muss dies von den Werktätigen in den Betrieben erstritten werden auch deshalb, weil gerade sie immer die Hauptlast jeder verfehlten Politik zu tragen haben. Der verbreiteten Unzufriedenheit in den Betrieben muss Ausdruck gegeben werden und der Veränderungswille muss seine Formen suchen und finden. Hören wir auf, nur zu schimpfen und beginnen wir, uns in den Betrieben zusammenzuschließen. Wir brauchen die Selbsttätigkeit der Werktätigen zur Schaffung unabhängiger, die Interessen der Arbeiter und Angestellten zusammenfassender und sie in Initiativen verwandelnder Ausschüsse und Kommissionen. Diese sofort zu bildenden unabhängigen Ausschüsse und Kommissionen können die Gründung von unabhängigen Betriebsräten und die Demokratisierung der Gewerkschaften in Angriff nehmen. Dabei können alle sich bietenden Gelegenheiten innerhalb und außerhalb der verbürokratisierten Gewerkschaften genutzt werden, die Kontrolle der Werktätigen über ihre eigenen Angelegenheiten auszubauen.Wir appellieren an alle Sozialisten in den Betrieben, Genossenschaften, in den unabhängigen Gruppen und in der SED, unter den Künstlern und in der Intelligenz, aufeinander zuzugehen, Trennendes aufzuschieben und mit dem Ziel der Verwirklichung sozialistischer Freiheit und Demokratie gemeinsam Lösungen zu suchen. Wir schlagen vor, folgende Sofortmaßnahmen zur schnellen Lösung der wichtigen angestauten gesellschaftlichen Probleme und zur Überwindung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Krise durchzusetzen:
Sofortmaßnahmen zur Vorbereitung des Landes für einen Weg der sozialistischen Demokratie und Freiheit1. Rücktritt des Politbüros der SED und der Regierung wegen der Hauptverantwortung für den katastrophalen Massenexodus der Jugend und wegen des völligen Verlustes von Vertrauen im Volk.
2. Bildung einer neuen politischen Führung und einer zeitlich befristeten Übergangsregierung aus reformwilligen Kräften zur Verwirklichung folgender Maßnahmen:a) sofortige Demokratisierung der Presse und Einstellung der Pressezensur
b) Legalisierung des 'Neuen Forum' und aller anderen für sozialistische Demokratie und Freiheit eintretenden Gruppen sowie Aufnahme eines gleichberechtigten Dialogs über alle zu lösenden gesellschaftlichen Problemec) Gewährung der freien und öffentlichen Diskussion in allen gesellschaftlichen Organisationen und Parteien
d) Veröffentlichung aller Daten und Informationen über den tatsächlichen Zustand von Wirtschaft und Gesellschaft. Dies betrifft insbesondere- den Zustand der Staatsfinanzen
- den wirklichen Zustand und die tatsächlichen Ergebnisse der Volkswirtschaft darunter
- die Sozialstruktur einschließlich der Beschäftigten im Staats-, Partei- und Wirtschaftsapparat (darunter auch im Sicherheitsapparat)
- die Einkommensverteilung der Bevölkerung (einschließlich der Einkommen der Nomenklaturkader und ihrer sonstigen Einkünfte, Zuwendungen und Privilegien sowie personengebundener Nutzungsrechte)
- die Umweltdaten
- den Zustand des Gesundheitswesens und der medizinischen Versorgung
- das Gesundheitsniveau der Bevölkerung und ihre Lebenserwartung nach Regionen sowie im internationalen Vergleich
- den Umfang des gegenwärtigen Ausreisewunsches der Bevölkerung (Veröffentlichung der Zahl der Antragsteller und der Ausreisenden sowie ihrer sozialen und beruflichen Zusammensetzung nach Territorien)
f) Erteilung von Reisegenehmigungen an jeden Bürger für alle Länder für 30 Tage (lediglich mit den international üblichen Beschränkungen aus Gründen der nationalen Sicherheit) unter Bereitstellung von Devisen im Wert von 500,DM pro Person und Jahr
g) Rückkehrangebot an alle ausgereisten und ausgebürgerten ehemaligen DDR-Bürgerh) Einberufung eines regierungsunabhängigen Kongresses demokratisch und geheim gewählter Delegierter der Betriebsbelegschaften innerhalb von 3 Monaten zwecks
- Beratung der wirtschaftlichen und politischen Situation in der DDR3. Bildung einer breiten Koalition der Vernunft und des Realismus zur Verwirklichung einer radikalen Verfassungs- und Gesellschaftsreform im Geiste sozialistischer Demokratie und Freiheit.
Ausdruck einer solchen Koalition der Vernunft muss die Bildung einer konsequenten Reformregierung auf dem Boden des Antistalinismus und Antikapitalismus sein. Die Regierung sollte sich aus durch ihre Taten legitimierte Vertreter des Reformflügels von Partei- und Staatsapparat einerseits sowie aus demokratisch gewählten Vertretern des Kongresses der Belegschaftsdelegierten andererseits zusammensetzen.Sofortmaßnahmen einer konsequenten Reformregierung
Die selbstverständliche Voraussetzung einer Regierungskoalition der sozialistischen Freiheit und Demokratie in der DDR ist die außenpolitische Bündnis- und Vertragstreue. Vor allem das Bündnis zwischen einer demokratisierten Sowjetunion, einem demokratisierten Polen und einer demokratisierten DDR und insbesondere die Anerkennung der Grenzen ist von existentieller Bedeutung für jedes dieser Länder.Der Regierungsauftrag einer solchen Reformregierung muss folgende Inhalte voranbringen:
1. Umfassende Vorbereitung und Durchführung einer radikalen Verfassungs- und Gesellschaftsreform im Geiste des freiheitlichen demokratischen Sozialismus auf der Basis- des gesellschaftlichen Eigentums an Produktionsmitteln als vorherrschende und perspektivische Grundlage sozialistischer Vergesellschaftung
- des Ausbaus der Selbstbestimmung der Produzenten in Verwirklichung realer Vergesellschaftung der gesamten ökonomischen Tätigkeit
- der konsequenten Verwirklichung des Prinzips der sozialen Sicherheit und Gerechtigkeit für alle Gesellschaftsmitglieds
- des ökologischen Umbaus der Industriegesellschaft
- der politischen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, konsequenten Verwirklichung der ungeteilten Menschenrechte und freier Entfaltung der Individualität jedes Gesellschaftsmitglieds
3. Ausarbeitung eines Programms der wirtschaftlichen, technischen und ökonomischen Modernisierung unter Wahrung der sozialen Gerechtigkeit und unter Ausschluss von Arbeitslosigkeit
4. Durchführung von Wirtschaftsreform und Modernisierung als komplexes Programm unter Wahrung sozialer Sicherheit, Gerechtigkeit und unter Ausschluss von Arbeitslosigkeit5. Initiativen der DDR zur Ausarbeitung und Umsetzung eines Programms der Reformierung des RGW sowie der Organisation des Warschauer Vertrags entsprechend den Grundsätzen eines freiheitlichen und demokratischen Sozialismus
6. Aufnahme von Verhandlungen mit der Bundesrepublik Deutschland über die langfristige Ausgestaltung des Grundlagenvertrages entsprechend dem Grundsatz 'Zwei Staaten - eine Nation' mit den Zielena) gegenseitig staatsrechtliche Anerkennung
b) Entwicklung der Beziehungen unter Berücksichtigung des besonderen Charakters der Existenz zweier souveräner Staaten gegensätzlichen sozialökonomischen Charakters auf dem Boden einer Nation und Ausbau aller Aspekte des gemeinsamen nationalen Zusammenhangsc) Ausarbeitung eines verbindlichen Rahmens zur Wahrnehmung gesamtdeutscher Verantwortung - insbesondere für den Frieden - unter Wahrung der Souveränität beider deutscher Staaten
7. Abgabe einer Existenzgarantie für die freie und unabhängige Entwicklung von Berlin (West) auf der Grundlage des Vier-Mächte-Abkommens und Abschluss einer vertraglichen Regelung zwischen der DDR, der BRD und Westberlin zur Ausschaltung von Statusproblemen8. Ausarbeitung eines Programms zur Entwicklung beider Teile Berlins zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bindeglied zwischen Ost und West
9. Untersuchung stalinistischer Verbrechen in der DDR und ihre konsequente Aufarbeitung sowie Rehabilitierung und Entschädigung aller Opfer10. Verurteilung des völkerrechts- und verfassungswidrigen Einmarsches von Truppen der NVA der DDR in die ČSSR im August 1968 und Entschuldigung bei den Völkern der ČSSR.
(AKTION, S. 947-954)
Die Generalstaatsanwaltschaft der DDR teilt mit, dass "nach Durchführung der erforderlichen Untersuchungen die wegen Störung des Volksfestes am 7. Oktober sowie im Zusammenhang mit gesetzwidrigen Ansammlungen festgenommenen Personen aus der Haft entlassen" wurden. "Es befinden sich noch 11 Personen wegen der Begehung von Brandstiftungen, Plünderungen und Gewalttätigkeiten sowie Aufwiegelung zu Gewaltakten in Untersuchungshaft. Diese überwiegend vorbestraften Personen haben sich vor den zuständigen Gerichten zu verantworten."
(ND, 14./15.10.1989)
In den Medien der DDR wird ein breites Echo zur Erklärung des Politbüros der SED veröffentlicht. Weitere Mitglieder des Politbüros und Minister der Regierung gehen in Betriebe und suchen den Dialog. In einem Presseinterview erklärt SED-Politbüromitglied und FDGB-Vorsitzender Harry Tisch u. a.:
"(...) ich sage hier ganz offen, man kann mit Arbeitern über alles reden. Ich säge aber ebenso deutlich, dass das Klima gegenwärtig sehr angespannt ist, es ist ein anderes geworden. Die Stimmung unter den Kollegen hat sich verändert. Darauf müssen wir reagieren. Wenn wir das nicht tun, machen es andere. Hinzu kommt, dass viele gute und fleißige Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, ungeduldig werden. Sie spitzen manche Probleme zu und möchten möglichst schon morgen alles gelöst sehen. Ein verständlicher Erwartungsdruck ist da entstanden. Deshalb müssen wir zwar auch zügig, aber vor allem gründlich überlegen, was wir sofort verändern können und was nicht. Wir sind in einer Lage, die Entscheidungen fordert, aber großes Verantwortungsgefühl verlangt.Nach eigenen Angaben hat das Neue Forum bislang rund 25 000 Unterschriften für seine Zulassung gesammelt. in einzelnen Fällen seien Unterschriftensammler zu Geldstrafen verurteilt worden.
Der Vorsitzende der NDPD, Prof. Dr. Heinrich Homann, erklärt gegenüber dem Parteiorgan "National-Zeitung" u. a. zur Position seiner Partei:
"(...) Für uns gilt: Die Deutsche Demokratische Republik ist ein Gemeinschaftswerk aller Klassen und Schichten, und die NDPD tritt dafür ein, das von der Arbeiterklasse und ihrer Partei geführte Bündnis, diesen bislang beispiellosen nationalen Zusammenschluss in Gestalt des Mehrparteiensystems, des Demokratischen Blocks, der Nationalen Front und der Volksvertretungen, zu festigen, noch effektiver zu machen. Dabei wissen wir uns eins mit allen Mitgliedern, die bei allem, was sie für den Sozialismus in unserem Lande an Gutem und Anerkanntem leisten, stets die Handschrift ihrer Partei erkennen lassen, die ihr Eigenständiges als Bereicherung für das Ganze einbringen, wozu außer Wissen und Können, der festen Verbundenheit mit unserer Partei, außer einem gesunden Selbstvertrauen auch Beherztheit und Durchsetzungswillen nötig sind. (...) Von Angriffen der Feinde waren wir zu keiner Zeit geschont, aber unsere Partei war in der Härte des Kampfes in ihren Grundsätzen nie zu beugen. Eine klare Bündnishaltung vertritt sie stets ohne Wenn und Aber. Und auf den Schulterschluss aller Demokraten kommt es in dieser Zeit besonders an. (...)" Zu den mit neuem Anspruch auf der Tagesordnung stehenden Fragen, die einer Klärung bedürfen, zählt Homann Warenangebot, Dienstleistungen, Material- und Ersatzteilversorgung, Umweltschutz, Reisemöglichkeiten, konsequente Anwendung des Leistungsprinzips, Ausfüllen vieler ungenutzter Freiräume sozialistischer Demokratie, größere Konsequenz bei der Handhabung sozialistischer Gesetzlichkeit.15. Oktober
In der Berliner Erlöserkirche geben bekannte DDR-Künstler ein "Konzert gegen Gewalt". Die DDR-Medien schweigen sich darüber aus. In einem Westberliner Zeitungsbericht heisst es über diese Veranstaltung:"(...) Mehr als 30 Rockgruppen, Band-Leader und Jazzer, alle jene, die in der DDR-Musikszene das Sagen haben, waren gekommen, kurzfristig, trotz anderer Termine, um anzuspielen gegen staatliche Repression und individuelle Apathie, um Mut zu machen, Mut zum Dableiben, Mut zum Einmischen, Mut zum Lautwerden. 'Kommt zurück, wir brauchen euch, stört uns ..., der Beton ist auch in unseren Köpfen.' Es war ein Solidaritätskonzert, grundverschieden von all den aufwendig und teuer inszenierten 'Rocks gegen Südafrika', 'Rocks gegen den Faschismus'. Das war ein Konzert, gegeben von Künstlern, die sicher nicht für diesen Auftritt mit Berufsverbot belegt werden können, aber gegeben für Menschen, die gestern noch inhaftiert waren, übermorgen vielleicht inhaftiert werden. Die Staatssicherheit stand vor der Tür, notierte die Kennzeichen der parkenden Autos. 'Die Zeiten spitzeln sich zu', kommentierten drinnen die Künstler das Vorgehen.
Ein Konzert für sich selber, für die Kraft zum Widerstand, ein gesungenes 'Teach-in', mit brandaktuellen Texten, kein Stück älter als acht Tage, fast jeder Song eine Premiere, dreieinhalb Stunden lang, ununterbrochen. Musik nicht für den CD-Player, sondern für Flugblätter und Schwarzkassetten. Toni Krahls virtuos begleiteter Abgesang auf Erich Honecker, So winkt man, wenn der Zug abfährt, so winkt man hinter Schranken', war ein DDR-deutsches Lied, bleibt unverstanden von denjenigen, die nicht am 40. Jubeltag den greisen Mann, Haltung suchend, auf der Tribüne gesehen hatten, wird verstanden von denjenigen, die nicht an den Fahrkartenschaltern Prag-Warschau stehen. In anderen Vorträgen heisst es: 'Da stehen die Alten und können sich nicht halten', oder: 'Wir haben was von Dracula, riechen staatsfeindlich aus dem Mund' - beißende Texte, Wunden für die Stasi.Keine der spontan und eilig gekommenen Gruppen, ob 'Pankow', 'Silly', 'City', die 'Invaliden', ob Angelika Weiß, Tamara Danz oder Conny Bauer, Namen die zählen, keine spielte mehr als zwei Stücke und alle, einschließlich der Stehenden und Sitzenden zum Abschluss 'Give Peace a Chance', das symbolträchtige Lied der Vietnam-, Bürgerrechts- und Friedensbewegung, weltweit.
Zwischen den dicht aufeinanderfolgenden Auftritten knapp verlesene Erklärungen gegen Willkür und Meinungsunterdrückung, Protestschreiben an Regierende, verfasst von Menschen aller Altersgruppen und Berufe. Manche Resolutionen waren eben erst fertig geworden, andere wurden in mehreren Anläufen, mit immer neuen Zusätzen, verlesen. Da trat ein Lehrer der 22. Polytechnischen Oberschule vor das Mikrofon. Am 11. 10. war ihm gekündigt worden, pädagogisch sei er nicht geeignet, und Unterstützer des Neuen Forums würde er auch sein, lautete die Begründung. Eltern, Schüler und Lehrerkollegen haben sich jetzt mit ihm solidarisiert, fordern jetzt öffentlich die Zulassung eines unabhängigen Interessenverbandes.Da forderten Studenten die Gründung eines autonomen Studentenverbandes und berichten mit Orts- und Zeitangaben, dass schon viel dafür in die Wege geleitet worden sei - so zum Beispiel von 600 Kommilitonen an der Ostberliner Humboldt-Universität. Schauspieler des Deutschen Theaters treten für eine Demonstration für Pressefreiheit ein. Am 4. November soll sie in der Hauptstadt stattfinden.
(taz, 17.10.1989)
"(...) Auf Grund zahlreicher Anfragen von Demonstranten und Zuschauern, die polizeiliche Gewalt erfahren haben, fordern wir die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission zur Aufklärung von in diesem Zusammenhang aufgetretenen Rechtsverletzungen.
Diese Untersuchungskommission sollte unseres Erachtens folgende Zusammensetzung haben: Vertreter von Bürgerinitiativen zur demokratischen Erneuerung, Rechtsanwälte, Vertreter des Generalstaatsanwaltes und des Bezirksgerichtes Berlin, der Bezirksbehörde der Volkspolizei und des Magistrats. Nach Bedarf müssten weitere Institutionen hinzugezogen werden. Die Ergebnisse der Untersuchungen müssen veröffentlicht werden.Ziel der Kommission muss es sein, die rechtswidrigen Übergriffe festzustellen und zu verhindern, dass sich künftig ähnliches wiederholen kann.
Das Vertrauensverhältnis von Bürgern und staatlichen Organen soll wieder hergestellt werden.Gewalt und Einschüchterung sind keine geeigneten Voraussetzungen für den jetzt von allen Seiten geforderten, demokratischen Dialog."
In Obhut der Warschauer BRD-Botschaft warten 1200 DDR-Bürgerlnnen auf die ihnen zugesagte Ausreise in die Bundesrepublik.Mit Beginn der Herbstferien erhöht sich die Zahl der DDR-Flüchtlinge, die von Ungarn über Österreich in die BRD kommen; am Wochenende (14./15. 10.) werden rund 3 000 Übersiedler registriert.
16. OktoberZum erstenmal berichten die DDR-Medien über die Leipziger Montagdemonstration. Die von ADN verbreitete Meldung lautet:
"Nach Friedensgebeten in fünf Leipziger Kirchen trafen sich am Montag Zehntausende Bürger der Messestadt sowie aus dem Bezirk Leipzig und aus angrenzenden Territorien zu einer Demonstration. Der Zurückhaltung der Sicherheitskräfte und der eingesetzten Ordnungskräfte sowie der Demonstranten ist es zu danken, dass es zu keinen Ausschreitungen kam."Wiederum müssen die DDR-BürgerInnen aus Medien der BRD und Westberlin erfahren, dass auch in Magdeburg und Dresden jeweils 10 000, in Halle 5 000 und in Berlin 3 000 Menschen auf der Straße demonstrieren.
Über die Ergebnisse des zweiten Gespräches des Oberbürgermeisters von Dresden, Wolfgang Berghofer, mit Bürgern der Stadt, Vertretern der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. und der Katholischen Kirche wird am Abend im Rathaus der Elbestadt auf einer Pressekonferenz informiert. ADN berichtet:"Beide Seiten stimmten, wie mitgeteilt wurde, darin überein, dass die Erklärung des Politbüros des ZK der SED vom 11. Oktober einen ersten Schritt zu einem umfassenden Dialog zur Lösung komplizierter gesellschaftlicher Probleme darstelle. Wolfgang Berghofer kündigte an, dass die Bürger künftig im Rahmen der Verfassung die demokratischen Möglichkeiten der Stadtverordnetenversammlung nutzen können. Er schlug vor, in ständigen sowie zeitweiligen Arbeitsgruppen, unterstützt von kompetenten Persönlichkeiten, die aufgezeigten Probleme zu untersuchen. Über die Bildung solcher Arbeitsgruppen soll nächste Woche die Stadtverordnetenversammlung entscheiden.
Die Bürger, die am Gespräch teilgenommen hatten, nannten als solche Themen Recht und Sicherheit, Medienpolitik, Bürgermitverantwortung, Gesellschaftskonzept des Sozialismus in der DDR, Reise- und Ausreisemöglichkeiten, Bildung und Kultur, Entwicklung der Stadt Dresden, Ökonomie und Ökologie sowie Wirtschaft, Handel und Versorgung. Beide Seiten kamen überein, den begonnenen Dialog fortzusetzen und dafür weitere Möglichkeiten zu finden."Das LDPD-Zentralorgan "Der Morgen" veröffentlicht als einzige Zeitung der DDR eine "einstimmig gutgeheißene" Mitteilung des Präsidiums des Schriftstellerverbandes der DDR. An der Präsidiumsberatung nahmen teil: Hermann Kant, Jurij Brezan, Rainer Kerndl, Joachim Nowotny, Gerhard Henniger, Horst Beseler, Volker Braun, John Erpenbeck, Walter Flegel, Günter Görlich, Waltraud Lewin, Herbert Otto, Maria Seidemann, Rosemarie Schuder, Rudi Strahl. Die Mitteilung hat folgenden Wortlaut:
"Wir, die Mitglieder des Präsidiums des Schriftstellerverbandes der DDR, haben am 11. 10. 1989 getagt. Viele Bezirksvorstände haben in Entschließungen ihre tiefe Sorge um unser Land bekundet. Ideologische, ökonomische und soziale Stagnation gefährden zunehmend das bisher ' Erreichte. Die Ignoranz der Medien ist unerträglich. Der öffentliche demokratische Dialog auf allen gesellschaftlichen Ebenen über Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit, Misswirtschaft und Bevormundung muss sofort beginnen. Besorgte Haltungen und Äußerungen dürfen nicht unterdrückt und kriminalisiert werden.Wir sind uns der Errungenschaften der DDR, wie ihrer konsequent antifaschistischen Haltung, ihres fundierten Beitrags zur Abrüstung und ihrer sozialen Erfolge durchaus bewusst. Die Auseinandersetzung mit westlichen Vorschlägen, die diese Errungenschaften in Frage stellen, ist für uns selbstverständlich. Was jetzt aber notwendig ist, ist die revolutionäre Reform; nicht Reform ist zu fürchten, sondern die Furcht vor ihr. Notwendig ist der Übergang zur 'Assoziation, worin die freie Entwicklung aller ist' (Kommunistisches Manifest).
