DDR 1989/90Brandenburger Tor


Bärbel Bohley, Mitbegründerin des Neuen Forum:

Herbstrevolution in der DDR - sie wurde nach dem 9. November mit D-Mark gekauft

Vier Tage nach der Wahl sprach SZ-Redakteur Thomas Schade mit, der Malerin und Grafikerin

SZ: Was bewegte Sie in der Nacht vom Sonntag zum Montag nach der Wahl?

Bärbel Bohley: Ich war sehr, sehr traurig. Habe meinen ganzen Frust abgelassen und heftig vor mich hin geschimpft die lieben Mitmenschen. Nicht, weil das Neue Forum so wenig Stimmen erhielt, das war abzusehen. Vielmehr, weil viele mit der CDU eine alte Blockpartei gewählt hatten, die im Grunde kein hohes Ansehen in der Bevölkerung hat.

SZ: Wer ist eigentlich gewählt worden?

Bärbel Bohley: Der starke Mann, der am meisten versprach, und der nicht mal im eigenen Land sitzt. Das ist für mich tragisch, denn damit ging meine Hoffnung kaputt, dass sich jeder hier in diesem Land frei entfalten kann. Aber dieses Bedürfnis haben offenbar viele gar nicht oder es ist ihnen nicht bewusst.

SZ: Sie haben vergangenen Montag erklärt, am 18. März sei der Demokratisierungsprozess in der DDR abgebrochen worden, wieso?

Bärbel Bohley: Die Wahlen fanden viel zu früh für das Land statt. Sie passten lediglich in das Konzept jener westlichen Parteien, die hier regieren wollen und die hier am lautesten aufgetreten sind. Eine weitere Demokratisierung in der DDR wäre ja auch eine echte Inspiration für die BRD gewesen, und gerade daran besteht dort kein Interesse. So hat man die Demokraten hier niedergeschrieen.

SZ: Welche Rolle müsste der Wahlsieger nun Ihrer Meinung nach spielen?

Bärbel Bohley: Er hat wirklicher Interessenvertreter der Bürger hier zu sein, also auch erst einmal die Gespräche mit den Parteien und Gruppierungen hier zu führen. Wenn man jedoch zuerst nach Bonn fährt, um sich die nächsten Schritte vorsagen zu lassen, wird deutlich, dass man den Interessen von Helmut Kohl offenbar viel mehr verpflichtet ist als den Interessen der DDR-Bürger.

SZ: Wir alle müssen lernen, als mündige und selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger zu handeln, so im Programm von "Bündnis 90". Der 18. März da so etwas wie ein Examen. Hat das DDR-Volk bestanden?

Bärbel Bohley: Denkt man darüber nach, dann konnte es noch nicht bestehen. Zu schwer lastete das Erbe der vergangenen Jahre. Dem Volk blieb nicht Zeit, um im Buch des Lebens nachzufragen und sich auf dieses Examen vorzubereiten. Deshalb wollten wir ja erst die Kommunalwahlen, damit Demokratie wirklich gelernt werden und von unten wachsen kann. Das hätte auch eine neue Sicherheit für die DDR gebracht.

SZ: Sie haben aufgemuckt, als Aufmucken noch mit Gefängnis bestraft wurde. Sie waren ein Leuchtturm im Herbst 89. Warum war es still um Sie, als es im Februar und März darum ging, errungene Freiheiten parlamentarisch zu installieren?

Bärbel Bohley: Ich habe ein Demokratieverständnis, das nicht viele mittragen können. Ich kann mit jemandem leben, der völlig anderer Meinung ist als ich. Mir ist nur wichtig, dass man auch Minderheiten und die Andersdenkenden zu jeder Zeit ernst nimmt. Deshalb bin ich im Neuen Forum nicht unumstritten. Denn auch im NF gab es Leute, die wie die Parteien im Wahlkampf vor allem den erhofften Mehrheiten nachjagten, und da sollten manche Positionen nicht laut werden. Im Übrigen ist Prof. Jens Reich ein so radikaler Demokrat, dass ich großes Vertrauen zu ihm habe.

SZ: Ist das auch der Grund, warum Sie selbst nicht kandidierten?

Bärbel Bohley: Ja. Ich sehe meinen Platz weniger in der Volkskammer, sondern vor allem da, wo man ziemlich dicht dran ist am Unrecht.

