Startseite

Die Gruppe der 20

bildet sich am Abend des 8. Oktober 1989 in Dresden während einer Demonstration.

Gegen 15 Uhr wurde eine Kundgebung auf dem Theaterplatz aufgelöst. Ein Teil der DemonstrantInnen wurden "zugeführt". Um 18.30 Uhr formierte sich ein zweiter Demonstrationszug. Nachdem die Volkspolizei gegen 20 Uhr DemonstrantInnen eingekesselt hatte nahmen die Kapläne Andreas Leuschner und Frank Richter Kontakt mit der Polizeiführung auf. Ihre Forderung war ein Gespräch mit dem damaligen Dresdner Oberbürgermeister Berghofer vor Ort. Nachdem Berghofer ein Gespräch für den nächsten Tag zugesagt hatte, löste sich die Demonstration auf.

Für das Gespräch mit Berghofer wurde aus den Reihen der DemonstrantInnen eine Gruppe aus 20 repräsentativen Personen gebildet. Des Weiteren wurden erste Forderungen, die bei dem anstehenden Gespräch vorgebracht werden sollten durch Beifall der DemoteilnehmerInnen legitimiert.

Auch wenn sich mehr als 20 Personen meldeten, der Name blieb. Auch wenn die Gruppe zunächst Dialoggruppe hieß. Außer zwei Personen, ein CDU und ein SED-Mitglied waren alle anderen in keiner Partei organisiert. Sofort nach bekannt werden der Namen setzte eine Bespitzelung ein. Auch wurde versucht die Etablierung der Gruppe zu verhindern.

Noch am selben Abend traf sich die Gruppe um ihre Forderungen zu formulieren. Das angestrebte Gespräch mit Berghofer fand am nächsten Tag statt. Neben Berghofer nahmen auch Vertreter von CDU, LDPD, NDPD und SED teil.
Insgesamt war das Gespräch nicht ergiebig. Berghofer erkannte die Gruppe als Gruppe nicht an und sprach ihr die Legitimation für die DemonstrantInnen oder gar für die dresdner Bürger zu sprechen ab. Er versprach sich für die Freilassung der bei friedlichen Demonstrationen festgenommener einzusetzen.
Auf Informationsveranstaltungen am Abend in vier Dresdner Kirchen unterrichteten die Mitglieder der Gruppe die interessierte Öffentlichkeit.

Zwei Mitglieder der Gruppe fuhren am 09.10.1989 nach Leipzig um dort über die Ereignisse in Dresden zu berichten.

Sprecher der Gruppe wurde Herbert Wagner. Rechtsberater der Gruppe der 20 wurde der damalige Leiter des Bezirkskirchenamtes Dresden Steffen Heitmann. Er vertrat am 20.10. die Ansicht, dass eine zweite Generation von Revolutionären auf den Plan treten müsse. Weitere Berater waren die Redakteurin der Zeitung "Union", Uta Dittmann, der Pfarrer Andreas Horn und Superintendent Christof Ziemer.

Zu Verhandlungen über die Freilassung der Inhaftierten kam es am 11.10. mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Bis zum 16.10. waren alle wieder frei. Eine Amnestie erließ der Staatsrat der DDR am 27.10.1989.

Am 12.10. wurde innerhalb der Gruppe ein engerer Kreis gebildet. Dadurch sollten u.a. für manche Gruppenmitglieder die enorme zeitliche Belastung etwas abgemildert werden. Bereits Ende November arbeitet nur noch rund 2/3 aus der Ursprungsgruppe mit. Im Januar 1990 war es nur noch einer.

Eines der Anliegen im zweiten Rathausgespräch am 16.10. war die Anerkennung als Gruppe zu erreichen. Der Gruppe der 20 wurde ein Rederecht in der Stadtverordnetenversammlung eingeräumt. Es wurden Arbeitsgruppen - paritätisch besetzt 6:6 - der Stadtverordneten vereinbart. Von Seitens Berghofers wurde versucht die Gruppe in die vorhandenen staatlichen Strukturen einzubinden. Was zu Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe führte, da ein Teil der Gruppe dies ablehnte. Es wurde die Bildung eines Untersuchungsausschusses gefordert. Die Gruppe der 20 richtete interne Arbeitsgruppen ein.

