DDR 1989/90Brandenburger Tor


Dr. Rudolf Bahro in einem Gespräch mit ND:

Ökologische Alternative - aber keine Rückkehr zum Hakenpflug

ND: Was hat Sie bewogen, auf dem außerordentlichen Parteitag ums Wort zu bitten?

Rudolf Bahro: Schon Ende November hatte ich in der Berliner Zeitung gesagt, dass ich, falls zum Parteitag eingeladen, qualifiziert wäre, etwas zur Lage und zu den Perspektiven zu sagen. Drum habe ich mich eine Woche schriftlich vorbereitet.

ND: Das beantwortet noch nicht die Frage.

Rudolf Bahro: Ich werde in den letzten Monaten nachts immer öfter wach, verfolgt von dem Gefühl, "die" verspielen die DDR. Und ich habe mich gefragt: Wozu hast du denn die "Alternative" geschrieben? Nun bin ich zwar nicht in die Partei, aber in die DDR zurückgekommen.

Unsere Republik braucht die Genossen

ND: Delegierte auf dem Parteitag sprachen also zu Unrecht von "Genossen Bahro"?

Rudolf Bahro: Sie können es mit dem Kirchenlehrer Augustinus verstehen. Der sagte übers Christentum, dass welche, die sich drin glauben, in Wahrheit draußen sind - und umgekehrt. Meine Option ist das Neue Forum, aber nicht als kleine Partei, sondern als der große Marktplatz für Ideen, wie es hier weitergehen soll, ein geistig freier Raum, wo sich nicht Parteivertreter treffen, sondern Menschen, die verschiedenen politischen Richtungen angehören und dort um den Konsens ringen. Konferenzen, Symposien, Zusammenkünfte; mit Kunst, mit Musik umrahmt; wo vorgedacht und gestritten wird. Das ist für mich die Innovation, da sollte auch der "Grüne Tisch" stehen! Natürlich bleibe ich ansprechbar für Menschen wie Gregor Gysi. Er ist in Person die neue Anständigkeit an der Spitze der Partei. Wie ich überhaupt davon überzeugt bin, dass die Republik die Genossinnen und Genossen braucht.

ND: Ihnen kommt es also mehr auf Personen an als auf Parteien?

Rudolf Bahro: Ich glaube, dass sich die Leute bei Wahlen mehr an Menschen orientieren als an Programmen. Marktwirtschaft ja oder nein - das gibt wenig Auskunft, aber wenn ich einen Friedrich Schorlemmer erlebe, der will uns nicht ausverkaufen. Andere scheinen dagegen mehr ihre eigne Bedeutung zu sehen.

ND: Ist das auch ein Votum gegen Berufspolitiker?

Rudolf Bahro: Selbstverständlich bleibt Politik auch Beruf. Aber man muss das kurz halten.

ND: Also zeitweilig berufene Politiker, statt Berufspolitiker?

Rudolf Bahro: Das finde ich schön. Kein Fraktionszwang, der die Idee von der Gewissensfreiheit der Abgeordneten zur Farce macht. Es müssen auch unabhängige Personen parteifrei kandidieren können.

ND: Kommen wir auf die Wirtschaft zu sprechen. Zwischen Ihren Büchern "Die Alternative" und "Logik der Rettung" ist eine Entwicklung festzustellen.

Rudolf Bahro: Na hoffentlich! Obwohl ich schon damals von den Ökologen als heimlicher Grüner erkannt wurde, am Schluss meiner "Alternative".

ND: Wo sehen Sie die Ursache für die heutige wirtschaftliche Situation in der DDR?

Rudolf Bahro: Lenins Projekt, das seinerzeit alternativlos erscheinen musste, hieß "Einholen und überholen", um die Grundlagen des Sozialismus zu schaffen. Dieses Projekt haben wir nicht rechtzeitig aufgegeben. Mit der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" kann man im Konkurrenzkampf nicht bestehen. Mit unseren Autofabriken ist Daimler nicht zu schlagen. Seit nun die ökologische Krise das epochale Problem geworden ist, können wir aufhören, das nur ärgerlich zu finden. Dieses verflucht effektive System drüben, das ist in seinem Erfolg (!) der Untergang der Menschheit. Die "sichersten" Atomkraftwerke sind schlimmer als Tschernobyl, weil sie der Menschheit das tödliche Modell weiterempfehlen.

ND: Wie sieht dagegen Ihre Alternative aus?