SZ: Müsste die Malerin Bärbel Bohley ein Bild der Ereignisse seit dem Oktober gestalten, welche Symbole würde sie verwenden?

Bärbel Bohley: Müsste ich das jetzt tun, brächte ich wohl nicht viel mehr als eine große schwarze Fläche zustande.

SZ: Und wie würden Sie Ihrem Enkel in zehn Jahren erklären, dass das, was im Oktober so hoffnungsvoll begann, eine ganz andere Richtung bekam?

Bärbel Bohley: Ich würde sagen, die Revolution im Oktober war der Aufstand der Menschen, die wussten, wogegen sie sind. Aber es war nicht der Aufstand der Menschen, die wussten, wofür sie sind. Denn der so laut dröhnende Ruf nach der D-Mark, der viele lähmte, kann ja kein Lebenssinn sein. Unser Verhängnis war es, dass die Inhalte, für die die Leute auf die Straße gingen, nicht genug diskutiert werden konnten. Es gab keinen umfassenden Dialog zwischen unserer alten Opposition und dem Volk. Wir waren zu wenige, wurden zum Teil außer Landes getrieben, und hatten außer den Kirchen lange kein Forum für diesen Dialog. Und - es ging den Leuten eigentlich immer noch recht gut. Sie waren nicht wegen dem Brot auf der Straße, sondern wegen ihrer dumpfen Resignation, die so groß war und in die sie die SED-Herrschaft getrieben hatte. Ja, es war eine dumpfe und keine helle Revolution.

SZ: Also ist diese Revolution verraten worden?

Bärbel Bohley: Ich würde sagen, sie ist von der D-Mark gekauft worden, nach dem 9. November 1989, als die alten Herrscher die letzte Karte ausgespielt hatten, in der Hoffnung, sie könnten an der Macht bleiben. Doch das war ein Irrtum.

SZ: Aber es ist doch nicht nur verständlich, sondern auch ein Recht der Leute, dass sie besser leben wollen und deshalb nach der D-Mark rufen!

Bärbel Bohley: Dagegen ist nichts zu sagen, aber es gibt ja auch noch andere wichtige Dinge.

Als die Leute im Westen mich fragten, wen sie hier unterstützen sollten, habe ich ihnen gesagt: die ganze demokratische Bewegung. Wer aber dann nur seine kleine Schwesterpartei unterstützt, dem ist doch nicht an wirklicher Demokratie gelegen. Dem geht es doch vor allem darum, die eigene Macht herüberzubringen, und dafür wurde nicht mit Geld gespart. Welche Chance hatte denn die Demokratisierung bei uns, wenn der Wahlkampf mit Coca-Cola-Büchsen und Bananen geführt wird, mit Dingen, die das Volk hier 40 Jahre nicht hatte. Da trägt die Banane den Sieg davon.

SZ: Dieser 9.11.1989 ist offensichtlich ein wichtiger Schnittpunkt für Sie?

Bärbel Bohley: Natürlich. Wir wollten ja alle frei reisen, frei Geld tauschen, aber wir wollten doch nicht von der BRD überrollt werden. Es fehlte für die Grenzöffnung jeder Schutz, und auch die Regierung war nicht in der Lage, Bremssteine zu setzen. Es war wie ein Schock, alle haben geschwiegen, auch die Kirchen und die Intellektuellen.

SZ: Das Neue Forum war im Oktober die Fackel der Revolution. Man hatte bereits vor den Wahlen das Gefühl, sie ist in den Herbststürmen ziemlich runtergebrannt.

Bärbel Bohley: Im September war das NF Sammelbecken für alle Oppositionellen. Aber wir hatten keine politische Richtung. Mit der Bildung neuer Parteien und der Reformierung der alten gingen wieder viele, deswegen braucht keiner trauern. Nach dem 18. März, wenn auf dem Weg zur deutschen Einheit die sozialen Konflikte zunehmen, werden auch die Bürgerbewegungen wieder eine größere Bedeutung bekommen, weil die politischen Parteien die anstehenden Probleme nicht lösen werden. Sie verschweigen meist immer die unangenehmen Konsequenzen ihrer Politik, so dass nicht realistisch darüber diskutiert werden kann. Hier stets zu kritisieren, zu hinterfragen, ist eine bleibende Aufgabe der Bürgerbewegungen.

