"Aber Ich liebe euch doch alle ..." (Mielke)

Die Stasi - wie sie wirklich war - NEUES FORUM sprach mit dem ehemaligen MfS Major J. F.

Wie viele Jahre waren Sie Mitarbeiter der Staatssicherheit, und welchen Dienstgrad hatten Sie bis zu Ihrem Weggang im Dezember 1989?

Ich war 13 Jahre beim MfS und Major.

Was bewog Sie, dem MfS beizutreten?

Nach meiner Armeezeit ging ich zur Zivilverteidigung. Ich qualifizierte mich dort zum Krankenpfleger und später zum Hygieneinspektor. 1976 wurde ich vom MfS angesprochen und nahm dort eine Stellung in der Verwaltung in Karl-Marx-Stadt an.

War Ihnen damals nicht bewusst, dass die Stasi eine, vom demokratischen Rechtsverständnis ausgehend, verbrecherische Organisation ist?

Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. So habe ich das damals nicht empfunden.

Und heute?

Heute muss ich nach den neuen Erkenntnissen, leider sagen, dass dieser Vorwurf stimmt. Aber nicht alle Mitarbeiter des MfS sind deshalb Verbrecher gewesen. Wer sich Verbrechen schuldig gemacht hat, soll bestraft werden.

Was haben sie als Major des MfS monatlich verdient?

1 800 Mark netto plus Gelder für Kleidung und Verpflegung.

Ist Ihnen bewusst, dass Sie damit weit über dem Durchschnitt eines Arbeiters, eines Ingenieurs, einer Krankenschwester oder eines Arztes verdienten, die eine gesellschaftlich nützliche Arbeit leisten?

Ja, aber meine Tätigkeit war auch nicht inhuman. Ich habe niemand denunziert - verhört oder verhaftet, habe keine Briefe geöffnet oder Telefonate abgehört.

Aber das war Aufgabe Ihrer Organisation. Wussten Sie das?

Ja, aber nicht so konkret...

Sind Sie Mitglied einer Partei?

Bis Dezember `89 war ich in der SED, bezahle aber seitdem keine Beiträge mehr...

Wollen Sie damit sagen, dass Sie faktisch der SED den Rücken gekehrt haben?

Ja.

Warum?

Ich habe die Nase voll!

Ihnen ist sicherlich bekannt, wie die Bevölkerung über die Rolle der Stasi denkt. Was halten Sie von den Überbrückungsgeldern für ehemalige MfS Leute?

Ich habe auch einen Antrag auf Überbrückungsgeld gestellt...

Finden Sie das richtig?

Ich bin dafür, dass n i e m a n d Überbrückungsgelder bekommt.

Sie meinen, auch SED-Funktionäre nicht?

Ja.

Wer war Ihr oberster Chef in Karl Marx Stadt?

Generalleutnant Dr. Siegfried G.

Was macht der heute?

Wie mir bekannt ist, ist der seit einigen Wochen krank geschrieben.

Und bekommt wahrscheinlich 2 500 Mark Krankengeld?

Möglich, das weiß ich nicht so genau.

Distanzieren Sie sich heute von Ihrer ehemaligen MfS-Tätigkeit?

Ja, aber ich bin deshalb kein Wendehals. Wie gesagt, mir fehlte damals der jetzige Überblick. Ich war je bloß in der VerwaItung tätig.

Unsere Wende muss friedlich bleiben. Dazu hat die Kirche einen wichtigen Beitrag geleistet, ebenso alle demokratisch-oppositionellen Organisationen. Aber viele Menschen empfinden Abscheu gegen die Praktiken der Stasi. Deshalb ist es an der Zeit, dass von dieser Seite endlich ein ehrliches Schuldbekenntnis erfolgt. Sehen Sie das auch so?

Ich werde nicht schweigen.

Mir kommt Ihre Bekehrung etwas zu intensiv vor. Waschen Sie sich wie Pilatus die Hände in Unschuld?

Ich meine das ehrlich, verstehe aber, dass Sie mir nicht trauen.

Waren Sie nach der Wende schon in der Bundesrepublik?

Ja . . in Bayreuth, mit meiner Familie.

Wie empfanden Sie dieses Land?

Die Leute leben dort besser als bei uns, das muss man zugeben. Volle Geschäfte, saubere Straßen... Ich war überrascht.