Wir fordern die Veröffentlichung der Entschließungen der Bezirksvorstände. Die Mitglieder des Präsidiums solidarisieren sich mit dem offenen Brief ihres Verbandspräsidenten Hermann Kant. (Siehe unter dem 9. Oktober! - Anm. d. Hrsg.)Am 12. 10. fügen wir hinzu: In der inzwischen abgegebenen Erklärung des Politbüros des ZK der SED sehen wir einen ersten Ansatzpunkt für notwendige Erneuerungen und werden an ihrer konsequenten Durchsetzung nach besten Kräften mitarbeiten."
(DM, 16.10.1989)
Das Präsidium des Hauptvorstandes der CDU stellt im Ergebnis einer Beratung über die innen- und außenpolitische Situation sowie über die Lage in der Partei u. a. fest, die CDU habe "in der Orientierung auf Kontinuität und Erneuerung - in dem Bestreben, die imperialistischen Aktionen gegen unsere Gesellschaft abzuwehren - in letzter Zeit vor allem auf Kontinuität gesetzt". In Sorge um die Errungenschaften des Sozialismus habe sie hierbei auch Signale aus den eigenen Reihen nicht früh genug beachtet. In ihrem künftigen Wirken setze sich die Partei dafür ein, "dass gesellschaftliche Entwicklungsprobleme öffentlich benannt und durch gemeinsame Anstrengungen überwunden werden, dass im Leben gilt, was Recht und Gesetz ist, dass das Wahlrecht strikt angewandt wird, dass Offenheit und Öffentlichkeit des Dialogs und der Entscheidungsfindung sich in den Medien widerspiegeln und dass die Mündigkeit des Bürgers in jeder Amtsstube geachtet wird". Weitere Anliegen der CDU seien die Erweiterung der Reisemöglichkeiten und die Verbesserung der Versorgung. Das Präsidium unterstreicht, dass für die CDU all das unverzichtbar ist, "was wir in unserer Gesellschaft Gutes erreicht haben", alles, was zum Sozialismus in der DDR und zu seinen eigenen Zügen beigetragen und sich für das Wohl des Menschen bewährt habe.
(NZ, 17.10.1989)
"Am Vorgespräch nahmen (mehrheitlich von ihren Initiativen, Gruppen etc. autorisierte) Vertreter der Bürgerbewegung Demokratie jetzt, des Demokratischen Aufbruchs, der Initiative Frieden und Menschenrechte, des Neuen Forums, der SDP, der Gruppe Gegenstimme, des Friedenskreises Friedrichsfelde, der Umweltbibliothek Berlin, des Grünen Netzwerks, des Freundeskreises der Wehrdienstverweigerer und der Mahnwache teil, des weiteren ein Mitglied des Verbandes der Bildenden Künstler und Konsistorialpräsident Stolpe.
Von der großen Mehrheit der Gesprächsteilnehmer wurde erklärt, dass sie grundsätzlich an der Aufnahme des Dialogs zwischen Angehörigen der unabhängigen demokratischen Bewegungen und Vertretern des Staates interessiert seien, dass aber im Sinne einer offenen Gesprächsatmosphäre sowie des Ausschließens von Zweideutigkeiten und Fehlinterpretationen folgende Voraussetzungen geschaffen werden müssen:1. Es sind Namen von Menschen bekannt, die wegen ihres gewaltlosen Eintretens für demokratische Veränderungen noch immer inhaftiert sind. Sie müssen freigelassen werden. Insbesondere muss Informationen nachgegangen werden, denen zufolge wehrpflichtige Bereitschaftspolizisten, die sich geweigert hatten, gewaltsam gegen Demonstranten vorzugehen, inhaftiert sind. Auch ihre Freilassung muss umgehend erfolgen. Die ergangenen Strafbefehle (Haft- und Geldstrafen) und Urteile müssen in vollem Umfang aufgehoben und die Ermittlungsverfahren eingestellt werden.
2. Zur Aufklärung von Gewalttaten seitens Angehöriger der Volkspolizei und des Ministeriums für Staatssicherheit muss umgehend eine unabhängige Untersuchungskommission gebildet werden; auf der Grundlage ihrer Untersuchungsergebnisse müssen die Schuldigen disziplinarisch und strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.3. Zu einem Gespräch beim Oberbürgermeister erscheinen die Teilnehmer als autorisierte Vertreter ihrer jeweiligen Initiativen, Gruppen etc. Der Oberbürgermeister muss de facto akzeptieren, dass seine Gesprächspartner nicht nur als 'Bürger', sondern auch als Mandatsträger anzusehen sind."
Nach lebhafter und teilweise kontroverser Diskussion fasst das Präsidium des Verbandes der Theaterschaffenden der DDR folgenden Beschluss:"1. Das Präsidium beauftragt die im Verband organisierten Mitglieder des Zentralkomitees der SED, die Meinungen und Vorschläge der Theaterschaffenden bei der Vorbereitung des XII. Parteitages einzubringen und zu vertreten.
2. Das Präsidium begrüßt den unter anderem von der Sprechergruppe junger Theaterschaffender eingebrachten Vorschlag, einen außerordentlichen Kongress des Verbandes für Januar 1990 einzuberufen und empfiehlt dem Vorstand, die dafür notwendigen Beschlüsse zu fassen. Das Sekretariat des Präsidiums wird beauftragt, eine entsprechende Konzeption auszuarbeiten.3. Zur Vorbereitung des Vl. Kongresses des Verbandes der Theaterschaffenden wird eine Statutenkommission und eine Antragskommission gebildet. Beide Kommissionen legen auf dem außerordentlichen Kongress erste Überlegungen zur weiteren Demokratisierung der Struktur, der Arbeitsweise und der Funktion des Verbandes vor.
4. Der Präsident und der 1. Sekretär schlagen den Leitungen der anderen Künstlerverbände vor, eine gemeinsame Arbeitsgruppe zu bilden, die einen Vorschlag an den XII. Parteitag der SED ausarbeitet, in dem die Funktion und Stellung der Künstlerverbände den veränderten gesellschaftlichen Anforderungen entsprechend neu definiert werden.5. Das Präsidium begrüßt und unterstützt das Öffentlichmachen politischer Aktivitäten der Theaterschaffenden an ihren Theatern."
(BZ, 19.10.1989)
DDR-Generalstaatsanwalt Günter Wendland gibt im Zusammenhang mit "gewisser Unruhe im Land über das Vorgehen der Polizei gegen vermeintliche oder tatsächliche Demonstranten" ein Interview in der Aktuellen Kamera" des DDR-Fernsehens. Darin erklärt er u. a.:
"(...) Anzeigen, die Bürger erstatten, werden überprüft, werden geprüft nach dem Maß der Gesetze, wie sich das gehört. (...) Und wir werden entsprechend den Gesetzen auch unsere Entscheidungen treffen. (...) Lassen Sie mich hinzufügen, wir dulden natürlich auch keine Verleumdungen, weder eines Bürgers noch eines Staatsorgans. Auch das ist ein Anliegen der Gesetzlichkeit. (...) Um das auch deutlich zu .sagen: Die Gewalt ging nicht von der Polizei aus, die Gewalt richtete sich gegen die Polizei. Wir haben immerhin 106 zum Teil erheblich verletzte Polizisten. (...) Gewalt und Aufputschen zu Gewalt haben bei uns keinen Platz, werden auch nicht geduldet. Es haben sich Bürger beschwert, weil sie die Gewalt verabscheuen und kein Verständnis haben für das, was sich an Zerstörung dort vollzogen hat. Glauben Sie nicht, dass auch diese Bürger recht haben? (...)"Leipzigs Oberbürgermeister Dr. Bernd Seidel trifft mit Vertretern mehrerer kirchlicher Glaubensrichtungen - darunter Probst Günter Hanisch (Römisch-katholische Kirche), Pastor Gerhard Riedel (Evangelisch-methodistische Kirche), Superintendent Johannes Richter (Evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens) und Pfarrer Hans-Jürgen Sievers (Reformierte Kirche) - zusammen. Seidel erklärte u. a., er sei froh, dass die Demonstrationen im Leipziger Zentrum an den vergangenen Montagabenden dank der Besonnenheit aller Beteiligten gewaltfrei und ohne Zusammenstöße verliefen. Nun sei es an der Zeit, den Dialog auf anderer Ebene weiterzuführen und inhaltlich über die Entwicklung des Lebens in der Messestadt und des Landes weiter zu diskutieren. Das müsse dazu führen, auf sozialistischer Grundlage Wege und Lösungen zu finden, die dem gemeinsamen Anliegen dienen, dass die Menschen sich in der DDR wohl und heimisch fühlen. Die kirchlichen Vertreter machten deutlich, dass die ehrliche Suche nach den Gründen für die massenhafte Meinungsbekundung auf den Straßen Leipzigs nötig sei. Nicht die Verlagerung ungeklärter Probleme von der Straße nach anderswo trage zu Lösungen bei, sondern nur ganz klare Taten als Zeichen der Hoffnung. Vertrauen sei in Argumente zu setzen, nicht in Macht und Gewalt.
Das Präsidium der DBID erörtert zusammen mit den Vorsitzenden der Bezirksverbände und weiteren Parteiarbeitern Aufgaben der politischen Führungstätigkeit. Es gehe darum, heisst es im Kommuniqué, "all das, was in unserem Lande mit den Menschen und für die Menschen als Ergebnis der Arbeit mehrerer Generationen erreicht und geschaffen wurde, mit spürbar größeren Resultaten für alle Bürger zur Geltung zu bringen. (...) Wir stellen neue und wichtige Fragen der kommenden Zeit im Bauern-Echo' zur Diskussion. Sie betreffen zum Beispiel die Eigenständigkeit der LPG, die Verringerung des Verwaltungsaufwandes, die Vertiefung des Eigentümerbewusstseins der Genossenschaftsbauern, die Nachwuchssicherung, die konsequente Durchsetzung des Leistungsprinzips und damit auch neue Fragen der Vergütung in der Landwirtschaft."Das Präsidium bekräftigt, dass die DBD im sozialistischen Parteienbündnis, im Demokratischen Block und in der Nationalen Front auch künftig ein zuverlässiger Partner sein und den XII. Parteitag der SED durch eigenständige Beiträge mit vorbereiten wird.
(BE, 18.10.1989)
An der Berliner Humboldt-Universität diskutieren 6 000 Studenten Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung und insbesondere studentische Probleme, vor allem der Interessenvertretung. In dem kontroversen Meinungsstreit geht es u. a. darum, ob es notwendig ist, neue Strukturformen zu schaffen, damit die Studenten künftig ihre Belange besser als bisher vertreten können. Es wird für die Bildung von Studentenräten plädiert und zugleich darauf hingewiesen, dass die FDJ ihre Verantwortung besser wahrnehmen müsse.
Die Gewerkschaftszeitung Tribüne berichtet über eine Gewerkschaftsversammlung im Berliner Transformatorenwerk mit Funktionären des Zentralvorstandes der IG Metall. Auf der Versammlung, die am 13. Oktober stattfand, stand ein Brief zur Debatte, den zwölf Vertrauensleute im Namen von 380 Kollegen des Bereiches K (Materialwirtschaft, Transport) am 25. September 1989 an den FDGB-Bundesvorstand geschrieben hatten und in dem sie ihre tiefe Besorgnis "über das gesamte gegenwärtige unbefriedigende Klima" zum Ausdruck brachten. Auf der Versammlung wurden u. a. von Werktätigen folgende Fragen gestellt:"Müssten unsere Kaufhallen nicht genauso aussehen wie die Delikatläden? - Woher sollen wir die Gewissheit nehmen, dass die Reiseregelungen in die ČSSR tatsächlich nur vorübergehend sin; Waren die Einschränkungen im pass- und visafreien Verkehr in die VR Polen nicht auch als vorübergehende Maßnahmen deklariert? - Wer garantiert, dass wir den Leuten, die uns getäuscht haben, jetzt vertrauen können? - Unsere Pläne waren immer anspruchsvoll, aber leider nicht real. - Wir befürworten auch keine Wanderer zwischen den Welten. Aber wie wird reagiert werden, wenn Abgehauene' zurück in die DDR wollen? - Ist das normal, dass man inzwischen kaum noch Zeitungen und Zeitschriften abonnieren kann, dass Annoncen Wochen und Monate bis zur Veröffentlichung brauchen? - Kann es richtig sein, dass der Parteisekretär dem Betriebsdirektor vorschreibt, wie der Betrieb zu leiten ist? - Wir Alten haben damals die Trümmer der Städte weggeräumt, müssen wir jetzt auch ideologische Trümmer wegschaffen? - Sollten nicht künftig die Vertrauensleute gefragt werden, zu welchen Themen Vertrauensleutevollversammlungen organisiert werden, wie das vor Jahren üblich war? - Unsere Auto-Probleme sind schon lange unhaltbar. Warum wurde aber noch eins draufgesetzt, indem einige Ersatz- und Zubehörteile nur im Intershop zu haben sind? - Im jetzt begonnenen Dialog höre ich immer wieder: Wir sollen mitmachen, unsere Ideen und Kritiken werden gebraucht. Was machen dann die vielen Leute, die für das Vorausdenken, Planen, Organisieren bezahlt werden? - Und wenn Fragen gestellt werden, wo bleibt da die Rückantwort? - Die Arbeit mit dem Menschen haben wir völlig verlernt."
(T, 17.10.1989)
Eine erste Gruppe von DDR-Flüchtlingen aus Warschau trifft auf dem BRD-Flughafen Düsseldorf ein.
In fünf Dresdener Kirchen versammeln sich etwa 20 000 BürgerInnen, um Informationen über das Gespräch mit Oberbürgermeister Berghofer vom Vortag zu erhalten.18. Oktober
In Berlin tritt das Zentralkomitee der SED zu seiner 9. Tagung zusammen. In dem am Nachmittag veröffentlichten Kommuniqué heisst es:"(...) Zu Beginn ergriff Genosse Erich Honecker das Wort und bat, ihn aus gesundheitlichen Gründen von seinen Funktionen zu entbinden. Das Zentralkomitee entsprach seiner Bitte und dem Vorschlag, Genossen Honecker von der Funktion des Generalsekretärs des ZK, als Mitglied des Politbüros des ZK, vom Amt des Vorsitzenden des Staatsrates und von der Funktion des Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates der DDR zu entbinden. Es würdigte sein langjähriges Wirken für die Partei und die Deutsche Demokratische Republik und sprach ihm für sein politisches Lebenswerk den herzlichen Dank aus, verbunden mit den besten Wünschen.
Auf Vorschlag des Politbüros wählte das Zentralkomitee Genossen Egon Krenz, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK, einmütig zum Generalsekretär des Zentralkomitees der SED.Entsprechend dem Vorschlag des Genossen Erich Honecker unterbreitet das Zentralkomitee der Volkskammer der DDR den Vorschlag, Genossen Egon Krenz zum Vorsitzenden des Staatsrates der DDR und zum Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates der DDR zu wählen.
Die Genossen Joachim Herrmann und Günter Mittag wurden von ihren Funktionen als Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der SED entbunden.Das Zentralkomitee schlägt der Volkskammer der DDR vor, Genossen Günter Mittag aus der Funktion des Stellvertreters des Vorsitzenden des Staatsrates abzuberufen.
Genosse Egon Krenz sprach zur aktuellen politischen Lage und zu den Aufgaben der Partei.An der Diskussion beteiligten sich acht Genossen.
Das Referat wurde einstimmig bestätigt.Das Zentralkomitee beauftragte den Generalsekretär, Genossen Egon Krenz, sich mit dieser Rede über das Fernsehen und den Rundfunk an alle Bürger der DDR zu wenden."
(ND, 19.10.1989)
"Nach reiflichem Überlegen und im Ergebnis der gestrigen Beratung im Politbüro bin ich zu folgendem Entschluss gekommen: Infolge meiner Erkrankung und nach überstandener Operation erlaubt mir mein Gesundheitszustand nicht mehr den Einsatz an Kraft und Energie, den die Geschicke unserer Partei und des Volkes heute und künftig verlangen. Deshalb bitte ich das Zentralkomitee, mich von der Funktion des Generalsekretärs des ZK der SED, vom Amt des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR und von der Funktion des Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates der DDR zu entbinden. Dem Zentralkomitee und der Volkskammer sollte Genosse Egon Krenz vorgeschlagen werden, der fähig und entschlossen ist, der Verantwortung und dem Ausmaß der Arbeit so zu entsprechen, wie es die Lage, die Interessen der Partei und des Volkes und die alle Bereiche der Gesellschaft umfassenden Vorbereitungen des XII. Parteitages erfordern.
Liebe Genossen!Mein ganzes bewusstes Leben habe ich in unverrückbarer Treue zur revolutionären Sache der Arbeiterklasse und zu unserer marxistisch-leninistischen Weltanschauung der Errichtung des Sozialismus auf deutschem Boden gewidmet. Die Gründung und die erfolgreiche Entwicklung der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik, deren Bilanz wir am 40. Jahrestag gemeinsam gezogen haben, betrachte ich als die Krönung des Kampfes unserer Partei und meines eigenen Wirkens als Kommunist.
Dem Politbüro, dem Zentralkomitee, meinen Kampfgefährten in der schweren Zeit des antifaschistischen Widerstandes, den Mitgliedern der Partei und allen Bürgern unseres Landes danke ich für jahrzehntelanges gemeinschaftliches und fruchtbares Handeln zum Wohle des Volkes.Meiner Partei werde ich auch in Zukunft mit meinen Erfahrungen und mit meinem Rat zur Verfügung stehen.
Ich wünsche unserer Partei und ihrer Führung auch weiterhin die Festigung ihrer Einheit und Geschlossenheit und dem Zentralkomitee weiteren Erfolg."Aus der Rede des Generalsekretärs Egon Krenz auf der 9. Tagung des ZK der SED:
Ich danke dem Zentralkomitee für sein Vertrauen. Mir ist das Gewicht der Verantwortung bewusst, der ich mich stelle. In Eurem Auftrage, im Interesse unserer Partei und unseres Volkes bin ich bereit, diese Pflicht zu übernehmen. (...)Mit der heutigen Tagung des Zentralkomitees weisen wir aus, dass wir ohne Zaudern auf dem Weg fortschreiten, der mit der Erklärung des Politbüros vom 11. Oktober eingeschlagen worden ist. Das unterstreicht: Diese Erklärung ist kein Papier der Taktik. Eine Partei wie unsere hat keine anderen Interessen als das Volk. Wenn es um dessen Geschicke geht, zählt vor allem der Mut zur Wahrheit, zählen Überzeugungskraft und Standhaftigkeit. Dazu bekennen wir uns mit dieser Tagung des Zentralkomitees erneut. Unser Gesicht ist dem Volke zugewandt.
Zur Wahrheit, zu der wir stehen, gehört auch, dass der Sozialismus die einzige, humanistische Alternative zum Kapitalismus ist. Unser historischer Optimismus resultiert aus dem Wissen von der Unabwendbarkeit des Sieges des Sozialismus, den Marx, Engels und Lenin begründet haben. (...)Fest steht, wir haben in den vergangenen Monaten die gesellschaftliche Entwicklung in unserem Lande in ihrem Wesen nicht real genug eingeschätzt und nicht rechtzeitig die richtigen Schlussfolgerungen gezogen. Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen.
In der Kollektivität der Führung unserer Partei auf allen Ebenen liegt eine entscheidende Kraft. (...)Unsere marxistisch-leninistische Partei ist ein großer erfahrener Kampfbund. Sie hat immer an der Spitze der sozialistischen Revolution in unserem Lande gestanden und alle gesellschaftlichen Umwälzungen geführt. So wird es auch diesmal sein. Die kollektive Kraft unserer Partei beruht auf der politischen Erfahrung und auf der Lebenskenntnis der über 2,3 Millionen Kommunisten. Klar geführt durch das Zentralkomitee, stehen sie unerschütterlich zu den Errungenschaften, Werten und Idealen des Sozialismus.
