DDR 1989/90Brandenburger Tor


NEUES FORUM
Basisgruppe Prenzl. bg. Nord
Berlin, den 3.12.1989

A U F R U F
zum " Ersten Weiblichen Aufbruch " (E W A)


Von Politikern wird der Aufbruch, in dem sich "unser Volk" befindet, sorgenvoll als letzte Chance für das Weiterbestehen des Sozialismus charakterisiert. Sie treten für einen erneuerten "besseren" Sozialismus ein. Sie wollen eine humanistische Alternative zum kapitalistischen Gesellschaftssystem, was begrüßenswert ist. Sie beeilen sich, die einzige und letzte Chance nicht zu verpassen. Und WIR ??

Sorgen wir uns nicht um unsere Zukunft?

Wir Frauen, die wir die Hälfte des "Volkes" sind, dürfen uns diese Chance des sozialistischen Aufbruchs nicht entgehen lassen! Wo finden wir uns wieder in dem "neuen" Aktionsprogramm der SED? Zwischen den Absätzen "Für eine selbstbewusste Jugend" und "Für freie und unabhängige Gewerkschaften" - am Schluss des Programms! Haben wir es nicht wieder einmal von denen bescheinigt bekommen, dass wir fast "Das Letzte" sind?

Wir haben es endgültig satt, in den herrschenden (Männer)-Strukturen weiterhin unsere soziale Nische entwicklungspolitisch zugewiesen zu bekommen! Wir brauchen keine Ausschüsse, Referate oder ständige Kommissionen, die als exekutive Anhängsel der Regierung zur Meckerecke verkommen können; was wir brachen, ist eine geballte politische Kraft, und zwar mittendrin in der Regierungsverantwortung mit dem Ziel der paritätischen Teilhabe der Verantwortung. Reden wir endlich verantwortungsbewusst mit, wenn es darauf ankommt, Staatsstrukturen zu erneuern, die nicht von vornherein durch ihre Männer-Zentriertheit der Verkrustungsgefahr anheim gestellt sind und die unsere Interessen endlich auch widerspiegeln!

Machen wir den Partei- und Regierungspatriarchen (und leider auch -patriarchinnen!) klar, dass wir Frauen weder nur die Bewahrerinnen von Frieden, Natur und Leben schlechthin, noch nur die Empfängerinnen besonderer Aufmerksamkeiten sind, sondern gerade durch unsere spezifische Rolle auch eigenständige politische Arbeit zu leisten imstande sind! Eine Quotierung muss von uns auf allen Leitungsebenen erst erkämpft werden, solange dient sie in den gegenwärtigen Strukturen nur deren Verschleierung, als der Verschleierung der Unfähigkeit!

Deshalb rufen wir gerade jetzt alle klugen, mutigen, phantasievollen, engagierten, schüchternen, abwartenden und rebellischen Frauen und natürlich auch alle sympathisierenden Männer unseres Landes zum "Ersten Weiblichen Aufbruch"!

DIE Revolution - sie ist weiblich!

Schließt Euch zusammen in einer starken, kämpferischen Frauen-Solidargemeinschaft, die als autonome Vereinigung in der demokratischen Koalition aller gesellschaftlichen Kräfte eine deutliche weibliche Stimme erhebt:

- eine weibliche Stimme, die keine in der Verfassung festgeschrieben Gleichberechtigung braucht, weil sie Gleichberechtigt nach dem Menschenrecht IST;

- eine weibliche Stimme, die für notwendige taktische und strategische Änderungen der politischen und Wirtschaftsstrukturen, der Sicherheits- und Verteidigungsstrukturen, der Rechts- und Wissenschaftsstrukturen, der Kultur- und Bildungsstrukturen UND deren Inhalte eintritt, wobei die Frauenforschung der DDR in allen diesen Bereichen einen weitaus höheren Stellenwert erhalten muss;

- eine weibliche Stimme, deren inhaltliche Ziele basisdemokratisch formuliert und einheitlich artikuliert Ausdruck der Interessen aller Frauen in der DDR sind und die so in den vergangenen 40 Jahren noch nicht erhoben worden ist!

Geben wir uns jetzt selbst diese Stimme!

Treten wir heraus aus dem sozialen Ghetto, in das uns die Männerherrschaft immer wieder verbannt hat! Bringen wir uns nun nachdrücklich und konsequent als eigenständige, unangepasste, selbstbewusste Willenskraft in ihr Bewusstsein!

Es ist unsere einzige und letzte Chance!

Nutzen wir sie

"Für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz
und weiblichem Charakter!
Gegen einen Sozialismus mit männlichem Antlitz
und vielleicht wieder ohne Charakter!"
E W A
Bornholmer Str. 80
Berlin
1071

Verlesen auf dem Gründungskongress des UFV am 03.12.1989 in der Volksbühne in Berlin.

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