SZ: Sie glauben also nicht, dass der innere Friede des Landes nun wieder hergestellt ist?

Bärbel Bohley: Ich denke, im Augenblick herrscht eine Art Waffenstillstand. Aber die politischen Kräfte werden sich polarisieren zwischen denen, die für den Anschluss nach Artikel 23 des Grundgesetzes der BRD sind und denen, die das nicht wollen. Und diese Kräfte sind ja zurzeit etwa gleich stark. Ich habe nur den Wunsch, dass diese Polarisierung ebenso friedlich bleibt, wie das vergangene, gewiss nicht konfliktlose halbe Jahr.

SZ: Wird es damit auch wieder gefährlich, anders zu denken?

Bärbel Bohley: Diese Gefahr war doch nie richtig beseitigt, wenn ich an die Randereignisse großer Demonstrationen denke. Ein Zeichen dafür, dass wir in die wirkliche Demokratie noch gar nicht eingetreten sind. Aber wir müssen das lernen, denn sonst haben wir keine Zukunft.

SZ: Nur gemeinsam retten wir unser Land, heißt es im Programm von "Bündnis 90". Was sollte nach dem 18. März noch gerettet werden?

Bärbel Bohley: Was heißt retten, auch ich bin für ein vereintes Deutschland, aber man kann das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und die eigene Identität einfach über Bord werfen. Auch der Sprung ins kalte Wasser der Marktwirtschaft würde unser Land ohne ein Minimum an Abhärtung vorher nicht überleben. Ich denke, je mehr wir auf die Dinge zusteuern, umso klarer sehen das auch all jene, die sich bereits sehr weit vorgewagt haben.

SZ: Der Zug müsste also etwas gebremst werden. Wer kann das?

Bärbel Bohley: Die SPD, indem sie sich treu und damit in der Opposition bleibt.

SZ: Was könnte denn die DDR zur Einheit beisteuern?

Bärbel Bohley: Neben all den schlechten Erfahrungen der vergangenen Jahre, die ja durchaus wertvoll sind, weil sie vor Wiederholungsfehlern warnen, ist doch beispielsweise das Recht auf Arbeit wichtig. Unser Land hat so lange Misswirtschaft betrieben, einen riesigen Sicherheitsapparat unterhalten, viele gute kreative Leute weggetrieben, und trotzdem hatte hier jeder seinen Arbeitsplatz. Warum soll das mit der Freiheit im Herzen nicht erhalten bleiben. Arbeitslosigkeit bedeutet für mich Selbstverwirklichung auf Kosten anderer.

SZ: Wie sehen Sie die Rolle der Abgeordneten des Neuen Forum in der Volkskammer?

Bärbel Bohley: Sie werden auf der politischen Bühne des Landes sicher oft der Rufer in der Wüste sein. Jens Reich hat es noch etwas herber formuliert: Sie werden ein kleiner Bienenschwarm am Hinterteil der Volkskammer sein.

SZ: Was halten Sie davon, alle Volkskammerabgeordneten auf ihre eventuelle Mitarbeit bei der Staatssicherheit zu überprüfen?

Bärbel Bohley: Ich bin sehr dafür. Die Affäre Schnur hat gezeigt, wie erpressbar ein Politiker in diesem Fall wird. Auch von der BRD aus, denn Herr Kohl wusste ja davon schon länger als die Allianz-Leute hier.

SZ: Am 6. Mai wird wieder gewählt. Hat das Neue Forum dann mehr Chancen?

Bärbel Bohley: Ich hoffe sehr, weil unsere Hauptarbeit ja auch an der Basis geleistet wurde. Aber genau kann das wohl keiner sagen.

SZ: Was stimmt Sie trotz der Bitternis der vergangenen Tage hoffnungsvoll?

Bärbel Bohley (nach einer Pause): Dass es wieder Frühling wird. Wir brauchen doch aus unseren Niederlagen keine Siege zu machen. Aber wir finden einen neuen Ansatz.

SZ: Herzlichen Dank für das Gespräch.

aus: Sächsische Zeitung, Nr. 71, 24./25.03.1990, 45. Jahrgang, Tageszeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur

Δ nach oben