Während des Rathausgesprächs am 16.10. versammelten sich DemonstrantInnen vor dem Rathaus und forderten über die Gespräche informiert zu werden. Berghofer spricht über ein Megafon zu der Menge. Am Abend gab es im Rathaus eine Pressekonferenz. Einen Tag später wird in fünf Kirchen über die Gespräche berichtet.

Um eine Legitimation der Gruppe nach außen sichtbar zu machen starte ein Mitglied der Gruppe am 19.10., die Mehrheit lehnte die Aktion ab, die 1-Mark-Aktion. Alle, die die Gruppe unterstützen, wurden aufgefordert eine Mark auf ein Konto zu überweisen. Schon nach kurzer Zeit befanden sich 100 000 Mark auf dem Konto.

Am 26. Oktober sprachen erstmals Mitglieder der Gruppe der 20 auf der Stadtverordnetenversammlung, die vom Sender Dresden übertragen wurde. Frank Neubert sagte dort u. a.: "Auch von Ihrer Arbeit wird es abhängen, ob die Bürger an die Wende glauben, die jetzt vielen so leicht über die Lippen geht."

Während des dritten Rathausgesprächs am 30. Oktober wurde die Gruppe offiziell anerkannt und bekam Arbeitsmöglichkeiten. Es wurde ihr ein Raum und Telefon zur Verfügung gestellt. Von der Gruppe wurde gefordert, dass sie die Stadtverordnetenversammlung, in der sie mitarbeiten, als demokratisch gewählt anerkenne. Worauf sie sich aber nicht festlegen ließ. Der Gruppe wurde das Recht auf Montagsdemos mit anschließender Kundgebung eingeräumt. Die erste genehmigte Demonstration fand am 06.11. statt. Sie wurde noch zusammen mit dem Rat der Stadt vorbereitet. Bis dahin wurde spontan demonstriert. Berghofer und Modrow von der SED liefen an der Spitze der Demo. Was die meisten nicht so lustig fanden. An die Staatsanwaltschaft der Stadt Dresden wurde am 03.11.1989 ein "Offener Brief" geschrieben, indem die Bildung einer unabhängigen Untersuchungskommission gefordert wurde. Außerdem sollte ein Podiumsgespräch über die Ereignisse in Dresden zwischen dem 03. und 08.10. stattfinden. Die Bildung einer Untersuchungskommission, welche die staatlichen Übergriffe untersuchen sollte wurde beschlossen. Der Beschluss der Stadtverordnetenversammlung dazu erfolgte am 22./23.11.1989. Zwei Tage davor fand das vierte Rathausgespräch statt. Die unabhängige Untersuchungskommission konstituierte sich am 07.12.1989. Die Gruppe der 20 stellte 12, die Stadtverordnetenversammlung 13 Mitglieder.

Wegen des Mitgliederrückganges bei der Gruppe der 20 wurden Mitglieder aus anderen der neu gebildeten Gruppen aufgenommen. Ab dem 06.12.1989 stießen zu der Gruppe je ein Vertreter aus dem Demokratischen Aufbruch, dem Neuen Forum und der Sozialdemokratischen Partei der DDR.

Am 04.12.1989 wurde in Dresden ein Koordinierungsausschuss ins Leben gerufen. Ihm gehörten neben der Gruppe der 20, Demokratie Jetzt, der Demokratische Aufbruch, die Initiative Demokratische Erneuerung, das Neue Forum, der Ökologische Friedenskreis der Dresdner Kirchenbezirke, die ökumenischen Arbeitskreise und die Sozialdemokratischen Partei der DDR an. In einer Resolution wurde der sofortige Rücktritt der Regierung gefordert.

