DDR 1989/90Brandenburger Tor


FÜR EINE GANZHEITLICHE POLITIK
POLITIK VON UND FÜR FRAUEN UND MÄNNER

Frau und Mann sind laut Verfassung der DDR vom 9.4.1968 gleichberechtigt.

Davon ist für frau wenig spürbar.

Was in der Verfassung und der dazugehörigen Gesetzgebung manifestiert wurde, ist eine Gleichsatzung der Frau an männlich orientierte Norm und Lebensweise.

Wesentlichstes Beispiel:

Die Vollbeschäftigung der Frauen zu ca. 80 %
d.h. Einbeziehung der Frauen in den männlichen Arbeitsrhythmus
d.h. Übernahme des männlich genormten Leistungsverhaltens
d.h. Deprivatisierung des Alltags
d.h. kinderfeindlicher Lebensrhythmus ohne die natürlichen, psychologisch wichtigen Bezugspersonen, die Eltern; in Bezug darauf die damit verbundenen Spätfolgen

Dem "Mutterschutz" wurde keine bewußte Verantwortung der Väter für ihre Kinder zugesetzt. Kindererziehung ist auf grund biologischer Gegebenheit zur Sache der Frauen erklärt worden. Im Denken und Bewusstsein schließt diese Zuständigkeit bislang alle Arbeiten im häuslichen Bereich mit ein.

D.h. Frauen tragen den gesamten privaten Reproduktionsprozess.
"Frauenarbeit" - als Haus- und Er- /Beziehungsarbeit
"Frauenarbeit" - oft unterbezahlt im Erwerbsbereich -
sie ist das große Ressort, welches das System stützt und ermöglicht.

Wir streben eine Quotierung an in allen Lebensbereichen, gerade auch in Haus- und Erziehungsarbeit, genau wie im politischen Sektor.

Frauen werden in den unpolitischen Bereich abgedrängt, das größte Alibi sind nach wie vor die Kinder. Eben durch oben genannte Gründe lastet auf den Frauen eine extreme Mehrfachbelastung (Arbeit/Kinder/Haushalt), womit frau ihren Anspruch auf die Bezeichnung "allseitig gebildete Persönlichkeit" noch nicht erworben hat.

Es fehlt das politische und gesellschaftliche Engagement.

Bloß wie diese neue Form, diesen neuen Anspruch (von Männern gemacht) auch noch erfüllen, wo Zeit und Kraft nicht mehr ausreichen?

Es ist ganz klar, die Gleichberechtigung im alten Sinne hat uns Frauen eine große Menge mehr an Arbeit und Kraft abverlangt.

Dazu sind wir nicht mehr bereit!

- die erforderliche Quotierung muss schnellstmöglichst in allen Bereichen durchgesetzt werden. Vor allem im kommunalpolitischen Bereich, zur Schaffung frauenfreundlicher Strukturen

- Arbeitszeit und Arbeitslohn müssen zur Erziehungsarbeit bei Männern und Frauen mit Kindern in ein neues Verhältnis gesetzt werden.

- Schaffung von Frauenhäusern, Frauen- (und Mädchen-) beratungsstellen, Bildung von Frauenkommissionen

- das traditionelle Rollenbild muss im Umgang der Gesellschaft und bei der Erziehung der Kinder rigoros abgeschafft werden (z.B. in Schulbüchern / bei positiver und negativer Bewertung aktiven oder passiven Verhaltens bei Jungen und Mädchen) Unsere Kinder sollen eine neue Gesellschaft aufbauen; sie müssen von uns ein neues ganzheitliches Denken und Handeln lernen, auf menschlich/ gleichberechtigter Basis

- Jede und Jeder muss Sprache als Mittel der Bewusstseinsbildung einsetzen. Wir fordern Bezeichnungen für weibliche Personen und Berufe. Frauen müssen anfangen in unser Sprache überhaupt erst zu existieren (Verfassung, Gesetzgebung, Berichterstattung in den Medien u.ä.)

Wir Frauen müssen uns selbst erst in der Sprache wahrnehmen, müssen lernen uns beim Wort zu nehmen!

- Abschaffung der frauenentwürdigenden Werbung
Frauenkörper nicht mehr als Litfaßsäule für alle möglichen Bereiche in den Medien

- gesetzlich gesicherte Wehr gegen Diskriminierung von Frauen in jeder Form

- Rechtsbeistand bei jeder Form von Vergewaltigung oder anderen Formen von sexueller Nötigung innerhalb und außerhalb der Ehe

- Sexualerziehung vom Kindergarten an, Schluss mit einer körperfeindlichen Erziehung!

Das Wichtigste, was wir jetzt lernen müssen, ist der
EIGENVERANTWORTLICHE GEBRAUCH UNSER FREIHEIT
in allen Bereichen. Diese Freiheit müssen wir uns nehmen !
Die bislang Mächtigen werden sie uns nie ernstgemeint anbieten.

ALLES PRIVATE IST POLITISCH - Mit diesem Satz begann die
Frauenbewegung vor 20 Jahren
in der BRD

Lasst ihn uns als Ausdruck schwesterlicher Solidarität übernehmen.
Und er ist so aufschreckend richtig ! ! ! ! ! !

Die Redaktion: Regina Bankert
Gabi Böhm
Jutta Sarstedt
Gesa Pankonin
Uta Grundmann
Christine Rietzke

Leipzig, 13.12.1989

 

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ZAUNREITERIN - Frauenzeitschrift im Spannungsfeld zwischen
Marilyn Monroe und Rosa Luxemburg
ZAUNREITERIN - Eine Möglichkeit, gemeinsam Frausein zu durchdenken,
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ZAUNREITERIN - Der brennende Wunsch, Frauenmeinung öffentlich
zu machen, in dieser Zeit politischen Aufbruchs
Wir wollen Verantwortung nicht länger nur den
Männern überlassen
ZAUNREITERIN - Erfahrungsaustausch, der stärken soll!
Wo ist die Solidarität unter Frauen ?

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(...)
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