DDR 1989/90Brandenburger Tor


NEUES FORUM meldet sich zu Wort

Zum HKW Finkenheed und den Umweltsorgen

"Thema Umwelt" - unter dieser Überschrift hatte das NEUE FORUM am vergangenen Freitag in die Evangelische Kirche Finkenheed eingeladen. Zu den Punkten: Umweltbelastung durch das Heizkraftwerk, Zustand des Brieskower Sees und künftige Müllablagerung äußerten sich sachkundig und bereitwillig leitende Mitarbeiter des Heizkraftwerkes, der Oberflussmeisterei Frankfurt (Oder) und des Rates der Gemeinde.

Ein kleiner, aber interessierter Kreis von Einwohnern wurde bei dieser "Anhörung" mit Fakten, Zusammenhängen und Aussichten der örtlichen Umweltbelastung konfrontiert, die in diesem Umfang wohl keiner der Anwesenden für möglich gehalten hatte. In der bisherigen Verschleierung der Tatsachen, den ungeahnten Ausmaß der Belastung und dem eingestandenen Unvermögen der Betriebe, in absehbarer Zeit spürbare Veränderungen zu schaffen, spiegelt sich in unserem kleinen Bereich der erschreckende Zustand des ganzen Landes wider.

Der Direktor Technik im Energiekombinat Frankfurt (Oder), Günter T(...), und der Leiter des HKW, Hans-Ulrich K(...), stellten die Problematik dieses Betriebes dar, der mit völlig ungenügenden technischen Voraussetzungen die Wärmeversorgung der Bezirksstadt und aller Betriebe des Ortes aufrecht erhalten muss. Seit dem Umbau des Kraftwerkes zur Wärmeerzeugung 1973 wurde die Modernisierung und Instandhaltung der technischen Ausrüstung auf das unbedingt notwendige beschränkt. So erzeugt eine Anlage aus den 20er Jahren noch immer einen erheblichen Teil des benötigten Dampfes! Über ihren Zustand, technische Parameter, über die Arbeitsbedingungen und den Schadstoffausstoß wurde anschaulich berichtet.

Investitionskürzungen, in den vergangenen Jahren immer wieder angeordnet, betrafen zuerst stets geplante Umweltschutzmaßnahmen, ob es sich um den Komplex der Staub- und Schadstoffemissionen, der Ascheentsorgung oder der Kohlelagerung handelte. So entwickelte sich eine technische Ruine, leider kein schützenswertes Denkmal, sondern ein Problemfall erster Ordnung für alle Betroffenen, für die Werktätigen und verantwortlichen Leiter, für die Einwohner und die staatlichen Organe, die die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen gewährleisten sollen.

Und es muss weiter "geflickt" werden, allerdings mit jährlichen Aufwendungen von mehreren Millionen Mark, um die Wärmeversorgung zu sichern. Frühestens 1995 sollen die ersten Dampferzeuger des geplanten HKW Nord betriebsbereit sei, ob der Termin zu halten ist, kann aber angesichts der Wirtschaftslage niemand garantieren. Auch nach Inbetriebnahme des neuen Werkes müssen in Finkenheed weiterhin Wärme und Strom erzeugt werden...

In den kommenden Jahren ist eine Verschärfung der Umweltbelastung zu erwarten. Ein neues Entaschungsregime bedingt, dass ab 1990 das Wasser, das die Asche abspült, in den Brieskower See gepumpt wird. Schon jetzt können unvorhergesehene Rutschungen im Gelände um den Aschesee auftreten. Die qualitativ schlechter werdende Kohle (bis zu 26 Prozent Ascherückstände) wird die Staub- und Schadstoffemission weiter erhöhen. An neue Filteranlagen für die Anlagen aus den 20er Jahren ist bei einer auf Verschleiß gefahrenen Anlage "natürlich" nicht zu denken - Kapazitätsengpässe, verfahrenstechnische Probleme und Platzfragen setzen ohnehin enge Grenzen. Die überfällige Rekonstruktion der E-Filter aus dem Jahre 61, wird nicht vor 1993 beginnen, weil bis dahin die entsprechenden Kapazitäten in Eisenhüttenstadt gebunden sind.