Etwas indiskret: Haben Sie sich die 100 Mark Begrüßungsgeld geholt?

Ja . . . ich weiß, das ist vielleicht etwas schäbig . .

So sehe ich das auch! Aber Sie sagten mir doch, für Stasi-Mitarbeiter waren NATO Länder tabu? Wahrscheinlich wegen Salzgitter . . .

Ich bin ja seit Dezember nicht mehr bei dieser Truppe. Mir hat auch niemand verboten, in die BRD zu reisen. Jedenfalls wurde mir bei Beendigung meines Dienstes nichts dergleichen gesagt.

Die Regierung Modrow hat versucht die Auflösung der Stasi zu behindern. Wie denken Sie darüber?

Das war falsch. Ich wollte schon deshalb an Modrow schreiben.

Am Runden Tisch kam es zur Sprache: Die Stasi hat jährlich 3,6 Milliarden Mark gekostet. Wie empfinden Sie das?

Das ist kaum zu glauben . . .

Ihr ehemaliger oberster Dienstherr Mielke wurde bereits 1931 wegen Doppelmords gesucht, den er in Gemeinschaft mit Ziemer begangen haben soll. Mielke ist damals in die SU geflohen. Wussten Sie das?

Ich habe davon gehört. Er soll ja auch im Spanienkrieg seine eigenen Leute umgelegt haben.

Sie beginnen am 1. Februar eine neue Tätigkeit als Heimleiter in einem psychiatrischen Pflegeheim in Karl-Marx-Stadt. Rechnen Sie mit Widerspruch in der Belegschaft?

Ich bekam diese Arbeit vom Rat der Stadt auf Grund meiner Qualifikation zugesprochen. Und ich muss ja schließlich wieder arbeiten können. Ich weiß, dass drei oder vier Frauen dagegen protestierten, die anderen sind aber einverstanden.

Was halten Sie von diesen drei oder vier Frauen, die gegen Ihre Einstellung als Heimleiter protestierten?

Ich achte Aufrichtigkeit . . .

Als Krankenpfleger möchten Sie wohl nicht anfangen?

Eigentlich nicht. Bei meinen QuaIifikationen und meiner Erfahrung in der Verwaltungsarbeit . . .

Haben Sie auch Erfahrung mit psychisch Geschädigten?

Nein, keine.

Einige MfS Mitarbeiter sind in die BRD geflüchtet und wollen dort ihre Stories verkaufen. Um einen Namen zu nennen: Schalk-Golodkowskie.

Ich bleibe in der DDR.

Nach dem 6. Mai [1990, Volkkammerwahl] könnte die Lage für ehemalige MfS Mitarbeiter schwieriger werden. Rechnen Sie damit?

Das ist möglich, aber ich habe keine Verbrechen begangen.

Sind Sie einverstanden, wenn dieses Gespräch in der Presse veröffentlicht wird?

Ja. Ich würde sogar selbst etwas dazu schreiben wollen.

Sie sind freiwillig bereit, über Ihre ehemalige Tätigkeit als MfS-Mitarbeiter zu sprechen. Fürchten Sie keine Repressalien?

Ich kam darüber reden... Aber Ich möchte, dass mein Name nicht genannt wird.

Wie und wann sind Sie Informant geworden?

Etwa 1978. Ich war zu einem Vortrag in der Kirche. Ein Psychologe sprach an diesem Abend über Probleme in der Kindheit. Ich war empört, wie der über unser Bildungssystem vom Leder zog. Den nächsten Tag bin ich zur Stasi und hab' den angezeigt.

Das haben Sie absolut freiwillig getan, ich meine, niemand hat Sie dazu genötigt?

Ja, das kam von mir aus . . .

Wie reagierte das MfS darauf?

Man war mir dankbar und nahm die Information zu Protokoll. Paar Tage später bekam ich Besuch von der Stasi. Man fragte mich, ob ich bereit sei, als Informant zu arbeiten. Ich war einverstanden.

War Ihnen nicht klar, dass Sie durch Ihre Tätigkeit andere Menschen in Gefahr bringen?

Na ja, ich weiß nicht . . .

Sagen Sie etwa zu Ihren Aufgaben als Stasi-Informant.

