DDR 1989/90Brandenburger Tor


NEUES FORUM

Ansätze zur Basisdemokratie

1. Werde Dir über die eigenen Interessen klar, versuche herauszubekommen, wo Gefühle und wo rationale Überlegungen Deine Haltung bestimmen.

Gefühle sind ebenso wichtig nie rationale Argumente.

Rationale Argumente kann man aber besser gegeneinander ablägen.

2. Nimm Deine Interessen selber wahr, überlasse das nicht anderen Gremien - Du kannst für Dich selbst am besten sprechen.

Überwinde die Scheu vor dem Gespräch mit verantwortlichen Stellen.

3. Bemühe Dich darum, möglichst genau zu verstehen, wie die Zustände jetzt sind, die Du verändern möchtest.

4. Erarbeite Vorschläge, die geeignet sind, diese Zustände in der von Dir gewünschten Richtung zu verändern.

5. Fange an zu sprechen - gib Dir Mühe, Deine Gedanken möglichst kurz und klar auszudrücken.

6. Schreibe auf, wie Du die Lage beurteilst und was Du erreichen willst.

Erarbeite Vorlagen für Diskussionen und Veranstaltungen.

7. Suche das konstruktive Gespräch. Versuche Meckerrunden in konstruktive Bahnen zu bekommen. Sei ein dialogfähiger Partner: höre gut zu; verlange nicht, dass alle Deiner Meinung sind.

Versuche herauszubekommen, wie die Positionen anderer politischer Lager aussehen (SED, Schule, Armee, Polizei, Ökonomen, Techniker, Blockparteien, Gewerkschafter, andere).

8. Arbeite in Gruppen. Überprüfe Argumente. Lerne Sachlichkeit.

Behalte die Kontrolle über Dich selbst und den Gang der Diskussion.

Übe wirkungsvoll zu streiten. Wahre Disziplin.

9. Übe mit Deinen Freunden demokratische Formen der Meinungsbildung. Was Du dabei im kleinen Rahmen lernst, brauchen wir bei der Gestaltung einer künftigen demokratischen Staatsordnung.

10. Innerhalb der Demokratie setzt sich nie die Einzelmeinung durch. Gruppen versuchen ihre Interessen zu vertreten.

Die Meinung des Einzelnen ist von entscheidender Bedeutung, sie wird sich aber in der Arbeit der Gruppe verändern.

Es ist keine Schande, wenn Du Deinen Standpunkt korrigierst. Versuche nicht, um jeden Preis Deine Meinung durchzusetzen.

Bemühe Dich aber ernsthaft darum, die Gruppe auf den Weg hinzuweisen, den Du für richtig hältst.

Überprüfe besonnen die Situation, wenn der Meinungsunterschied zwischen Dir und der Gruppe unerträglich wird. Kannst Du schließlich keinen Konsens mehr mit Deiner Gruppe erreichen, ist es an der Zeit, die Gruppe zu verlassen.

Toleranz ist Voraussetzung für Meinungsstreit.

Überlege gut, was Du nicht tolerieren kannst und worauf Du keinesfalls verzichten willst.

11. Eine Möglichkeit, zu einem Gruppenbeschluss zu kommen, ist die Abstimmung. Der Nachteil von Mehrheitsentscheidungen besteht darin, dass ein Schritt beschlossen wird, den die überstimmte Minderheit für falsch oder schlecht hält. Knappe Abstimmungsniederlagen sind besonders schwer zu ertragen.

12. Beschlüsse über längere Texte sind nur möglich, wenn die Gruppenmitglieder vor der Versammlung Zeit genug hatten, den Text in Ruhe zu studieren.

Kritik an Formulierungen ist nur hilfreich, wenn eine gut überlegte bessere Formulierung schriftlich vorgelegt wird.

Bei vielen Änderungsvorschlägen in einem langen Text sollte abschnittsweise vorgegangen und über jeden Änderungsvorschlag sofort diskutiert und abgestimmt werden.

Liegen unterschiedliche Änderungsvorschläge für ein und denselben Punkt vor, muss der Diskussionsleiter die Vorschläge sortieren. Er muss die weiterreichenden Kontroversen zuerst zur Diskussion und zur Abstimmung bringen, die kleineren danach. Wenn er das nicht schafft, diskutiert Ihr in Kreise herum und verliert viel Zeit.

Konzentration aller Teilnehmer schont die Nerven. Überlege zweimal, ob Dein Diskussionsbeitrag in diesen Augenblick wirklich wichtig ist oder ob Du eigentlich nur mal reden möchtest.

Brennt Dir etwas auf der Zunge, lass es brennen.

Nach einer langen Debatte über einen langen Text sollte der Text geschrieben und noch einmal diskutiert werden.

Um nicht wieder ganz von vorne anzufangen, solltet Ihr Euch darauf einigen, dass ein neuer Änderungsvorschlag nur diskutiert wird, wenn mehrere Freunde diese Diskussion auch für sinnvoll halten (Abstimmung vor der Diskussion).

Enthaltungen zählen bei Abstimmungen als Nein-Stimmen, d.h. bei 2 Enthaltungen, 10 Stimmen für und 9 Stimmen gegen eilen Antrag ist der Antrag durchgefallen.

Bemühe Dich darum, möglichst selten von der Stimmenthaltung Gebrauch zu machen.

