Unbekannte Täter beschmieren das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow mit antisowjetischen und nationalistischen Losungen.
Der Präsident der DDR-Volkskammer, Günther Maleuda, richtet ein Schreiben an die Teilnehmer des Runden Tisches, mit dem er je zwei Vertreter der Teilnehmer des Runden Tisches, die nicht mit Fraktionen in der Volkskammer vertreten sind, einlädt, an der nächsten Volkskammertagung am 11. und 12. Januar 1990 als Gäste teilzunehmen. Darüber hinaus wird den betreffenden gesellschaftlichen Gruppen die Möglichkeit eingeräumt, je einen Vertreter zu Sitzungen der Ausschüsse, die über Gesetzentwürfe beraten, zur Teilnahme zu entsenden.29.Dezember
Die Chefs von Staatsrat, Regierung und Volkskammer, Gerlach, Modrow und Maleuda wenden sich in einer gemeinsamen Neujahrsbotschaft an die Bevölkerung der DDR. Dort heißt es u. a.:"Das zu Ende gehende Jahr 1989 wird als das Jahr der friedlichen Revolution in die Geschichte unseres Landes eingehen. Die Bürgerinnen und Bürger der DDR verwirklichen ihren Traum von Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit. Volkskammer, Regierung und Staatsrat sind ihrem Willen verpflichtet. Das Volk braucht keine Belehrungen, keine politischen Missionare, keine selbstgerechten Moralapostel. Das Volk handelt als Souverän.
Wir glauben uns mit der Mehrheit aller. Bürger in Übereinstimmung, wenn wir an der Schwelle des Jahres 1990 sagen: Die DDR braucht revolutionäre Veränderungen. Sie braucht Rechtsstaatlichkeit. Sie braucht Vernunft und Augenmaß. Die Freiheiten, die errungen wurden, sollen gefestigt werden. Die Bürgerrechte müssen jedem Bürger gewährt werden.Die DDR braucht die gute Arbeit aller Bürger. jeder ist hier auf jeden angewiesen. jeder hat seinen Teil Verantwortung für das Ganze. Wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft, weil unser Volk sie braucht. Ohne funktionierende Wirtschaft kann es keine funktionierende Demokratie geben. Unser Dank gilt deshalb den Bürgerinnen und Bürgern in Stadt und Land, die in diesen Wochen aufopferungsvoll die Produktion gewährleisten, die Versorgung und den Schutz der Bevölkerung sichern. Alle Kräfte müssen mobilisiert werden, um die Krise zu überwinden. Unterstützung dafür, insbesondere von seiten der Bundesrepublik Deutschland, ist notwendig, dringlich und willkommen. Erste Maßnahmen der Regierung der DDR beginnen sich positiv auszuwirken. In den nächsten Wochen werden sich ihre Handlungsfähigkeit und ihr Durchsetzungsvermögen weiter erweisen. Auch bei voller Öffnung der Grenzen zur BRD und zu Westberlin wird ein Ausverkauf der DDR nicht zugelassen. Es wird auch künftig keinen Ausverkauf von Betrieben unseres Landes geben. jeder Bürger möge auch wissen, daß seine Spareinlagen sicher sind. Eine Währungsunion ist nicht vorgesehen.
Die DDR befindet sich im Übergang zu Neuem. Vieles erscheint ungewohnt, manches bedrohlich. Alte Strukturen zerbröckeln, werden in Frage gestellt. Neue politische Kräfte formieren sich. Fester Grund muß gefunden werden. Wir müssen ihn auf demokratische Weise gemeinsam schaffen. Vertrauen in die Zukunft soll schon im neuen Jahr wachsen. Niemand möge Furcht empfinden, jeder möge mithelfen, für Ordnung, ein geordnetes Leben in Stadt und Land zu sorgen. Vergessen wir dabei die Alten und Kranken nicht, sorgen wir ebenso für die Kinder.Das Jahr 1990 steht im Zeichen der Wahlen. Sie werden eine neue politische Landschaft hervorbringen. Bis dahin sind und bleiben Volkskammer, Koalitionsregierung, Staatsrat und nicht zuletzt der Runde Tisch dem Bürgerwohl verpflichtet. Das ist ihr oberster politischer Auftrag.