Ich war acht Jahre bei der Kirche tätig, hier lag meine Hauptaufgabe. Das MfS wollte von mir Infos über kirchliche Veranstaltungen und kirchliche Mitarbeiter haben. Man interessierte sich zum Beispiel, was die Leute für Laster haben: Alkoholprobleme, sexuelle Fehltritte, wie die Ehe ging und so weiter . . .

Und wie war das mit den kirchlichen Veranstaltungen?

Das MfS wollte von mir Stimmungsberichte, wollte wissen, wer da war und wie diskutiert worden ist.

Sie sagten mir, dass Sie als Erwachsener getauft worden sind. Sind Sie gläubig?

Nein, das mit der Taufe kam von der Stasi. Es wäre besser für meinen Dienst, wurde mir gesagt.

Hatten Sie keine Skrupel, als Sie vorm Taufaltar standen?

Ein bissel komisch war das schon . . .

Wie und wo haben sie Ihre Informationen dem MfS übergeben?

Meist in anonymen Wohnungen, manchmal zu Hause.

Sind Sie vom MfS für Ihre Informationen bezahlt worden?

Ja, aber reich werden konnte man davon nicht. Mal gab's 200 Mark, mal weniger. Meistens bekam ich Irgendwelche Waren, wie ein Kaffeeservice, eine erzgebirgische Pyramide und so weiter. Auch die Kirchensteuer wurde für mich von der Stasi bezahlt.

Wie wurden Sie vom MfS angeredet?

Ich hatte den Decknamen "Conrad".

Gab es auch andere Tarnwörter bei Ihrer Tätigkeit?

Ja, zum Beispiel Eisenstück. Wenn ich einen Anruf mit diesem Wort erhielt bedeutete das Alarm. Und Alarm hieß für mich: am Ort bleiben und weitere Anweisungen abwarten.

Sie erzählten mir von Schmierereien auf dem Michaelisfriedhof. Können Sie mir das näher erläutern?

Das war im Juni `83. Die Michaelisgemeinde hatte sich um Punker gekümmert, das passte der Stasi nicht. Sie wollte einen Keil dazwischen treiben. Da wurden mit einer schwerlöslichen Chlor Kautschuk-Farbe Gräber, Pfarrhaus und Kirche beschmiert. Die drei, die das arrangierten, hießen Pitt, Karl Heinz und Steffen. Steffen war der Chef. Natürlich sind das nicht die richtigen Namen . . .

Wessen Inhalt waren denn die Schmierereien?

Punksymbole, das A mit dem Kreis. Und pornografische Darstellungen.

Man sagt, die Stasi arbeitete mit psychologischen Tricks?

Ja. Ich wurde zum Beispiel mal gefragt, wie der oder die reagieren würden, wenn jede Woche 50 Mark im Briefkasten stecken. Ich sollte einschätzen, ob die Person das Geld annimmt und ob sie schweigt.

Hatte Ihre MfS Tätigkeit Auswirkungen auf Ihr Familienleben?

Man hat kein Privatleben mehr. Die wollen alles wissen: Mit wem man geschlafen hat, wer dir Freunde und Bekannten sind, mit wem man sich an der Ecke unterhalten hat, alles. Es gibt nichts, was die nicht interessiert hätte. Das ist widerlich. Und meine Frau hat das nicht verkraftet . . .

Wie meinen Sie das?

Die bekam auf einmal Verfolgungswahn, fühlte sich ständig beobachtet. Das hat sie auch anderen erzählt. Sie wollte aus dem Fenster springen, lief halb bekleidet draußen rum. Du war furchtbar. . .

Was geschah darauf?

Meine Frau arbeitete ja nicht für die Stasi, aber sie war zum Sicherheitsrisiko geworden. Sie musste weg, in die Nervenklinik, für ein Jahr.

Ist sie heute wieder gesund?

Leider nicht. Sie muss regelmäßig Haloperidol und so'n anderes Zeug schlucken und ist in ärztlicher Behandlung.

Wie kamen Sie zum MfS?

Über meinen damaligen Betrieb. Ich wurde in die Kaderabteilung bestellt, und dort wurde mir gesagt, dass ich mich in der Betriebsdienstelle des MfS zu melden hätte.

Was geschah darauf?

Ein Hauptmann des MfS erwartete mich im Gästezimmer und erklärte mir, dass Interesse an meiner Mitarbeit bestünde. Auf meine Frager nach dem Inhalt dieser Tätigkeit bekam ich keine klare Antwort.

