So. 10. Dezember


Die Nelken - Gründungsgruppe für eine marxistische Partei - veröffentlichen in Berlin einen Aufruf, in dem es u. a. heißt: "In einer Zeit, da unser Land in der Zerreissprobe steht, wenden wir uns an alle, die eine gerechte und menschenwürdige Gesellschaft noch für möglich halten. Wir wenden uns an alle, die mit uns zusammenarbeiten wollen: Die Nelken gehen von einer veränderten historischen Situation aus. Die Produktivkraftentwicklung der letzten Jahrzehnte hat den Imperialismus nicht in seinen Grundfesten erschüttert, in den sich bisher sozialistisch nennenden Ländern jedoch den Nachweis der Unfähigkeit einer historisch noch nicht einzuordnenden Gesellschaftsformation erbracht. Die entstandene historische Situation lässt unserem Land zwei Entwicklungsmöglichkeiten: Hinwendung zum Kapitalismus oder Schritte zur Herstellung demokratischer, sozialistischer Verhältnisse.

Ausgehend von der Tatsache, dass gerade die neuen Produktivkräfte Sozialismus ermöglichen, kämpfen Die Nelken um einen sozialistischen Entwicklungsweg der DDR. Die Nelken wollen die Entwicklung kapitalistischer Gesellschaftsverhältnisse verhindern. Das wird ohne gemeinsames Handeln der marxistischen Kräfte nicht möglich sein. (...) Als notwendig erachten wir (...) eine umfassende Wirtschaftsreform, d. h.:

1. Herstellung und Sicherung des gesellschaftlichen Eigentums an Produktionsmitteln der Groß- und Grundmittelindustrie bei gewinnorientierter Eigenverantwortung der Kombinate und Betriebe.

2. Erneuerung der materiell-technischen Basis durch moderne Technologien bei schrittweiser Verbesserung der ökologischen Gesamtsituation.

3. Gleichberechtigte internationale Wirtschaftskooperation (...)

4. Marktwirtschaft bei gesellschaftlicher Rahmenplanung zur Sicherung der Bedürfnisse der Menschen. (...)

Ohne Gesellschaftsreform keine Wirtschaftsreform. Deshalb wollen wir: (...) einen Staat schaffen, der schrittweise die Verwaltung von Menschen durch eine Verwaltung von Sachen ersetzt, eine Gesellschaft anstreben, die die freie Entwicklung aller garantiert, indem sie die Freiheit jedes einzelnen Menschen verwirklicht, (...) zeigen, dass die gegenwärtige Krise durch nicht vorhandene Machtausübung der Werktätigen herbeigeführt wurde, verhindern, dass Privilegierte sich den Lasten der Krise entziehen, (...) die Gleichberechtigung und Integration aller an den Rand gedrängten Gruppen, (...) den Verständigungsprozess und die Zusammenarbeit zwischen Ost und West unterstützen sowie ein umfassendes Vertragswerk mit der Bundesrepublik Deutschland auf politischem, ökonomischem, ökologischem, juristischem, kulturellem und sozialem Gebiet. (...) Wir fordern: Aufarbeitung der Geschichte (...). Bildung von kompetenten Betriebsräten (...). Herstellung eines Rechtssystems der Gewaltenteilung (...). Konsequente Bestrafung aller, die Gesetze verletzt, Verbrechen am Volk begangen, die gegenwärtige Krise herbeigeführt haben. (...)
(Aktion)

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 3. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990, ISBN 3-7303-0595-6

Mit einem Appell zur Gewaltlosigkeit wandte sich am Sonntag das Leipziger Bürgerkomitee zur Gewährleistung der öffentlichen und parlamentarischen Kontrolle im Bereich der inneren Sicherheit an die Bürger der Stadt. Während einer Pressekonferenz im Bezirksamt für Nationale Sicherheit wurde das am Vorabend vom Neuen Forum, dem Demokratischen Aufbruch, der SDP, dem Leipziger Umweltbund "öko-löwe", der Initiative Frieden und Menschenrechte sowie dem Studentenrat der Karl-Marx-Universität gemeinsam verfasste Papier verlesen. Es beschwört den Volkszorn, keine Selbstjustiz zu üben und Übergriffe zu vermeiden. Nur gewaltfrei könnten alle Aufklärungen betrieben werden, nur weiteres besonnenes und friedliches Handeln würde die verantwortungsvolle und aufwendige Komiteearbeit unterstützen.
(Neues Deutschland, Mo. 11.12.1989)

In der Bezirkszentrale der Staatssicherheit in Leipzig gab das Bürgerkomitee am 10.12. eine Pressekonferenz. Es wurde über ihre bisherige Arbeit berichtet und über die bevorstehenden Aufgaben. In einer Erklärung wurden die Angriffe auf Gebäude und Personen nach den Besetzungen von Einrichtungen der Stasi berichtet. Aufgerufen wurde zur Gewaltfreiheit, gegen Übergriffe und Selbstjustiz. Tobias Hollitzer vom Bürgerkomitee berichtete später, da in dem Stasigebäude Waffen lagerten, wurde befürchtet, dass bei der Demonstration am folgenden Montag eventuell das Gebäude gestürmt und Waffen in die Hände der Demonstranten gelangen könnten. Die Waffen wurden deshalb aus dem Gebäude entfernt.

Demonstrationen gab es in Cottbus, Dresden, Erfurt, Ilmenau, Kronskamp, Magdeburg, Plauen, Rostock und Suhl statt.

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