Schulter an Schulter haben wir viele Prüfungen bestanden. Gemeinsam haben wir historische Siege erfochten und aus Niederlagen gelernt. Das Wichtigste war immer unser einheitliches und geschlossenes Handeln, der Verlass aufeinander, die Übereinstimmung von Wort und Tat. Die Geschichte der DDR bezeugt die mobilisierende gesellschaftliche Kraft unserer Partei. (...)Wie die Deutsche Demokratische Republik die Heimat aller ihrer Bürger ist - unabhängig von ihrer sozialen Stellung, ihrer Weltanschauung oder Religion -, so ist es das Recht und sollte es als Pflicht von allen empfunden werden, ihre Gedanken in die Politik ihres Staates einzubringen. So wie es die Verfassung unserer Republik vorsieht. Das Bündnis der in der Nationalen Front vereinten demokratischen Kräfte unseres Landes bleibt eine tragende Säule unserer sozialistischen Gesellschaft.
Als Partei der Arbeiterklasse wenden wir uns an die Arbeiterinnen und Arbeiter unseres Landes, an die führende Klasse unserer Gesellschaft, sich mit uns den Aufgaben der weiteren Stärkung des Sozialismus zu stellen. Von ihrem Fleiß, Einsatzwillen und politischen Verantwortungsbewusstsein hängt viel für das Wohl und Wehe unserer Deutschen Demokratischen Republik ab. (...) Die Probleme, die sie angesprochen haben - die Diskontinuität in der Produktion, die ungenügende Durchsetzung des Leistungsprinzips, die ungerechtfertigten Disproportionen zwischen Produktion und Warenangebot, die schleppende Verwertung wissenschaftlich-technischer Erkenntnisse für die Produktion, die unzureichende Exporteffektivität und anderes mehr stehen auf der Tagesordnung der von uns zu lösenden Aufgaben. (...) Niemand darf zulassen, dass die besten Eigenschaften der Arbeiterklasse, ihr Qualitätsbewusstsein, ihr Fleiss, ihre politische Standhaftigkeit und ihr Veränderungswille unzureichend genutzt werden.Wir wenden uns an alle Genossenschaftsbäuerinnen und -bauern, die fest in ihren Genossenschaften verwurzelt sind, an die Land- und Forstarbeiter. Unter nicht leichten Witterungsbedingungen sorgten sie in den vergangenen Jahren für das Brot des Volkes. Wir setzen auch in diesem Jahr und künftig auf ihre Fähigkeit, bäuerliche Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse auf den Feldern und im Stall für eine weiter steigende Produktion zu nutzen.
Wir wenden uns an die hochgebildete und politisch engagierte Intelligenz unseres Landes, an die Wissenschaftler, die Schriftsteller, Künstler und alle Kulturschaffenden, an die Ingenieure, Pädagogen und Mediziner. Ihre Erfahrungen und ihr Rat, mit dem sie das Antlitz unseres Landes unverwechselbar mitgestaltet haben, ist mehr denn je gefragt. Wir gehen davon aus, dass sich die Angehörigen der Intelligenz auch künftig als leistungsbewusste, kreative und verläßliche Partner unserer Partei und der ganzen Gesellschaft erweisen werden. Wenn es um einen attraktiven Sozialismus geht, darf es keine Begrenzung für Forscherdrang und Schöpfertum geben.Wir wenden uns an die Frauen unseres Landes, die in Familie, Beruf und gesellschaftlichem Leben unentbehrliche Stützen unserer Gesellschaft sind. Ohne sie und ihre Leistungen ist unsere Gesellschaft nur die Hälfte wert. Sie braucht ihre Talente und Fähigkeiten, ihren bewundernswerten Einsatz für das Glück ihrer Familien und unseres Volkes.
Wir wenden uns an alle Handwerker und Gewerbetreibenden. Sie leisten einen großen Beitrag für unsere Gesellschaft und haben im Sozialismus eine gesicherte Perspektive. (...)Wir wenden uns an die Jugend. Ihre aktive Mitgestaltung der Gesellschaft ist charakteristisch für unsere Republik. Wir wollen der jungen Generation zur Seite stehen, damit sie den Sinn ihres Lebens bewusst in unserer Gesellschaft verwirklichen kann. Die Jugend will und soll mitbestimmen bei allen Entscheidungen, die ihr Leben betreffen. Sie muss sich noch stärker selbst verwirklichen können. Sie braucht unser Vertrauen und das Erlebnis, Verantwortung zu tragen. Sie braucht eine größere Hinwendung der ganzen Gesellschaft, der Eltern, der Schule, der Freien Deutschen Jugend und der Pionierorganisation "Ernst Thälmann". Jede moralische, geistige und pädagogische Investition in die Jugend ist eine Investition in die Zukunft des Sozialismus.
Wir wenden uns an unsere Soldaten, an alle Angehörigen der Schutz- und Sicherheitsorgane. Unser Volk weiß, was es ihrem Einsatz zu danken hat, damit jeder täglich seiner friedlichen Arbeit nachgehen kann. Die sicher geschützte Arbeiter-und-Bauern-Macht bleibt die erste Voraussetzung für alles, was sich in unserer Gesellschaft in gemeinsamer Arbeit für eine gute gemeinsame Zukunft vorgenommen hat.Wir wenden uns an die Kampfschar der Veteranen des antifaschistischen Widerstandes und der Aktivisten der ersten Stunde. Sie haben den Grundstein gelegt für den sozialistischen deutschen Staat. Ihre Erfahrungen aus dem Klassenkampf, ihre Standhaftigkeit in kompliziertesten Lebenssituationen, ihre unerschütterliche Überzeugung von der schöpferischen Kraft der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten bleiben unverzichtbar für unser weiteres Vorwärtsschreiten. (...)
Wir wenden uns an die Vertreter der Kirchen, an alle religionsgebundenen Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Die sozialistische Gesellschaft braucht und will ihre Mitarbeit. Uns verbindet mehr, als uns trennt. Das wollen wir deutlicher aussprechen und für das Wohl unseres Staates, in dem wir alle leben, in gegenseitiger Achtung noch mehr nutzen und ausbauen.Wir wenden uns an alle, mitzuarbeiten, mitzuplanen und mitzuregieren. Laßt uns gemeinsam anpacken, was wir anzupacken haben. (...)
Unsere strategische Orientierung für die ausgewogene Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik bleibt gültig. Es gibt keinen Grund, Erreichtes geringzuschätzen und in Frage zu stellen, nur weil noch nicht Erreichtes neue Fragen aufwirft. (...)Unser Programm ist die Ausgestaltung der sozialistischen Gesellschaft, ihre fortwährende Erneuerung. Da gibt es keinen Stillstand, darf es keinen geben. (...)
Jeder hat in den letzten Monaten gespürt: Wir erleben die Verschärfung von Widersprüchen bei der Verwirklichung des Programms unserer Partei und der Beschlüsse unseres XI. Parteitages. Die Probleme in der Volkswirtschaft, im Binnenhandel und auf den Außenmärkten haben zugenommen. Es häuften sich ungelöste Fragen bei der bedarfs- und qualitätsgerechten Versorgung der Bevölkerung. Ungereimtheiten bei der Durchsetzung des Leistungsprinzips nahmen zu. Lohnpolitik, Subventionen und soziale Leistungen werden lebhaft diskutiert. Sorgen macht uns die Erhaltung der natürlichen Umwelt.Wo angestrebte ideale schon als Errungenes angesehen werden und über den unbestreitbaren Erfolgen die Widersprüche des Lebens aus dem Blick geraten, da werden allerdings Initiativen gebremst. Wenn die Bürger unseres Landes als sachkundige und aufgeschlossene Partner von Partei und Staat wirken, wird selbst eine bittere Wahrheit zum gemeinsamen Handeln im gemeinsamen Interesse motiviert. Im übrigen: Bescheidenheit steht uns weitaus besser zu Gesicht als überzogene Selbstdarstellung, Genossinnen und Genossen aus den Bezirks- und Kreisparteiorganisationen, vor allem auch aus Grundorganisationen unserer Partei in den Betrieben, verweisen seit längerem mit Nachdruck auf die Einhaltung unseres Statuts. Es verpflichtet bekanntlich jedes Parteimitglied, unabhängig von Verdiensten und Funktion, 'gegen Subjektivismus, Missachtung des Kollektivs, Egoismus und Schönfärberei aufzutreten und gegen die Neigung, sich an Erfolgen zu berauschen; gegen jeden Versuch anzukämpfen, die Kritik zu unterdrücken und sie durch Beschönigung und Lobhudelei zu ersetzen, sowie die Kritik und Selbstkritik von unten in jeder Weise zu fördern'.
Wir können nicht übersehen, dass die traditionelle Stärke unserer Partei, ihr Vertrauensverhältnis mit dem Volk, beeinträchtigt ist. Daraus ziehen wir Schlussfolgerungen für unsere Arbeit. Wir übersehen gleichzeitig nicht, dass die Gegner des Sozialismus - die äußeren wie die inneren - verstärkt versuchen, daraus Vorteile für sich zu ziehen. Sie wittern Morgenluft und setzen darauf - ohne das Risiko offener Aggression -, die DDR in kapitalistische Verhältnisse zurück zu 'reformieren'.Mehr als hunderttausend - darunter nicht wenige junge Leute sind aus unserem Land weggegangen. Das ist ein weiteres Symptom für die entstandene Lage. Ihren Weggang empfinden wir als großen Aderlass. Jeder von uns kann die Tränen vieler Mütter und Väter nachempfinden. Wir haben manchen menschlichen, wir haben politischen und ökonomischen Verlust erlitten. Diese Wunde wird noch lange schmerzen. Nicht wenige Äußerungen von Ausgereisten vor der Kamera westlicher Fernsehstationen haben aber auch die Würde und den Stolz ihrer Eltern, Freunde und Kollegen und vieler von uns verletzt. Das entbindet jedoch niemand von der Pflicht, bei sich und seiner Umgebung darüber nachzudenken, warum uns so viele Menschen den Rücken gekehrt haben. Nur wenn wir uns rückhaltlos den Ursachen, die in unserer Gesellschaft entstanden sind, zuwenden, wer den wir denen, die sich auch jetzt noch mit dem Gedanken der Ausreise tragen, möglicherweise einen Anstoss geben, ihren Beschluss zu überdenken. Wir brauchen sie. An dieser Stelle aber ist vor allem ein Wort des Dankes an jene Bürgerinnen und Bürger zu sagen, die ohne Zögern im Interesse der Menschen zusätzliche Belastungen auf sich genommen haben, die aus dieser Lage entstanden sind.
Mit der Erklärung des Politbüros vom 11. Oktober wurde im Sinne unserer Politik von Kontinuität und Erneuerung die Tür breit geöffnet für den ernstgemeinten innenpolitischen Dialog. Wie sich zeigt, gewinnt die öffentliche Debatte auf der Suche nach den besten Lösungen für die weitere Ausgestaltung des Sozialismus in der DDR schnell Substanz. Das wird niemanden verwundern, der im Gespräch mit den Bürgern - ob an ihrem Arbeitsplatz, im Freundeskreis, im Urlaub, bei vielen Gelegenheiten - immer wieder ein stark entwickeltes staatsbürgerliches Bewusstsein, großen Sachverstand, politisches Interesse und politische Urteilsfähigkeit feststellen konnte. Darauf setzen wir.Die sozialistische Gesellschaft braucht die Debatte, weil sie eine aufgeklärte Gesellschaft ist. Sie braucht den wissenden, gut informierten Bürger, der aus eigenem freien Willen für sein Gemeinwesen handelt. Sie braucht den Bürger, der in Entscheidungen, die ihn und sein Land betreffen, einbezogen sein will. Sie braucht den selbstbewußten und kritischen, den mündigen Bürger, Wir lassen uns von der festen Überzeugung leiten, dass alle Probleme in unserer Gesellschaft politisch lösbar sind.
Unsere Gesellschaft verfügt über genügend demokratische Foren, in denen sich die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Schichten der Bevölkerung für einen lebenswerten Sozialismus äußern können. Die breite Entfaltung der sozialistischen Demokratie in der DDR sollte jedoch von niemandem als Freibrief für verantwortungsloses Handeln missverstanden oder gar für Gewalt- und Zerstörungsakte missbraucht werden. Auf solche Handlungen kann es nur eine Antwort geben: Sicherung von Ruhe und Ordnung, der friedlichen Arbeit der Bürger, der Schutz der Werte, die wir alle zu bezahlen haben. Wer sich gegen die Grundlagen unserer gesellschaftlichen Ordnung wendet, der muss sich indes fragen lassen, ob er ein anderes gesellschaftliches System als die übergroße Mehrheit unseres Volkes will? Für uns ist klar: Der Sozialismus auf deutschem Boden steht nicht zur Disposition!Für den Dialog, den wir mit aller Entschiedenheit erstreben, sind also zwei Voraussetzungen hervorzuheben:
Erstens: Alles, worüber wir uns einig sind und worüber wir uns streiten, muss eindeutig in seinem Ziel sein:, den Sozialismus in der DDR weiter auszubauen, die sozialistischen Ideale hochzuhalten und keine unserer gemeinsamen Errungenschaften preiszugeben. Wer das in Zweifel zieht, stellt das Lebenswerk von Generationen in Frage.Zweitens: Unsere sozialistische deutsche Republik ist und bleibt ein souveränes Land. Wir lösen unsere Probleme selbst. Ich gebe hier den in vielen Gesprächen der letzten Tage und Wochen geäußerten Forderungen und Protesten von DDR-Bürgern Ausdruck, wenn ich Bonn und die von dort gelenkten Medien auffordere, sich nicht länger massiv in die inneren Angelegenheiten der DDR einzumischen. Das betrifft auch den absurden Versuch, unserer Partei vorzuschreiben, wie sie den Dialog zu führen hat. Was in der DDR zu tun und zu lassen ist, welche Reformen wir durchführen, wird einzig und allein in der DDR entschieden. Das war so, das ist so, und das wird auch so bleiben. Uns ist bewusst, dass der Gegner nicht nachlassen wird, uns am Zeuge zu flicken. Das ficht uns nicht an. Nicht er, sondern die Menschen mit ihren Sorgen und ihrer Bereitschaft zur Mitarbeit sind der Maßstab für unsere Arbeit. (...)
Wir sind im Sinne des Grundlagenvertrages weiterhin für gedeihliche Nachbarschaft und gegenseitig vorteilhafte Zusammenarbeit. Die mehr als 30 Verträge und Abkommen zwischen beiden Staaten bleiben auch für die Zukunft von Gewicht. Zusammenarbeit schließt ein, immer davon auszugehen, dass es 'bei der Verwirklichung des Grundlagenvertrages stets um die Interessen beider Vertragspartner und ihrer Bürger geht, Auf dieser Basis sind wir bereit, Handel und Wandel ' zwischen beiden deutschen Staaten zu festigen und möglichst auszubauen - wohl wissend, was von stabilen Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten für die europäische Sicherheit abhängt. (...)Wir bekennen uns zu unserer Friedenspflicht. Deshalb verfolgen wir weiterhin die Politik des Dialogs, damit sich Vernunft und Realismus durchsetzen können. Zur friedlichen Koexistenz, zu Abrüstung, Entspannung und Zusammenarbeit zwischen Ost und West sehen wir keine vernünftige Alternative. Mit dem Ziel, die gemeinsame Verantwortung beider deutscher Staaten für ein friedliches, geregeltes und gleichberechtigtes Nebeneinander unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen zu vertiefen, sind wir bereit, Wege und Möglichkeiten zu prüfen, um langfristig die Beziehungen zwischen der DDR und der BRD* enger und vertraglich geregelt zu gestalten sowie kooperative und ständige Formen der wirtschaftlichen, ökologischen, politischen, kulturellen, humanitären und touristischen Zusammenarbeit zu entwickeln.
Wenn die Regierung der Bundesrepublik Deutschland einen Beitrag dazu leisten will, sollte sie die volle Respektierung der Staatsbürgerschaft der DDR auf der Basis unzweideutiger völkerrechtlicher Regelungen und Gesetzgebungen gewährleisten, den Verzicht auf jede Form einer staatlichen Einvernahme der Bürger unseres Staates erklären, ferner die Entwicklung von Kontakten der Volkskammer der DDR und des Bundestages der BRD, regelmäßige Konsultationen zwischen Parteien und Gewerkschaften sowie der wirtschaftsleitenden Organe und anderer staatlicher Einrichtungen konstruktiv fördern. Die Hand der DDR zur Zusammenarbeit im Interesse der Menschen und der europäischen Idee bleibt auch gegenüber der BRD ausgestreckt. (...)Das Bündnis und die Zusammenarbeit mit der KPdSU und mit allen sozialistischen Bruderparteien gehören zu den Grundlagen unserer Politik. Für die DDR zählen die effektive Zusammenarbeit im RGW und die ständige Festigung des politischen Bündnisses der Warschauer Vertragsstaaten zu den grundlegenden Bedingungen ihres weiteren Voranschreitens. (...)
Die zunehmende Vielfalt ist zweifellos ein Gesetz der Entwicklung des Sozialismus. Gerade diese Unterschiedlichkeit, der Reichtum an Neuem, von sich Erprobendem mit all den Risiken, die damit verbunden sind, verlangt das Aufeinanderzugehen, den Austausch von Erfahrungen, Meinungen und Problemstellungen. Nie war das Klima dem dienlicher und dafür fordernder als heute. Wir haben die Zeichen der Zeit zu erkennen und entsprechend zu reagieren, sonst wird uns das Leben dafür bestrafen. Diese Erfahrung der sowjetischen Kommunisten, auf die unser Kampfgefährte Michail Gorbatschow zum DDR-Jubiläum hingewiesen hat, wird uns in unserer künftigen Arbeit begleiten.Das Zentralkomitee versichert allen Bruderparteien und unseren Kampfgefährten in der internationalen Arbeiterbewegung, allen Streitern für gesellschaftlichen Fortschritt und Frieden, dass sich alle wie bisher auf die Klassensolidarität der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und die Arbeiter-und-Bauern-Macht in der DDR verlassen können. (...)
Vor uns und allen Bürgerinnen und Bürgern steht ein Berg von Arbeit. Niemand hat ein Zaubermittel, ihn von heute auf morgen zu bewältigen. Für manches wollen wir, nach Meinungsstreit zum gemeinsamen Handeln kommend, bald spürbare Lösungen finden. Anderes wird seine Zeit brauchen, und für manches, was notwendig wäre, wird es gegenwärtig schwer sein, die materiellen und finanziellen Mittel zu finden. Wir können nicht über unsere Verhältnisse leben.Die folgenden Tagungen unseres Zentralkomitees werden auf der Basis exakter Analysen der Parteiführung und von Experten im kollektiven Meinungsaustausch des Zentralkomitees grundlegende Entscheidungsvorschläge für den XII. Parteitag unserer Partei im Mai 1990 ausarbeiten. Die Vorbereitung des Parteitages soll und wird zu einer breiten demokratischen Aussprache unserer Partei und des ganzen Volkes werden. (...)
Schwerpunkte auf ökonomischem Gebiet sind die Erfüllung der abgeschlossenen Verträge, die materiell-technische Sicherung der Produktion, erforderliche Entscheidungen zu offenen Fragen der Zulieferindustrie, Erschließen aller Möglichkeiten, um die Versorgung der Bevölkerung mit Waren, Dienstleistungen und Ersatzteilen zu verbessern. Besonders wichtig ist, die Handelstransporte zu gewährleisten. Das alles sind Sofortmaßnahmen. Sie zu lösen ist Sache des Ministerrates, der Minister und Generaldirektoren, der Leiter der Betriebe und Handelseinrichtungen. Wir wissen, wieviel Anstrengungen dafür nötig sind. Sofortmaßnahmen allein genügen jedoch nicht.Unbestreitbar ist, dass Erfolge in der dynamischen Entwicklung der Produktion, in der Meisterung der Schlüsseltechnologien, in der Intensivierung der Wirtschaft und auf sozialpolitischem Gebiet erzielt wurden. Die ehrliche Analyse offenbart aber auch, dass die Auswirkungen des Rückgangs der Akkumulationsrate und besonders der Akkumulation in den produzierenden Bereichen schwerwiegender sind als bisher eingestanden. Die Konzentration der ohnehin zu geringen Investitionen auf, bestimmte ausgewählte Zweige hat zum Zurückbleiben der Zulieferindustrie geführt. Dort sind nicht wenige Ausrüstungen mittlerweile verschlissen. Das führt zu einem hohen Instandsetzungs- und Reparaturaufwand sowie zu starkem Ersatzteilbedarf.
Im Einklang mit vielen Diskussionen unter den Werktätigen ist das Leistungsprinzip in vollem Umfang konsequent durchzusetzen. Für eine kontinuierliche Produktion ist volkswirtschaftliche Proportionalität unverzichtbar. Sie ist derzeit nicht ausreichend gewährleistet. Das erfordert, die Akkumulation in den produzierenden Bereichen zu erhöhen, aber auch auf einige vorgesehene große Investitionsobjekte zu verzichten.Die Bilanz unseres Wohnungsbauprogramms ist eindrucksvoll. Sein Effekt könnte weitaus größer sein, wenn Wohnungswirtschaft und Wohnraumvergabe besser organisiert und geleitet würden. Hier liegen Verantwortung und Chance für eine bürgernahe Arbeit der kommunalen Organe. (...)
