Schule ist Leben

DLZ sprach mit Michael Czollek, stellvertretender Vorsitzender und Sprecher der Partei DIE NELKEN

DLZ: Welche Chancen sehen Sie für einen notwendigen gesellschaftlichen Konsens über eine erneuerte Schule?

M. CZOLLEK: Die Chancen dafür sind gering. Die Schule muss allen Kindern günstige Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten garantieren. Keine Partei und keine Ideologie dürfen allein für die Inhalte der Lehrpläne und für die Struktur des Volksbildungswesens bestimmend sein. Dazu ist demokratische Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Kräfte, besonders aber der Schüler, Eltern und Pädagogen, notwendig. Die Aufgaben des Staates bestehen in der Organisation dieser Zusammenarbeit und der Sicherung des Grundrechtes auf Bildung.

DLZ: Welche Bildungsziele betrachten Sie für die Erneuerung als wesentlich?

M. CZOLLEK: Ziel der Erziehung soll nach unserer Meinung ein Weltbürger sein, der global denken, empfinden und sich verantwortlich fühlen kann. Eine Erziehung ist erforderlich, die helfen kann, Auswüchsen des Nationalbewusstseins zu begegnen. Auf der Grundlage der Gesetze der Pädagogik, der Psychologie und der anderen Wissenschaften - und nicht der Politik - muss eine harmonische Entwicklung der Persönlichkeit gesichert werden. Wissen, Können, Fertigkeiten und Fähigkeiten müssen dazu führen, dass Kinder und Jugendliche sich aktiv mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, Leistungsbereitschaft, Leistungsfähigkeit und Freude an der Arbeit entwickeln, Solidarität, Toleranz und Aufrichtigkeit ausprägen, Kritikfähigkeit und Konfliktlösungsstrategien erlernen.

Wir sprechen uns für eine zehnjährige Schulpflicht aus, jedoch ist sie unbedingt in Inhalt und Wesen neu zu gestalten. Kein Schüler soll gezwungen werden, gegen seinen Willen oder gegen seine Fähigkeiten und Fertigkeiten zehn Jahre lang zur Schule gehen zu müssen. Es sind differenzierte Möglichkeiten zu schaffen, zum Beispiel, nach dem vorzeitigen Schulabgang mit einer Ausbildung beginnen zu können, die das Selbstwertgefühl des jungen Menschen nicht mit Füßen tritt, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung garantiert. Schule soll nicht auf das Leben vorbereiten - Schule ist Leben!

Alle Schüler - nicht nur wenige ausgewählte - sollen das Leben an der Schule mitgestalten. Eigenverantwortung kann auf viele Bereiche des Unterrichts, der außerunterrichtlichen Tätigkeit und des organisatorischen Ablaufs an der Schule erweitert werden.

Da nicht jede Schule alles bieten kann, erkennen wir hier eine Chance und die Notwendigkeit, dass jede Schule ihr spezifisches Gesicht ausprägt. Also eine Schule mit sprachlicher oder sportlicher oder mathematisch-naturwissenschaftlicher oder eben musischer Ausprägung. Wir treten auch für ein Fach ein, in dem junge Menschen in das gesellschaftliche Leben eingeführt werden, um schließlich zu einer eigenständigen Bewertung des gesellschaftlichen Lebens zu kommen, Gesellschaftskunde könnte das werden.

Noch einen Satz zur Freizeit. Die Gestaltung der Freizeit muss in Zukunft mehr auf die Interessen der Kinder und Jugendlichen gerichtet sein. Und dabei darf auch die Romantik nicht auf der Strecke bleiben. Hier müssen die Verordnungen und Regelungen, die besonders das noch unterbinden, auf den Abfallhaufen geworfen werden.

DLZ: Was halten Sie aus der bisherigen Schule für bewahrenswert?

M. CZOLLEK: Zweifellos war nicht alles schlecht, müssen wir nicht alles neu erfinden. Aber wir sollten das, was wir übernehmen wollen, sehr genau überprüfen. Wir streben eine Gesellschaft an, in der alle Kinder und Jugendlichen - entsprechend ihrer biologischen Voraussetzung - gleiche Bildungschancen haben. Alles, was dem dient, was es an guten Erfahrungen gibt, sollte weitergeführt werden. Notwendiges Neues müssen wir hinzufügen, daran wollen wir mitarbeiten.

Das Gespräch führte Ingrid Eben am 5. Februar 1990.

aus: Deutsche Lehrerzeitung 07/90, 2. Februarausgabe

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