So. 5. November


Zu weiteren Demonstrationen, auf denen Zehntausende BürgerInnen gesellschaftliche Erneuerung fordern, kommt es am Wochenende in Magdeburg (40 000), Potsdam (mehrere tausend), Rostock (30 000), Suhl (20 000), Lauscha (3 500), Dresden (15 000).

Bürgerinnengespräche finden in Berlin, Dresden, Gera, Leipzig und anderen Städten der DDR statt. In Leipzig vertritt DDR-Kulturminister Dr. Hans-Joachim Hoffmann die Ansicht, dass das SED-Politbüro geschlossen zurücktreten müsse, um Generalsekretär Krenz eine echte Chance zu geben. Auch eine neue Regierung werde gebraucht.

Mehr als 40 000 DDR-BürgerInnen sind nach Mitteilung der zuständigen österreichischen Behörden seit Öffnung von Ungarns Westgrenze am 11. September 1989 über Österreich in die BRD ausgereist.

Nach Angaben der ČSSR-Nachrichtenagentur ČTK sind an diesem Wochenende rund 13 000 DDR-Bewohner über die ČSSR in die BRD übergesiedelt.

Nach 19jähriger Amtszeit tritt der Leipziger 1. SED-Bezirkssekretär, Horst Schumann, aus gesundheitlichen Gründen von seiner Funktion zurück. Zu seinem Nachfolger wird Dr. Roland Wölzel von der Bezirksleitung einstimmig gewählt.

Eine Initiativgruppe beschließt den Gründungsaufruf zur Grünen Partei und wendet sich damit in einer Flugschrift an die Öffentlichkeit. In dem Aufruf heißt es u. a.:

"Die Grüne Partei in der DDR stellt sich auf die Seite aller Kräfte, die sich für Demokratie und Freiheit durch tief greifende Reformen in unserem Land einsetzen.

Sie ist ökologisch, feministisch und gewaltfrei.

Die besonderen Ziele der Grünen Partei sind:

Der konsequente ökologische Umbau unseres Landes in radikaler Absage an umweltzerstörendes, rohstoffvergeudendes Wachstum und dem stalinistisch geprägten Umgang mit Menschen, Wirtschaft und Umwelt. Sofortiger Handlungsbedarf besteht für die ökologischen Katastrophengebiete im Raum Leipzig-Bitterfeld-Halle, Dresden-Karl-Marx-Stadt und Cottbus und zur Rettung vieler historischer Altstädte, Kulturlandschaften und Schlösser, z. B. in Mecklenburg.

Die endgültige Sicherung des Friedens durch allgemeine und vollständige Abrüstung. Der Abbau der Militärbündnisse, die Reduzierung der NVA auf das geringste notwendige defensive Niveau und die Aufhebung der militärischen Sperrgebiete ist eine zwingende Erhaltung von Frieden und Umwelt.

Wir lehnen Gewalt, nationalen Chauvinismus und Rassismus ab und bekennen uns zum konsequenten Antifaschismus.

Die uneingeschränkte Gleichberechtigung aller Frauen und Männer auf allen wirtschaftlichen und politischen Ebenen, von den örtlichen Volksvertretungen bis zur Zusammensetzung des Staatsrates, die immer noch den Charakter überwiegend patriarchalischer Institutionen haben. (...)

Die Natur ist um ihrer selbst willen vor der ungehemmten Entfaltung des Menschen zu schützen. Nur so kann sie Grundlage menschlicher Gemeinschaft und Kultur sein. Bei jeder wirtschaftlichen Aktivität ist daher zu fragen: Wohin, für wen, weswegen?

Die Grüne Partei setzt sich prinzipiell für eine dauerhafte Entwicklung ein.

Wir wollen vor allem verhindern, dass die gegenwärtige Erneuerungsbewegung in unserem Land unter dem Druck unvernünftigen, kurzsichtigen, materiellen Nachholebedarfs eine Gesellschaft der Ellbogenfreiheit, der Verschwendung und Wegwerfmentalität entstehen lässt.

Wir halten die ökologische Orientierung aller Bildungsebenen für dringend geboten, u. a. die Einführung von Umwelt- und Friedenskunde.

Auf der Grundlage der Verfassung der DDR handelnd, setzen wir uns für eine Verfassungsreform ein.

Wir setzen voraus, dass die Tätigkeit der Grünen Partei in der DDR keiner staatlichen Behinderung unterliegen wird.

Wir werden projektgebunden - sowohl national als auch international - mit allen Bürgern, Organisationen und Gruppierungen zusammenarbeiten, die unsere Vorstellungen, auch in Teilbereichen, unterstützen.

Als Teil der Bewegung der europäischen Grünen setzen wir uns für gerechte Verteilungsstrukturen ein, die auch den Völkern der Dritten Welt eine dauerhafte Entwicklung garantieren und den Zusammenbruch des globalen Ökosystems verhindern helfen.

Wir fördern grenzübergreifende Partnerschaften zum gemeinsamen ökologischen Umbau von Umwelt-Krisengebieten.