Millionen Bürger haben in diesen Wochen demonstriert, in Zusammenkünften ihren Willen bekundet. Millionen Bürger schweigen noch. Auch die Stillen im Lande sollten im neuen Jahr ihre Stimme erheben, sich zu jenen Bürgerinnen und Bürgern gesellen, die laut rufen: Keine Gewalt! Keine Haßausbrüche! Keine Ausländerfeindlichkeit! Rechtsradikalen Schreiern und Neofaschisten nicht die Spur einer Chance! Mut zu verantwortungsbewußtem Handeln ist erste Bürgerpflicht!Europa blickt auf uns, weil die Entwicklung in der DDR und ihr Verhältnis zur BRD ganz Europa angeht, vor allem die Nachbarn und Partner der beiden deutschen Staaten. Die Vertragsgemeinschaft mit der Bundesrepublik Deutschland, die im Jahre 1990 Konturen gewinnen soll, kann nur dann nützlich für Europa und nützlich für uns sein, wenn die Regierung der DDR als verläßlicher Partner zu handeln vermag. Stabilität und Regierbarkeit der DDR sind eine deutsche Notwendigkeit und ein europäisches Anliegen.
Wenn in diesen bewegten Tagen von der Zukunft gesprochen wird, ist auch oft von deutscher Vergangenheit die Rede. Bleiben wir dabei, Mitbürgerinnen und Mitbürger, hier gemeinsam ein neues Kapitel deutscher Geschichte zu schreiben, ein Kapitel ohne Blut und Eisen, ein Kapitel des Volkes für das Volk. (...)Die Regierung Modrow genießt hohes Vertrauen in der Bevölkerung. Das geht aus einer repräsentativen Meinungsumfrage von Soziologen der Akademie für Gesellschaftswissenschaften hervor. Nur rund fünf Prozent sprechen der Regierung die Kompetenz ab. Gut die Hälfte ist der Meinung, daß sie a l l e mit der gesellschaftlichen Entwicklung zusammenhängenden Prozesse beherrsche. 34 Prozent glauben dies bedingt. Damit kann die Koalitionsregierung leben.(...) Die Frage nach der Sympathie für Politiker und Politikerinnen, im November vom gleichen Institut schon einmal gestellt, fiel noch deutlicher für Hans Modrow aus: Er kann fast 59 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen. Von diesem Vertrauensbonus lebt aber vermutlich auch seine gesamte Regierung. Gregor Gysi stieg von 3 auf 13 Prozent, während Prof. Manfred Gerlach von 4,7 auf 1,9 Prozent zurückfiel.
Wenn heute Wahlen wären, so das Ergebnis der Umfrage, bekämen NDPD 2,0 Prozent (November 0,6); CDU 7,9 (1,7); LDPD 2,6 (7,9); DBD 1,6 (0,5); SED-PDS 34,0 (31,5); Grüne Partei 1,0 (0,1); Demokratischer Aufbruch 2,0 (0,5); Neues Forum 5,8 (9,0); Demokratie Jetzt 0,4 (0,5); Vereinigte Linke 0,7 und SDP 5,4 (3,1). 28,2 Prozent der Befragten hatten ihre Wahl noch nicht getroffen. 7,3 Prozent würden nicht wählen.Fragen der weiteren Entwicklung von Kunst und Kultur in der DDR sind Gegenstand einer Plenartagung der Akademie der Künste. Wie Kulturminister Dr. Dietmar Keller vor der Presse erklärt, wende sich das Kulturministerium gegen eine Kommerzialisierung von Kunst und Kultur. Auch weiterhin werden Subventionen notwendig sein. Dennoch müsse akzeptiert werden, daß im Rahmen der angestrebten Vertragsgemeinschaft mit der BRD Marktmechanismen auch in diesem Bereich wirksam werden.
In Karl-Marx-Stadt finden sich Vertreter von Basisgruppen des Neuen Forum zu einem Gründungsausschuß für eine Deutsche Forumpartei zusammen. Die DFP will damit die bisherigen Initiativen zur Gründung der Partei Neues Forum in den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Berlin, Suhl, Neubrandenburg und Frankfurt (Oder) vereinen.31. Dezember
Hunderttausende versammeln sich bereits seit den Nachmittagsstunden zu einer gigantischen Silvesterparty rund um das Brandenburger Tor in Berlin. Traurige Bilanz der Silvesternacht: 135 Menschen werden verletzt, als eine Videowand des DDR-Jugendfernsehens "Elf 99" dem Ansturm der Feiernden nicht standhält und unter der Last zusammenbricht. Auch am Brandenburger Tor, auf dem sich zeitweilig mehr als 500 Menschen aufhalten, entstehen durch mutwillige Zerstörungen große Schäden.Aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 4./5. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990, ISBN 3-7303-0604-9