19. November

In Dresden sprechen sich rund 50 000 Demonstranten gegen den Führungsanspruch einer Partei, für die Abrechnung mit den an der gegenwärtigen Krise Schuldigen und für eine vollständige Reformierung der Kulturpolitik aus.

Weitere Demonstrationen für die konsequente Verwirklichung von Meinungs-, Medien- und Versammlungsfreiheit finden in Frankfurt (Oder), Schwedt, Karl-Marx-Stadt, Gera, Neustrelitz, Meiningen, Erfurt, Potsdam und Berlin statt.

Über 3 Millionen DDR-BürgerInnen haben das zweite Wochenende nach Inkrafttreten der neuen Reiseregelungen zu Besuchen in der BRD und Berlin (West) genutzt.

In einem Fernsehinterview mit dem Fernsehen der DDR teilt Staats- und Parteichef Egon Krenz mit, dass er mit seiner Familie von der Wohnsiedlung des ehemaligen SED-Politbüros in Wandlitz nach Berlin-Pankow umgezogen ist.


20. November

Zum traditionellen Montagsgebet mit anschließender Demonstration kommen 200 000 Leipziger zusammen. Auf Transparenten bekennen sie ihren Willen, in der DDR bleiben zu wollen. Sie fordern sofortige freie und geheime Wahlen sowie Aufgabe des Führungsanspruches der SED.

Auch in weiteren Bezirksstädten finden Demonstrationen statt.

Seit dem 9. November 1989 sind durch die Volkspolizei 10 299 107 Visa für Privatreisen und 17 738 Genehmigungen zur ständigen Ausreise aus der DDR erteilt worden.

Fast 100 000 BürgerInnen haben sich seit Anfang November beim Bundesgrenzschutz als - Übersiedler in die BRD gemeldet, teilt das Grenzschutzkommando Nord mit. Die Zahl der Übersiedler in die BRD ist damit in diesem Jahr auf insgesamt rund 275 000 gestiegen.

Dem Aufruf der Bürgerbewegung Neues Forum haben seit dessen Registrierung am 8. November 1989 200 000 DDR-BürgerInnen mit ihrer Unterschrift ihre Zustimmung gegeben.

In einer Erklärung des Präsidiums der Zentralleitung des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR heißt es u. a.:

"(...) Wir unterstützen mit ganzer Kraft den in der DDR eingeleiteten revolutionären Prozess der Erneuerung, der in den jüngsten Beschlüssen der Volkskammer und der Erklärung der Koalitionsregierung Modrow zum Ausdruck kommt. (...) Die tiefe Krise, in die unser Land jetzt geraten ist, wurde durch fehlerhafte undemokratische Entscheidungen, nicht bewältigte Folgen des Stalinismus, Willkür und Machtmissbrauch auf vielen Gebieten verursacht. Es schmerzt uns besonders, dass einige antifaschistische Widerstandskämpfer dafür maßgeblich verantwortlich sind. Wir fühlen uns mitverantwortlich, weil wir nicht entschieden und rechtzeitig genug entsprechend unseren politischen und moralischen Pflichten auf angestaute Probleme hingewiesen haben. Wir bekunden unsere tiefe Achtung vor allen Antifaschisten, die unter Stalins Herrschaft, wo auch immer, verfolgt, gequält oder ermordet wurden. Wir fordern ihre volle und öffentliche Rehabilitierung. Das gilt auch für alle Kameradinnen und Kameraden, die in unserem Land gedemütigt, ungerecht behandelt und eingekerkert wurden. (...)"
(BZ, 21.11.1989)

Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8

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