DDR 1989/90Brandenburger Tor


DSU

Die DSU - die Partei der Parteien

Ein Interview mit dem Landesvorsitzenden der DSU, Dr. Latussek

E. W.: Herr Latussek, ist es nicht anmaßend, so von Ihrer Partei zu Reden, wie das in der Überschrift geschieht?

Dr. L.: Es kommt auf den Sinn an. Die DSU ist in der Tat eine Besonderheit unter den Parteien hier im Lande. Sie ging aus dem freiwilligen Zusammenschluss von 11 bürgerlichen Parteien hervor.

E. W.: Nun, kommen wir zu Ihnen. Der Name Latussek war in Ilmenau gleichbedeutend mit dem Neuen Forum. Zum ersten Mal in der Geschichte Ilmenaus gingen Zehntausende für die Wende, gegen SED - PDS auf die Straße. Sie wann dann Vorsitzender der Forum-Partei Thüringen. Wäre Ihnen eigentlich der Name "CSU" nicht lieber gewesen?

Dr. L.: Die Forum-Partei Thüringen hat sich in der Tat als bodenständig und volksverbunden verstanden und ist in diesem Sinne der Partei des Franz-Josef Strauß sehr verbunden. Wir haben uns dann mit den zehn anderen Parteien zur DSU zusammengeschlossen, weil nur Einigkeit stark macht, und weil die Programme dieser Parteien annähernd gleich sind. Die Selbständigkeit der Landesverbände ist gewährleistet. Ich hoffe, dass es uns gelingt, in Thüringen eine, insbesondere in der Wirtschaft so erfolgreiche, Politik wie die CSU in Bayern zu gestalten.

E. W.: An wen wendet sich überhaupt die DSU?

Dr. L.: An den denkenden Arbeiter. An den denkenden Bauern. Die SED hat jahrzehntelang versucht, ihrer geistigen und ihrer angestammten Heimat zu entfremden, sie zu entwurzeln. Die Folgen sehen und spüren wir alle. In einer von der christlichen Sozialethik geprägten Solidargemeinschaft ist der verantwortungsbewusste Arbeiter, der verantwortungsbewusste Bauer das Rückrat des Volkes. Wir wenden uns an die Reste des zerschlagenen Mittelstandes, an Handwerker und gewerbetreibende. Ihr Untergang war auch der Untergang unserer Städte. Wir wenden uns an alle Geistesschaffenden. Nach einer nationalsozialistischen und einer sozialistischen Diktatur brauchen wir den Pluralismus der Meinungen, die Kreativität des Geistes.

Wir brauchen Fleiß, Toleranz mit dem Andersdenkenden und Solidarität mit denen, die vom Leben oder von der Natur benachteiligt sind.

E. W.: Fühlt sich Ihre Partei in der Lage, in diesem ausgepowerten Land einen neuen Wohlstand zu schaffen?

Dr. L.: Ja - die Erfahrungen eines Landes wie Bayern stehen hinter uns.

E. W.: Versteht sich die DSU eigentlich als "klerikale" Partei?

Dr. L.: Nein. Wir sind eine Volkspartei, die sich christlichem Denken verbunden fühlt. Aber nicht alle Menschen die die christliche Soziallehre als Alternative zum gescheiterten Sozialismusbild bejahen, werden dies auch christlich begründen. Wir sind offen für alle Menschen. Naturgemäß sind wir für gute Beziehungen zu den Kirchen.

E. W.: Sind Sie für eine Koalition mit einer erneuerten CDU und den Demokratischen Aufbruch?

Dr. L.: Mit dem demokratischen Aufbruch auf jeden Fall. Ob mit der CDU hängt davon ab, ob sie in der Lage ist, sich wirklich zu erneuern und einen eindeutigen politischen Kurs zu steuern.

Das Gespräch mit Dr. Latussek führte Erich Wendel.

aus: Freies Wort, Nr. 27, 01.02.1990, 39. Jahrgang, Unabhängige Tageszeitung für Südthüringen

Interview mit Paul Latussek noch beim Neuen Forum