Die Gruppe der 20 als auch das Neue Forum vermieden es bewusst Demonstrationen zum Gebäude der Staatssicherheit zu führen, da Auseinandersetzungen befürchtet wurden. Was von der Gruppe Wolfspelz kritisiert wurde. Erst am 05.12. wurde von Arnold Vaatz vom Neuen Forum und Herbert Wagner über den Sender Dresden dazu aufgerufen sich um 17 Uhr beim Bezirksamt für Nationale Sicherheit einzufinden. Was zur Besetzung führte.

Bei seinem Besuch in Dresden, traf sich am 19.12.1989 der damalige Bundeskanzler Kohl mit Vertretern oppositioneller Gruppen. Darunter war auch die Gruppe der 20. Im Vorfeld ließ Bundeskanzler Kohl wissen, er lehne eine Anwesenheit des SPD-Vertreters in der Gruppe der 20, bei dem Gespräch ab.

Am 25.01.1990 wurden den neuen Gruppierungen 30 Sitze in der Dresdner Stadtverordnetenversammlung eingeräumt. Sie bildeten die Basisdemokratische Fraktion. Um die Stadtverordnetenversammlung nicht aufzuwerten, wurde ein Stimmrecht abgelehnt. Auch wollten sie für deren Politik nicht den Kopf hinhalten. Am 16. Februar 1990 wurde die Auflösung der Stadtverordnetenversammlung von der Basisdemokratischen Fraktion gefordert. Was diese aber ablehnte.

Zusammen mit der Deutschen Verlagsanstalt, Mehrheit in Besitz der FAZ, gab die Gruppe der 20 ab dem 09. März 1990 die Wochenzeitung Sachsenspiegel heraus.

Am 25. Februar 1990 traten Frank Neubert, Arnold Vaatz und Herbert Wagner zur CDU über. Am 16.05.1990 wurde auf einer Versammlung die Auflösung der Gruppe zum 31.05.1990 beschlossen. Personell unterschied sich die Kerngruppe der 20 von den sich im Herbst gebildeten Gruppen. Während in erster die Arbeiter die größte Gruppe stellten, war dies in den anderen Gruppen Akademiker. Politisch hatte das aber keine Auswirkung.

In Plauen gab es auch eine Gruppe der 20. Ähnliche Gruppen gab es in Freital und Meißen. In Stralsund gab es die "Stralsunder 20". In Görlitz gab es eine Gruppe der 25.

 

In Dresden spitzte sich die Lage in der DDR besonders zu, weil die DDR-Führung darauf bedacht war Souveränität zu demonstrieren. Da die DDR-Bürger, die sich in der Prager Botschaft der BRD befanden, eine Rückkehr in die DDR, um von dort auszureisen, nicht zugestimmt hätten, schlug der damalige Außenminister der BRD Hans-Dietrich Genscher, so seine Aussage, u.a. vor, die Züge über DDR-Gebiet fahren zu lassen. Was dann auch geschah. Dieser Ausreiseweg führte über Dresden. Was zu Massenaufläufen und gewaltsamen Auseinandersetzungen am Bahnhof und in dessen Nähe führte. Wobei es zur Gewalt sowohl von den staatlichen Organen als auch von den Demonstranten kam. In Berlin kam es am 07. und 08. 10. zu gewaltsamen Übergriffen der staatlichen Organe hauptsächlich rund um die Gethsemanekirche auf friedliche Demonstranten und Teilnehmer einer Mahnwache. Handelte es sich in Berlin in ihrer Mehrheit um "Bleiber", (Rufe wie "Wir bleiben" und "Wir sind das Volk") waren es in Dresden am 04./05.10. den Tagen der Zugdurchfahrten und gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Mehrheit "Ausreiser". Mit der Losung "Wir sind ein Volk" wurde im Vorfeld neuer Demonstrationen versucht gewaltsame Auseinandersetzungen wie in Dresden zu vermeiden. Plauen am 07.10., Dresden am 08.10. und Leipzig am 09.10. waren dann richtungsweisend für die weitere Auseinandersetzung zwischen Bevölkerung und Staatsführung in den nächsten Tagen und Wochen.

Startseite