Bei allem, was wir tun, muss uns immer wieder bewusst sein: Versprechungen, für die es keine Deckung gibt, sind nicht unsere Sache. Vielmehr geht es darum, mit höchster Anspannung zu arbeiten, um die schwierige Situation gemeinsam zu verändern.Wir werden uns auch mit dem weiteren Ausbau des sozialistischen Rechtsstaates zu befassen haben. Dabei gehen wir von dem Grundsatz aus, dass vor dem Gesetz alle Bürger gleich sind. In diesem Sinne wird der Ministerrat einen Gesetzgebungsplan vorbereiten und Vorschläge für die öffentliche Erörterung von Gesetzesentwürfen unterbreiten. Von grundlegender Bedeutung ist, dass der Ministerrat der DDR seine verfassungsmäßigen Kompetenzen als Regierung der Arbeiter-und-Bauern-Macht voll wahrnimmt und wahrnehmen kann. Den demokratischen Zentralismus werden wir in unserer Partei wie in der breiten Öffentlichkeit im Leninschen Sinne praktizieren, d. h. die Meinungsbildung auch von unten nach oben respektieren, genauso wie Kritik ohne Ansehen der Person üben und Beschlüsse erst nach Diskussion und Meinungsaustausch fassen.
Zur Ausgestaltung unseres Rechtsstaates gehören der weitere Ausbau der Verfassungskontrolle durch größere Vollmachten des Verfassungs- und Rechtsausschusses der Volkskammer, die Einheit von Volksaussprache und gründlicher, sicher auch kontroverser Diskussion grundlegender Gesetze in der Volkskammer, die Erhöhung der Eigenverantwortung der Städte und Gemeinden und andere herangereifte politische Notwendigkeiten.Wir meinen, es liegt im Interesse der ganzen Gesellschaft, die Arbeit der Volkskammer als höchstes demokratisches Gremium unseres Staates bis zum Ende ihrer Legislaturperiode im Jahre 1991 so zu qualifizieren, dass die Tätigkeit der Abgeordneten und der Ausschüsse der Volkskammer für die Öffentlichkeit noch sichtbarer wird.
Das Politbüro hat der Regierung der DDR den Vorschlag unterbreitet, einen Gesetzentwurf über Reisen von DDR-Bürgern ins Ausland vorzubereiten. Wir gehen davon aus, dass dieser Entwurf nach öffentlicher Aussprache in der Volkskammer behandelt und beschlossen werden sollte. Im Zusammenhang damit könnten ebenfalls die zeitweilig getroffenen einschränkenden Maßnahmen zum Reiseverkehr in sozialistische Bruderländer aufgehoben beziehungsweise modifiziert werden.Die Wahrheit gebietet aber deutlich zu sagen, dass die Weigerung der BRD, die Staatsbürgerschaft der DDR uneingeschränkt zu respektieren, ein sehr ernstes Hindernis bleibt für die Verwirklichung der von uns. in Aussicht genommenen Schritte für den Reiseverkehr in die BRD, nach Berlin (West) und andere kapitalistische Staaten. (...)
Für die Vorbereitung des XII. Parteitages hat der von den Massenmedien widerzuspiegelnde Dialog eine große Bedeutung. Wir versprechen uns davon viele sachkundige Vorschläge zur Lösung der Entwicklungsfragen unserer Gesellschaft, aber auch - das sei hier gesagt stärkere öffentliche Auseinandersetzung mit Erscheinungen, die dem Wesen des Sozialismus und unserer Politik widersprechen. Dazu ermutigen wir die Redaktionen.Unsere Republik hat talentierte, fähige Journalisten mit Freude an ihrer Arbeit, am politischen Kampf, mit Ideen und Phantasien. Sie drängen darauf, im Gedankenaustausch mit ihren Lesern, Hörern und Zuschauern unsere Gesellschaft als schöpferische Gemeinschaft von politisch aufgeklärten, politisch engagierten und politisch verantwortungsbewusst handelnden Menschen voranzubringen.
Natürlich bedeutet das für jeden Journalisten, auch die Fährnisse solcher Verantwortung zu sehen. Unsere Presse kann nicht die Tribüne eines richtungslosen, anarchistischen Geredes werden. Sie wird mit Sicherheit kein Tummelplatz für Demagogen sein, und sie muss - wie die Politiker - darauf achten, dass komplizierte Sachverhalte und Fragen nicht durch allzu flinke und simple Antworten verwässert werden. Es ist gut, dass die Presse schon selbst in den vergangenen Wochen Maßstäbe hervorgebracht hat, wie Journalisten ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, aber auch ihren Möglichkeiten wirkungsvoll gerecht werden können. (...)Mehr denn je sind jetzt feste politische Standpunkte und die kämpferische Haltung jedes Kommunisten gefragt, um die Politik unserer Partei an jedem Arbeitsplatz und im Wohngebiet offensiv zu vertreten. Selbst dann, wenn einer nicht sofort auf jede Frage eine Antwort hat, muss und kann er zeigen, hinter welcher Fahne er marschiert. So haben es Kommunisten immer gehalten, und so halten wir es erst recht heute. (...)
Wie sehr wir uns in dieser Stunde des Ernstes der Lage bewusst sind, der zu den heutigen Entscheidungen geführt hat - wir spüren und erkennen zugleich die große Chance, die wir uns selbst eröffnet haben, um in engster Verbindung mit dem Volk, im Dialog mit allen Bürgern unseres Landes, in einer gesellschaftlichen Atmosphäre der Offenheit, des Realismus, des gemeinsamen Zupackens die neuen Positionen auf unserem sozialistischen Kurs zu bestimmen, der uns sicher an die Schwelle der Jahrhundertwende führen wird.Unsere Macht ist die Macht der Arbeiterklasse und des ganzen Volkes unter Führung der Partei. Wir haben sie erstritten nicht um unser selbst willen, sondern für das Wohl des Volkes. Wir halten sie fest und werden sie von den Kräften der Vergangenheit nicht antasten lassen, nicht um unser selbst willen, sondern zum Besten unseres Volkes. Wir werden die Macht stetig besser nutzen für einen besseren Sozialismus, für einen festen Frieden, für eine gute und sichere Gegenwart und Zukunft unseres Volkes.
Es wird in unserer Deutschen Demokratischen Republik keinen anderen Sozialismus geben als den, den wir gemeinsam mit allen schaffen und verteidigen. Alles liegt in unserer Hand, alles liegt in unserer Gemeinsamkeit, alles liegt in der Einheit und Geschlossenheit unserer Partei. (...)"In Greifswald demonstrieren 1 000 Menschen, in Neubrandenburg gehen 10 000 auf die Straße und fordern Reformen. In Frankfurt (Oder) treffen sich Vertreter der SED, LDPD, CDU und des Neuen Forum zu einem Podiumsgespräch. In Suhl besuchen 1 300 BürgerInnen eine Versammlung des Neuen Forum.
19. OktoberSED-Generalsekretär Egon Krenz weilt gemeinsam mit SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, 1. Sekretär der Berliner SED-Bezirksleitung, im Kombinat "7. Oktober", Berlin. Über ihre Begegnung mit Werktätigen berichtet die "Berliner Zeitung" u. a.:
"Die in scharfer Kritik durch die Maschinenbauer beschriebenen Mängel wie das Missverhältnis von Zuliefer- und Finalindustrie, die fehlende konsequente Durchsetzung des Leistungsprinzips oder auch Forderungen nach besserer Versorgung und Reisemöglichkeiten für jedermann wurden von beiden Gesprächspartnern aufgegriffen und beantwortet Andererseits wurde immer wieder in den Gesprächen betont, dass eine hohe Leistungsbereitschaft existiert Für ihn, so Egon Krenz, sei diese Debatte ein Stück Parteitagsdiskussion gewesen, auch ein Stück Bürgerdiskussion. Nun gelte es, all das, was an Fragen aufgeworfen wurde, gemeinsam anzupacken. (...)Der Vorsitzende der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR, Landesbischof Dr. Werner Leich, und Egon Krenz treffen in Schloss Hubertusstock zusammen. Über die Begegnung informiert ADN u. a.:
"Egon Krenz und Werner Leich stimmten darin überein, dass es gilt, die DDR, deren Geschichte auch ein Stück Geschichte der evangelischen Kirchen unseres Landes und des gesellschaftlichen Mittuns christlicher Bürger ist, zu bewahren. Dazu bedarf es der Achtung vor der Überzeugung und dem Auftrag des jeweils anderen, Die Gesprächspartner unterstrichen den festen Willen, Vertrauen zu schaffen und Vertrauen zu wagen. (...) Beiderseitiges Einverständnis wurde auch dahingehend festgestellt, dass es in der gegenwärtigen, für die Zukunft des Landes bedeutungsvollen Situation alles zu tun gilt, um zu gewährleisten, dass der Dialog nicht durch unbedachte Handlungen, deren Auswirkungen unabsehbar sein können, gefährdet oder gar unmöglich gemacht wird. (...)"Gegenüber der "Aktuellen Kamera" erklärt Landesbischof Leich u. a.: "(...) Der Dialog heute ist sehr offen und rückhaltlos geführt worden. Und so, dass wir gespürt haben, je offener und klarer wir miteinander umgehen, um so mehr bestätigen wir das gegenseitige Vertrauen, das wir in der Zukunft brauchen. Und es ist mein Wunsch, dass der neugewählte Generalsekretär die Zeit hat, um umzusetzen, was programmatisch angesagt worden ist. Und da wollen wir ihn als offenen Gesprächspartner begleiten. (...)"
In seiner Sitzung erklärt der DDR-Ministerrat, er wolle seine Arbeitsweise so verändern, dass allerorts im Staatsapparat ein lebensnaher Arbeitsstil durchgesetzt wird. Unter anderem wird der Innenminister beauftragt, einen Gesetzentwurf über Reisen von Bürgern der DDR ins Ausland vorzubereiten und dem Ministerrat vorzulegen.Das Präsidium des Verbandes der Journalisten der DDR wendet sich an alle VDJ-Mitglieder, überholte Denk- und Arbeitsschemata schnell zu überwinden, alle Talente und Kenntnisse "für das Werk der sozialistischen Erneuerung" einzusetzen. In einem Schreiben an das Presseamt wird die Einrichtung eines Regierungssprechers angeregt, der die Medien regelmäßig über die Arbeit der Regierung informiert.
Das Präsidium des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden übermittelt ADN folgende Mitteilung zur Veröffentlichung:"Es fand eine sehr ernste Debatte über die gegenwärtige gesellschaftspolitische Situation und insbesondere die Medienpolitik statt. Um den begonnenen umfassenden gesellschaftlichen Dialog energisch zu fördern, müssen die Medien sofort und ohne Zögern Maßnahmen ergreifen, verlorenes Vertrauen wettzumachen. Film- und Fernsehmacher wollen diesen Dialog wahrheitsgemäß dokumentieren und ihn kräftig stimulieren. Es geht darum, sich ohne Ängstlichkeiten und Tabus sofort den anstehenden Problemen und Widersprüchen zuzuwenden und die im Verband vorhandenen geistigen Potenzen zu mobilisieren, um aus den Medien wirksame Organe des Dialogs aller gesellschaftlichen Kräfte über unsere Gegenwart und Zukunft zu entwickeln. Es geht um ein vom Volk akzeptiertes Fernsehen, das die gesellschaftliche Psychologie berücksichtigt und die politische Kultur fördert. (...)
Gefordert wurde eine engere Zusammenarbeit mit anderen Künstlerverbänden, unbehinderter Einsatz sowjetischer Filme in den besten Kinos des Landes, die Wiederzulassung des 'Sputnik' (Der Vertrieb der sowjetischen Zeitschrift war am 19. 11. 1988 in der DDR verboten worden) und den Einsatz des Films 'Reue'. Getroffene Fehlentscheidungen müssen rückgängig gemacht werden, auch im Verband.Das Präsidium des Verbandes ruft alle Mitglieder auf, sich mit aller Entschiedenheit mit ihren Filmen und Sendungen in den gesellschaftlichen Dialog unseres Landes einzumischen, und zwar so, als hinge die weitere Existenz des Sozialismus allein von ihrer Arbeit ab. Nur so gewinnen wir wieder Aufmerksamkeit und langfristig Vertrauen zurück."
(BZ, 20.10.1989)
"In den vergangenen Monaten haben sich die Bezirksvorstände, Sektionsleitungen, Künstlergruppen und Künstlerpersönlichkeiten in Resolutionen und Briefen an die Partei- und Staatsführung sowie an die Öffentlichkeit gewandt. Das Präsidium des Künstlerverbandes teilt
- die Besorgnis über die Verschärfung der ökonomischen, politischen, ökologischen und kulturellen Widersprüche in unserem Lande,Nach Auffassung des Präsidiums hat all das der Glaubwürdigkeit des Sozialismus und seiner tiefgreifenden Erneuerungsfähigkeit geschadet. Wir sehen allein im grundsätzlichen und kontroversen Dialog aller gesellschaftlichen Kräfte unseres Landes eine Möglichkeit, sich durch schonungslose Analyse der Situation bewusst zu werden und Schritte zu ihrer Veränderung zu finden. Dieser Dialog muss rechtlich gesichert werden und darf keine politische Kraft ausgrenzen. Wir hoffen, dass die Maßnahmen der Sitzung des Zentralkomitees vom 18. 10. 1989 hierzu ein erster Schritt waren. Dieser Weg muss konkret und konsequent weitergegangen werden bis zu solchen Strukturen unserer Gesellschaft, die Entwicklung und Korrektur garantieren.
Was uns betrifft: Vom konstruktiven Geist war unser X. Kongress getragen, der streitbar, kritisch, kontrovers wesentliche Fragen diskutiert hat, die inzwischen auch in den Mittelpunkt der Diskussion unseres Landes gerückt sind. Ein umfangreiches Paket konstruktiver Vorschläge liegt seitdem auf dem Tisch. Dies alles ist bisher weithin folgenlos geblieben. Wir teilen deshalb die Ungeduld unserer Kollegen.(...) Das Präsidium stimmt dem Vorschlag des Präsidiums des Theaterverbandes zu, eine gemeinsame Arbeitsgruppe aller Künstlerverbände zu bilden, die einen Vorschlag an den XII. Parteitag der SED ausarbeitet.
Die mehr als 6 000 Mitglieder des Verbandes Bildender Künstler der. DDR sind fähig, mit ihrer Arbeit sehr viel für das geistige Klima unseres Landes und für die visuell-ästhetische Gestaltung einer menschenwürdigen Umwelt beizutragen. Ihre Vorschläge, ernst genommen und realisiert, können Entscheidendes mit verändern helfen."Das Präsidium des Hauptausschusses der NDPD berät unter Leitung des Parteivorsitzenden, Prof. Dr. Heinrich Homann, Fragen der weiteren Entwicklung der Partei, des Staates und des Landes. In einem Kommuniqué heisst es u. a.:
"Offenkundig ist, dass nicht nur einzelne durch die Art und Weise der Regelung von bestimmten Staats- und Bürgerangelegenheiten ihren Platz suchten, glaubten, ihn nicht finden zu können oder ihn auch nicht fanden. Der Weggang Zehntausender macht auch uns betroffen und ist ein ernster Verlust für uns." Die NDPD werde nicht zulassen, dass in ihre Partei Kräfte Eingang finden, die das verfassungsmäßige Fundament des Staates, mit welchen Mitteln auch immer, zu verändern trachten. Die Partei wolle, dass dem Sozialismus nicht Schaden zugefügt, sondern dass er weiter gestärkt wird. Dazu gehöre, dass die politische Macht, wie sie verfassungsmäßig verankert ist, gestärkt und für die Interessen des Volkes zur Anwendung kommt.Der Katholische Bischof von Berlin, Georg Sterzinsky, fordert freie Wahlen in der DDR; es könne nicht mehr hingenommen werden, "dass es nur Blockparteien gibt, die fraglos die führende Rolle der Arbeiterklasse anerkennen".
Albrecht Schönherr, ehemaliger Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, äußert über Egon Krenz: "Der Mann ist bekannt für das, was er in der Vergangenheit getan hat."Der stellvertretende Kirchenbundvorsitzende Manfred Stolpe erklärt, Krenz habe zwar "treu" zu Honecker gestanden, aber auch "unverhohlen" zu verstehen gegeben, dass er die Politik Gorbatschows als wegweisend ansehe.
Der Berliner Evangelische Bischof Gottfried Forck verlangt von den Verantwortlichen der DDR eine Entschuldigung für die "Unregelmäßigkeiten" bei den Kommunalwahlen im Mai 1989.
Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden, Hans Modrow, tritt vor 2 000 Parteiaktivisten seines Bezirkes für "einen tiefen Wandel" in der DDR ein, an dem alle Klassen und Schichten, vor allem Jugend und Christen, beteiligt sein müßten. Modrow verweist in diesem Zusammenhang auf in der Sowjetunion gesammelte Erfahrungen.Zu Demonstrationen kommt es in Rostock mit 10 000, in Zeulenroda mit 3 000, in Erfurt mit 300 Teilnehmern. In Halle werden Vertreter des Neuen Forum der Polizei zugeführt, wo ihnen Kontaktaufnahme mit Leipziger Gesinnungsgenossen vorgeworfen Und untersagt wird.
20. OktoberIm Zusammenhang mit der von der DDR in Übereinstimmung mit der polnischen Regierung getroffenen Entscheidung, DDR-BürgerInnen, die sich in der BRD-Botschaft in Warschau aufhalten, von dort aus die Ausreise in die BRD zu gestatten, erklärt der Sprecher des DDR-Außenministeriums, Botschafter Wolfgang Meyer, in einem ADN-Interview u. a.:
"Die DDR hat sich bei dieser Entscheidung ausschließlich von humanitären Gesichtspunkten leiten lassen und deshalb die Initiative ergriffen, der polnischen Regierung einen entsprechenden Vorschlag zu unterbreiten. (...) Niemand sollte diese Entscheidung missverstehen. Sie ist uns nicht leichtgefallen. Wir brauchen jede Bürgerin und jeden Bürger und sind gewillt, gemeinsam mit allen die Ursachen zu ergründen und zu beseitigen, die dazu geführt haben, dass uns so viele den Rücken kehren.Zu Anzeigen und Beschwerden gegen VP-Angehörige im Zusammenhang mit den Ereignissen am 7. und 8. Oktober in Berlin äußern sich in einem Pressegespräch Oberst Dr. Dieter Dietze, stellvertretender Berliner Polizeipräsident, und Klaus Voß, 1. Stellvertreter des Generalstaatsanwalts von Berlin.
Die VP-Maßnahmen an beiden Tagen hätten den gesetzlichen Bestimmungen entsprochen, erklärte Dr. Dietze. Zum Schutz der VP-Kräfte habe man auf Sonderausrüstung zurückgreifen müssen. Es sei natürlich klar, dass polizeiliche Handlungen in der Öffentlichkeit, dazu noch mit Hilfsmitteln und in bisher nicht gekanntem Umfange, bei einem nicht geringen Teil der Bevölkerung auf Widerspruch stießen. Gegenwärtig lägen im Polizeipräsidium 60 Eingaben oder Beschwerden vor, denen gründlich nachgegangen werde.Staatsanwalt Voß betonte in diesem Zusammenhang: "Wenn sich der Verdacht einer Straftat ergibt, wird der dafür Verantwortliche auch zur Verantwortung gezogen, das sehen die Gesetze vor, und wir werden dies auch konsequent durchsetzen." Unbeteiligten Personen zugefügte Schäden würden nach geltenden Rechtsvorschriften unverzüglich wiedergutgemacht.
In Gotha demonstrieren 6 000 Menschen.Vor Arbeitern des VEB Bergmann-Borsig, Berlin, beteuert SED-Politbüromitglied Harry Tisch, er habe bei jüngsten Betriebsbesuchen "immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass wir endlich aufhören müssen, uns an Statistiken zu berauschen". Es sei "unverständlich, wenn jetzt schon wieder manche Betriebskollektive mit zusätzlichen Vorhaben zum XII. Parteitag kommen, aber gar nicht wissen, wie der Jahresplan zu erfüllen ist. Diese Praktiken müssen endlich aufhören." Auf Kritiken an Mängeln in der DDR entgegnete Tisch: "Ja, es gibt da Ungereimtheiten hinsichtlich der Preise, des Warenangebots. Doch wir haben niemandem ein Paradies versprochen" haben auch immer gesagt, der Sozialismus ist nur so gut, wie wir ihn zu machen verstehen. Alle gemeinsam, meine ich, ich will mich da nicht ausklammern. Wenn wir von Arbeit reden, dann meinen wir auch uns 'ganz oben', wie mancher sagt oder denkt. Wir sind für euch da, also ist solche Sicht schon mal falsch. Und - das könnt ihr mir ruhig glauben - wir fahren nicht nur spazieren oder sind auf Empfängen." In dem Pressebericht dieser Begegnung heisst es dann u. a. weiter:
"Der Vorsitzende des FDGB-Bundesvorstandes klammerte auch die Frage der Repräsentation nicht aus: Dass ein Staat, der Beziehungen zu fast allen Ländern der Erde unterhält, auch entsprechend repräsentieren muss - darin stimmen wir wohl überein. Das gilt für Autos wie für Gästehäuser.21. Oktober
In einem Telefongespräch lädt Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow SED-Generalsekretär Egon Krenz zu einem Besuch in die Sowjetunion ein. Weiter heisst es u. a. in der von ADN verbreiteten Meldung:"(...) Generalsekretär Krenz dankte für die Einladung und betonte, der Besuch werde die Möglichkeit bieten, über die Politik der Erneuerung und der Kontinuität in der DDR, über die vom ZK der SED in Angriff genommenen Aufgaben zu informieren, sich an Ort und Stelle mit der Entwicklung in der Sowjetunion vertraut zu machen und Fragen der weiteren Zusammenarbeit auf allen Gebieten zu besprechen. Man werde zugleich Gelegenheit haben, aktuelle Aspekte des gemeinsamen Wirkens für Abrüstung und Friedenssicherung zu erörtern. Beide Politiker bekräftigen ihre Überzeugung, dass der Schulterschluss zwischen SED und KPdSU heute wie in der Vergangenheit ein entscheidendes Element des gemeinsamen Ringens für Sozialismus und Frieden ist. (...)"
