Demokratie im Betrieb
Ein Betrieb ist ein Arbeitsplatz und keine Quatschbude! Ein Büro ist ein Arbeitsraum und kein Diskutierclub!Wer heutzutage so urteilt, der entpuppt sich als unzeitgemäß und als Ignorant. Denn es muß geredet werden, und zwar laut und deutlich. Wir halten unser Meinung nicht mehr zurück, unsere Zungen liegen nicht mehr im Zaumzeug irgendeiner Partei! Denn was zur Sprache kommt, das fällt nicht mehr unter den Tisch. Es gibt eine breite Opposition in diese aufgewachten DDR!
Immer mehr wird auf den Tisch gepackt: Gästehäuser, Privilegien aller Art, Amtssessel leeren sich.Und was bedeutet das? Wird hier von Funktionären der Gewerkschaft und der Parteien die Flucht nach vorn gewagt?
Das muß dokumentiert werden: Derart haben diese unsere Herrschaften in den letzten Jahrzehnten gelebt. Wer mitmachte, der wurde mitversorgt. Die Korruption entwickelte sich durch Mitwisserschaft und durch Beteiligung, Billigreisen nach Jugoslawien für die niederen Ämter in Valutakurs 1:1, für das Parteiestablishment ein Privatflugzeug und ähnliche Kost-Spieligkeiten.Was machen wir als Werktätige und Bevölkerung mit dieser Schindluderwirtschaft? Wir lassen sie nicht mehr zu und wählen diejenigen ab, die sich an solchem Privilegienbüfett bedienen.
Wir wollen keine Bananen-Republik! Wir wollen einen demokratischen Staat, dessen Vertreter wir frei nach unserem Willen wählen. Und im Betrieb werden wir unsere Arbeit kontrollieren. Wir wollen wissen, wofür und für wen wir arbeiten. Die DDR darf kein Billiglohnland bleiben. Wir sind ausgebildete Facharbeiter und wir möchten unsere Fabriken so verwaltet wissen, daß wir auf Dauer und in Zukunft rentabler als bisher wirtschaften.Es ist unverständlich, weshalb nur die SED Betriebsorganisationen haben darf. Entweder alle Parteien haben das Recht Betriebsorganisationen zu halten, oder gar keine. Eine Partei, wie immer sie auch heißt, darf sich in Wirtschaftsfragen nicht einmischen. Die Betriebsleitung ist der Belegschaft und den gewählten Vertretern der Gewerkschaft rechenschaftspflichtig.
Deshalb ist uns als Werktätigen wichtig, eine Gewerkschaft zu haben, die funktioniert und die für uns eintritt. Ob eine "Reform"-Gewerkschaft, eine neue Gewerkschaft wirklich nötig ist, entscheidet der FDGB selbst. Wenn dort Kollegen das Sagen haben, die demokratisch gewählt sind, können wir denen auch Vertrauen auf Zeit entgegen bringen. Da aber immer noch Mitmacher aus der zweiten Reihe von einem alten Vorstand einfach eingesetzt werden, sind wir noch lange nicht vom demokratischen Charakter des FDGB überzeugt.In Polen hieß einmal die Regierungsparole: Ihr werdet gut arbeiten, und wir werden gut regieren. Das ging schief, Edward Gierek ist mit dieser Politik gescheitert. Die Bevölkerung Polens leidet heutzutage unter diesen Fehlern der siebziger Jahre. Das würde auch in der DDR geschehen, wenn nur Kredite aufgenommen würden und die Wirtschaft nicht umstrukturiert wird
aus: Demokratie Jetzt, Zeitung der Bürgerbewegung, Nr. 5, November 1989