FDGB          Freier Deutscher Gewerkschaftsbund

Mit dem SMAD-Befehl Nr. 2 vom 10. Juni 1945 erfolgte die Zulassung der Gewerkschaften auf dem Gebiet der SBZ. In Aachen wurde bereits am 21. März 1945 die Gründung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes bekannt gegeben. Am 14. Juni 1945 bildete sich in Berlin ein "Vorbereitender Gewerkschaftsausschuss für Groß-Berlin". Mit einem Aufruf trat er einen Tag später an die Öffentlichkeit. Damit begann der Aufbau des FDGB. Der erste Kongress fand vom 9.-11. Februar 1946 statt. Der letzte ordentliche FDGB-Kongress fand vom 22.-25. April 1987 statt.
Der FDGB in der DDR hatte rund 9,5 Millionen Mitglieder.

Im FDGB waren folgende 16 Gewerkschaften vereinigt:
- Industriegewerkschaft Bau-Holz
- Industriegewerkschaft Bergbau-Energie
- Industriegewerkschaft Chemie, Glas und Keramik
- Industriegewerkschaft Druck und Papier
- Gewerkschaft Gesundheitswesen
- Gewerkschaft Handel, Nahrung und Genuss
- Gewerkschaft Kunst
- Gewerkschaft Land, Nahrungsgüter und Forst
- Industriegewerkschaft Metall
- Gewerkschaft der Mitarbeiter der Staatsorgane und der Kommunalwirtschaft
- Industriegewerkschaft Textil-Bekleidung-Leder
- Industriegewerkschaft Transport und Nachrichtenwesen
- Gewerkschaft Unterricht und Erziehung
- Industriegewerkschaft Wismut
- Gewerkschaft Wissenschaft
- Gewerkschaft der Zivilbeschäftigten der NVA.

In der Zeit vom 27.02. bis zum 22.04.1989 fanden Gewerkschaftswahlen statt. Schon im Vorfeld hatte sich Unmut über die Politik des FDGB und der SED breitgemacht. Kritik an der FDGB-Führung kam im Herbst 1989 u.a. von Bergmann-Borsig aus Berlin, aus Boizenburg und Dresden. Der BGL-Vorsitzende des VEB Elektrokohle Berlin-Lichtenberg forderte den damaligen FDGB-Vorsitzenden Harry Tisch in einer Fernsehsendung auf sich vor ihm und seinen Kollegen zu verantworten. Auf der 10. Tagung des FDGB-Vorstandes am 30. Oktober 1989 stellte der damalige Vorsitzende Harry Tisch die Vertrauensfrage. Vor der Tagung gab es Stimmen, die von einer beabsichtigten Vertrauensfrage abrieten, gleichzeitig auch die Forderung nach Tischs Rücktritt. Die Tagung sollte nach langer Diskussion am 17. November weitergehen. Die Abstimmung über die Vertrauensfrage wurde ebenfalls auf diesen Tag verschoben. Bei einer Zusammenkunft des Präsidiums des FDGB nach der Tagung wurde Annelies Kimmel als neue FDGB-Vorsitzende ausgeguckt. Schon am 2. November wurde die 10. Tagung fortgesetzt. Mit zwei Gegenstimmen und einer Stimmenthaltung nimmt der Bundesvorstand den Rücktritt seines Vorsitzenden, SED-Politbüromitglieds Harry Tisch, an und wählt die Vorsitzende des Berliner FDGB-Bezirksvorstandes, Annelies Kimmel, zur neuen FDGB-Vorsitzenden.

Auf seiner 11. Tagung am 29. November tritt das gesamte Präsidium und Sekretariat zurück. Es wird ein Arbeitssekretariat als neues Führungsorgan beschlossen.

Außerdem wird eine neue Satzung, eine Wahlordnung und das Grundsatzpapier "Was sind, was wollen die Gewerkschaften in unserer Zeit?" vorgestellt.

Harry Tisch wird einstimmig aus dem FDGB ausgeschlossen.

Auf der 12. Tagung des FDGB-Bundesvorstandes am 09. Dezember 1989 tritt der gesamte Bundesvorstand und das bisher von Annelis Kimmel geleiteten Arbeitssekretariat zurück.