(ND, 23.10.1989)
Rund 20 000 Bürger (laut ADN, Neues Forum nennt die Zahl 50 000) demonstrieren in Plauen und fordern u. a. Reisefreiheit und Meinungsfreiheit. Oberbürgermeister Dr. Norbert Martin verspricht den Bürgern gerechtere Verteilung von Wohnungen und Umverteilung der Baukapazität der Stadt, um Plauener Probleme schneller zu lösen.
Vor der Synode der sächsischen Landeskirche in Dresden fordert Bischof Johannes Hempel die DDR-Führung auf, sich für das brutale Vorgehen von Sicherheitskräften gegen Demonstranten öffentlich zu entschuldigen. Das Dresdener Landeskirchenamt hat der Synode einen nach Augenzeugen-Aussagen zusammengestellten Bericht vorgelegt. Darin wird die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission gefordert.22. Oktober
500 Bürger Leipzigs treffen sich im Gewandhaus zu einem Gesprächsforum, zu dem Gewandhauskapellmeister Prof. Kurt Masur, der Theologe Dr. Peter Zimmermann, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und die Sekretäre der SED-Bezirksleitung Dr. Kurt Meier, Jochen Pommert und Dr. Roland Wötzel eingeladen haben. Die sechs Leipziger Persönlichkeiten hatten sich am 9. Oktober 1989 mit einem Aufruf an die Demonstranten im Zentrum der Stadt gewandt, Ruhe und Besonnenheit zu bewahren und in einem Dialog über die zu lösenden Fragen einen Konsens zu finden.Das Gesprächsforum, das drei Stunden währt, Auftakt für weitere Sonntagsgespräche sein soll, unterbreitet Vorschläge und Forderungen, die darauf abzielen, den eingeleiteten Erneuerungsprozess unumkehrbar zu machen. Neue Mechanismen der Machtausübung werden verlangt, die garantieren, dass Entscheidungen nie mehr am Volk vorbei gefällt werden können. Die von Leipzig ausgehenden Impulse zum Umbruch in der DDR sollen auch Signale sein, entscheidende Verbesserungen der Lebensqualität in der Stadt, im Bezirk und im ganzen Land herbeizuführen.
In Rostock demonstrieren nach Angaben des Neuen Forum 18 000 Menschen.Die sowjetische Gewerkschaftszeitung "Trud" veröffentlicht einen Bericht ihres DDR-Korrespondeten, in dem es u. a. heisst:
"Es muss angemerkt werden, dass die Mehrheit der Bevölkerung und der Kommunisten (...) die gefassten Beschlüsse (Gemeint sind die Beschlüsse der 9. Tagung des SED-Zentralkomitees vom 18. 10. 1989. Siehe Neue Chronik DDR, 1. Folge. - Anm. d. Autors) erwartet hat und sie unterstützt. In der Republik hatten sich Probleme in der ökonomischen, der gesellschaftlichen sowie der sozialen Sphäre angestaut, lange Jahre jedoch wurden immer nur Erfolge beim Aufbau des Sozialismus 'in den Farben der DDR' hervorgehoben. (...) Großen moralischen und materiellen Verlust brachte die letzte Welle der illegalen Ausreise Zehntausender von DDR-Bürgern in die BRD (...). Viele Vorwürfe gingen an die Adresse der Massenmedien, die sich, so scheint es, mit einer Wand ohne Fenster und Türen von den Lebensrealitäten abgrenzten und die laufenden Erfolge und die übererfüllten Pläne ausposaunten. (...) Das geschah nicht deshalb, weil die hiesigen Journalisten nicht das Leben kannten oder etwa nicht ihr Handwerk verstanden. Nein. Die Kollegen aus der DDR waren, wie einst bei uns, durch Befehle von oben gezwungen, nicht das zu schreiben, was ist, sondern das, was man sehen wollte. (...)" (Trud, Moskau, 22.10.1989, "DDR: Frischer Wind der Erneuerung", n. d. Übers. d. Autoren)In einem Papier fordert die LDPD u. a. die Zulassung des Neuen Forum und erklärt sich bereit, Mitglieder dieser Bürgerbewegung aufzunehmen und "auf eigenen Listen kandidieren" zu lassen.
23. OktoberIn Leipzig demonstrieren nach Schätzungen aus Kirchenkreisen rund 300 000 (nach ADN 150 000) Bürger. Der Zug formiert sich nach Friedensgebeten in sechs Kirchen. Unter Rufen "Ohne Gewalt" ziehen die Demonstranten diszipliniert auf den Ring um das Stadtzentrum. Sie fordern freie Wahlen, weiterführenden Dialog und kritische Bewertung der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR; sie warnen vor neuen Machtkonzentrationen. in Sprechchören rufen sie u. a.: "Visafreiheit!" und "Reden und Handeln - Land verwandeln!". Ordnungskräfte greifen nicht ein.
Zum Montagsgebet versammeln sich im und um den Magdeburger Dom 10 000 Bürger und fordern in einem anschließenden Demonstrationszug entschiedene gesellschaftliche Erneuerung. Zu weiteren Kundgebungen und Demonstrationen kommt es in Dresden (mehrere zehntausend), Schwerin (50 000), Zwickau (15 000), Halle (10 000), Stralsund (4 000); die über 2 000 Demonstranten in Berlin fordern, dass sich der bevorstehenden Wahl zum Staatsratsvorsitzenden mehrere Kandidaten stellen.Im Gemeindezentrum der evangelischen Kirchengemeinde am Fennpfuhl in Berlin-Lichtenberg berichtet Konsistorialpräsident Manfred Stolpe vor in- und ausländischen Journalisten, dass Bischof Forck dem Staatsrat der DDR eine Materialsammlung über die Ereignisse am 7. und 8. Oktober 1989 zugeleitet habe.
Mit einem von 59 Akademiemitgliedern unterzeichneten Schreiben wendet sich die Vollversammlung der Akademie der Künste an Volkskammerpräsident Horst Sindermann (SED). Unter Hinweis auf die aus Augenzeugenberichten bekanntgewordenen, durch Sicherheitskräfte an Demonstranten und Unbeteiligten verübte Gewaltakte wird die unverzügliche Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission durch die Volkskammer gefordert. "Es 'wäre uns unerträglich, wenn diese Vorgänge nicht restlos geklärt und die Verantwortlichen für die Befehle sowie diejenigen, die sie ausführten, nicht bestraft werden würden." Die Kommission müsse Zugang zu allen der Aufklärung dienenden Materialien haben und Empfehlungen geben, wie mit dem Untersuchungsergebnis zu verfahren ist. Sie soll der Öffentlichkeit über den Fortgang der Untersuchung laufend berichten.Analoge Erklärungen richteten der Bezirksvorstand Berlin des Schriftstellerverbandes und der Berliner Verband Bildender Künstler an den Volkskammerpräsidenten.
Auf einer Zusammenkunft des Präsidiums des Komitees für Unterhaltungskunst äußert SED-Politbüromitglied und ZK-Sekretär Kurt Hager auf die Frage nach dem Beweggrund, Egon Krenz auch für den Vorsitz im Staats- sowie Nationalen Verteidigungsrat vorzuschlagen, das ZK der SED halte dies für notwendig, um die Wende zu sichern.Im einem Flugblatt äußert sich Neues Forum zur Erklärung des neuen SED-Generalsekretärs Krenz vom 18. 10. 1989 wie folgt:
"Die neue Führung hat eine große Wende ausgerufen und unternimmt Anstrengungen, dafür Glaubwürdigkeit zu erwerben. Wir begrüßen diesen Wechsel.Es bleiben kritische Fragen. Auch sie müssen beantwortet werden, wenn wir Vertrauen in die Wende gewinnen sollen.
Die erste Frage: Glasnost auf Knopfdruck? Innerhalb von 24 Stunden? Wie viele Wetterfahnen sind da umgeschwenkt? Wie konnten so viele im Apparat, in der Regierung, in der Volkskammer, in den 'bewährten Formen und Foren' so lange sprachlos sein und wie durch eine Wunderheilung die flüssige Rede wiederfinden?Wer garantiert, dass nicht mit dem nächsten Knopfdruck der Schweigechor erneut einsetzt?
Welche Kontrolleinrichtungen sind notwendig, um das in Zukunft zu verhindern?Hier sind Antwortvorschläge:
Schafft ein, zwei, drei, ... viele neue Foren, in denen Bürger Fragen stellen und Verantwortliche Antwort geben können, ebenso aber auch Regierende die Probleme darlegen und die Bürger Lösungen diskutieren und auswerten können. Erkennt das Neue Forum an! Verlangt von ihm, dass es seinen Status an die Verfassung anbindet, aber gebt ihm das Recht, sich über brennende Probleme zu äußern. Dass es mit Eingaben die Volkskammerausschüsse aufwecken kann, wenn diese wieder einschlafen. Dass es die Parteiführer einladen kann, wenn sich in deren Verantwortungsbereich Hindernisse auftürmen. Dass es in den Medien Fragen stellen und Anhörungen organisieren kann und eine eigene Zeitung herausgeben kann."24. Oktober
Die Volkskammer tritt zu ihrer 10. Tagung zusammen. Die Abgeordneten stimmen einmütig dem Antrag der SED-Fraktion zu, Erich Honecker auf eigenen Wunsch aus gesundheitlichen Gründen von seinen Funktionen als Vorsitzender des Staatsrates und als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates abzuberufen. Mit gleichem Votum entscheiden die Abgeordneten, den SED-Abgeordneten Dr. Günter Mittag aus den Funktionen des stellvertretenden Staatsratsvorsitzenden und des Vorsitzenden des Volkskammerausschusses für Industrie, Bauwesen und Verkehr abzuberufen.Unter Zustimmung des Hohen Hauses erklärt Volkskammerpräsident Horst Sindermann "Respekt" für das Wirken Honeckers: "Wir lassen die menschliche Größe des Revolutionärs und die kommunistische Anständigkeit unseres Genossen Honecker nicht antasten."
Anschließend wird SED-Generalsekretär Egon Krenz bei 26 Gegenstimmen und 26 Stimmenthaltungen zum Vorsitzenden des Staatsrates, bei acht Gegenstimmen und 17 Enthaltungen zum Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates gewählt. In seiner Erklärung vor der Volkskammer führt Krenz u. a. aus:"(...) Der Auftrag des Volkes an uns, verehrte Abgeordnete, erlegt uns heute drängender denn je die Pflicht auf, mit Kompetenz, Konsequenz und Mut zur Wahrheit auf die Erfordernisse der Zeit zu reagieren und ständig bessere Antworten auf die nicht einfachen Fragen zu finden, die in unserem Lande der Lösung harren. Alles, was wir tun, wird stets und vor allem an den Wirkungen für die Menschen zu messen sein. (...)
Die Erneuerung unserer Gesellschaft, die wir erstreben, braucht das feste sozialistische Fundament, das wir gemeinsam gelegt haben. Darin sind wir uns alle einig - wir alle im demokratischen Bündnis: Erneuerung braucht die Solidität und die Identität, die im Geschichtlichen wurzeln, ohne dass wir über Fehler und deformierende Einseitigkeiten hinweggehen, die den Bau unserer neuen Ordnung in vergangenen Jahrzehnten auch begleitet haben. (...)Die Vielfalt der Meinungen bereitet den Boden für einen fundierten und freimütigen Dialog. Aus dem Für und Wider in der Debatte um die besten Varianten für die Ausgestaltung unserer Gesellschaft erwächst die Chance, die zum gegebenen Zeitpunkt effektivste und damit für die Bürgerinnen und Bürger beste Lösung zu finden. Grundlage dafür ist Artikel 1 der Verfassung unseres Landes: 'Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei.' Alles, verehrte Abgeordnete, was wir an Reformen durchzuführen haben, und wir wollen sie durchführen, ist diesem vom Volke gegebenen Auftrag verpflichtet. (...)
Die Zusammenarbeit aller Parteien, das demokratische Bündnis allerKräfte des Volkes in der Nationalen Front erhält einen neuen Rang. Das Nachdenken darüber schließt ein, im sachlichen Dialog vor Ort Wege zu finden, um alle, die im Sinne der Verfassung dem nationalen und internationalen Interesse verpflichtet sind, mit ihren Fragestellungen und Angeboten zur Mitarbeit in kommunale und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse einzubeziehen. (...)
Wir sollten alles tun, um jede Zuspitzung oder gar Konfrontation zu vermeiden. Diese würde die Gefahr heraufbeschwören, vieles, was in Bewegung gekommen ist, in Frage zu stellen. Demonstrationen, so friedlich sie gedacht und angelegt sein mögen, tragen in dieser komplizierten Zeit immer die Gefahr in sich, anders zu enden, als sie begonnen haben. Zu Recht beunruhigt das viele Bürger in unserem Lande. Unsere Gesellschaft, die so vieles Neue in Angriff zu nehmen hat, wird dadurch zusätzlich unter Spannung gesetzt. So wichtig Dialog und Debatte sind - und ich bekenne mich dazu hier und zu jeder Zeit -, aber das Brot des Volkes ist nur in gewissenhafter, von der eigenen Verantwortung für das Ganze bestimmter gemeinsamer Arbeit zu schaffen. (...)Die Demonstrationen mögen ihre Funktion gehabt haben, aber unsere Gesellschaft, und da schließe ich alle ihre Mitglieder ein, braucht heute weniger denn je die Konfrontation ihrer Bürger, sondern mehr denn je den sachlichen Dialog über die gegensätzlichen Ideen und Meinungen. Das haben Beispiele der letzten Tage bewiesen. Dafür tragen alle Verantwortung. Es bleibt unser erklärter Wille, und das will ich von dieser Tribüne noch einmal erklären, politische Probleme mit politischen Mitteln zu lösen. (...)
Niemand sollte aus der politischen Entwicklung in der DDR falsche Schlussfolgerungen ziehen. Die Deutsche Demokratische Republik ist ein souveräner sozialistischer Staat, und alles, was hier geschieht, unterliegt der souveränen Entscheidung unseres Landes und seiner Bürger. NATO-Konzeptionen und 'Ratschläge', die den Sozialismus bei uns wegreformieren wollen, haben auch künftig keine Chance! (...)"Zur Wahl des Staatsratsvorsitzenden Krenz äußern sich vor Beginn der Volkskammersitzung Fraktionsvertreter von NDPD, DBD, LDPD und CDU gegenüber der "Aktuellen Kamera". Namens der NDPD erklärt Günter Hartmann, seine Partei sei für diese rasche Wahl, weil es von außerordentlicher Wichtigkeit sei, dass dadurch die DDR wieder handlungs- und verhandlungsfähig werde. Erwin Binder betont für die DBD, Egon Krenz als Staatsoberhaupt spreche für Kontinuität, für Sozialismus. Dieser Sozialismus, der auf das Wohl des Menschen gerichtet sei, habe bei allen Problemen viele Errungenschaften gebracht. Die DBD wolle diese Errungenschaften gewahrt und weiterentwickelt wissen. Den Standpunkt der LDPD formuliert Hans-Dieter Raspe. Er glaube, in dieser Stunde müssten sich alle vom Verstand leiten lassen und aufpassen, dass Entscheidungen nicht von Emotionen überlagert werden. Man müsse sich vor allem unabhängig machen von Einflüsterungen derer, die es nicht gut mit diesem Land und dem Sozialismus in diesem Land meinen. Wolfgang Heyl sagt für die CDU, es gehe einfach darum, den Mann zu wählen, der die Erneuerung herbeigeführt hat, denjenigen, der den Mut gehabt hat, die Probleme auf den Tisch zu legen, denjenigen, der auf die Bevölkerung zugegangen ist. Dieser Mann habe auch gerade in der letzten Zeit beruhigend auf die Entwicklung eingewirkt und gesagt, Dialog ja, aber mit dem Ziel, dass wir vorankommen, gut arbeiten.
Auf der ersten Staatsratssitzung unter Vorsitz von Krenz gibt Dr. Wolfgang Herger, Vorsitzender des Ausschusses für Nationale Verteidigung der Volkskammer, eine Erklärung zu den polizeilichen Einsätzen in den letzten Wochen ab. Er rechtfertigt darin das Vorgehen der Sicherheitskräfte und zitiert aus einem von Krenz vorbereiteten und vorgeschlagenen Befehl des ehemaligen Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates, Honecker:"Der aktive Einsatz polizeilicher Kräfte und Mittel erfolgt nur bei Gewaltanwendung der Demonstranten gegenüber den eingesetzten Sicherheitskräften beziehungsweise bei Gewaltanwendung gegenüber Objekten. Der Einsatz der Schusswaffe im Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten."
In einer Erläuterung zu diesem Befehl habe es geheißen:"Es sind alle erforderlichen Maßnahmen zu unternehmen, dass ein friedlicher Ausgang der möglichen Demonstrationen gewährleistet wird. Bei allen Maßnahmen ist davon auszugehen, dass es zu keiner Zuspitzung der Situation kommt."
Herger räumt ein, dass "bei diesen polizeilichen Einsätzen auch Unbeteiligte zu Schaden gekommen" sind. "Gegenüber Zugeführten kam es zu Befugnisüberschreitungen, zu nicht rechtmäßigen Handlungen durch Angehörige der Schutz- und Sicherheitsorgane." Leitende Mitarbeiter der Volkspolizei hätten sich bei Bürgern, die dagegen Beschwerde geführt haben, entschuldigt. "83 Anzeigen und Mitteilungen werden gegenwärtig geprüft. Bisher sind vier Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Der Generalstaatsanwalt der DDR ist beauftragt, jeden einzelnen Fall genau zu untersuchen."Das SED-Politbüro tagt und beschließt, die 10. Tagung des Zentralkomitees vom 8. bis 10. November einzuberufen. Es spricht sich für die öffentliche Diskussion eines neuen Reisegesetzes und dessen Verabschiedung durch die Volkskammer noch im Jahr 1989 aus.
Am Abend demonstrieren in Berliner Straßen des Stadtzentrums rund 12 000 Menschen. ADN berichtet u. a.:"(...) Auf Transparenten und in Sprechchören wurde Widerspruch gegen die Wahl des Vorsitzenden des Staatsrates geäußert und wurden Veränderungen in der Wahlgesetzgebung, mehr Demokratie und eine offene Presse gefordert. (...) Unter den Teilnehmern befand sich ein harter Kern von mehreren hundert Personen, die mit der Absicht unterwegs waren, die öffentliche Ordnung, und Sicherheit zu stören. Diese Gruppen lehnten jeden Dialog ab. (...)"
(BZ, 25.10.1989)
An einer vom DDR-Fernsehen übertragenen Podiumdiskussion im Berliner Haus der jungen Talente nehmen mit Bärbel Bohley und Prof. Dr. Jens Reich erstmals Vertreter des Neuen Forum teil. Neben ihnen beteiligen sich an der Aussprache zum Thema "DDR - wie ich sie träume" die Schriftsteller Stefan Heym, Christoph Hein und Gisela Steineckert, Markus Wolf, der bis 1987 Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit war, und andere Persönlichkeiten. Stefan Heym stellt - wohl als erster in solcher Öffentlichkeit - die Frage, ob es wirklich nur drei Schuldige gäbe, die die jetzige Situation in der DDR zu verantworten hätten.
25. OktoberDie Bürgerbewegung Demokratie Jetzt gibt eine "Erklärung zu Krenz" ab. Sie lautet:
"Die Initiativgruppe der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt bedauert die Wahl des Generalsekretärs der SED Egon Krenz zum Vorsitzenden des Staatsrates und zum Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates.Als Vorsitzender der Zentralen Wahlkommission ist Egon Krenz verantwortlich für die Fälschung der Kommunalwahl am 7. 5. 1989. In seiner Zuständigkeit für Sicherheitsfragen im Politbüro muss er als einer der Hauptverantwortlichen für den gesetzwidrigen Terror der Schutz- und Sicherheitsorgane gegen meist friedliche Demonstranten in den Tagen um den 7. Oktober angesehen werden.