Die Beauftragte für Umweltschutz beim Kombinatsdirektor, Kollegin B(...), versicherte, dass alle gesetzlich vorgeschriebenen Messungen durchgeführt und die Grenzwerte eingehalten werden. Geplante Umweltschutzmaßnahmen wurden benannt, angesichts der geschilderten Lage muten sie freilich sehr bescheiden an. So wird ein Wall um den Aschelagerplatz aufgeschoben. Gehölzschutzstreifen werden als Staubfilter angepflanzt, und durch Aschebefesselung soll die Staubentwicklung an der F 112 vermindert werden. Ingenieurstudien werden die Aufwirbelungen der abgelagerten Asche untersuchen und Konzepte zur Optimierung entwickeln.

Insgesamt wurde deutlich, dass auf viele Jahre hinaus die ungenügend durchdachte Grundsatzentscheidung, Frankfurt (Oder) durch das HKW Finkenheed mit Fernwärme zu versorgen, sich auf die Umwelt auswirken wird. Die Folgen für die Gesundheit und die Lebensqualität der Einwohner des Ortes und darüber hinaus sind nicht abzusehen. Ich meine, die hier angerissenen Probleme sollten in Kürze von Fachleuten sachkundig dargestellt, auf breiter Ebene diskutiert und mit Dringlichkeit in Angriff genommen werden. Die Medien wie auch Volksvertretungen und staatliche Organe haben dabei eine wesentliche Verantwortung wahrzunehmen. Das NEUE FORUM wird sich weiterhin für die Belange der Bürger einsetzen. Öffentlichkeit herstellen und mit seien Möglichkeiten einen Beitrag auch zu dieser gesellschaftlichen Aufgabe leisten.

Die Frage nach Zustand und Zukunft des Brieskower Sees konnte am Freitagabend aufgeschoben werden, da der Vorsitzende des Rates Eisenhüttenstadt kurzfristig zu einem Rundtischgespräch mit diesem Thema für den Mittwoch, den 29. November, 19.00 Uhr, eingeladen hatte.

Zum dritten Punkt konnte in der Veranstaltung des NEUEN FORUMS der neuste Stand dargestellt werden, da gerade am Vormittag eine offizielle Begehung der Mülldeponie und des geplanten neuen Standortes stattgefunden hatte. Auch hier zeigten sich wieder deutlich die politischen Sünden der Vergangenheit. Mitten im Ort befindet sich ja eine quasi "wilde" Müllkippe, deren Zustand nicht nur optisch und hygienisch unhaltbar, sondern eindeutig gesetzwidrig ist (keine ausreichende Entfernung zu Wohnhäusern, keine Kontrolle der aufgebrachten Abfälle - unter deren nachweislich Schadstoffe waren! -, kein vorgeschriebener ordentliche Betrieb der Deponie, keine Boden- und Grundwasseruntersuchungen, keine gesicherte Abgrenzung). Eingaben der Bürger, Festlegungen der Gemeindevertretung sowie Entscheidungen des örtlichen Rates wurden über Jahre hinweg von übergeordneten Organen nicht berücksichtigt oder abgewiesen. Nun wird in aller Eile ein neuer Standort gewählt, dessen Eignung noch zu prüfen ist. Bis jetzt liegen nur Stellungnahmen, jedoch keine verbindlichen Gutachten der verantwortlichen Sachverständigen vor . . .

Bis zur Fertigstellung des neuen Platzes - ein Termin ist noch nicht in Sicht - muss die vorhandene Deponie notwendigerweise genutzt werden. Hier müssen umgehend die bestehenden gesetzlichen Vorschriften durchgesetzt werden. Ein Platzwart muss für Ordnung sorgen, die für die Anwohner unerträglichen Belastungen sind zu beseitigen. Die Bereitschaft zahlreicher Einwohner - z.B. des Anglerverbandes - liegt vor, an einer Rekultivierung mitzuwirken. Auch hier werden sich im NEUEN FORUM engagierte Bürger beteiligen. Schließlich gilt es, nicht nur die großen politischen Verhältnisse in Ordnung zu bringen, sondern gleichzeitig vor Ort die Bedingungen zu schaffen, dass dieses Land wieder unsere Heimat wird, wirklich volkseigen. Bei aller Beschränkung auf das, was zur Zeit tatsächlich machbar ist - und es scheint auf vielen Gebieten verzweifelt wenig zu sein - sollten wir uns den Blick auf das Anzustrebende nicht versagen.

Für das NEUE FORUM Finkenheed
Elke N(...)

aus: Neuer Tag, Nr. 283, 01.12.1989, 38. Jahrgang, Organ der Bezirksleitung Frankfurt (Oder) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Herausgeber: Bezirksleitung Frankfurt (Oder) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands

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