Es wurde beschlossen, für den 30. Januar und 01. Februar 1990 einen außerordentlichen Gewerkschaftskongress für eine grundlegende Erneuerung des FDGB als Gewerkschaftsbund freier und unabhängiger Industriegewerkschaften und Gewerkschaften einzuberufen.

Die Kongressvorbereitung übernimmt ein Arbeitssekretariat unter Leitung des Vorsitzenden der IG Druck und Papier, Werner Peplowski.

Vom Vorbereitungskomitee wird ein Ausschuss zur Untersuchung von Amtsmissbrauch und Korruption eingesetzt. Der Vorsitzende der BGL im Elektrokohlewerk Berlin-Lichtenberg Rainer Schramm übernimmt dessen Vorsitz.

Am 31.01./01.02. 1990 findet ein außerordentlicher Kongress satt, auf dem sich der FDGB als "Dachverband unabhängiger Gewerkschaften" konstituiert. Die Mehrheit der Delegierten stellt die IG Metall.

Die Delegierten verabschieden ein Gewerkschaftsgesetz und eine neue Satzung, die bis zum ordentlichen Gewerkschaftskongress im Herbst gelten soll. Die Forderung das Gewerkschaftsgesetz noch vor den Wahlen am 18. März, ohne Abstriche zu verabschieden, soll notfalls mit Streiks erzwungen werden. Bis zum außerordentlichen Kongress haben fast eine Million Mitglieder den FDGB verlassen.

Werner Peplowski wird vom Vorbereitungsausschuss als Kandidat für den neuen FDGB-Vorsitz vorgeschlagen. Er unterliegt dem NDPD-Mitglied Helga Mausch.

Die IUG warf dem FDGB vor, dass nicht gewählte Delegierte an dem Kongress teilnahmen. Außerdem gebe es Redebeschränkungen und Abstimmungsmanipulation auf dem Kongress. Dazu wurde auch ein Flugblatt am zweiten Kongresstag verteilt.

Nach der Verfassung der DDR leiteten die Gewerkschaften die Sozialversicherung der Arbeiter und Angestellten. Sie nahmen an der Versorgung bei Krankheit, Arbeitsunfall, Invalidität und Alter teil. Der FDGB entschied über die Kuren und die Vergabe von Heilmitteln.

Der FDGB-Feriendienst, gegründet am 20.03.1947, umfasste 695 Ferienheime mit 62 000 Betten hinzu kamen noch 71 800 Betten in Hotels, Vertragshäusern und bei Privatvermieter. Es wurden jährlich rund 2 Millionen Urlaubsreisen des eigenen Feriendienstes vermittelt. Hinzu kamen ca. 3 Millionen Reisen in Erholungseinrichtungen der Betriebe. Nach einer Direktive des XI. Parteitages der SED 1986, sollte bis 1990 die Reisen auf 5,2 Millionen steigen. Der Feriendienst wurde im März 1990 aus dem FDGB ausgegliedert. Schließlich wurde die FEDI GmbH gegründet, die im Januar 1991 Konkurs anmeldete. Die noch verbliebenen 1 200 Mitarbeiter wurden entlassen.
Die Verwendung der Mittel des Kultur- und Sozialfonds wurde zwischen der BGL und der Betriebsleitung festgelegt.

Der Finanzpolitische Bericht an den außerordentlichen Kongress (31.01./01.02. 1990) weist für die Jahre 1987 bis 1989 Einnahmen von insgesamt 3, 9494 Milliarden Mark aus, davon 2,8852 Milliarden aus Beiträgen. Im ersten Quartal 1990 sank das Beitragsaufkommen des FDGB auf unter 40 Prozent des Vorjahres. Ab 1. April gingen die Beiträge direkt an die Einzelgewerkschaften.
Werner Peplowski von der IG Druck und Papier teilte Anfang Januar in einem Interview den Verlust von 800 000 FDGB-Mitgliedern mit. Im Bezirk Halle traten 25 000 aus und 95 000 bezahlten nur einen symbolischen Beitrag, so der hallensische Bezirksvorstand am 08.01.1990.