Er ist somit in hohem Maße mitverantwortlich für die andauernde Staatskrise der DDR. Dazu kommt, dass er die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung in China wiederholt und zuletzt bei seiner Chinareise im September begrüßt und gutgeheißen hat. Es muss bezweifelt werden, dass er als Vorsitzender des Staatsrates das Vertrauen der Mehrheit der Bevölkerung der DDR genießt. Die Wahl ohne Gegenkandidat und die Vereinigung der höchsten Staatsämter in der Hand des Generalsekretärs der SED legt den Schluss nahe, dass die Unterordnung des Staates unter die Politbürokratie der Partei in Form des Regimes der Parteinomenklatur weitergehen soll. Dies ist aber nach unserer Einsicht der wesentliche Grund für die gegenwärtige Krise."Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden, Hans Modrow, empfängt Vertreter des Neuen Forum zu einem Gespräch. Im Gegensatz zu einer Anweisung aus dem SED-ZK-Apparat, das Gespräch zur Bürgerbewegung zwar zu suchen, sie aber nicht zu akzeptieren, bezieht Modrow in dieser Begegnung eine Position, die eindeutig auf das Suchen politischer Lösungen gerichtet ist.
Nach einem Friedensgebet in der Johanniskirche von Neubrandenburg formieren sich 20 000 Bürger zu einem "Marsch der Hoffnung" ins Zentrum der Bezirksstadt. Oberbürgermeister Dr. Heinz Hahn fordert zum Wochenende zu zwei Diskussionsrunden auf, denen weitere "Sonnabendgespräche" mit den BürgerInnen folgen sollen. SED-Bezirkschef Johannes Chemnitzer bittet, die Lösung von angestauten Fragen nicht länger in Demonstrationen zu suchen.Auch in Jena gehen 10 000 auf die Straße.
In der ARD-Sendung "Tagesthemen" teilt SED-Politbüromitglied und SED-Bezirkssekretär von Berlin, Günter Schabowski, mit, er habe Konsistorialpräsident Manfred Stolpe gebeten, die Kirche möge ihren Einfluss geltend machen, damit Demonstrationen friedlich verlaufen; das Gespräch mit Oppositionsgruppen sei "längst im Gange".Der Vorsitzende des Verbandes der Journalisten, Eberhard Heinrich, schlägt in einem Brief an SED-Politbüromitglied und DDR-Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph u. a. vor, ein Mediengesetz zu erarbeiten und durch die Volkskammer zu verabschieden, in dem Rechte und Pflichten eindeutig geregelt sind, womit Subjektivismus und Willkür ausgeräumt, die Verfassungsgrundsätze über Pressefreiheit im Sozialismus eindeutig geregelt und ein Missbrauch ausgeschlossen werden kann. Dieses Gesetz, an dessen Erarbeitung der VDJ bereit ist mitzuwirken, sollte vor Beschlussfassung öffentlich diskutiert werden.
Der Rat der Vorsitzenden der Kollegien der Rechtsanwälte in der DDR verabschiedet eine Erklärung, in der er erste Vorschläge für den Ausbau der Rechtsordnung und die Erhöhung der Rechtssicherheit im Lande unterbreitet.In der Erklärung wird u. a. festgestellt, dass Fehlentwicklungen in der DDR zu lange geduldet wurden, bei anstehenden Reformen könne es jedoch nicht um weniger, sondern nur um mehr Sozialismus gehen. Dazu sei eine ehrliche Analyse in allen Bereichen Voraussetzung. Trotz beachtlicher Erfolge beim Ausbau der Rechtsordnung in der DDR sei zugelassen worden, dass mit Begriffen wie "Sozialistische Demokratie" und "Sozialistische Rechtsstaatlichkeit" vielfach selbstzufrieden umgegangen sei, ohne sie mit Leben zu erfüllen. Das Wort "sozialistisch" vor solchen Begriffen dürfe nicht länger als Einschränkung empfunden werden. Bei der Formulierung von Bürgerrechten sei nicht unabdingbar genug formuliert worden, zu oft gebe es Einschränkungen. In Einzelfällen habe es Verletzungen der Unabhängigkeit der Richter gegeben. Bei der Anwendung des § 213 des Strafgesetzbuches (Ungesetzlicher Grenzübertritt) habe es in letzter Zeit vielfach eine Verletzung der Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz gegeben. Abgesehen von einem neuen Reisegesetz wird in der Erklärung folgende Rechtsentwicklung für erforderlich gehalten:
1. Ein neues Wahlgesetz sollte die Auswahl zwischen mehreren Kandidaten ermöglichen und bei der Stimmenauszählung in jedem Stadium die öffentliche Kontrolle garantieren.2. Die Kontrolle der Rechtsvorschriften und anderer verbindlicher staatlicher Entscheidungen auf ihre Verfassungstreue sollte erweitert werden. Es sollte ein Organ geschaffen werden, an das sich auch Bürger wenden können, um entsprechende Überprüfungen zu veranlassen.
3. Wir brauchen ein Strafrecht, das klar zwischen Erlaubtem und Verbotenem unterscheidet und sich auf wirklich kriminelles Verhalten konzentriert, das von der Mehrheit der Bevölkerung als solches angesehen wird. Insbesondere bedürfen die Kapitel "Staatsverbrechen" und "Straftaten gegen die staatliche Ordnung" der Überarbeitung.4. Die Arbeiten an der Neufassung der Strafprozessordnung sollten mit der Zielstellung konsequent fortgesetzt werden, das Recht auf Verteidigung und die Rechte der Geschädigten und Opfer von Straftaten wesentlich auszubauen.
Die Transparenz der Rechtsprechung ist zu erhöhen.Untersuchungshaftanstalten und Einrichtungen des Strafvollzugs sollten in den Kompetenzbereich des Ministeriums der Justiz verlagert werden. Über Einschränkungen von Rechten der Untersuchungsgefangenen und der Strafgefangenen sollte ausschließlich der Richter entscheiden dürfen.
5. Das materielle Verwaltungsrecht sollte Schritt für Schritt neu gestaltet werden, um die Rechte und Pflichten der Bürger klarer zu formulieren und eine wirksame gerichtliche Nachprüfung zu ermöglichen.6. Das VP-Gesetz ist neu zu gestalten, um die Befugnisse der Volkspolizei klarer, zu formulieren. Dies würde die Rechtssicherheit nicht nur für die Bürger, sondern auch für die Polizisten erhöhen.
7. Das Steuerrecht sollte für die Bürger vereinfacht, überschaubar und lebensnah gestaltet werden. Ungerechtfertigte Unterschiede in der Besteuerung von Handwerkern und Gewerbetreibenden sind zu beseitigen.Der BRD-Politiker Wolfgang Mischnik, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Bundestag, erklärt nach seiner mehrtägigen Reise durch die DDR, die u. a. auch zu einer Begegnung mit Staats- und Parteichef Krenz führte, vor der Bundespressekonferenz in Bonn u. a.: Aus den Gesprächen sei er zu dem Ergebnis gekommen, dass die in der DDR eingeleitete Wende nicht eine verbale Feststellung des Tages, sondern eine Veränderung in der Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur mittel- und langfristig bedeute. Es sei von allen Seiten betont worden, dass das auf dem Boden der DDR-Verfassung geschehe, und das heiße auf dem Boden des Sozialismus.
26. OktoberZwischen Staats- und Parteichef Egon Krenz und BRD-Bundeskanzler Helmut Kohl findet ein zwanzigminütiges Telefongespräch statt, in dem beide Politiker ihr Interesse an einer Fortentwicklung der Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten und an der Fortsetzung der praktischen Zusammenarbeit bekunden. Sie kommen überein, dass Beauftragte beider Seiten anstehende Fragen erörtern und zur Entscheidung vorbereiten.
SED-Politbüromitglied und DDR-Ministerratsvorsitzender Willi Stoph erklärt in einem Interview mit der "Aktuellen Kamera" u. a., die Regierung habe Beschlüsse zum zusätzlichen Import von technischen Konsumgütern und Lebensmitteln gefasst. Es würden auch große Anstrengungen unternommen, Produktion und Angebot von Ersatzteilen, technischen Konsumgütern und Textilien spürbar zu verbessern. Er räumt ein, dass bei der planmäßigen proportionalen Entwicklung in der Vergangenheit Fehlentwicklungen und Abweichungen zugelassen wurden. Nur bei klarer Bestandsaufnahme und ungeschminkter Analyse könne die Produktion so gestaltet werden, dass der Bedarf der BürgerInnen und ihre wachsenden Bedürfnisse besser befriedigt werden.In dem Interview macht Stoph jedoch keinen eigenen Ansatz für die von ihm geforderte Analyse.
In Dresden wird die fast neunstündige Stadtverordnetenversammlung vom Sender Dresden direkt übertragen. In der Debatte kommt auch die von Dresdener Demonstranten beauftragte Dialoggruppe von Bürgern zu Wort. An die Abgeordneten gewandt, erklärt Frank Neubert von dieser Gruppe u. a.: "Auch von Ihrer Arbeit wird es abhängen, ob die Bürger an die Wende glauben, die jetzt vielen so leicht über die Lippen geht." Den neugebildeten zeitweiligen Arbeitsgruppen bei den Ständigen Kommissionen der Stadtverordnetenversammlung gehören neben berufenen Abgeordneten auch an der Mitarbeit interessierte Bürger an.Auf der Sitzung übergibt der Dresdener Superintendent Christoph Ziemer im Auftrag des evangelisch-lutherischen Landeskirchenamtes an Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer 170 Erlebnisprotokolle zu Befugnisüberschreitungen der Schutz- und Sicherheitsorgane.
Auf der Außerordentlichen Beratung des Bezirkstages Dresden wird auf die außerordentlich kritische Situation hingewiesen, die durch die Ausreise von etwa 22 000 Bürgern des Bezirks in die BRD im Verlaufe des Jahres entstanden ist. Zu den Flüchtlingen zählen 600 Ärzte und Angehörige des mittleren medizinischen Personals, 1 300 ehemals in Handel und Versorgung sowie 1 280 im Bau- und Verkehrswesen Tätige.In den Abendstunden stehen auf einer Kundgebung von rund 100 000 Dresdnern Wolfgang Berghofer und der 1. SED-Bezirkssekretär Hans Modrow Rede und Antwort über die Ergebnisse der Stadtverordneten- und Bezirkstags-Sitzungen.
Die Vertreter des Neuen Forum Prof. Dr. Jens Reich und Sebastian Pflugbeil werden von SED-Politbüromitglied und 1. Bezirkssekretär Berlin Günter Schabowski zu einem Gespräch empfangen. Im Ergebnis dessen erklärt Reich, er habe einen "positiven Eindruck" gewonnen.Auf der 12. Tagung des Zentralrats der FDJ in Berlin erklärt dessen 1. Sekretär, Eberhard Aurich, FDJ und Pionierorganisation müssten "erneuert", Inhalte, Methoden und Formen ihrer Arbeit "neu bestimmt" werden. Auf die Frage, ob es erst soweit kommen musste, dass viele die DDR verlassen haben, dass dadurch und mit Demonstrationen auf der Straße auf sich verschärfende Gegensätze im Land drastisch aufmerksam gemacht werden musste, antwortete Aurich:
"Wir haben es nicht vermocht, diese Widersprüche frühzeitiger und konsequenter aufzuhellen. Haben wir nicht aus ehrlicher Absicht und Überzeugung manches mit zugedeckt und verdrängt, gehofft darauf, dass es dennoch gelingen werde, mit besserer Arbeit alle jugendlichen für die Politik der SED und die Ziele der FDJ zu gewinnen und ihnen jene Motive zu geben, die erforderlich sind, um den Sozialismus bei uns in seiner Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Welt voranzubringen? Wir müssen bekennen, dass wir viele Widersprüche zwar bemerkten, zu lange sprachlos blieben oder zu spät reagierten (...)"ADN teilt mit:
Aus der Staatsbürgerschaft der DDR wurden am Donnerstag in Prag Personen entlassen, die sich in der dortigen Botschaft der BRD aufgehalten hatten. in der Botschaft der DDR erhielten sie zugleich Dokumente für die Ausreise in die BRD. Die hat entsprechend einer mit der Regierung der ČSSR abgestimmten zeitweiligen Regelung innerhalb von 24 Stunden zu erfolgen. Der Transport wird durch die BRD-Seite abgewickelt und führt nicht über das Territorium der DDR."Nach Friedensgebeten kommt es in verschiedenen Städten der DDR zu Demonstrationen:
In Gera (5 000) fordern die Demonstranten u. a. "Demokratie - jetzt oder nie" und "Umbruch durch Aufbruch".In Rostock (25 000) stellen die Teilnehmer Kerzen vor der Bezirksbehörde des Ministeriums für Staatssicherheit auf.
In Erfurt (15 000) fordern Sprechchöre u. a. zu mehr Demokratie auf und rufen nach Zulassung der Bürgerbewegung Neues Forum.In Hagenow, Boizenburg und Wittenberg finden Veranstaltungen des Neuen Forum mit je mehr als 1 000 Teilnehmern statt.
Ein Sprecher des DDR-Innenministeriums weist die Ankündigung des Chefs der BRD-Partei "Die Republikaner", Schönhuber, die REP werde auch in der DDR formiert, als provokatorische Anmaßung zurück. ADN gegenüber stellt der Sprecher fest, dass dem Entstehen neonazistischer Gruppierungen in der DDR durch Verfassung wie durch Volkswillen für immer ein Riegel vorgeschoben ist. Es werde mit aller Strenge des Gesetzes vorgegangen, wenn Neonazis versuchen sollten, irgendwo in der DDR wirksam zu werden oder ihr Hetzmaterial zu verbreiten.Mitglieder des Präsidiums des P.E.N.-Zentrums der DDR - Günther Cwojdrak, Friedrich Dieckmann, Fritz Rudolf Fries, Stephan Hermlin, Walter Kaufmann (Generalsekretär), Rainer Kerndl, Helga Königsdorf, Werner Liersch, Jean Villain - wenden sich mit einer Erklärung an den Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Egon Krenz, in der es u. a. heisst:
"(...) Nur ein Umbau des Staates und weiterer Bereiche der Gesellschaft kann die Ursachen beheben, die zu der lange schwelenden ökonomischen, politischen, moralischen Krise geführt haben, die nun zum Ausbruch gekommen ist. Ein weiteres Anwachsen der Probleme könnte den Bestand des Sozialismus gefährden und unser Land zu einem Gefahrenherd in Europa werden lassen. Der wiederholte Verweis auf ausreichende Strukturen politischer Meinungs- und Willensbildung kann nicht überzeugen, da diese Strukturen langfristig und wiederholt versagt haben. Es bedarf neuer, qualitativ erweiterter Strukturen, darunter des Prinzips der Gewaltenteilung sowie einer grundlegenden, durch Gesetze garantierten Öffnung. Insbesondere sprechen wir uns für die volle Respektierung der Eigenverantwortung der Verlage und Redaktionen aus. Wir erklären unsere Bestürzung gegenüber dem Versuch staatlicher Stellen, Zusammenschlüsse, die von der tiefen und berechtigten Sorge um die Zukunft des Staates und der Gesellschaft getragen sind, ungeprüft für verfassungswidrig zu erklären. Verfassungswidrig im Sinne von Artikel 29 unserer Verfassung, der das Recht auf Vereinigung festsetzt, ist vielmehr ein solches Vorgehen.Sozialismus ist nicht denkbar ohne eine Vielfalt politischer Meinungen und Organisationsformen, deren Koordination kein obrigkeitliches Monopol sein darf, sondern sich als demokratischer Prozess herausstellen muss. Eben dies erklären die Artikel 21, 22 und 27 bis 30 unserer Verfassung. Wir fördern die sofortige Einrichtung einer unabhängigen und bevollmächtigten Rechtsinstanz, die bestehende Gesetze, Verordnungen, Verfügungen, Praktiken auf ihre Verfassungsmäßigkeit prüft. Mit Empörung erfüllt uns, über den Tatbestand willkürlicher Festnahmen hinaus, die vielfach bezeugte rechtswidrige und menschenverachtende, mit physischem und psychischem Terror verbundene Behandlung festgenommener Bürger durch Sicherheitskräfte der DDR. Als Staatsbürger, als Schriftsteller und durch die Charta des internationalen P.E.N. dazu verpflichtet, für die Freiheit des Wortes und die Wahrung der Menschenwürde einzustehen, rufen wir die Mitglieder unseres Zentrums dazu auf, an öffentlichen Bekundungen zur Gewährleistung der Artikel 27 bis 30 der Verfassung mitzuwirken, die Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, das Recht auf Vereinigung und die Unantastbarkeit der Persönlichkeit garantieren. Vergangenheit und Zukunft bedenkend, fordern wir die Offenlegung persönlicher und kollektiver Verantwortung für die Leitung der Staatsangelegenheiten in ihren einzelnen Bereichen. Wir setzen uns für rasche und entschiedene Schritte ein, die das Verhältnis von Staat und Bürgern auf eine neue, wahrhaft sozialistische, also wahrhaft demokratische Grundlage stellen."
(BZ, 28./29.10.1989)
"(...) Da die Mitglieder des Präsidiums des DDR-Zentrums, die auf der Sitzung vom 26. Oktober 1989 anwesend waren, meinem Rat entgegen eine Erklärung verabschiedet haben, die unvereinbar ist mit den Richtlinien des Internationalen P.E.N., werde ich mich als Präsident nicht wieder zur Wahl stellen und ab sofort meine Tätigkeit ruhen lassen."
(BZ, 28./29.10.1989)
Der Staatsrat der DDR fasst den Beschluss, dass Personen amnestiert werden, die vor dem 27. Oktober 1989 Straftaten des ungesetzlichen Grenzübertritts sowie der widerrechtlichen Durchsetzung der Ausreise aus der DDR begangen haben. Das gilt auch für Personen, die vor dem 27. Oktober 1989 Straftaten gegen die öffentliche Ordnung im Zusammenhang mit demonstrativen Ansammlungen begangen haben. Von der Amnestie sind Personen ausgenommen, die bei der Tat Gewalt angewandt oder zu Gewalttätigkeiten aufgefordert, Leben oder Gesundheit von Menschen gefährdet, Waffen mitgeführt oder gefährliche Mittel oder Methoden angewandt haben.
Der Ministerrat der DDR beschließt, die zeitweilige Aussetzung des pass- und visafreien Reiseverkehrs für BürgerInnen der DDR nach der ČSSR ab 1. November 1989 aufzuheben. Der Grenzübertritt kann wie vor dem 3. Oktober 1989 wieder mit einem gültigen Personalausweis der BürgerInnen der DDR erfolgen.Eine unverzügliche Stellungnahme der Volkskammer der DDR zur Lage im Land, wozu das Gremium einberufen werden soll, verlangt die FDJ-Fraktion der obersten Volksvertretung. In einem Gespräch mit Volkskammerpräsident Horst Sindermann äußern Fraktionsvertreter die Ansicht, dies könne ein erster Schritt sein, Glaubwürdigkeit und Autorität der 500 Abgeordneten gegenüber den BürgerInnen wiederzuerlangen. Die Fraktion stellt sich gegen die Auffassung Sindermanns, das Plenum solle erst tagen, wenn Maßnahmen zu Veränderungen verabschiedet werden können. Als Ursache für Vertrauensverlust nennt Sindermann in dieser Begegnung Fehler in der Wirtschaft und im Umgang mit BürgerInnen. Man müsse überlegen, wie das Neue Forum und die SDP in den Dialog einbezogen werden, soweit sie sozialistische Positionen stärken können.
Die Bürgerbewegung Demokratie Jetzt fordert einen Volksentscheid: "Die Zeit drängt. Das Volk soll entscheiden. Wir brauchen Demokratie für unser Land jetzt.Wir fragen: Gibt es für den Führungsanspruch der SED, auf den Egon Krenz schon wenige Minuten nach seiner Wahl zum Staatsratsvorsitzenden der DDR verwies, einen klaren Auftrag der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes?
Wir meinen: Sozialismus sollte auf dem Mehrheitswillen der Bürgerinnen und Bürger und nicht auf der festgeschriebenen Führungsrolle der SED beruhen. Sozialismus hört mit dem Ende solcher Vorherrschaft nicht auf. Er fängt mit lebendiger Demokratie an.Wir fordern: Demokratische Willensbildung ohne festgeschriebene Führungsrolle der SED.
Darüber rufen wir zu einem Volksentscheid 1990 auf."In einem Entwurf zur Diskussion formuliert das Präsidium des Hauptvorstandes der CDU unter dem Titel "Was wir wollen und brauchen: Reformen und Erneuerung - Vertrauen und neue Kraft' Positionen der Partei zu Gegenwart und Zukunft. Die CDU bezeichnet sich darin als eine Partei der DDR, von Christen unterschiedlicher Konfession, des Sozialismus, des Friedens, des Humanismus und geistiger Weite. Sie fordert u. a. ein öffentliches Leben mündiger Bürger ohne Gängelei und Bevormundung; eine lebendige Demokratie, "deren Wahlsystem dem Grundsatz allgemeiner, freier, gleicher und geheimer Wahlen entspricht, im Sinne der Durchschaubarkeit und Entscheidungsmöglichkeit für die Bürger weiterentwickelt wird und in der die Amtszeit bei Wahl in Führungsfunktionen begrenzt wird"; Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit; keine, Einmischung in die Angelegenheiten der Kirche; eine von Vielfalt der Meinungen und Wahrhaftigkeit gekennzeichnete Medienpolitik; eine effektive Wirtschaft, die nach Leistungen bewertet und am Markt orientiert ist; ein Bauwesen, das ein Programm für die Erhaltung und Sanierung der Städte entwickelt und zügig verwirklicht; eine Land- und Nahrungsgüterwirtschaft, in der Pflanzen- und Tierproduktion wieder zusammengehören; mehr Möglichkeiten für kundenfreundliche Händler und Handwerker; volle Offenheit für die Daten im Umweltschutz; ein vorbildliches Gesundheitswesen und hohe soziale Sicherheit für alle Bürger, eine Bildungswesen, das in Zielen und Methoden christliche Auffassungen respektiert; eine geistig freie und weite Kultur und Kunst, in der alle humanistischen Positionen Platz haben.
