23. November


ADN berichtet aus Ribnitz-Damgarten:

"Zugang hat die Bevölkerung nun wieder zum gesamten 2 500 Hektar großen Wald an der schönen mecklenburgischen Landschaft um Eixen im Kreis Ribnitz-Damgarten. Bisher war das in diesem Gebiet für Dorfbewohner und Naturliebhaber aus anderen Gegenden nur zum Teil möglich, und wenn, dann nur durch ein Tor im Drahtzaun. Grund dafür war das Privileg Harry Tischs zur Jagdausübung. Der einstige FDGB-Vorsitzende hatte sich nach Angaben von Oberförster Harald Runze 100 Hektar einzäunen und auf etwa einem Drittel dieser Fläche auch ein spezielles Fanggatter für Schwarzwild schaffen lassen. Spezialisten hatten für erstklassige Wildacker mit Mais sowie anderen landwirtschaftlichen Kulturen zu sorgen, damit das Wild nicht in umliegende Fluren ausbricht und jederzeit zum Abschuss zur Verfügung stand, Dam- und Muffelwild, zwei hier nicht heimische Tierarten, wurden in die Umfriedung gebracht, um dem Jagdherrn und seinen jährlich 20 bis 30 Gästen vor allem aus Kreisen des Ministerrates zur Verfügung zu stehen.

'Wenn Herr Tisch mit seinem Gefolge im Wald war, schützten ihn vor unerwünschten Blicken die auf den vorbeiführenden öffentlichen Straßen angebrachten Halteverbotsschilder, die inzwischen weggeschafft wurden. Viele Sicherheitsleute wurden auf ihre Posten geschickt', erzählte der stellvertretende Bürgermeister Eixens, Bernd Zilian, Technischer Leiter in der LPG Pflanzenproduktion. Damit sich nun auch alle untereinander gut verständigen konnten, ist von bestellten Technikern für Sprechfunk ein weit über die Baumwipfel ragender UKW-Sendemast errichtet worden.

Im Eixener Wald wurden jährlich bis zu 350 Stück Schalenwild erlegt. 'Eine große Anzahl durch uns, 20 bis 30 Prozent durch Harry Tisch und 30 bis 40 Prozent durch seine Gäste', listete Oberförster Harald Runze diese Strecke auf. Dem ehemaligen Politbüromitglied aus Berlin standen für forstwirtschaftliche Aufgaben, die Instandhaltung der Gatter, der 70 Hochsitze und zahlreicher anderer Arbeiten im Wald 35 Forstarbeiter aus Rostock-Rövershagen zur Verfügung.

Ein standortgebundener Fahrzeugpark reichte vom Lkw über Traktoren und Personenkraftwagen bis zum allradgetriebenen Rover. 'Dieser Bestand wurde rechtzeitig immer wieder erneuert, während wir in der Landwirtschaft mit jahrzehntealter Technik auskommen müssen', verglich Bernd Zilian."
(BZ, 24.11.1989)

Dieser Bericht löst unter Gewerkschaftern der DDR Zorn und Empörung aus, teilt die Pressestelle des FDGB mit. Der Bundesvorstand des FDGB teile die Entrüstung der Werktätigen und fordere, dass der von der Volkskammer berufene Ausschuss zur Untersuchung von Fällen des Amtsmissbrauchs, der Korruption, der persönlichen Bereicherung und anderer Handlungen die erhobenen Vorwürfe untersucht und offenlegt.

Der Berliner Bezirksverband des Schriftstellerverbandes der DDR fasst folgenden Beschluss:

"Die Vollversammlung des Bezirksverbandes Berlin stellt fest: Der am 7. Juni 1979 erfolgte Ausschluss der Mitglieder Kurt Bartsch, Adolf Endler, Stefan Heym, Karl-Heinz Jakobs, Klaus Poche, Klaus Schlesinger, Rolf Schneider, Dieter Schubert und Joachim Seyppel sowie dessen Folgen für andere Kollegen war nicht wieder gutzumachendes Unrecht, für das wir um Entschuldigung bitten. Die Vollversammlung beschließt: Der Ausschluss wird annulliert, und damit wird die Mitgliedschaft dieser Kollegen rückwirkend vom 7. Juni 1979 wiederhergestellt. Dieser Beschluss wird den Betroffenen von einem Vorstandsmitglied überbracht werden, verbunden mit dem Wunsch, sie mögen ihre Rechte und Pflichten als Mitglieder des Verbandes wieder wahrnehmen."
(BZ, 24.11.1989)

Christa Wolf, die vor zehn Jahren gegen den Ausschluss-Beschluss gestimmt hatte, sagt in Erinnerung an jene Versammlung, sie sei eine der schlimmsten ihres Lebens gewesen. Es seien nicht einmal Ansätze von Demokratie zu entdecken gewesen. Die Versammlung sei von Anfang bis Ende manipuliert gewesen.