Auf seiner Sondersitzung am 23. November 1989 werden von seitens des DGB Überlegungen laut, in den größeren Städten der DDR Beratungsbüros zu eröffnen. Gleichzeitig ging der DGB auf Distanz zur FDGB-Führung. Hatte er doch Angst, in den Strudel der Ereignisse mit hineingezogen zu werden. Bereits auf seiner Sondersitzung am 29. August 1989 wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die konzeptionelle Überlegungen für eine Weiter- oder Neuentwicklung gewerkschaftlicher Politik im Bezug auf die DDR entwickeln sollte.

Während die CDU (West) die CDU (Ost) einfach übernahm, tat sich der DGB und seine Einzelgewerkschaften da schon schwerer. Natürlich wollten auch sie so viel wie möglich an Mitglieder und Infrastruktur übernehmen, aber so einfach wie die CDU konnten sie es sich nicht machen. Viele FDGB-Mitglieder wollten von ihrer bisherigen Organisation nichts mehr wissen.
Die verbliebenen GewerkschafterInnen fühlten sich hauptsächlich ihrer Branchengewerkschaft verbunden und nicht dem FDGB. Hinzu kamen Bestrebungen unabhängige Gewerkschaften und Betriebsräte zu bilden. Ein wichtiger Grund die Rechtsnachfolge des FDGB abzulehnen war deren unübersichtliche Finanzlage und die Befürchtung, das schlechte Image des FDGB färbe ab.
Ein weiteres Problem für den DGB und die Einzelgewerkschaften war die Kompatibelmachung der DDR-Gewerkschaften zum kapitalistischen System und den in der BRD üblichen Verkehrsformen. Gleichzeitig musste die Umwandlung der Gewerkschaften von SED dominierte Organisationen in SPD dominierte Organisationen erfolgen. Was für Gewerkschafter aus West und Ost neue Möglichkeiten einen Posten zu erhalten eröffnete.
Erste Schritte unternahmen die IG-Metall, die IG Bau-Steine-Erden und die IG Chemie-Papier-Keramik bereits im Dezember 1989. Die IG-Metall (BRD) vereinbarte mit der IG-Metall (DDR) ein Sofortprogramm. Es sah neben einer Schulung von IG-Metall-Funktionären (DDR) Betriebspartnerschaften vor. Zwischen der IG Bau-Holz (DDR) und der IG Bau-Steine-Erden (BRD) wird eine Vereinbarung über die gegenseitigen Beziehungen abgeschlossen. Die IG Chemie-Papier-Keramik (BRD) führte Verhandlungen mit der IG Chemie, Glas und Keramik (DDR). Ziel sollte die Vereinigung beider Organisationen sein. Wobei die IG Chemie-Papier-Keramik keinen Zweifel daran ließ, dass die Vereinigung nur zu ihren Bedingungen erfolgen kann.
Anfang 1990 haben auch die letzten Gewerkschaften aus der BRD mit den entsprechenden Gewerkschaften aus der DDR Formen der Zusammenarbeit vereinbart.

Die FDGB-Funktionäre ihrerseits versuchten noch zu retten was nicht mehr zu retten war. Dazu gehörte ihr formal großer Einfluss in der DDR. Sie hatten nicht nur eine eigene Fraktionen in der Volkskammer und war in unzähligen Gremien vertreten, auch hatte der FDGB das Monopol in der Interessenvertretung der Werktätigen. Durch die Bildung von Betriebsräten, unabhängige Gewerkschaftsgruppen, den West-Gewerkschaften und der Gesetzgebung zur Eingliederung der DDR in die BRD wurde dieses Monopol gebrochen.
Die Unterstützung der PDS zur Bildung von Betriebsräten ergab eine gute Gelegenheit von ehemaligen SED-Mitgliedern des FDGB auf Distanz zu dieser Partei zu gehen. Gleichzeitig versuchte sich der Funktionärskörper den neuen Herren anzudienen was aber nur zum Teil gelang. Ihr Personal in der DDR rekrutierten die DGB-Gewerkschaften neben West-Importen zum großen Teil über die von ihnen errichteten Beratungsbüros.

