2. November


Der FDGB-Bundesvorstand setzt seine 10. Tagung fort. Er entspricht damit massenhaften Forderungen von Gewerkschaftern, die in Erklärungen und Stellungnahmen ihr Unverständnis dafür zum Ausdruck brachten, dass die Tagung ursprünglich erst am 17. November stattfinden sollte.

Mit zwei Gegenstimmen und einer Stimmenthaltung nimmt der Bundesvorstand den Rücktritt seines Vorsitzenden, SED-Politbüromitglieds Harry Tisch, an und wählt die Vorsitzende des Berliner FDGB-Bezirksvorstandes, Annelies Kimmel, zur neuen FDGB-Vorsitzenden.

In offener und kritischer Debatte erklärt die Tagung ihre Bereitschaft, an der Wende in der Organisation aktiv mitzuarbeiten.

Zu seinem Rücktritt erklärt Harry Tisch u. a.:

"Die gegenwärtige Situation gebietet es, auch in der Gewerkschaftsarbeit eine grundlegende Wende zu vollziehen, eine Wende zur Stärkung unserer Arbeiter-und-Bauern-Macht, zur Festigung des Sozialismus. Diese Wende muss von den über neun Millionen Mitgliedern, den ehren- und hauptamtlichen Funktionären unserer Klassenorganisation geschlossen getragen werden. Das ist nicht möglich, wenn der Vorsitzende dieser Organisation einen Vertrauensverlust erlitten hat. Es ist unumstritten, dass ich über Jahrzehnte die Politik in unserem Lande auch als Vorsitzender des FDGB-Bundesvorstandes mitgetragen habe. Darum muss ich mich - und ich tue es - für die entstandene Situation mitverantwortlich fühlen. (...) Im Prozess der Arbeit - das ist offensichtlich - sind Fehler gemacht worden. Es wurden Entscheidungen getroffen, die zu der heutigen Situation geführt haben. (...)"
(T, 3.11.1989)

Aus einer Mitteilung über die Sitzung des DDR-Ministerrates geht u. a. hervor, dass Volksbildungsministerin Margot Honecker bereits mit Schreiben vom 20. Oktober 1989 um ihren Rücktritt gebeten hat, dem der Ministerrat nun entsprochen habe.

Auf der Präsidiumssitzung des Hauptvorstandes der CDU erklärt Parteivorsitzender Gerald Götting seinen Rücktritt, um damit Wünschen und Forderungen von Mitgliedern und Vorständen der CDU zu entsprechen. Er hoffe, mit diesem Schritt zur erneuten Vertrauensbildung in der Partei beizutragen.

Auf einer außerordentlichen Tagung des Präsidiums des Hauptvorstandes der NDPD informiert Prof. Dr. Heinrich Homann über seinen Entschluss, vom Amt des Parteivorsitzenden zurückzutreten. In einem auf der Tagung beratenen Positionspapier stellt sich die NDPD als eine "im Aufbruch unserer sozialistischen DDR sich erneuernde politische Partei" dar.

Ebenfalls zurückgetreten sind die 1. SED-Bezirkssekretäre von Suhl, Hans Albrecht, und von Gera, Herbert Ziegenhahn, der 27 Jahre in dieser Funktion wirkte.

Das Sekretariat des Zentralvorstandes der LDPD empfiehlt der Volkskammerfraktion der Partei, die sofortige Einberufung einer Volkskammertagung zur Verständigung über die aktuelle Situation im Lande, den Rücktritt der Regierung und weiter zu beantragen, dass LDPD-Vorsitzender Prof. Dr. Manfred Gerlach zur Wahl zum Volkskammerpräsidenten vorgeschlagen wird. Das Sekretariat sehe sich zu diesem Schritt aus Mitverantwortung für das Wohl der sozialistischen DDR und ihres Volkes sowie in politischer Interessenvertretung ihrer Mitglieder und zahlreicher der Partei nahe stehender BürgerInnen verpflichtet.

Staats- und Parteichef Egon Krenz weilt zu einem Arbeitsbesuch in der Volksrepublik Polen und trifft zu Gesprächen mit Präsident Wojciech Jaruzelski, Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und dem Ersten Sekretär des ZK der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, Mieczyslaw F. Rakowski, zusammen.

Auf dem Gelände der BRD-Botschaft in Prag halten sich rund 1 300 DDR-BürgerInnen auf, die auf diesem Weg ihre Ausreise in die Bundesrepublik erwirken wollen.

Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8

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