7. November


Der Ministerrat der DDR erklärt seinen Rücktritt. Wie es in einer Erklärung des Ministerrates heißt, die der neuernannte Regierungssprecher Wolfgang Meyer vor der internationalen Presse in Berlin bekannt gibt, "wird die Regierung der DDR ihre verfassungsmäßigen Aufgaben bis zur Abberufung und der Wahl eines neuen Ministerrates durch die Volkskammer wahrnehmen". Die Regierung appelliert, "alle Kräfte dafür einzusetzen, dass alle für das Volk, die Gesellschaft und die Wirtschaft lebensnotwendigen Funktionen aufrecht erhalten werden". Sie wendet sich an die ausreisewilligen DDR-BürgerInnen, sich "ihren Schritt nochmals zu überlegen. Unser sozialistisches Vaterland braucht alle und jeden!"

Der Verfassungs- und Rechtsausschuss der Volkskammer verlangt die unverzügliche Einberufung der Volkskammer. Er missbilligt das Verhalten des Volkskammerpräsidiums, das trotz des Verlangens von mehr als einem Drittel der Abgeordneten nach Einberufung des Plenums der obersten Volksvertretung noch keinen Termin für diese Sitzung mitgeteilt hat. Zum Reisegesetzentwurf wird hervorgehoben, dass er nicht den Erwartungen der Bürger entspricht.

In einer ADN übergebenen Erklärung fordert das Neue Forum zum Entwurf des Reisegesetzes einen Reisepass für jeden Bürger, generelles Ausreisevisum nach allen Staaten der Welt, das alle zwei, drei Jahre erneuert wird, es müsse dazu berechtigen, jeden Tag die Grenze zu überschreiten. Das Neue Forum spricht sich gegen eine Befristung der Reisedauer und willkürlich auslegbare Einschränkungen aus.

An der Humboldt-Universität Berlin findet eine Urabstimmung der Studenten statt, in der es um die Frage geht: "Bist Du für einen von allen politischen und gesellschaftlichen Organisationen unabhängigen Studentenrat (...) als einzigen legitimen Vertreter der Studentinnen und Studenten?"

Als Nachfolger von Prof. Dr. Heinrich Homann wird Günter Hartmann zum Vorsitzenden der NDPD gewählt. Die Wahl des neuen Parteivorsitzenden und seiner Stellvertreter erfolgt mehrheitlich auf einer Tagung des Hauptausschusses der Partei.

Das Sekretariat des Zentralvorstandes der LDPD spricht sich für eine grundlegende Wirtschaftsreform aus. Jetzt gehe es vorrangig um "eine ökonomische Wahrheitsfindung durch einen volkswirtschaftlichen Kassensturz".

Mehrere tausend BürgerInnen, vor allem Jugendliche, demonstrieren im Berliner Stadtzentrum für freie Wahlen. Vor der Volkskammer, dem Staatsratsgebäude und dem ZK der SED skandieren sie: "Wir sind das Volk" und "Alle Macht dem Volke und nicht der SED".

Zur Situation in der DDR erklärt der Stellvertreter des Vorsitzenden des DDR-Kirchenbundes, Konsistorialpräsident Manfred Stolpe, die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit habe eskaliert. Die inzwischen von der SED vorgenommenen einschneidenden strategischen Veränderungen entsprächen schon nicht mehr den gestiegenen Forderungen der BürgerInnen. In dieser brisanten Situation sehe die Kirche ihre Aufgabe darin, Gewaltlosigkeit zu predigen.

Seit Mittag bis gegen 20 Uhr treffen in Bayern etwa 5 000 neue DDR-Flüchtlinge ein, teilt ein Sprecher des Bundesgrenzschutzes der BRD mit. Pro Stunde überqueren rund 300 DDR-Bürgerinnen die Grenze ČSSR-BRD. Seit Öffnung der ungarischen Grenze (11. 9. 1989) haben fast 100 000 Menschen die DDR verlassen.

Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8

Chronik