Abstimmungen helfen den Zurückhaltenden unter Euch, eine Entscheidung zu beeinflussen und stellen eine wichtige Möglichkeit dar, gegen ranghöhere, besonders beliebte, beredte oder demagogische Diskussionspartner vorangehen, ohne dass man sich mit ihnen auf eine "Mann gegen Mann"-Debatte einlassen muss.

Nimm das Abstimmungsergebnis ernst und fange nicht nach der Abstimmung wieder mit der Diskussion an, auch wenn es Dich juckt!

13. Wenn bei einer Abstimmung unterliegst, tröste Dich damit, dass sich wenigstens die Meinung der Mehrheit durchgesetzt hat. Das ist (fast) immer besser, als dass eine kleine Minderheit diktatorisch regiert.

Wenn Du unterliegst, konntest Du die Gruppe nicht von Deiner Meinung überzeugen. Das kann verschiedene Gründe haben, über die Du sorgfältig nachdenken solltest, z.B.:

- Hast Du Dich unverständlich ausgedrückt?

- Hast Du Unrecht? Hast Du wesentliche Seiten des Problems nicht genug durchdacht?

- Hast Du nicht die Sprache der Gruppe (besonders wichtig, wenn die Bildungsunterschiede der Gruppenmitglieder groß sind)?

- Hast Du mehr (oder weniger) Angst vor den Konsequenzen einer Entscheidung als die Gruppe?

14. Bei der Diskussion von Thesen, die das Selbstverständnis der Gruppe berühren, die weitreichende Konsequenzen haben oder die unterschiedlichen Grade von Angst bei den Mitgliedern der Gruppe auslösen, ist es wahrscheinlich besser, nach einer Fassung zu suchen, die alle Mitglieder der Gruppe mittragen können.

Das Ringen um Konsens (Einmütigkeit) setzt im starken Maß voraus, dass jeder bereit ist, die eigenen Auffassungen zu verändern und die Probleme der anderen Gruppenmitglieder wirklich ernst zu nehmen.

Konsens bedeutet nicht, dass jeder glaubt, dass die getroffene Entscheidung die beste sei. Es gibt folgende Zustimmungsstufen:

- "Ich halte die Entscheidung für richtig."

- "Ich weiß nicht, wozu das gut sein soll, aber ich mache mit."

- "Ich denke, das ist falsch, kann aber damit leben."

- "Ich kann nicht mitmachen, möchte Euch aber nicht zurückhalten."

- Aus der Gruppe gehen.

Kannst Du keinesfalls mit der Entscheidung leben, weil z.B. Deine moralischen Wertvorstellungen verletzt werden, so kannst Du den Konsens durch Dein Veto blockieren:

- "Ich kann nicht zulassen, dass die Gruppe diese Entscheidung trifft und durchführt."

Gelingt es, einen Konsens zu finden, festigt dies das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppenmitglieder beträchtlich.

15. Nimm Rücksicht auf Freunde, die noch mehr Angst haben als Du. Erinnere Dich daran, wie lange Du zur Überwindung Deiner Ängste bei deinen ersten freien Schritten gebraucht hast.

Die Wirkung behutsameren aber gemeinsamen Handelns kann stärker sein als eine schneller Attacke weniger besonders mutiger.

16. Jeder kann bearbeiten was und wie viel er möchte.

17. Überlege, was Dich besonders stört oder was Du gut kannst. Dann wähle Dein Arbeitsfeld.
(Vielleicht nimmst Du den "Offenen Problemkatalog" des NEUEN FORUM dabei zur Hilfe.)

18. Mach den Versuch, Freunde in Deiner unmittelbaren Umgebung zu finden. Findest Du sie dort, so spart Ihr alle viel Kraft und Zeit.

19. Du kannst allein beginnen, Dir Freunde zur Hilfe holen oder Dich einer bereits bestehenden Gruppe anschließen.

20. Wählt in Eurer Gruppe eine Kontaktperson, deren Adresse man weitersagen kann.

21. Teilt der nächsten Strukturebene (regional oder bezüglich Eures Themas) mit, dass es Eure Gruppe gibt und woran Ihr arbeiten wollt.

22. Nehmt das Maul nicht zu voll. Es ist besser, ein kleines Problem gründlich zu bearbeiten, als über ein Weltproblem nur zu schwatzen.

23. Versucht von vornherein, Nägel mit Köpfen zu machen. Schreibt Eure Ergebnisse so auf, dass auch andere Eure Arbeit nutzen können.

24. Verseht andere Gruppen mit ähnlichen Themen nicht als Konkurrenz. Tauscht Eure Erfahrungen und Erkenntnisse aus.

25. Holt Euch "alte Hasen" oder richtige Experten, wenn Ihr Euch Hilfe davon versprecht.
Experten haben nicht immer recht, deshalb brauchen wir auch Dein kritisches Bemühen um Sachverstand.

26. Wenn Ihr meint, dass Ihr Eure Ziele als Gruppe allein nicht durchsetzen könnt, das NEUE FORUM für Euer Projekt zu mobilisieren. Zusammen schaffen wir es bestimmt.

Berlin, d. 23.10.1989

aus: Das Neue Forum - Selbstportrait einer Bürgerbewegung, Demokratiebewegung in der DDR, Materialien zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, DGB-Bundesvorstand, Abt. gewerkschaftliche Bildung, ohne Ort und Datum

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