Sie sind aber trotzdem zum MfS übergewechselt?

Ich war damals von den Idealen des Marxismus überzeugt, aber ich hatte nach meinem Hochschulstudium eine unbefriedigende Arbeit im Betrieb übertragen bekommen. Keine Perspektive, 391 Mark netto. Das ging drei Jahre so. Man ist unzufrieden, und in dieser Situation kam das Angebot von der Stasi: Einstellung als Leutnant mit 1300 Mark netto.

Welche Aufgaben bekamen Sie?

Da ich nur paar Monate beim MfS war, noch keine konkreten. Ein Beispiel: An staatlichen Feiertagen sollte die Beflaggung in den Neubaugebieten ein einheitliches Bild vortäuschen. Wer sich dagegen wehrte, wurde von uns erfasst. Es gab Sammlungen von Informationen über alle Betriebsangehörigen, verbunden mit einem Rechnersystem, das innerhalb kurzer Zeit die Informationen DDR weit bereitstellen konnte. Ich erkannte schnell, dass im Prinzip jeder Andersdenkende bespitzelt werden solle.

Hatten Sie als MfS-Angehöriger - außer der noblen Bezahlung und den komfortablen Urlaubsmöglichkeiten - besondere Vorteile?

Der Dienstausweis des MfS war fast so etwas wie ein Immunitätsprivileg: Man kam in jede Veranstaltung kostenlos rein, konnte überall parken, konnte selbst unter Alkoholeinfluss mit dem Auto fahren usw. Aber mich persönlich hat das sehr belastet.

Können Sie uns etwas zu den Arbeitsmethoden des MfS sagen?

Entscheidend für die flächendeckende Arbeit war das riesige Arsenal an inoffiziellen Mitarbeitern, also Spitzel. Diese Leute waren in allen Einrichtungen präsent. Die Absprachen zwischen MfS und Informant erfolgten in Kontaktwohnungen, die u. a. von Betrieben aus ihren Fonds finanziert worden sind. Ich weiß, dass Spitzel teilweise zu ihrem Dienst erpresst worden sind.

Wie war das möglich?

Zum Beispiel wurden straffällige vor die Alternative gestellt, entweder ins Gefängnis zu gehen oder für die Stasi zu arbeiten.

Sie sagten, dass Sie nur wenige Monate beim MfS tätig waren?

Ich konnte diese Arbeit nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren. Den letzten Anstoß zur Kündigung meines Dienstes gab mir die Kopie eines Kinderbriefes. Ich weiß nicht mehr genau, ein kleiner Junge oder ein Mädchen hatte einen Brief in die BRD geschrieben. Vielleicht stand irgend eine politische Bemerkung drin. . . Da ich Kinder liebe, war ich über sollte Machenschaften schockiert. Ich habe auch andere Kopien von Privatpost gesehen, aber dieser Kinderbrief . . .

War es schwer, Ihren Dienst beim MfS zu beenden?

Ja, aber ich möchte nicht im einzelnen darüber berichten. Nur so viel: Leibesvisitationen und einen Monat Hausarrest mit einer Informationssperre für mich. Ein Hauptmann verabschiedete mich mit den Worten: "Du wirst dein ganzes Leben an mich denken müssen!"<

Was kam danach?

Das MfS bewirkte eine dreijährige Sperre für Gehaltserhöhungen in meinem Betrieb. Ich bekam eine unbefriedigende Arbeit zugeteilt. Na ja, und meine Kollegen misstrauten mir anfangs.

War halten Sie von den MfS-Überbrückungsgeldern?

Ich begreife nicht, wofür das Geld gezahlt werden soll und woher das stammt. Jeder MfS Mitarbeiter hatte die Gelegenheit seine Arbeit zu kündigen. Natürlich war das mit Repressalien verbunden. Aber wem du Gewissen schläge, der kann nicht mehr anders. Mich hat man damals wie einen räudigen Hund weggejagt.

Sind Sie heute politisch aktiv?

Ja, ich arbeite beim Neuen Forum mit und möchte mithelfen für ein Wahlbündnis aller oppositionellen Kräfte.

(Das Gespräch führte Rüdiger Knechtel.)

aus: Plattform in der fp, Freie Presse, 27.01.1990, 03.02.1990 und 10.02.1990, 28. Jahrgang, Karl-Marx-Stadt

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