(NZ, 28.10.1989)
In einem Presseinterview äußert der DDR-Reformer Wolfgang Berghofer Gedanken, die über die offiziellen Parteierklärungen weit hinausgehen. Unter anderem erklärt er:
"(...) Wenn wir Vertrauensverluste erlitten haben, müssen wir als erstes den anderen Vertrauen entgegenbringen. (...) Dialog, das heisst zuhören. (...) Das heisst In-sich-Gehen, über sich nachdenken, auch innerlich die Wende vollziehen, die notwendig ist, sonst machen wir nur im neuen Etikett das Alte weiter. Wenn wir sagen, wir haben nicht das Monopol auf Wahrheit, dann müssen wir auch danach handeln. (...) Die Menschen, die kein Gehör gefunden haben, sind auf die Straße gegangen, um sich zu artikulieren. Und das machen wir nicht von heute auf morgen rückgängig. Das passiert erst dann, wenn gravierende Änderungen im Leben der Menschen spürbar werden. (...) Wir können doch nicht so tun, als gäbe es hier nicht Gruppen, die mit den bestehenden Strukturen nicht einverstanden sind, Wir reden doch auch mit der 'Gruppe der 20' im Rathaus.Von den rund 2 400 Anträgen auf ständige Ausreise aus der DDR, die BürgerInnen der DDR aus der Warschauer BRD-Botschaft stellten, sind derzeit 1 470 mit entsprechenden Dokumenten beantwortet worden, teilt der Leiter der Konsularabteilung der Warschauer DDR-Botschaft mit. Auch die anderen Anträge werden zügig bearbeitet.
In folgenden Städten demonstrieren Bürger für Veränderungen im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Landes: Karl-Marx-Stadt - 10 000, auf ihren Transparenten steht u. a.: "Wir wollen Taten sehen"; Dresden - 12 000; Lauchhammer - 3 500; Großräschen über 1 000; Saalfeld - 8 000; Güstrow - 20 000, sie fordern die Zulassung des Neuen Forum.28. Oktober
Die bereits Ende 1985 als Antwort auf das Verbot eines Menschenrechtsseminars in Berlin gegründete Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) konstituiert sich zur landesweiten Bürgerbewegung. Obwohl sie damit den Status einer politischen Vereinigung einnimmt, um sich an einer späteren Parlamentswahl beteiligen zu können, will sie ihr Hauptgewicht weiterhin auf die außerparlamentarische Arbeit legen. Zur konstituierenden Versammlung unterbreitet die IFM ein Papier, in dem sie ihr Selbstverständnis formuliert. Darin heisst es u. a.:"Frieden und Menschenrechte sind voneinander nicht zu trennen. Sie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Die IFM begrüßt alle Vorschläge, die zur Abrüstung und Entmilitarisierung beitragen. Frieden ist nicht durch die Regierungen allein erreichbar, sondern bedarf der 'Entspannung von unten' und der 'Einmischung in eigene Angelegenheiten'.Innerer und äußerer Frieden gehören zusammen. Deshalb unterstützt die IFM Konzepte der sozialen Verteidigung, der Friedenserziehung, der 'inneren Abrüstung' von Polizei, Sicherheitsapparate und paramilitärischen Strukturen.
Sie betont ... das Recht auf Wehrdienstverweigerung ... Die IFM handelt unter Verzicht auf jegliche Gewalt. Sie ermutigt zu Zivilcourage und gewaltfreie Formen des Widerstandes gegen alle Erscheinungen von Unfrieden und Diskriminierung und gegen die Missachtung. der Menschenrechte.
Die IFM wendet sich gegen alle autoritären Strukturen, gegen die Verherrlichung von Gewalt, gegen die Ausgrenzung von Minderheiten. Sie sieht die Notwendigkeit, sich aktiv mit rassistischen und faschistischen Argumentationen auseinanderzusetzen und deren Wurzeln zu beseitigen.
Die Menschenrechte sind unteilbar. Mit dem Hinweis auf vorhandene soziale Rechte dürfen nicht die politischen Rechte geringgeschätzt werden - und umgekehrt.Ohne Rechtssicherheit und politische Gewaltenteilung sind Menschenrechte nicht durchzusetzen. Rechtsstaatlichkeit ist nur erreichbar, wenn Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz besteht, wenn unter öffentlicher Kontrolle formulierte Gesetze eindeutige Kompetenzen festlegen und willkürliche Entscheidungen ausschließen, wenn unabhängige Instanzen in der Lage sind, Entscheidungen staatlicher Behörden zu relativieren oder rückgängig zu machen. Die IFM setzt sich für die Veränderung bzw. Aufhebung von Gesetzen und Verordnungen ein, die die Verwirklichung der politischen und sozialen Rechte behindern. Insbesondere erarbeitet sie Vorstellungen zu Neuformulierungen von Gesetzen einschließlich der Verfassung, die die politischen und individuellen Rechte und Freiheiten betreffen ...
Ein wesentliches Ziel ist die Trennung von Partei, Staat und Gesellschaft ...Die IFM befürwortet dezentrale und selbstverwaltete Strukturen überall in der Gesellschaft. Mitbestimmung und öffentliche Kontrolle müssen in allen Bereichen garantiert sein, z. B. mittels unabhängiger Gewerkschaften, Interessen- und Betroffenenverbänden. Parlamentarische Demokratie muss durch direkte Demokratie, z. B. Volksbegehren und Volksentscheide ergänzt werden, wobei die Menschenrechte nicht zur Disposition stehen dürfen.
Die Entwicklung der Wirtschaft muss sich unter Wahrung der menschlichen Integrität und der Erhaltung der natürlichen Umwelt vollziehen. Die IFM tritt für eine ökologisch. orientierte Politik ein. ...Unabhängigkeit und Vielfalt des geistig-kulturellen Lebens sind Grundbestandteile menschlicher Zivilisation ...
Als besonders wichtige Aufgabe sieht die IFM eine grundsätzliche und seit langem überfällige Reform des Erziehungs- und Bildungswesens an. Den vielfältigen und komplizierten Problemen der nächsten Jahrzehnte ist nur zu begegnen, wenn jede Generation als eine mündige und sich selbst verantwortliche einer für sie offenen Zukunft entgegengehen kann.Die volle Durchsetzung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte verbindet sich auf besonderer Weise mit den Rechten der Frauen, der Kinder, der Alten und der Behinderten sowie mit den Rechten der in der DDR lebenden Ausländer und der nationalen, ethnischen und anderer Minderheiten.
Die IFM übt Solidarität mit jenen Menschen, deren Rechte verletzt werden und deren Würde missachtet wird, wo auch immer das geschieht. Sie wird nach Möglichkeiten darüber informieren und konkrete Rechtshilfe anbieten. Sie wird sich um Kontakte und Zusammenarbeit mit internationalen Menschenrechtsorganisationen bemühen.... Die IFM geht von der Unverletzlichkeit der bestehenden Grenzen aus - mit dem Ziel, sie letztendlich zu überwinden. ..."
Für den Inhalt des gesellschaftlichen Dialogs formuliert die Initiativgruppe Neues Forum folgende Argumente:"(...) Was braucht unsere Gesellschaft? Was benötigt unser Land?
Wir brauchen Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und eine tiefgreifende Medienreform.Wir brauchen Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit.
Wir brauchen eine gründliche Reform des Wahlrechts.Unabdingbar ist eine umfassende Rechtsreform, besonders der politischen Strafjustiz und des Strafvollzuges.
Wir brauchen volle Freizügigkeit für jeden, auch für die Jugend. Unser Verhältnis zu Reisen, Auswanderung und Heimkehr muss vom Kopf auf die Füße gestellt und aus dem Umfeld von Verbrechen und Verrat geholt werden.Wir brauchen die Offenlegung und den Abbau aller Vergünstigungen und Privilegien. Es darf weder Territorien noch Bevölkerungsschichten mit Sonderversorgung geben.
Der Wehrdienst muss entrümpelt und reformiert werden. Die Wehrpflicht muss erheblich verkürzt werden (max. 12 Monate).Wir brauchen einen sozialen Ersatzdienst.
Wir brauchen eine parlamentarische Kontrolle der Polizei- und Sicherheitsorgane. Sie müssen drastisch auf das Maß der tatsächlichen Bedrohung durch Kriminalität reduziert werden.Staat und Gesellschaft müssen entflochten und entfilzt werden. Es gibt zuviel Administration und Bürokratie. Die Gemeinden und Kreise müssen selbständiger werden.
Wir brauchen den Aufbruch von Erziehung und Volksbildung aus der Erstarrung in Disziplin und Langeweile.Ein Drittel unserer Gesellschaft sind alte Menschen, Kranke und Behinderte. Ihnen müssen ein menschenwürdiges Leben und soziale Gleichberechtigung garantiert sein.
Die Bevölkerung muss rückhaltlos über den wahren Zustand von Wirtschaft, Umwelt und sozialen Verhältnissen aufgeklärt werden.Wir wollen keine Krisenverschleierung durch Konsumspritzen, die nur die Staatsverschuldung weiter erhöhen.
Schluss mit der Geheimniskrämerei um lebenswichtige Informationen und Daten!
Der Wirtschaftskrise muss durch den Abbau unproduktiver Staatsausgaben, nicht durch sozialen Abbau begegnet werden!Wir brauchen eine grundsätzliche Neuorientierung der Wirtschaftspolitik. Der Umweltschutz muss neben der sozialen Gerechtigkeit zum Grundwert entwickelt werden."
In der Berliner Erlöserkirche findet eine Gemeinschaftsaktion der Berliner Künstlerverbände "Wider den Schlaf der Vernunft" statt. Gemeinsam mit Schriftstellern, Theaterschaffenden, Filmschaffenden, bildenden Künstlern und Wissenschaftlern geben innerhalb und außerhalb der Kirche mehrere tausend Menschen ihrer Solidarität mit Betroffenen, Opfern staatlichen Machtmissbrauchs, Ausdruck. An der Aktion beteiligen sich mit musikalischen, wort- und bildkünstlerischen Beiträgen Ruth Zechlin, Daniela Dahn, Jürgen Rennert, Christa Wolf, Günter de Bruyn, Stefan Heym, Christoph Hein, Rosemarie Schuder, Rudolf Hirsch, Jalda Rebling, Paul K. Schäfer, Joochen Laabs, Joachim Walther, Volker Braun, Helga Schubert, Renate Feyl, Rolf Wagner, Wolfgang Kohlhaase, Paul-Heinz Dittrich, Günther Fischer, Georg Katzer, Jochen Kowalski, Reinhard Lakomy, Siegfried Matihus, Steffen Mensching, Heiner Müller, Ronald Paris, Hans-Eckardt Wenzel, Roswitha Trexler.Zu den Forderungen, die hier erhoben wurden, gehörten die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission, tiefgreifende Strukturveränderungen in der Gesellschaft, die Übergabe des John-Schehr-Klubs der SED-ZK-Mitarbeiter in ein Haus des Volkes, die Notwendigkeit politischer Opposition, die Wiederherstellung politischer Glaubwürdigkeit durch Taten, die Mauer nur noch als Zollgrenze zu er: halten, Meinungs-, Informations-, Wahl- und Bewegungsfreiheit, Kontrolle der Macht, die revolutionäre Volksbewegung vor Provokateuren zu hüten, wirkliche Gewaltenteilung, Medienfreiheit, Solidarität gegen rechte, neonazistische und antisemitische Kräfte.
Im übervollen Deutschen Theater, Berlin, findet die Lesung des in der BRD erschienenen Buches von Walter Janka "Schwierigkeiten mit der Wahrheit' statt. Es sind Auszüge aus der Autobiografie des Kommunisten und Spanienkämpfers, der 1956 als Leiter des Aufbau-Verlages infolge falscher Anschuldigungen verhaftet und zu mehreren Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden war.Zu Beginn der Veranstaltung wird folgende Erklärung von Christa Wolf verlesen:
"Heute abend findet in diesem Theater eine bedeutsame Premiere statt: Zum ersten Mal wird öffentlich und so radikal wie möglich jenes Grundübel zur Sprache kommen, aus dem über die Jahrzehnte hin fast alle anderen Übel des Staates DDR hervorgegangen sind: der Stalinismus. Vor mehr als 30 Jahren wurde an Walter Janka ein Exempel statuiert, dessen Ziel es war, ihn zu brechen. Seine Unbeugsamkeit, sein Mut, seine Beharrlichkeit haben sein Schicksal zum Beispiel werden lassen. Es ist mehr als ein günstiger Zufall, dass wir seinen Bericht darüber in diesen Wochen, in denen alles davon abhängt, dass wir lernen, von Grund auf umzudenken, als Lehrbeispiel in den Händen haben. Dieses Buch muss - und ich höre, es wird - sobald wie möglich in der DDR erscheinen. Es stellt uns vor einen bisher geleugneten, unterschlagenen, besonders düsteren Aspekt unserer Realität. Es gehört in das öffentliche Gespräch und ist, wie weniges sonst, geeignet, dieses Gespräch zu vertiefen und es von den Symptomen weg zu den Ursachen jener Deformationen zu führen, die jetzt auch ihre Verursacher und Nutznießer beklagen, unter denen auf einmal alle gelitten haben wollen, die aber keiner zu verantworten hat. So äußert sich die Fortdauer der Deformationen. Auch Walter Janka wird sich jetzt nicht retten können vor denen, die sich weißwaschen wollen, indem sie ihn benutzen. Er wird den grimmigen Humor entwickeln, auch diese Farce souverän zu überstehen.Dass er bis heute nicht in aller Form rehabilitiert wurde - er und die anderen Opfer von Schauprozessen in den 50er Jahren -, ist ein Zeichen des schleichenden Stalinismus, der, zuzeiten schärfer, zuzeiten milder, den manifesten Stalinismus ablöst, aber seine Grundposition nicht aufgegeben hat, die da heisst: Der Zweck heiligt die Mittel. Nun haben die unsittlichen Mittel den Zweck zersetzt. Nicht nur die Institutionen sind ausgehöhlt, auch die Werte, die sie verkörpern sollten, zerfielen in der langen Erosionsperiode, die hinter uns liegt. Die Krise, die ausgebrochen ist, signalisiert auch einen geistig-moralischen Notstand unserer Gesellschaft, der nicht so schnell zu beseitigen sein wird wie ein Versorgungsnotstand oder ein Reisedefizit. Das Buch von Walter Janka kann uns helfen, ihn zunächst zu erkennen. - Überwinden können wir ihn nur in einem gemeinsamen langwierigen Lernprozess. Wir müssen unsere eigenen Schwierigkeiten mit der Wahrheit' untersuchen und werden finden, dass auch wir Anlass haben zu Reue und Scham. Wollen wir uns doch nicht täuschen lassen: Ehe die Erneuerung unserer Gesellschaft nicht in die Tiefe von Selbstbefragung und Selbstkritik eines jeden einzelnen vorgedrungen ist, bleibt, sie symptombezogen, missbrauchbar und gefährdet. Dass die Massenbewegungen dieser Tage auf der Vertiefung der Analyse und, daraus folgend, auf der Veränderung von Strukturen bestehen, gibt mir Hoffnung."
(BZ, 3.11.1989)
"Lassen Sie mich in einer kurzen Erklärung Dank sagen an alle, die beigetragen haben, dass in diesem geschichtsträchtigen Haus eine Lesung aus dem Buch 'Schwierigkeiten mit der Wahrheit' stattfinden konnte. Und selbstverständlich danke ich sehr herzlich Herrn Ulrich Mühe für seinen brillanten Vortrag - und Herrn Dieter Mann, der sein Theater für diese Veranstaltung zur Verfügung stellte.
Auch allen Freunden im Filmverband muss ich aufrichtig danken, dass sie in unserer Presse erstmalig ein Kommuniqué veröffentlichen ließen in dem die 'zuständigen Organe' aufgefordert werden, einen allen Marxisten zu rehabilitieren. Gleichzeitig das Ministerium für Kultur ermutigen, die 'Schwierigkeiten mit der Wahrheit' auch in der DDR erscheinen zu lassen. Nun: Was immer zuständige Organe tun oder unterlassen oder verdorben haben, ich betrachte die in dieser Lesung in diesem Haus und die im Kommuniqué des Filmverbandes zum Ausdruck gebrachte Solidarität als moralische Rehabilitierung, die mir hundertmal mehr wert ist als alles, was noch zuständige Organe veranlassen könnten.Erlauben Sie mir, dass ich einmal nicht Marx oder Lenin zitiere, sondern, auch in meiner Eigenschaft als alter Spanienkämpfer, den großen Philosophen, Schriftsteller und Dekan der Universität von Salamanca Miguel de Unamuno sprechen lasse. In seiner letzten und unversöhnlichsten Rede, die für alle Zeiten in die Geschichte der Kulturschaffenden eingegangen ist, mit Arrest bis zu seinem Tode bestraft wurde, rief er den damals Allmächtigen zu: 'Manchmal heisst schweigen soviel wie Lügen. Schweigen kann als Zustimmung gedeutet werden ... Es ist mir eine schreckliche Vorstellung, dass ein General die Psychologie der Massen diktieren sollte ...'
Man mag einwenden, dass diese Worte zu einer anderen Zeit, unter gänzlich anderen Bedingungen gesprochen wurden. Das ist wahr. Und doch meine ich, dass sie für das Heute und Morgen wie ehedem bittere Mahnung sind an alle Intellektuellen und an alle bewussten Arbeiter, die in unserem Land für Menschlichkeit und Sozialismus arbeiten und streiten. Darum rufe ich allen Mitbürgern zu: Kämpft, wie es jedem liegt. Kämpft mit dem Wort, mit der Feder, mit der Kunst, mit euren Fähigkeiten an den Werkbänken in unseren Fabriken, auf den Bauplätzen und Feldern unserer Republik.Und jetzt muss ich doch noch an Marx erinnern. Kämpft für eine 'Assoziation, in der die Freiheit eines jeden die Bedingung für die Freiheit aller ist'. Kämpft um bessere Lebensqualität. Kämpft, damit die Ästhetik unserer Gesellschaft wieder allen bewusst wird, Voraussetzungen schafft, um jene in den Ruhestand zu versetzen, die uns einen ideologischen Scherbenhaufen hinterlassen, über Jahrzehnte unsere Medien diskreditiert und Andersdenkende immer sofort kriminalisiert haben. Wenigstens einigen muss ohne Wenn und Aber das Wort sofort und endgültig entzogen werden, um verlorengegangene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Dann wird es auch in naher Zukunft möglich sein, Betonmauern und Stacheldraht - hinter dem sich doch kein sozialistischer Paradiesgarten kultivieren lässt - bedenkenlos niederzureißen, ohne dass uns die Jugend und die Zukunft davonläuft.
Ich ende mit dem Ruf, der uns deutsche Antifaschisten, den spanischen und internationalen Freiwilligen in den schwersten Jahren immer wieder Mut machte, als wir rund um Madrid, Teruel, Saragossa und am Ebro noch Siege erkämpfen konnten: Venceremos!"In verschiedenen Städten, u. a. in Plauen (40 000), Greiz (6 000), Rostock (10 000), Senftenberg (3 500), Freiberg (3 000), finden Demonstrationen statt, in deren Mittelpunkt die Forderung nach konsequenten Reformen in allen gesellschaftlichen Bereichen stehen.
29. OktoberRund 22 000 Berlinerinnen folgen der Einladung von Oberbürgermeister Erhard Krack zu Sonntagsgesprächen unter freiem Himmel vor dem Roten Rathaus und in der Kongresshalle am Alexanderplatz. Wie aus dem umfassenden Bericht der "Berliner Zeitung" (30. 10. 1989) hervorgeht, wird auf dieser vierstündigen, "in Berlin bislang einmaligen Veranstaltung" ein "hitziger Dialog" zwischen der hauptstädtischen Bevölkerung und "Repräsentanten der Berliner Bezirksorganisationen aller Parteien, unter ihnen SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, der Oberbürgermeister und weitere Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft, von Massenorganisationen und Medien, Staatsanwaltschaft und Volkspolizei" geführt.