Julius Mader erinnerte daran, dass seinerzeit Stefan Heym massiv kriminalisiert worden sei. Verstoß gegen das Devisengesetz sei ihm vorgeworfen worden. Er - Mader - wisse aus einem Gespräch mit Generalstaatsanwalt Wendlandt, dass dieses Gesetz speziell für diesen Fall geschaffen und später nicht mehr angewendet wurde. Eine Lex Heym!

Die Berliner Schriftsteller verabschieden eine weitere Erklärung, in der es u. a. heißt:

"Wir Schriftsteller setzen uns mit all unserer Kraft für Meinungspluralität ein, die ein unerläßlicher Bestandteil einer noch zu schaffenden Kultur des demokratischen Umgangs miteinander ist. Meinungsstreit darf jedoch nicht zu einem Feigenblatt für unsachliche Ausfälle und Feindseligkeiten gegenüber Künstlern werden. Wer heute Künstler als ein aufmüpfiges Häuflein Privilegierter hinstellt und ihnen vorwirft, die Werktätigen durch Aufrufe zu Demonstrationen von der Arbeit abzuhalten, der will den Kurs der Erneuerung in unserem Land unterminieren. Nur gemeinsam können wir die Umgestaltung bewerkstelligen. Wir sind für Toleranz, aber keine Toleranz den Intoleranten!"
(BZ, 25./26.11.1989)

Der Verband Bildender Künstler (VBK) verabschiedet auf der 4. Tagung seines Zentralvorstandes folgende Erklärung:

"Anlässlich der Demonstration am 19. November haben Berliner Künstler einen Teil der Mauer am Potsdamer Platz bemalt. Diese genehmigte Aktion des Berliner VBK hatte einen antifaschistisch-aktuellen Anspruch. Am 22. November wurde die Bemalung auf Befehl vom Grenzkommando Mitte überstrichen. Gegen diesen Vorgang erhoben die Mitglieder des Zentralvorstandes des VBK-DDR auf ihrer Tagung am 23. November energischen Protest. Die Methode, Kunst - auch wenn sie spontan in der Öffentlichkeit entsteht - durch Befehl zu vernichten, gehört zu den schlechtesten Erfahrungen unserer Geschichte."
(BZ, 25./26.11.1989)

Ein von SDP-Vertreter Steffen Reiche der BRD-Zeitung "Frankfurter Rundschau" gegebenes Interview wird in einer SDP-Erklärung wie folgt dementiert:

"Die SDP der DDR versteht sich als eine Partei, die auf der Basis der KSZE-Akte von 1976 für die Beibehaltung der Grenzen innerhalb Europas eintritt. Insofern ist die Äußerung, mit der Steffen Reiche zitiert wird, missverständlich. Wir sind nicht der Meinung, dass eine Wiedervereinigung in den Grenzen von 1937 möglich wäre. Die SDP tritt für die Zweistaatlichkeit Deutschlands ein und ist der Meinung, dass in der gegenwärtigen Situation das Thema Wiedervereinigung völlig unaktuell ist."
(BZ, 24.11.1989)

Die Vertrauensleutevollversammlung des Deutschen Theaters Berlin wendet sich in folgendem Offenen Brief an BRD-Bundeskanzler Helmut Kohl:

"Mit zunehmender Verärgerung beobachten wir Ihren Einsatz für Demokratie in der DDR, hören Ihren Ruf nach freien Wahlen in unserem Land, von denen Sie die wirtschaftliche Zusammenarbeit abhängig machen wollen.

Das Volk der DDR hat seine Reformen selbst erkämpft und wird das auch künftig tun. In dem hart geführten Dialog mit unserer Regierung und der SED benötigen wir keine Schützenhilfe von Ihrer Regierung oder Ihrer Partei.