Anfang März 1990 belebte der Geschäftsführende Vorstand des FDGB eine bereits am 28. Oktober 1946 gegründete Gesellschaft mit dem Namen "Vermögensverwaltung des FDGB GmbH", unter dem Namen "Gewerkschaftliche Vermögensverwaltungsgesellschaft ‚Märkisches Ufer' mbH", neu. Spätestens ab diesem Zeitpunkt versuchte der FDGB sein Vermögen in die zu erwartenden kapitalistischen Verkehrsformen zu überführen.

Im Mai 1990 gab sich der FDGB noch einmal kämpferisch. Der Geschäftsführende Vorstand beschloss am 4. Mai Kampfmassnahmen gegen das Inkrafttreten des Staatsvertrages zwischen der DDR und der BRD. An der Basis gab es allerdings keinen eindeutigen Rückhalt dafür. Der Hauptvorstand der IG Bergbau-Energie-Wasserwirtschaft (IG BEW) gab am 8. Mai seinen Austritt aus dem FDGB bekannt.

In dieser Situation machte die DGB-Spitze der FDGB-Spitze klar, wo in Zukunft der Hase lang läuft. Die staatstragende Rolle des FDGB in der DDR ist durch eine staatstragende Rolle in der "neuen BRD" zu ersetzen. Im "Westen" angekommen heißt so was heute.

Am 9. Mai wurde auf der Sitzung des Dachverbandes der Industriegewerkschaften und Gewerkschaften ein Sprecherrat eingesetzt. Die Einsetzung war einen Tag zuvor zwischen dem DGB und Mitgliedern des Geschäftsführenden Vorstandes besprochen worden.

Mit dem Sprecherrat wurde der Geschäftsführende Vorstand praktisch entmachtet. Die Orientierung war nun eindeutig auf die Vereinigung mit dem DGB zu seinen Bedingungen und den BRD üblichen Verkehrsformen programmiert. Geplante Kampfmassnahmen gegen das Inkrafttreten des Staatsvertrages wurden unmittelbar danach abgesagt.

Der Sprecherrat sollte die übergreifende gewerkschaftliche Interessenvertretung gegenüber Regierung und Parteien der DDR und des DGB wahrnehmen. Laut einer Erklärung des Sprecherrates wurde er beauftragt, die juristischen Voraussetzungen zu schaffen, die Vermögenswerte des FDGB neu zu strukturieren und auf die IG/Gewerkschaften aufzuteilen.

Ab dem 14. Mai 1990 waren DGB-Berater für Finanzen, Immobilien, Juristen und Public Relation in der FDGB-Zentrale in Berlin tätig. Im Schlepptau hatten sie ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Ab dem 23. Mai 1990 wurde die Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), heute SEB, als Berater tätig.

Um einen "Bruch" mit dem FDGB deutlich zu machen nannte sich die Organisation fortan "Bund Freier Gewerkschaften" oder "Bundes der IG/Gew.".

Die Auflösung des FDGB wurde am 14. September 1990 auf einem FDGB-Kongress, zum 30. September 1990, bei zwei Gegenstimmen beschlossen. Die IG Metall der DDR löste sich zum 31.12.2008 auf. Vorangegangen war ein Streit mit der Unabhängigen Kommission, der Treuhandanstalt und der BvS um Vermögen des FDGB und Beitragszahlungen der Mitglieder.

In Potsdam wurde am 18. Januar 1990 die "Deutsche Volkspolizei Gewerkschaft" (DVPoLG) gegründet. Initiiert von der Polizeigewerkschaft in Deutschen Beamtenbund (BRD). Ihr war aber kein langes Leben vergönnt. Am 20.01.1990 wurde in Berlin-Marzahn die Gewerkschaft der Volkspolizei (GdVP) gegründet. Auch sie verschwand wie die Volkspolizei. Am 12. Februar 1990 gründete sich in Gera die Christliche Gewerkschaft Deutschlands (CGD). Die Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA) der SPD gründete sich am 22. September 1990 in Chemnitz.