Themen, Fragen und Antworten, die sowohl sachlich als auch stark emotional vorgetragen werden und teils von Beifall, teils von Buh-Rufen begleitet sind, betreffen u. a.:Infragestellung der führenden Rolle der SED, denn sie habe doch die gesellschaftliche Krise zu verantworten; Erwartungen, dass von Verantwortlichen verschiedener Partei- und staatlicher Ebenen persönliche Konsequenzen für fehlerhafte Politik gezogen werde; es sei zu bezweifeln, dass nur zwei, drei Leute schuld an der Situation im Lande hätten; Forderungen nach Rücktritt der Volksbildungsministerin Margot Honecker und von Staatssicherheitsminister Erich Mielke; Festlegung einer Altersgrenze für SED-Politbüromitglieder; Einführung des Rotationsprinzips; Erwartung einer offiziellen Entschuldigung seitens der Polizei und Sicherheitskräfte für ihr Vorgehen gegen Demonstranten am 7.und 8. Oktober; Einsetzung eines unabhängigen Ausschusses zur Untersuchung jener Ereignisse; Abbau von Privilegien; Umwandlung der Wohnsiedlung Wandlitz der SED-Politbüromitglieder in ein Ferienheim; Offenlegung der Deviseneinnahmen und -ausgaben des Staates; Wahlgesetzgebung; Mauer; Reisen; Intershop; Aufgaben der anderen Blockparteien und ihre Verantwortungen; Absetzung des "Schwarzen Kanals" von Karl-Eduard von Schnitzler im DDR-Fernsehen; ziviler Wehrersatzdienst; Zustand im Gesundheitswesen; Ablehnung jetzt plötzlich auftauchender "Wendehälse"; in FDGB-Heimen sollen reservierte Etagen für den Feriendienst freigegeben werden; Information über die Finanzen des FDGB und ihre Handhabung; Zulassung des Neuen Forum und anderer neu entstehender BürgerInnenbewegungen; Zulassung von Opposition; Schluss mit der Gängelei von Lehrern und Schülern, mit der Erziehung zu Doppelzüngigkeit und Zensurenhascherei; Verwirklichung der Steuergleichheit auch für das Handwerk; Wert und Unwert von Demonstrationen; Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit für alle BürgerInnen.
Berlins Oberbürgermeister Krack, SED-Politbüromitglied und 1. SED-Bezirkssekretär von Berlin, Schabowski, treffen auf Einladung von Konsistorialpräsident Manfred Stolpe mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin (West), Walter Momper, Vorsitzender der SPD von Berlin (West), zu einem Gespräch zusammen. Momper trifft anschließend in einer Privatwohnung mit Vertretern des Neuen Forum und anderer BürgerInnenbewegungen zusammen.Zu einem "Dialog am Karl-Marx-Platz" finden sich Tausende Leipziger im Opernhaus, im Gewandhaus und in zwei Hörsälen der Universität ein. Die kontrovers geäußerten Meinungen zielen auf die Beantwortung der Frage "Wie weiter in der DDR?"
30. OktoberAuf der 10. Tagung des FDGB-Bundesvorstandes stellt SED-Politbüromitglied und. FDGB-Vorsitzender Harry Tisch die Vertrauensfrage. In der von ihm vorgetragenen Erklärung heisst es u. a.:
"Es mehren sich die Wortmeldungen zu meinem jüngsten Auftreten in den Betrieben. Aus der Widerspiegelung der oft mehr als zwei- bis dreistündigen Gespräche in unserer Zeitung 'Tribüne' wurde mehrfach herausgelesen, dass ich die Verantwortung für die gegenwärtig entstandene Lage nach unten delegieren wolle. Ich würde, so meint man, mich der Verantwortung nicht genügend stellen. Ich möchte hier betonen, dass das nie meine Absicht war. Ich war und bin mir meiner Verantwortung persönlich und im Kollektiv bewusst.Lange habe ich in der Partei und in der Gewerkschaft leitende Funktionen ausgeübt. Es wäre demagogisch, so zu tun, als hätte ich mitdem sich Vollzogenen nichts zu tun. Es geht nicht an, andere - vor allem Kollegen in den Betrieben - dafür verantwortlich zu machen. Das darf nicht sein. (...)"
(T, 31.10.1989)
"Diese 10. Bundesvorstandstagung war von besonderer Brisanz. Schon deshalb, weil Harry Tisch in einer Gesprächsrunde mit Gewerkschaftern in der Fernsehsendung 'Elf 99' am Sonnabend seine Entscheidung öffentlich gemacht hatte, am Montag den Mitgliedern des Bundesvorstandes die Vertrauensfrage über seine Funktion als Vorsitzender zu stellen. Das sollte allerdings hinter verschlossenen Türen geschehen. Erst durch den Einspruch von Presse, Funk und Fernsehen wurde anders entschieden. Zurückgenommen wurde auch eine Mitteilung an die Presse, die Tagung am heutigen Dienstag fortzusetzen.
Als brisant erwies sich zudem die Tatsache, dass der Entwurf einer Erklärung zur Diskussion stand, die offensichtlich in zu kurzer Zeit vorbereitet worden war, so dass die Mitglieder des Bundesvorstandes sie vorher nicht in den Händen hatten, und die deshalb in der Debatte äußerst umstritten war.Die Aussprache war emotional bewegt, kritisch, selbstkritisch und von großem Bemühen geprägt, gewerkschaftliche Positionen zu bestimmen, um so die Verantwortung der Klassenorganisation als Interessenvertreter aller Werktätigen unter den aktuellen Bedingungen wahrzunehmen. (...)
Schon nach den ersten Diskussionsrednern erwies sich, dass der vorgelegte Entwurf umfassender Ergänzungen bedarf, um Grundlage derzeitiger und künftiger Gewerkschaftsarbeit zu sein. Da eine Einigung nicht möglich war, zog sich das Präsidium zu einer Beratung zurück.Die interne Beratung endete mit dem Vorschlag, den vorliegenden Entwurf zu überarbeiten und ausdrücklich als 'Erste Stellungnahme des FDGB-Bundesvorstandes' zu deklarieren. Gleichzeitig angeregt, diese 10. Tagung abzubrechen und am 17. November fortzusetzen. Diese Wochen sollen genutzt werden, das Arbeitspapier in den Gewerkschaftsgruppen zu diskutieren.
Vertagt wurde auch die Vertrauensfrage. Entgegen der Auffassung des Vorsitzenden entschieden die im Saal Sitzenden mit fünf Gegenstimmen und zwei Stimmenthaltungen für diesen Aufschub. Sie wollten sich nicht zu vorschnellen Entscheidungen drängen lassen. Die Lage sei zu ernst. Es sei notwendig, mit Besonnenheit auf die gegenwärtige kritische Situation zu reagieren und nach verantwortungsbewusster Diskussion den eigenständigen Beitrag der Gewerkschaft für die Gestaltung des Sozialismus zu formulieren. (...)"In der Ersten Stellungnahme des Bundesvorstandes des FDGB heisst es u. a.:
"(...) Der Bundesvorstand erklärt seine Entschlossenheit, alles zu tun für eine Wende in der Gewerkschaftsarbeit. Die Leitungen des FDGB haben Tausende Stellungnahmen von Vertrauensleuten, Gewerkschaftsgruppen, AGL und BGL sowie Vorständen erhalten. Darin wird der Vorwurf ausgesprochen, dass wir nicht rechtzeitig und konsequent gegen die angestauten Probleme, gegen Erscheinungen der Deformation und Ignoranz gekämpft haben. Wir stellen uns dieser Schuld ohne Wenn und Aber. Wir werden nicht mehr dulden, dass die in der Verfassung garantierten Rechte der Gewerkschaften nicht wahrgenommen werden.Als einheitliche, unabhängige und freie Gewerkschaft wollen wir
- kämpferisch die Interessen der Arbeiterklasse und aller anderen Werktätigen in jeder Situation verfechten. (...)Die FDGB-Gästehäuser in Warnemünde und Schmöckwitz werden dem Feriendienst des FDGB zur Nutzung ab 1. 12. 1989 übergeben und vor allem Schichtarbeitern zur Verfügung gestellt.
Wir erwarten von der Regierung eine Darlegung der volkswirtschaftlichen Situation. (...)Wir wollen das Vertrauen aller Mitglieder wiedergewinnen. Wir dürfen keinen enttäuschen. Die Gewerkschaftsarbeit muss auf allen Ebenen von einem neuen Inhalt bestimmt werden. In angestrengter Arbeit leisten wir an der Seite der SED und unter ihrer Führung unseren Beitrag für die Wende in unserer sozialistischen Gesellschaft und zur Sicherung des Friedens. (...)"
(T, 31.10.1989)
Günter Müller, VEB Kali-Chemie: "Wir hatten von der Bundesvorstandstagung erwartet, dass Harry Tisch freiwillig abtritt. Er hat in den letzten Jahren kolossal nachgelassen und hat in vielen Fragen nicht mehr unsere Meinung vertreten. Wozu jetzt drei Wochen Zeit gefordert werden, hätte gleich gemacht werden müssen."
Eberhard Roese, VEB Bergmann-Borsig, Berlin: "Es gibt einen Vertrauensverlust gegenüber dem Vorsitzenden bei vielen Gewerkschaftsmitgliedern."Harald Hackenberg, Gaskombinat Schwarze Pumpe: "Wir hatten den Eindruck: Die gleiche Tour geht weiter. Die Gewerkschaft ist schwach geworden. Und wenn Harry Tisch uns fragen würde, ob mit ihm an der Spitze oder nicht, müssten wir sagen: Nein, die Enttäuschung ist zu groß."
(T, 31.10.1989)
Durch die Innenstadt von Halle ziehen etwa 50 000 Demonstranten und führen Losungen mit sich wie "Umweltschutz statt Umweltschmutz" und "Laßt Taten folgen, wir sind dabei". In Sprechchören werden mehr Mitspracherecht der BürgerInnen in Angelegenheiten der Stadt und des Staates, Presse- und Meinungsfreiheit, größere Rechtsstaatlichkeit sowie Reformen im Bildungswesen verlangt.
Abschaffung von Privilegien und die Gleichberechtigung aller Parteien gehört zu den Forderungen der 40 000 Demonstranten in Schwerin.Mehr als 20 000 Menschen demonstrieren in Karl-Marx-Stadt und fordern u. a. Demokratie - jetzt und zivilen Ersatzdienst für das Gesundheitswesen.
Nach einem Friedensgebet in der Pößnecker Stadtkirche ziehen 5 000 Demonstranten in einem Schweigemarsch durch die Stadt.20 000 Cottbuser versammeln sich im Zentrum der Stadt zu einem Meeting, auf dem der 1. SED-Bezirkssekretär Werner Walde seine Bereitschaft zum Dialog "auf vernünftiger Basis" erklärt.
50 000 Demonstranten ziehen trotz Regen und Wind durch die Innenstadt von Magdeburg.Mit der 1 519. Sendung "Der schwarze Kanal" von und mit Karl-Eduard von, Schnitzler stellt das DDR-Fernsehen nach 30 Jahren diese von der DDR-Bevölkerung kaum noch beachtete "ideologische Auseinandersetzung mit dem BRD-Kapitalismus" ein.
Die Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" präsentiert sich in neuer Form. Chefredakteur Klaus Schickhelm dazu: "Wir wollen in Zukunft den Zuschauern gerade in die Augen sehen können."In einer "Erklärung der Leitung des Ministeriums für Volksbildung" wird betont, die Volksbildung habe als Teil der Gesellschaft die Wende zu einer Politik der Erneuerung und Veränderung der sozialistischen Gesellschaft entscheidend mitzutragen. Wörtlich heisst es u. a.:
"Wir fragen uns zunächst selbst, warum richtige Orientierungen und Aufgabenstellungen für die Entwicklung der Schule nicht zum Tragen gekommen sind. Wir nehmen die Hinweise aus den Pädagogenkollektiven und auch von Eltern sehr ernst, dass Formalismus, Geschäftigkeit, Hineinreden, unrealistische Einschätzungen und mangelnde Wahrnahme von Verantwortung dafür Ursachen sind."Mitarbeiter des Instituts für Denkmalpflege der DDR fordern in einer Erklärung neue gesellschaftspolitische Konzeptionen des Städtebaus und eine umfassende Reform des Bauwesens, um die in jahrzehntelangem Versäumnis kontinuierlicher Baupflege entstandenen großen Wunden in vielen Städten heilen zu können.
31. OktoberDas SED-Politbüro tritt zu einer Sitzung zusammen. In der Pressemitteilung heisst es u. a.:
Das Politbüro behandelte Vorschläge für ein Aktionsprogramm der Partei, das der 10. Tagung des Zentralkomitees zur Beratung unterbreitet wird. (...) Weiter beriet das Politbüro den Entwurf eines Gesetzes über Reisen von Bürgern der DDR in das Ausland, der dem Ministerrat zur weiteren Behandlung unterbreitet wird. (...)"
(ND, 1.11.1989)
"(...) Wir haben sehr interessante Erfahrungen auf vielen Gebieten, vor allem auf der Ebene der Ökonomie, im politischen Leben. Aber wir wollen weiter voran. Und als Kommunisten denken wir immer daran. Wir sind die Partei der Neuerer, und den Neuerem folgen die Leute gern. Wir sind für alle Fragen offen. Unsere Partei schaut der Wahrheit ins Gesicht. Und wenn es um die Wahrheit geht, bin ich zu jedem Streit bereit. (...)"
(ND, 1.11.1989)
"(...) Die eingeleitete Wende, die es durch konkrete Taten weiter zu untermauern gilt, braucht auch fürderhin und jetzt erst recht das Wort der Autoren unseres Landes. Die notwendige Erneuerung unserer Gesellschaft kann nur gelingen, wenn sie von den breitesten Schichten des Volkes getragen wird. Das diesem Ziel dienende umfassende offene Gespräch muss fester Bestandteil unserer politischen Kultur werden. Dabei werden Wort und Tat auch der Schriftsteller gebraucht, damit wir gemeinsam in der Verantwortung gegenüber unserem Volk für ein sinnerfülltes Leben in Frieden und in einem stetig attraktiver werdenden Sozialismus gerecht werden. Ich möchte die Hoffnung ausdrücken, dass Ihr unserer Politik der Wende Eure ganze Unterstützung angedeihen lasst. (...)"
(ND, 1.11.1989)
Wir bekennen uns zu engagierter Suche nach neuen gesellschaftlichen Lösungen, zum offenen Streit der Meinungen und zu verantwortungsbewusster, disziplinierter Arbeit als Weg aus der kritischen Situation.
I. Die Fehlentwicklungen, die zu dieser Situation geführt haben, bedürfen einer gründlichen Analyse, die Irrtümer und Versagen offenlegt, Verantwortlichkeiten benennt und daraus die notwendigen Konsequenzen zieht. Von der bevorstehenden 10. Tagung des Zentralkomitees der SED erwarten wir dazu einen wesentlichen Beitrag. (...)Kritisches Nachdenken über die Grundwerte des Sozialismus ist unerläßlich, um zu einer neuen gesellschaftlichen Identität zu finden. Die Gesellschaft braucht Klarheit darüber, auf weichen Ebenen. und in welcher Reihenfolge grundsätzliche Veränderungen vorgenommen werden müssen und welche Ergebnisse unserer bisherigen Arbeit wir in den Prozess der Erneuerung mitnehmen können.
Wir erklären uns- für die konsequente Weiterführung der wissenschaftlich-technischen Revolution auf einem Niveau, das alle Vorzüge der internationalen Zusammenarbeit und Arbeitsteilung nutzt und auf eine höhere Lebens- und Umweltqualität gerichtet ist;
- für die Entwicklung und Anwendung von. Hochtechnologien bei grundlegend verbesserter Einhaltung der volkswirtschaftlichen Proportionalität und raschem Ausbau der vernachlässigten Infrastruktur;
- für eine von Gängelei und Formalismus befreite Planung, die Zielstrebigkeit mit Flexibilität verbindet und Raum für Eigenverantwortung und schöpferische Initiative gewährt;
- für eine Preisgestaltung, die den realen Aufwand für alle Leistungen durchschaubar macht und den sparsamen Umgang mit Ressourcen aller Art fördert;
- für eine gerechte Leistungsbewertung in allen Bereichen der Gesellschaft, die von niemand umgangen werden kann, bei gleichzeitiger Gewährleistung sozialer Sicherheit für alle.
Durch langjährige Gewohnheiten haben sich Verhaltensweisen der Anpassung an autoritär vorgegebene Ansichten, der Resignation und des Taktierens herausgebildet. Die Kultur des Meinungsstreites hat erheblichen Schaden genommen. Leitende Kader müssen lernen, Auffassungen ernsthaft zu prüfen, die ihrer eigenen Meinung entgegengesetzt sind. Wir müssen uns wieder daran gewöhnen, andere Ansichten nicht ungeprüft zu verwerfen oder gar als Angriff auf die eigene Person aufzufassen. Eine Atmosphäre freimütiger Kritik bei gegenseitiger Achtung der Partner, wie sie auch den traditionellen Werten der Wissenschaft entspricht; ist für unsere ganze Gesellschaft notwendig. (...)
Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands und die Regierung der DDR müssen durch eine Strategie, die den gemeinsamen Grundinteressen aller gesellschaftlichen Kräfte entspricht, das Vertrauen der Bürger wiedergewinnen. Wir sehen uns in der Pflicht, mit unserem Sachverstand und unserer Kritikfähigkeit dazu beizutragen.II. (...) Der gesellschaftliche Rang der Wissenschaft in Unserem Land muss spürbar erhöht werden., Vertrauen zur Wissenschaft, das sich in ihren Entwicklungsbedingungen objektiv ausdrückt, ein weiter Raum für ihre eigenverantwortliche Gestaltung und gewissenhafte Wahrnehmung ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gehören untrennbar zusammen. (...)
Die Wissenschaft ist gefordert, alternative Möglichkeiten der Entwicklung für die verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche zu erkunden, Entscheidungsgrundlagen vorzubereiten und der öffentlichen Diskussion vorzulegen. Dazu bedarf es des freien Zugangs zu allen relevanten Daten. Von der politischen Praxis erwarten wir, dass sie diese Leistungen der Wissenschaft umfassend in Anspruch nimmt und von ihr abfordert. (...) Die Gesellschaftswissenschaften stehen dabei in einer besonderen Verantwortung. (...) Wir wenden uns entschieden dagegen, mit hohem Aufwand Prestige- und Vorzeigeergebnisse zu schaffen und dafür große Potentiale von wissenschaftlich und volkswirtschaftlich wichtigen Aufgaben abzuziehen.Für die Wissenschaft müssen strenge Effektivitätsmaßstäbe gelten, die auf den internationalen Höchststand bezogen sind. Das Messen und die Bewährung der eigenen Leistungen im internationalen Niveau bilden in der Wissenschaft die wirksamste Form des Wettbewerbs, neben der gesonderte Wettbewerbsprogramme keinen Platz haben. Der internationale Austausch in der Wissenschaft verdient jegliche Förderung. (...)
III. (...) Die Vertraulichkeitsvorschriften für die Forschung sind auf das unerläßliche Minimum zu reduzieren. Die Möglichkeiten der Institute, sich von für die Forschung ungenügend befähigten Mitarbeitern zu trennen, sind wesentlich zu verbessern. (...) Vordringlich ist die rasche Überwindung des unvertretbaren Rückstandes in der materiell-technischen Ausstattung der Institute, der von der Überalterung der hochspezialisierten Forschungstechnik bis zu erheblichen Mängeln in den elementaren materiellen Bedingungen des Forschungsbetriebes reicht. Drastisch gesenkt werden muss der organisatorische Aufwand für die Beschaffung von Forschungsmitteln. Die der Akademie übertragenen Fonds müssen rechtsverbindlich und einklagbar sein. Die unumgängliche Anhebung des gesellschaftlichen Status der Grundlagenforschung muss es für die begabtesten Wissenschaftler wieder attraktiv machen, mit strengen Leistungsansprüchen an sich selbst auf diesem Gebiet zu arbeiten. (...)"Nach Mitteilung der Pressestelle des Innenministeriums wird ein Einspruch gegen die ablehnende Entscheidung des Ministers des Innern geprüft, der sich auf die Anmeldung zur Gründung des Neuen Forum bezieht.
Der Vorsitzende der CDU-Volkskammerfraktion, Wolfgang Heyl, hatte in einer Anfrage die Auffassung vertreten, dass der frühere Bescheid des Innenministeriums in dieser Angelegenheit zurückgezogen werde und sich die Tätigkeit des Neuen Forum auf legaler Grundlage vollziehen kann.Mehrere tausend Demonstranten verlangen in Weimar unverzüglich Reformen in Wirtschaft und Staat. Mit gleichen Forderungen versammelten sich in Meißen 10 000 und in Meiningen 5 000 BürgerInnen.
Die "Berliner Zeitung" informiert über den unter recht merkwürdigen Bedingungen entstehenden Bau eines Einfamilienhauses: "Zwei Etagen mit reichlich 200 m² Wohnfläche, zehn Räume, Gasheizanlage, Bäder und Duschen, die Fenster sind BRD-Import, ein zweistöckiger Wintergarten ist im Entstehen." Die Baukapazität für dieses Eigenheim wird offenbar aus der FDJ-Initiative Berlin zu Unrecht bezogen. Als Bauherr wird der Vorsitzende des Zentralvorstandes der IG Metall, Gerhard Nennstiel, festgestellt.Diese Information löst in der Öffentlichkeit große Empörung aus. Sie ist die erste Veröffentlichung, die auf Erscheinungen von Amts- und Machtmissbrauch aufmerksam macht. Die Untersuchung der Umstände dieses Baus führt zum Rücktritt Nennstieis am 1. November 1989 von seiner Funktion.
Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 1. Folge 2. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0582-4 und Neue Chronik DDR 2. Folge 1. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8