21. November

ADN teilt aus Bonn mit:

"Mit dem verstärkten Strom von Besuchern aus der DDR hat am Montag auch die Zahl der Übersiedler in die BRD wieder zugenommen. Wie das Bundesinnenministerium gestern mitteilte, waren in den vorausgegangenen 24 Stunden (bis gestern 4.00 Uhr) rund 464 500 DDR-Bürger in die Bundesrepublik gekommen. Knapp 1 500 von ihnen meldeten sich als Übersiedler. Am Sonntag waren fast 440 000 DDR-Bürger in die BRD gereist, darunter 516 Übersiedler. Seit Öffnung der Grenzen am 9. November sind nach Angaben des Ministeriums 5 Millionen Besucher aus der DDR und gut 42 000 Übersiedler gezählt worden."
(BZ, 22.11.1989)

Wie die Pressestelle der LDPD mitteilt, überbrachte der Vertreter der Initiativgruppe Demokratie Jetzt Dr. Gerhard Weigt dem LDPD-Vorsitzenden Dr. Manfred Gerlach eine Einladung zu Verhandlungen am "Runden Tisch". Dr. Weigt erklärte, Anliegen der Initiative mehrerer Bürgerbewegungen sei die Koordinierung des gemeinsamen Bemühens aller demokratischen Kräfte um die tiefgreifende Erneuerung der DDR mit eigener attraktiver Identität. Deshalb würden zu diesem Vorhaben alle bestehenden und die sich neu formierenden demokratischen Parteien, Organisationen und Bewegungen von gesellschaftlicher Relevanz eingeladen werden. Nach den Vorstellungen von Demokratie Jetzt solle in diesem Rahmen zunächst eine umfassende Verständigung über die Lage im Lande herbeigeführt werden. Daraus seien Konsequenzen abzuhandeln für ein Handeln im Konsens unter Wahrung der Selbstbestimmung der Bevölkerung der DDR. In diesem Sinne gehe es um die Unterstützung der positiven Ansätze des Regierungsprogramms durch eine erweiterte differenzierte interessenartikulierende politische Struktur. Der LDPD-Vorsitzende begrüßte diese Initiative und sagte die Unterstützung seiner Partei zu.

Wie die Generaldirektion des Museums für Deutsche Geschichte mitteilt, ist nach Absprache mit Experten die ständige Museumsausstellung "Sozialistisches Vaterland DDR" in den Abschnitten 1949 bis 1988 geschlossen worden. Die Exposition soll überarbeitet werden.


22. November

Nach Mitteilung des Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR begrüßen Bischof Dr. Gottfried Forck und Landesbischof Dr. Werner Leich den Vorschlag von Demokratie Jetzt zu einem Gespräch am "Runden Tisch". Beide Bischöfe halten es für wünschenswert, dass baldmöglichst alle gesellschaftlichen Kräfte der DDR zu einem intensiven Gedankenaustausch über die Zukunft des Landes zusammenkommen.

Auch das SED-Politbüro schlägt vor, wie einer Pressemitteilung zu entnehmen ist, dass sich die in der Koalitionsregierung vereinten politischen Parteien gemeinsam mit anderen politischen Kräften des Landes an einem "Runden Tisch" zusammenfinden, um über das neue Wahlgesetz, die Durchführung demokratischer freier Wahlen und eine Verfassungsreform zu erörtern. Auf die bereits vorhandene Existenz eines solchen Vorschlags durch Demokratie Jetzt wird nicht eingegangen.

Die LDPD tritt dafür ein, wieder das Amt des Präsidenten der DDR einzuführen, erklärt Parteivorsitzender Prof. Dr. Manfred Gerlach auf einer Pressekonferenz.

Gegen das Unterlaufen des staatlichen Außenhandelsmonopols durch ehemalige SED-Funktionäre wendet sich die Bürgerbewegung Demokratie Jetzt. Sie fordert in einer Erklärung, einen unabhängigen Untersuchungsausschuss einzusetzen und Funktionäre abzulösen und zu bestrafen, die sich auf Kosten des Volkes bereichert haben.

Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8

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