In Berlin wählt der FDGB-Bundesvorstand auf seiner 11. Tagung nach Rücktritt seines Präsidiums und Sekretariats - ein Arbeitssekretariat als neues Führungsorgan. Neben der Vorsitzenden des FDGB-Bundesvorstandes, Annelies Kimmel, gehören ihm zwölf haupt- und ehrenamtliche Gewerkschaftsfunktionäre an, vier von ihnen sind nicht Mitglieder des gegenwärtigen Bundesvorstandes. Das Arbeitssekretariat leitet die Vorbereitung des zum 31. Januar und 1. Februar 1990 zusammentretenden außerordentlichen Gewerkschaftskongresses.
Die Tagung schließt den ehemaligen FDGB-Vorsitzenden Harry Tisch, der aus Krankheitsgründen der Tagung fernbleibt, einstimmig aus dem Bundesvorstand und aus dem FDGB aus.Zur Vorbereitung des Kongresses unterbreitet die Tagung eine neue Satzung, die den Passus über die Anerkennung der führenden Rolle der SED nicht mehr enthält, eine neue FDGB-Wahlordnung sowie das Grundsatzpapier "Was sind, was wollen die Gewerkschaften in unserer Zeit?" zur Diskussion. In dem Grundsatzpapier heißt es u. a.:
"(...) Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund will seinen aktiven Beitrag zum Erneuerungsprozess des Sozialismus leisten. Die Erneuerung in unserem Land muss unumkehrbar sein.Inhalt und Ziel unserer Arbeit sind der Schutz und die Verwirklichung der politischen, rechtlichen, ökonomischen, sozialen, ökologischen und kulturellen Interessen der Gewerkschaftsmitglieder vor allem im Arbeitsprozess.
Für die in unserem Land entstandene Situation tragen das Präsidium und das Sekretariat des Bundesvorstandes des FDGB Mitverantwortung.Die Tatsache, dass wir der Politik der SED kritiklos gefolgt sind, dass gewerkschaftliche Vorstände und Leitungen zu eng mit den Leitungen der Partei liiert waren, schränkte die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Gewerkschaften ein. Das führte zur Krise in den Gewerkschaften und zum Vertrauensverlust bei den Mitgliedern.
Das aktive Eintreten zahlreicher gewerkschaftlicher Vorstände und Leitungen, besonders vieler ehrenamtlicher Funktionäre, für die berechtigten Interessen der Mitglieder konnte nicht öffentlich gemacht werden und war häufig erfolglos. Das führte letztlich immer mehr zur Resignation und Aufgabe eigenständiger, hartnäckig verfochtener Positionen gegenüber staatlichen Organen und Leitungen. Wenn es dennoch Interessenvertretung und gewerkschaftliche Leistungen für die Werktätigen gegeben hat, dann ist das dem unermüdlichen täglichen Wirken vieler Tausender haupt- und ehrenamtlicher Funktionäre an der Basis und in den Vorständen zu danken. Diese Aktivitäten, millionenfacher Druck und Proteste sind die Grundlage und Gewähr für einen gewerkschaftlichen Neubeginn.Jetzt gilt es, Vertrauen neu zu erwerben. Wir haben als Gewerkschaften die Pflicht und reale Chance, mit dem Beginn der Reformen des politischen Systems, der Wirtschafts- und Rechtsordnung uns den Platz und die Rechte zu sichern, die für einen umfassenden Schutz der Interessen der Gewerkschaftsmitglieder notwendig sind.
Den aktiven Einfluss der Gewerkschaften, ihre Rechte im Prozess der Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens in der DDR zu bestimmen erfordert, ein Gesetz über die Rechte der Gewerkschaften anzustreben und mit den Mitgliedern zu diskutieren. (...)Der Inhalt dieses Gesetzes sollte das Recht gewerkschaftlicher Tätigkeit in allen Betrieben und Institutionen uneingeschränkt gewährleisten, das heißt,
- Mitbestimmung und Mitwirken der Gewerkschaften in allen das Leben der Werktätigen umfassenden Fragen;Der FDGB will eine einheitliche, freie und unabhängige Gewerkschaft sein, in der sich Arbeiter, Angestellte und Angehörige der Intelligenz unabhängig von Weltanschauung und Geschlecht vereinigen können und in dem auch neue Auffassungen über Demokratie und Sozialismus Platz haben.
Die Gewerkschaften in der DDR sind parteipolitisch nicht gebunden. Ihre politische Zielrichtung ergibt sich ausschließlich aus der Interessenvertretung ihrer Mitglieder.Die Gewerkschaften sind für einen Staat der Demokratie und des Sozialismus, in dem friedliche Arbeit, soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit gewährleistet sind; ein Staat, in dem die Macht vom Volke ausgeht, ein Staat des Friedens und des Antifaschismus.
Der FDGB spricht sich für eine neue Verfassung aus, in der der Führungsanspruch einer Partei nicht mehr erhoben wird, aber die Position der Arbeiter und Bauern in der sozialistischen Gesellschaft der DDR klar verankert ist und die Rechte der Gewerkschaften neu bestimmt werden.Der FDGB spricht sich für ein neues Wahlrecht aus und wird sich dafür einsetzen, dass die Gewerkschaften auch weiterhin Wirkungsmöglichkeiten in den Volksvertretungen aller Ebenen erhalten. (...)