In seiner wenig glücklichen Geschichte hat das deutsche Volk politische Veränderungen hauptsächlich von oben oder von außen erfahren. Dazu gehörten nach 1945 der Sozialismus Stalinscher Prägung, hinter dem die sowjetischen Panzer standen, ebenso wie in der Bundesrepublik die parlamentarische Demokratie, die ihr mit dem silbernen Löffel des Marshallplans eingeholfen wurde. Über die wirtschaftliche Überlegenheit der Bundesrepublik heute besteht kein Zweifel, aber wir lehnen es ab, wenn sich der Bundeskanzler an die Spitze einer Bewegung stellt, die aus dem Mut der politischen Reife in unserem Land entstanden ist.

Wir haben nichts dagegen, wenn Sie, Herr Bundeskanzler, für freie Wahlen auf die Straße gehen, aber wir wollen Sie nicht unter den Trittbrettfahrern unserer Reformbewegung sehen. Davon haben wir im eigenen Land genug. Was sollen das außerdem für freie Wahlen sein, die mit dem Geld der Bundesrepublik erkauft werden? Die Menschen hier sind durchaus in der Lage, freie Wahlen ohne Druck aus dem Westen einzufordern.

Mit besten Wünschen für die schwierige Arbeit in Ihrem Land."
(BZ, 24.11.1989)

Das Neue Forum wendet sich angesichts von Spekulationen und Schacher infolge der Öffnung der Grenzen zur BRD und zu Berlin (West) mit einem Aufruf an alle BürgerInnen. Unter dem Leitgedanken "Beteiligt Euch nicht am Ausverkauf unseres Landes" wird an die Bevölkerung appelliert:

"Nehmt keine Schwarzarbeit auf, verkauft keine Kunstwerke und subventionierte Waren, tauscht keine DDR-Mark zum Schwindelkurs - die gleiche DDR-Mark kauft uns später die Regale leer."
(BZ, 24.11.1989)

Der im Jahr 1966 drei Tage nach seiner Uraufführung verbotene Film der DEFA "Spur der Steine" - nach dem gleichnamigen Roman von Erik Neutsch, Regisseur Frank Beyer, in der Hauptrolle Manfred Krug - erlebt im Berliner Filmtheater "International" in Anwesenheit des Regisseurs und Hauptdarstellers - der inzwischen auch die DDR verlassen musste - seine Wiederaufführung.

ADN teilt mit:

"Unter Leitung ihres Vorsitzenden, Werner Eberlein, Mitglied des Politbüros, tagte die Zentrale Parteikontrollkommission der SED. Die ZPKK führte das Parteiverfahren gegen Günter Mittag durch und schloss ihn aus den Reihen der Partei aus. Ein Parteiverfahren wurde gegen Erich Honecker eingeleitet. Die Kontrollkommission nahm dabei die Mitteilung der Ärzte Erich Honeckers zur Kenntnis, dass seine Verhandlungsfähigkeit infolge des Gesundheitszustandes zur Zeit keinerlei Aussprachen zulässt."
(BZ, 24.11.1989)

An der Berliner Humboldt-Universität findet die provisorische Gründung des Sozialistischen Studentenbundes (SSB) statt. Ziel dieser Organisation ist die Schaffung einer neuen Form der FDJ-Studentenvertretung.

Zum ersten Mal wird DDR-Journalisten eine Besichtigung der hinter Zäunen und Sicherheitszonen gelegenen "Waldsiedlung" Wandlitz, dem Wohnsitz von SED-Politbüromitgliedern, gestattet. Der Bau der 23 Wohnhäuser zählenden Siedlung war 1957, auch unter dem Eindruck der Vorjahresereignisse in Ungarn, beschlossen und im Wesentlichen 1958 bis 1961 entstanden. Das Objekt wird seitdem militärisch geschützt. Es gab keine Überlegungen, diesen Zustand zu ändern. Der Mietpreis der Siedlungshäuser soll sich je nach Quadratmeterzahl zwischen 300, und 600 Mark bewegen. Die Siedlung besitzt neben dem inneren Wohnring für die Spitzenfunktionäre einen äußeren Wohnring für Sicherheits- und Versorgungskräfte. Im inneren Wohnring befinden sich Dienstleistungseinrichtungen, darunter auch eine Kaufhalle, in der es bis zur 9. Tagung des ZK der SED (18. Oktober 1989) ein reichhaltiges, weit über die Norm des DDR-Alltags hinausgehendes Import-Sortiment an Textilien, Haushalttechnik und Lebensmitteln gab; danach wurde das Angebot auf "normale" Exquisit- und Delikat-Erzeugnisse reduziert. Zu den Kunden dieser Einrichtung gehören die Bewohner des Innenrings und ihre Familienangehörigen, auch wenn sie nicht in der "Waldsiedlung" wohnen.

Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8

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