25. November


Über eine Begegnung von Vertretern des Neuen Forum mit Studenten in Wien berichtet ADN u. a.:

"Auch das Neue Forum hat auf der Suche nach Wegen zur schnellen Gesundung der DDR-Wirtschaft nicht den 'Stein der Weisen', erklärte Reinhard Weißhuhn. (...) In der Übernahme des kapitalistischen Wirtschaftssystems sehe er keine Antwort auf die anstehenden Fragen. Es wäre 'verrückt, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen'.

Weißhuhn bekundete Interesse am Angebot der SED zu einem Runden Tisch. Daran sollten 'alle im Moment relevanten Gruppen teilnehmen, auch wenn sie sehr unterschiedliche Erwartungen haben'. An den Vorgesprächen sei das Neue Forum beteiligt. Mit Wunschvorstellungen zu den Ergebnissen wolle er jedoch 'abwarten, bis der Runde Tisch zustande kommt'. Wichtig sei für das Neue Forum der schnelle Zugang zu den Medien, denn das 'Gastrecht' in der LDPD-Zeitung 'Der Morgen' oder im CDU-Blatt 'Neue Zeit' reiche nicht aus.

Die Sprecherin des Neuen Forum Bärbel Bohley verwies auf wieder holte Fragen der Studenten nach Übernahme von Verantwortung durch ihre Gruppierung sowie nach deren konkreten Absichten auf einen notwendigen inneren Klärungsprozess. 'Wir wollen Kontrolle ausüben', sagte sie. Dabei würde auch die Möglichkeit einer außerparlamentarischen Opposition dem Selbstverständnis des Neuen Forum entsprechen, sich nicht als Partei konstituieren zu wollen.

Deutlich machte Bärbel Bohley hingegen, dass die Frage einer Vereinigung von DDR und BRD für das Neue Forum 'im Augenblick überhaupt nicht wichtig' sei. Ihre Gruppe gehe von der Existenz zweier deutscher Staaten aus und strebe die Anerkennung der Realitäten an. 'Wir wollen über uns selbst bestimmen und uns das, was uns 40 Jahre verwehrt wurde, auch nicht von der BRD nehmen lassen', stellte sie fest. In diesem Zusammenhang kritisierte sie die Öffnung der Grenzen und vertrat die Auffassung, dass die DDR damit von der SED zur Disposition gestellt worden sei. Das Neue Forum wolle 'die DDR bewahren und inhaltlich verändern'. Im sozialen Bereich gebe es viele Errungenschaften, die etwas wert sind und bleiben sollten, So gebe es für jedes Kind einen Kindergartenplatz. Dort dürften Kinder jedoch nicht länger Panzer malen, meinte Frau Bohley."
(BZ, 25./26.11.1989)

Die britische Zeitung "Financial Times" veröffentlicht ein Interview mit Staats- und Parteichef Egon Krenz. Darin bekräftigt er, dass die DDR ein sozialistisches Land sei und bleiben werde. Er schloss jedoch nicht aus, dass sich DDR und BRD "in Richtung auf eine Konföderation bewegen, falls in den kommenden Jahren eine Auflösung der NATO und des Warschauer Vertrages erfolgt".

Der katholische Bischof von Berlin, Georg Sterzinsky, äußert die Auffassung, bei der in Aussicht gestellten wirtschaftlichen Hilfe für die DDR sollte die Regierung der BRD nicht als der große Sponsor auftreten.

Nach einem Gang durch Leipzig und Gesprächen mit BürgerInnen der Stadt äußert Krenz auf Fragen von Journalisten u. a.: "(...) Ich muss sagen, ich bin einerseits tief betroffen, tief beeindruckt, weil noch mal das ganze Ausmaß deutlich wurde, wie Leipzig in den vergangenen Jahren durch die Zentrale vernachlässigt worden ist. Die Stadt selbst ist ein Ausdruck dafür, wieviel Subjektivismus wir in unserer Wirtschaftspolitik hatten. Jetzt stehen wir alle, insbesondere auch die Zentrale, in der Verantwortung, etwas zu tun." Krenz betont, dass "ihm nie so deutlich geworden ist wie heute, welche Signale eigentlich von Leipzig ausgegangen sind für unser Land, für die Erneuerung des Sozialismus, für diese schwere Etappe, die wir vor uns haben. Die Begegnungen mit den Leipzigern haben mir heute auch viel Hoffnung und viel Mut gegeben. Die Offenheit der Gespräche war in einer solchen Art und Weise, dass dabei auch viel Konstruktives eingebracht wurde."
(BZ, 27.11.1989)

In Plauen demonstrieren rund 5 000 BürgerInnen. Besonders auffällig ist der auf Plakaten und Transparenten formulierte Wille nach Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Die Kreisfunktionäre der SED werden aufgefordert, von ihren Ämtern abzutreten und in Betrieben arbeiten zu gehen. Eine mehrfach erhobene Forderung ist die nach Wahl der Betriebsdirektoren.

Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 3. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990, ISBN 3-7303-0595-6