Der FDGB ist eine Organisation der Industriegewerkschaften und Gewerkschaften, deren eigenständige Tätigkeit sich im Rahmen der Satzung vollzieht. Dabei hat das Produktionsprinzip Vorrang vor dem Territorialprinzip. (...)"Das Papier befasst sich dann im weiteren mit Detailaufgaben, die u. a. die Einheit, Eigenständigkeit und Demokratie im FDGB, die demokratische und eigenständige Leitung der Gewerkschaftsarbeit, die gewerkschaftliche Mitwirkung an der Entwicklung der Volkswirtschaft, Grundpositionen zur Verwirklichung des Leistungsprinzips, das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und betrieblichen Arbeits- und Lebensbedingungen, gewerkschaftliche Forderungen zur Sicherung und Entwicklung des Lebensniveaus der FDGB-Mitglieder, die Mitwirkung der Gewerkschaften bei der weiteren Ausgestaltung der Rechtsordnung und der Erhöhung der Rechtssicherheit, internationale gewerkschaftliche Arbeit und Solidarität sowie die gewerkschaftliche Finanzarbeit beinhalten.
(T, 1.12.1989)
Weitere Demonstrationen werden aus Ilmenau und Limbach-Oberfrohna gemeldet.
Das Kollegium der Rechtsanwälte im Bezirk Frankfurt (Oder) gibt folgende Erklärung ab:"Der Vorstand des Kollegiums der Rechtsanwälte im Bezirk Frankfurt (Oder) hat am 17. 11. 1989 seinen Beschluss vom 27. 3. 1989, durch den Rechtsanwalt Rolf-R. Henrich aus dem Kollegium ausgeschlossen wurde, aufgehoben. Der Ausschluss war wegen der Veröffentlichung seines Buches 'Der vormundschaftliche Staat - Vom Versagen des real existierenden Sozialismus' erfolgt. Da sie keine Verletzung der Berufspflichten eines Rechtsanwaltes ist, wurde Rechtsanwalt Henrich rehabilitiert."
(BZ, 30.11.1989)
Ziel des Gesprächs soll sein, einen Konsens zu erreichen, ob und auf welcher Grundlage weiter für die Interessen der jungen Leute in der DDR zusammengearbeitet werden kann.
In einer von Gerhard Bächer und Carlo Jordan unterzeichneten Erklärung stellt die Grüne Partei der DDR fest:"40 Jahre Defizit an Wahrheit sind 40 Jahre Defizit an Geschichtsbewältigung.
Der nahtlose Übergang vom Nationalsozialismus zum stalinistischen Sozialismus brachte auch mit sich, dass durch die Nazis enteignetes Vermögen ermordeter beziehungsweise emigrierter Juden automatisch in Staatseigentum der DDR überführt wurde.Wir leben mit einer einseitigen Geschichtsdarstellung zugunsten des kommunistischen Widerstandes und dessen Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Wir haben ein verfälschtes Geschichtsbild, in dem die Unterdrückung und Vernichtung der Juden als zweitrangig erscheint und in dem der Ausrottungsfeldzug gegen Sinti, Roma und Homosexuelle viele Jahre lang überhaupt keine Rolle spielte. Völlig verschwiegen werden 'antizionistische' Kampagnen, zum Beispiel Anfang der fünfziger Jahre, die sich gegen jüdische Mitbürger wegen ihrer Kontakte zu westlichen jüdischen Hilfsorganisationen richteten.
Die propagandistische Herausstellung des Wiederaufbaus des Centrum Judaicum in Berlin hat auch Alibifunktion, denn gleichzeitig verfallen in anderen Orten unseres Landes Synagogen, werden zweckentfremdet genutzt (z. B. als Scheune in Aschenhausen, Bezirk Suhl) oder fallen dem Abriss zum Opfer, ohne dass auch nur eine Gedenktafel errichtet würde (z. B. in Schwarza, Bezirk Suhl).Mit Angst stellen wir in der DDR eine bedrohliche Zunahme von Antisemitismus und rechtsradikalen Tendenzen fest. (...) Diese stehen zwar in direktem Zusammenhang mit der Zunahme von Rechtsradikalismus in westeuropäischen Ländern, befinden sich aber auch in unserem Land auf gutem Nährboden. Republikaner formieren im Untergrund ihre ersten Gruppen. Faschos verteilen Flugblätter in Briefkästen, in denen es u. a. heißt: 'Gegen grün-alternative Gruppierungen! Für Deutschland!'
Die Staatsmacht erweckt den Eindruck von Hilflosigkeit, nachdem sie diese Erscheinungen in unserem Land fast 40 Jahre lang geleugnet hat.Wir fordern:
- die Rückgabe des Eigentums ermordeter und emigrierter jüdischer Mitbürger an die zuständigen jüdischen Gemeinden in der DDR,aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 3. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990, ISBN 3-7303-0595-6
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