Die Sozialdemokratische Partei (SDP) in der DDR wendet sich nach den Worten ihres Vorstandssprechers Steffen Reiche gegen einen Anschluß der DDR an die BRD. Genauso deutlich vertrete sie aber die "Einheit der deutschen Nation mit konföderativen Strukturen, mit Vertragsgemeinschaft, mit Gestaltung eines Sozialraumes und eines gemeinsamen Produktionsraumes", sagt Reiche in einem Interview der Neuen Ruhr Zeitung.
In Berlin finden erste offizielle Gespräche zwischen der SDP und der SPD statt, bei denen die Parteien übereinkommen einen Kontaktausschuß beider Parteien zu bilden. Der SDP-Vorstand plädiert dafür, daß wirtschaftliche Soforthilfe für die DDR notwendig sei, wenn sich demnächst nicht Gewalt eskalieren, das Land nicht ausbluten und in Europa nicht eine destabilisierende Situation entstehen solle, die niemand verantworten könne. SPD-Vorsitzender Hans-Jochen Vogel sagt u. a., daß die SDP der Partner für die SPD in der DDR sei, seine Partei bereit sei, der SDP im Hinblick auf den bevorstehenden Wahlkampf jene Hilfe zu gewähren, die der Partner wünsche und für sinnvoll halte.In Berlin bildet sich ein Gründungsausschuß für eine "Liberalsozialistische Partei". In einem ADN übergebenen Papier sind in 30 Punkten die konkreten Ziele umrissen, unter anderem persönliche Freiheit für jeden einzelnen, Recht und Pflicht des einzelnen "zum Widerstand gegen Diktatur, Umsturzversuche und Angriffe auf den sozialistischen Staat von innen und außen" sowie "Neuordnung der Gewerkschaften für vorwiegende Aufgaben im Bereich der Arbeit mit Streikrecht nach Urabstimmung zur Durchsetzung der ökonomischen und sozialen Ziele der Werktätigen".
Eine Konferenz ehrenamtlicher Vorsitzender von örtlichen Ausschüssen der Nationalen Front beschließt ein Aktionsprogramm zur Erneuerung der Arbeit der Ausschüsse der Nationalen Front und ihre Umwandlung in eine nationale Bürgerbewegung. Als ersten Schritt befürworten die Teilnehmer die Konstituierung von Bürgerkomitees, die demokratisch in Bürgerversammlungen legitimiert werden. Die Bürgerbewegung ist nicht Träger von Wahlen und dürfe sich nicht dem Führungsanspruch einer Partei unterordnen.Da alle bisherigen Parteien vor dem Volk eine große Schuld abzutragen haben, spreche er ihnen das Recht ab, weiter zu regieren, sagt der Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs, Wolfgang Schnur, auf einer Veranstaltung seiner Partei in Rostock. Damit das Land jedoch weiter regierbar bleibe, hält der Politiker eine Koalition der Vernunft für eine politische Notwendigkeit. Zu der in einem Flugblatt erhobenen Forderung nach Enteignung der SED und anderen Parteien befragt, räumt der Rechtanwalt ein, daß dies juristisch falsch, sei. Moralischer Druck solle darauf zielen, daß die Parteien von ihrem Parteivermögen zurücktreten, sofern Gelder aus dem Volksvermögen bezogen wurden.
(BZ, 14.12.1989)
Bildungsminister Prof. Hans-Heinz Emons stellt vor dem Volkskammerausschuß für Volksbildung fest, daß die Bildungsreform eine der kompliziertesten Aufgaben sei, die in den nächsten Jahren in der DDR zu lösen wären. Als Schritt zur geistigen Erneuerung nennt er die Loslösung von der Beherrschung durch eine Weltanschauung, eine Partei und die Überwindung aller Vorbehalte gegen eine freie Entwicklung mündiger Bürger. Ferner teilt der Minister mit, daß alle Fälle von Pädagogen geprüft werden, die in den letzten Jahren ungerechtfertigt entlassen, versetzt oder bestraft worden sind.
Das Ministerium für Nationale Verteidigung teilt mit, daß gegenwärtig 19 100 Armeeangehörige und Grenzsoldaten in Betrieben und Kombinaten zur Aufrechterhaltung lebenswichtiger Aufgaben für die Versorgung der Bevölkerung sowie in Einrichtungen des Gesundheitswesens eingesetzt werden.25 Jahre nach seiner Herstellung hat Kurt Maetzigs Film "Das Kaninchen bin ich", eine Abrechnung mit stalinistischen Machtstrukturen, seine Uraufführung in Berlin.
Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 3. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990, ISBN 3-7303-0595-6