Im Vertrauen auf die grundsätzliche Wende unseres Landes rufen wir alle interessierten Bewohnerinnen und Bewohner - gleich welcher Anschauung, Religion und Nationalität - auf:

Aus Sorge um die katastrophale Entwicklung unserer Umwelt, aus Verantwortung für unsere Kinder und die noch ungeborenen Generationen - schließt Euch im örtlichen und regionalen Bereich zu Basisgruppen der Grünen Partei der DDR zusammen. (...)"

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8

Ihrer Sorge um die Erhaltung der natürlichen Umwelt gaben gestern Abend mehr als 10 000 Bürger bei einer Demonstration in Dresden Ausdruck. Ihr Weg führte sie durch die Stadt zum Rat des Bezirkes und zum Rathaus der Elbestadt, wo Vertreter kirchlicher Arbeitskreise Petitionen mit Vorschlägen zur "ökologischen Erneuerung" in der DDR und in Dresden sowie ihre Position zum geplanten Bau eines Reinstsiliziumwerkes in Dresden übergaben. Die offizielle Mitteilung, dass dieser von vielen Bürgern Dresdens mit Sorge und Ablehnung bedachte Bau nicht erfolgen wird, hatte zuvor bei einem Fürbitt- und Dankgottesdienst in der überfüllten Kreuzkirche stürmischen Beifall gefunden.
(Berliner Zeitung, Mo. 06.11.1989)

Auf Demonstrationen und Meetings gaben am Wochenende Zehntausende Bürger ihrem Willen nach politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen Ausdruck.

In Magdeburg versammelten sich 40 000 Bürger auf dem Domplatz um Politiker und Staatsfunktionäre zur gesellschaftlichen Erneuerung zu befragen. In einer Erklärung der Künstlerverbände des Bezirkes wurde gefordert, im Dialog dürfe niemand behindert oder eingeschränkt werden.

Mehrere tausend Demonstranten zogen durch das Zentrum von Arnstadt und forderten u. a. die Zulassung des "Neuen Forum".

Tausende Einwohner aus Potsdam und anderen Orten des Havelbezirkes beteiligten sich an einer Demonstration durch die Innenstadt, deren Veranstalter die Generalsuperintendentur des Sprengeis Potsdam der Evangelischen Kirche war.

Für freie Wahlen, Pressefreiheit und den Rücktritt der Regierung zogen 30 000 Rostocker durch das Stadtzentrum.

Auch in Plauen und mehreren Städten des Bezirkes Schwerin kam es zu Demonstrationen.

In Suhl, wo sich über 20 000 Menschen versammelt hatten, wurde u. a. gegen eine beabsichtigte neue Mülldeponie im Suhler Landkreis protestiert.

An einem Schweigemarsch durch die thüringische Kleinstadt Lauscha nahmen rund die Hälfte der 3 500 Einwohner teil. Auf einer anschließenden Kundgebung verlangten sie die Einsetzung einer Untersuchungskommission, die alle Gründe für den Niedergang der Glaskunst in Lauscha aufdecken soll.

Mehr als 15 000 Dresdner Bürger trafen sich vor dem Hygiene-Museum. Sie formierten sich zu einem Demonstrationszug und brachten den Straßenverkehr zum Erliegen.
(Berliner Zeitung, Mo. 06.11.1989)

Die 32. Zentrale Messe der Meister von morgen und die 11. Leistungsschau der Studenten und jungen Wissenschaftler wurden gestern in Leipzig eröffnet.

Die Aussteller begrüßten die Entscheidung der Veranstalter, die für die Produktion oder Forschung unentbehrliche Technik in den Betrieben und Einrichtungen zu belassen und nicht auszustellen. Die Messeleitung hatte außerdem dem Ministerium für Gesundheitswesen empfohlen, Ärzte und Schwestern, die Exponate betreuen sollten, nicht aus ihren medizinischen Einrichtungen abzuziehen. Wie Günter Bohn, Sekretär des FDJ-Zentralrates, gegenüber ADN mitteilte, habe das Ministerium jedoch eine gegensätzliche Entscheidung getroffen. Antwort auf herangereifte Fragen der Zeit wurde in rund 70 Gesprächsrunden gesucht. Gefordert wurde, der MMM-Bewegung jeglichen Formalismus zu nehmen.
(Berliner Zeitung, Mo. 06.11.1989)

Ob große Säle und Plätze der richtige Ort für einen konstruktiven Dialog sind, sei fraglich, sagte Christa Zellmer, 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Frankfurt (Oder), nach einem mehrstündigen Treffen mit dem Frankfurter Bürgerkomitee "Neues Forum" bei einem Pressegespräch.

Das "Neue Forum" billige nicht, dass Berlin besser versorgt werde als Frankfurt und die Bezirksstadt besser als die Kreisstädte, legte Rolf Rüdiger Henrich dar. Schnell machbar sei seiner Ansicht nach auch ein kleiner Grenzverkehr nach Polen und Berlin (West).

Die Zulassung des "Neuen Forums" hänge aber letztlich von der Entscheidung des Innenministeriums ab, betonte der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung.
(Neue Zeit, Mo. 06.11.1989)

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