DDR 1989/90Brandenburger Tor


Interview mit Vertreter des NEUEN FORUM

Herr A(...), wir freuen uns, heute nach mehreren Anläufen dieses Interview mit einem Vertreter des vorläufigen Koordinierungskreises NEUES FORUM Rostock führen zu können. Welche Aufgaben hatte dieser Koordinierungskreis?

Aus der Entstehungsgeschichte des FORUM ergab sich die Notwendigkeit, mit der praktischen Arbeit zu beginnen. Und die praktische Arbeit musste beginnen, bevor demokratische Strukturen möglich waren. Der vorläufige Koordinierungskreis dient somit der Öffentlichkeitsarbeit sowie Strukturierung der Bürgerinitiative NEUES FORUM zur Schaffung demokratisch gewählter Vertreter.

Heute soll der Koordinierungskreis durch einen Sprecherrat ersetzt werden. Welche Gründe gibt es dafür?

Das ergibt sich aus der ersten Frage. Es ist notwendig, dass demokratisch gewählte Vertreter die Belange des NEUEN FORUM wahrnehmen, und heute ist der Zeitpunkt da, dass es uns möglich ist, organisatorisch diese ersten demokratischen Vertreter zu wählen.

Welche Organisationsstrukturen halt das NEUE FORUM insgesamt?

Über die Organisationsstrukturen gibt es noch keine einheitliche Auffassung, da das NEUE FORUM eine Bürgerinitiative ist, die von unten wachsen soll. Aus diesem Wachsen heraus werden sich diese demokratischen Strukturen entwickeln.

Als was versteht sich das NEUE FORUM?

Das NEUE FORUM ist eine Bürgerinitiative, die allen an der Umgestaltung interessierten Bürgern unabhängig von ihrer Weltanschauung und ihren Ideologien die Möglichkeit gibt, diesen Prozess mitzubestimmen.

Ich kenne vom NEUEN FORUM einen Gründungsaufruf, und ich kenne den offenen Problemkatalog. Wann ist mit einem Programm des NEUEN FORUM zu rechnen?

Bei dem Programm verhält es sich ähnlich wie bei den Strukturen. Es liegt kein Programmentwurf vor, es ist auch keiner in Vorbereitung. Die Ideenvielfalt der Mitglieder des NEUEN FORUM wird bestimmend sein für die Ausgestaltung der Ziele des NEUEN FORUM.

Es gibt aber sicher Zielvorstellungen, ich frage also noch den programmatischen Absichten des NEUEN FORUM.

Das NEUE FORUM will in erster Linie, wenn es legitimiert wird durch Anerkennung, zur Strukturveränderung beitragen, die aus unserer Sicht notwendig ist, um nicht die Zustände wieder entstehen zu lassen, mit denen wir uns jetzt auseinandersetzen müssen.

Darf ich zwischenfragen? Wo sollen diese Strukturveränderungen hinführen, zu welchem gesellschaftlichen Modell, wenn Sie das in Begriffe fassen könnten?

Das NEUE FORUM hat in seinen Papieren deutlich zum Ausdruck gebracht, dass das gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Verfassung der DDR organisiert und umgestaltet werden soll, und daraus ergibt sich die Zielstellung - zwangsläufig.

Daraus darf ich schlussfolgern, dass das NEUE FORUM für ein sozialistisches Land arbeitet?

Ja.

Können Sie diesen Sozialismus, der angestrebt wird, näher kennzeichnen?

Ich kenne aus meinen Studien den Sozialismus als eine Idee. Ich habe diese Idee noch nicht verwirklicht gesehen, und das Bemühen, der Idee des Sozialismus gerecht zu werden, ist in einer ständigen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Entwicklungen zu führen. Das kann von mir nicht näher benannt werden, weil ich noch nicht im Sozialismus gelebt habe.

Sie haben gesagt, dass sich das NEUE FORUM als eine Bürgerbewegung oder Bürgerinitiative versteht. Meine Frage: Kann der SED-Bürger in dieser Initiative mitwirken?

Bei mir liegen zwei konkrete Anfragen diesbezüglich vor. Ich konnte diesen beiden Bürgern sagen, dass auch sie in dem NEUEN FORUM Platz haben, ohne ihn Partei verlassen zu müssen. Ich habe ihnen gesagt, dass durch ihr aktives Mitwirken eine sehr direkte Verbindung zwischen unterschiedlichen Ansprüchen möglich ist.

Wünschen Sie, dass sich noch mehr Mitglieder der SED für die Arbeit im NEUEN FORUM engagieren würden?

In die Beantwortung dieser Frage mochte ich meine persönliche Ansicht einbringen. Die Entscheidung, im NEUEN FORUM mitwirken zu wollen, ist eine sehr persönliche Entscheidung. Und da wir weltanschauliche und ideologische Eingrenzungen bzw. Ausgrenzungen nicht vorgenommen haben, ist die Frage, ob viele oder wenige SED-Mitglieder mitwirken, ohne Bedeutung.

Im Gründungsaufruf des NEUEN FORUM wird von Platz für Bewährtes und für Erneuerung gesprochen. Was ist für Sie in diesem Zusammenhang Bewährtes, und was bedarf noch Ihrer Meinung der Erneuerung?

Das Bewährte ist gerade in der letzten Zeit vielfach benannt worden. Es ist überflüssig, es im Rahmen dieses Interviews aufzuzählen. Aus meiner Sicht ist in erster Linie eine Vergangenheitsbewältigung zu wagen, weil aus dieser Vergangenheitsbewältigung heraus eine echte Chance für das Gemeinsame, für das Verbindende entsteht. Es gilt nicht in erster Linie, das Hinderliche zu benennen, sondern, wie ich sagte, aus der Vergangenheitsbewältigung heraus neue Wege zu suchen.

Ich komme noch einmal zurück auf den Sozialismus, der für Sie - wie Sie gesagt haben - eine Idee ist, die Sie noch nicht erlebt haben. Hat Sie sich in Ihren Augen anderswo bereits realisiert?

Nein.

Sie sprachen von der Idee Sozialismus, Worauf beziehen Sie sich dabei? Oder worauf gründen Sei diese Idee?

Die Idee Sozialismus ist mir in der Schule und beim Studium vermittelt worden. Aber ich empfinde mich als Christ.

Wie viele Mitglieder hat das NEUE FORUM?

DDR-weit?

Ja, DDR-weit.

Dazu kann ich keine Angaben machen, es ist mir nicht mal möglich, eine Schätzung vorzunehmen.

Glauben Sie, dass Herr Henrich, der in einem Exklusiv-Union-Gespräch von 30 000 Mitstreitern und Mitstreiterinnen des NEUEN FORUM gesprochen hat in der Nähe der tatsächlichen, gegenwärtigen Mitgliederzahl liegen könnte?

Mein Gefühl sagt mir, dass es viele sind.

Mit Herrn Gerd A(...) sprach unser Redaktionsmitglied Thomas Funck.

aus: Ostsee-Zeitung, Nr. 260, 04./05.11.1989, 38. Jahrgang, Organ der Bezirksleitung Rostock der SED, Herausgeber: Bezirksleitung Rostock der SED

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