DDR 1989/90Brandenburger Tor


"Der Erwartungsdruck ist ein großes Problemn"

Der Internist und Mitbegründer des Neuen Forums, Eberhard Seidel (40), zu der Grenzentscheidung der DDR-Führung und den Ergebnissen eines DDR-weiten Sprechertreffens der Oppositionsgruppe / Warnung vor gewalttätigen Auseinandersetzungen und Aktionismus

INTERVIEW

taz: Warum hat die DDR-Führung die Grenze zur ČSSR geschlossen?

Eberhard Seidel: Ich denke, diese Entscheidung wurde mangels einer politischen Lösung - unter dem Druck der Fakten getroffen. Menschlich und hygienisch war die Situation in den bundesdeutschen Botschaften unhaltbar geworden. Und es war ja überhaupt nicht absehbar, wie der Zustrom von DDR-Bürgern zu stoppen war.

Wird die Grenzschließung tatsächlich "zeitweilig" bleiben?

Die gleiche Formulierung stand in der Zeitung, als vor neun Jahren der Visumzwang für Reisen nach Polen eingeführt wurde. Deshalb bin ich skeptisch.

Wie wird die DDR-Bevölkerung auf die neue Demütigung durch Partei- und Staatsführung reagieren?

Der Druck auf die Führung wird sich erhöhen, aber ebenso die Depressivität und Ratlosigkeit. Ein Beispiel aus der Klinik, in der ich arbeite: als die Nachricht kam, sagten die Schwestern: "Nach links können wir nicht, nach rechts nicht, nach oben können wir nicht und nach unten auch nicht". Einige hatten Tränen in den Augen.

Bei dem landesweiten Sprechertreffen des Neuen Forums am Dienstag haben Sie über die politische Situation nach der Leipziger Demonstration gesprochen. "Eine neue Dimension", wie Frau Bohley sagte?

Ja. Bei dem Treffen wurde die Situation so eingeschätzt, dass wir unbedingt Obacht geben müssen, dass es nicht zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Willenskundgebungen kommt. Sicher muss eine Willenskundgebung von 15 000 Leuten beachtet werden. Uns ist es aber sehr wichtig, die Gewaltfreiheit in der politischen Auseinandersetzung zu betonen. Das Neue Forum ist nicht angetreten, Demonstrationen zu organisieren und an der Spitze von 15 000 Menschen durch die Städte zu ziehen. Das Neue Forum ist angetreten, den Dialog in Gang zu setzen. Wir möchten ganz ausdrücklich vor unüberlegtem Aktionismus warnen. Das Gespräch ist der entscheidende Faktor, und ich glaube, das braucht Zeit.

Die dominierenden Parolen in Leipzig galten der Zulassung des Neuen Forums, seiner Legalisierung. Wie wird die Gruppe mit dem produzierten Erwartungsdruck umgehen?

Das ist ein großes Problem. Mit dem Zuspruch, den wir per Unterschrift oder durch diese Demonstration erfahren, haben wir nicht gerechnet. Uns fehlen die Strukturen, um diesem Zuspruch gerecht zu werden. Da muss man immer wieder betonen, dass das Neue Forum eine Plattform für die politische Meinungs- und Willensbildung darstellt und keine Organisation, die Aktionen im ganzen Land organisiert. Dass so viele Menschen in Leipzig die Zulassung des Neuen Forums gefordert haben, ist ein Ausdruck dafür, dass sie eine Opposition wünschen. Eine Opposition, die sie ein bisschen aus der Verzweiflung holt und Mut gibt.

Das Neue Forum stellt eine Plattform ohne Strukturen dar. Ist auf dem Sprechertreffen darüber geredet worden, wie es weitergehen kann, welche Signale Sie den an Dialog und Veränderung Interessierten geben wollen?

Wir haben unseren Problemkatalog endgültig verabschiedet und die wichtigsten Problemfelder - Ökonomie, Ökologie, Recht, Kultur - markiert und Schwerpunkte für die Diskussion formuliert. Damit es keine konfuse Diskussion am Frühstückstisch und in existierenden Kreisen wird, haben wir den Unterzeichnern Kontaktadressen mitgeteilt. Auch wollen wir weiter versuchen, das Neue Forum als Vereinigung zu etablieren - einfach, weil dann die Arbeit leichter wird, mit einem Büro, einer Kontonummer und einer Zeitung. Entscheidend wird sein, dass die Diskussion über die Probleme eine Öffentlichkeit findet.

Ja, aber wie?

Wir haben verschiedene Möglichkeiten angedacht: Herausgabe eines Informationsblattes, größere thematische Versammlungen möglichst außerhalb kirchlicher Räume. Dort erzielte Diskussionsergebnisse bringen wir in den öffentlichen Meinungsstreit ein. Und dann wünschen wir uns Zugang zu den Medien der DDR, auch wenn das nicht von heute auf morgen zu realisieren sein wird.

Nichts deutet auf einen Reformkurs, geschweige denn auf eine Gesprächsbereitschaft der SED-Spitze hin. Womit rechnen Sie nach dem 7. Oktober?

Es gibt die Befürchtung, dass dann gegen den sogenannten Kern der Opposition härter vorgegangen wird. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass in einer Situation des Tauwetters um uns herum hier wieder eine neue Eiszeit anbricht. Dazu sind wir viel zu positiv von dem angesteckt, was in anderen Ländern stattfindet.

Glauben Sie, dass am 7. Oktober neben den offiziellen Feiern zum 40. Jahrestag Protestaktionen stattfinden werden?

Ich fürchte, dass sich Gruppierungen, die sich in der politischen Auseinandersetzung mehr dem Aktionismus verschrieben haben, zu Wort melden. Wir vom Neuen Forum lehnen den Aktionismus ab, weil er nicht zu konstruktiven Veränderungen in unserer Gesellschaft führt. Man muss über diesen magischen Tag hinausdenken. Es reicht, dass die Partei - und Staatsführung sich auf den 7. Oktober fixiert. Das müssen wir nicht auch noch machen.

Das Gespräch führte Knud Rasmussen

aus: taz, 05.10.1989

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