DDR 1989/90Brandenburger Tor


An die Aktiven der Betriebs- und Gewerkschaftsbasis !

Die "Initiative für unabhängige Gewerkschaften" hat ihren Gegner verloren, die Zielscheibe ihrer Kritik - der FDGB - ist ziemlich sang- und klanglos vom Bildschirm verschwunden. Unsere Absicht, all jene zu unterstützen, die erkannt hatten, dass dieser Gewerkschaftsbund mitnichten den Bedürfnissen seiner Mitglieder entsprach, ja, dass es geradezu seiner Struktur, seiner Zielstellung, seinem ganzen Wesen wider sprach, Arbeiterinteressen zu vertreten - diese Absicht ist gegenstandslos geworden.

Allerdings hat sich, und das nicht erst seit heute, ein neuer Gegenstand der Auseinandersetzung ergeben. Das geschah sozusagen "natürlich" als Folge unseres Blicks von unten auf die Vorgänge in den Gewerkschaften und im Zusammenhang mit zahlreichen Gesprächen in westdeutschen Kollegenkreisen. Die Erfahrungen, die Gewerkschafter dort gemacht haben, lehren nämlich: Aufbau und Struktur des DGB haben durchaus ihre sehr undemokratischen "Haken", von der Praxis ganz zu schweigen. Da gibt es Ausschlüsse wegen "Nichtvereinbarkeit", Koalitionsgesetze, die rasche Verbote ermöglichen, undurchschaubare Gesetzgebungen und -zig Möglichkeiten, Einflüsse der Basis auf die Entscheidung der Gewerkschaftsleitung zu verhindern.

Wir wissen, dass die Kollegen in der DDR sich einiges von einem Eintritt in den DGB versprechen, und sie haben nicht Unrecht, verglichen mit der Unfähigkeit des FDGB Lohnforderungen zu stellen und Arbeitskampfmaßnahmen zu organisieren. Zugleich aber meinen wir, dass es notwendig wird, den Blick der Kollegen für die wirklichen Vorgänge im DGB zu schärfen und die Illusion abbauen zu helfen, dass ohne Druck von unten die Gewerkschaftsleitung zu radikalen Forderungen bereit ist. Wir wissen auch, dass es unzählige Gruppen in den westdeutschen Gewerkschaften gibt, die immer wieder versuchen, basisdemokratische Intentionen in die Arbeit einzubringen. Diese Aktivitäten sollten wir zur Kenntnis nehmen, ihre Erfahrungen müssen bei uns verbreitet werden, sollte es zu einer Zusammenarbeit kommen, sehen wir sogar die Chance, Gewerkschaftsarbeit hüben wie droben zu radikalisieren.

Die "Initiative für unabhängige Gewerkschaften" hat sich darum die Aufgabe gestellt, diesen Prozess zu unterstützen und ihre Arbeit in den nächsten Wochen auf solche Schwerpunkte zu konzentrieren:

- Wie demokratisch ist die bundesdeutsche Gewerkschaftstheorie und Praxis?

- Welche Forderungen nach einem basisdemokratischen Aufbau gewerkschaftlicher Strukturen müssen wir stellen?

In den politischen Parteien und Bewegungen der DDR gibt es viele Aktive, die sich mit dem Thema Betriebsarbeit/Gewerkschaften besonders beschäftigen. Wenn aus diesen Gruppen (Einzelkämpfer sind genauso erwünscht!) ein Interessierter "zeitweilig" zu dieser thematischen Arbeit "delegiert" würde, könnte das die Kräfte bündeln und die Verbreitung unserer gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse erleichtern.

Am 30.5.90 um 19 Uhr, findet in der Frankfurter Allee 286 unsere erste Zusammenkunft zum Schwerpunkt "Demokratisierung der Gewerkschaften" statt. Auf dem Programm stehen:

- Verständigung über die Aufgaben

- Vorbereitung eines Treffens mit BRD-"Gewerkschaftsoppositionellen", auf dem erste demokratische Forderungen formuliert werden sollen

Wir hoffen auf Eure Zusammenarbeit!
Im Interesse einer demokratisches Bewegung!

- Initiative für unabhängige Gewerkschaften -

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