Rudolf Bahro: Wir sollten uns jetzt entschließen, alle die Kräfte und Mittel, die wir bis jetzt in diesem Wettlauf verpulvert haben, freizumachen. In welche Richtungen gehören die Investitionen?

Erstens: Wir nehmen diese Mittel und befriedigen Grundbedürfnisse, verputzen unser Häuschen DDR, sorgen für Gemüse, machen das Alltagsleben schön, einschließlich des Imports von Autos anstatt neuer riesiger Fehlinvestitionen in eine Autoindustrie, die dann doch gewiss nicht unsere ist.

Zweitens: Wir setzen ein sozialökologisches Projekt in Gang, damit zahllose Menschen, die so etwas wollen, darangehen können, eine postindustrielle, naturverträgliche Lebensform und Produktionsweise aufzubauen. Die DDR beginnt erst: noch sind unsere Produktivkräfte materiell kapitalistisch, bloß schlechter. Ich meine eine wesentlich neue Art, unser Leben zu gestalten und unsere Lebens-Mittel zu erzeugen, vorwiegend in kleinen und mittleren Strukturen. kombiniert landwirtschaftlich, handwerklich, Handel einbezogen. Technisch gesehen meine ich mittlere Technologien mit menschlichem Maß. Lebensverträgliche ("konviviale") Technik kann sich mit Mikrochips vertragen. Wer den Hakenpflug als Horrorvision ins Spiel bringt, will bloß diese Ideen abwehren.

Nicht, dass wir wieder alle Bauern werden sollen, aber mit der Erde muss es anfangen. Da das nicht alle auf einmal machen werden, reißen sie auch kein Loch in das bisherige Versorgungsnetz, im Gegenteil, schließen Lücken.

Drittens: Wir rationalisieren den großindustriellen Sektor, lassen ihn aber erheblich schlanker werden. Wenn wir nur noch halb soviel Energie da hineinstecken, fällt schon die halbe Schwefeldioxid-Emission weg, ohne spezifische Kosten.

ND: Das ist zweifellos interessant, aber - mit Verlaub gesagt doch blanke Utopie angesichts der gegenwärtigen Lage, angesichts auch der internationalen ökonomischen und finanziellen Verpflichtungen der DDR, ihrer Einbindung in die internationale Arbeitsteilung... Was Sie vorschlagen kostet doch Geld, anstatt Geld einzubringen. Aus welchen Mitteln soll denn das Projekt finanziert werden?

Rudolf Bahro: Ich meine einfach eine Revolution in den Prioritäten unserer Investpolitik. Wenn wir nur wollen, können wir ganz anders mit unseren Mitteln umgehen. Ich bin sicher, dass wir für so ein "dreibeiniges" Projekt, wie ich es vorschlage, auch internationale Unterstützung finden werden. Vielleicht weniger als für das andere - weil es dem Kapital weniger Profit verspricht, aber es wird auch billiger als das industrielle Wettrüsten. Ökoprojekte gibt es überall in der Welt, aber wir hätten die Chance, so was in einem sozial relevanten Maßstab statt wie drüben bloß in subkulturellen Schonbereichen zu machen. So ergäbe das einen Impuls, der das andere Deutschland mit verwandelt. Da wir sowieso nicht sicher sein können, was mit der DDR in fünf Jahren ist, würde ich mir erst mal weniger Gedanken darum machen, wie wir dann die Raten für die gegenwärtigen Schulden aufbringen. Wenn es uns erst gelungen ist ein neues, schöneres Leben anzufangen, einen ökologischen Sektor wirklich werden zu lassen - wer würde es dann wagen, uns. das kaputtzumachen?!

ND: Nun, das ist Ihre Auffassung. Es fragt sich nur, ob die Bürger der DDR diesen Weg gehen wollen, er ist ja mit Einschränkung verbunden; wer nichts auf dem Weltmarkt anzubieten hat, kann nichts kaufen.

Rudolf Bahro: Ich räume ein, es könnte sein, dass die Devisen für Bananen knapp werden - obwohl der High-Tech-Einkauf unendlich viel teurer ist. Im Ganzen wird das Volk der DDR auf dem neuen Wege besser durch die nächsten Jahre kommen, auch im Konsum, als einerseits bei "Anschluss", andererseits bei Fortsetzung der alten, gutwillig aufgebesserten Wirtschaftspolitik.

Variante sollte man durchrechnen

ND: Es geht nicht nur um Bananen, es geht um Modernisierung der Industrie, um Arbeit unter würdigeren Bedingungen als gegenwärtig, um infrastrukturelle Verbesserungen. Ein Betrieb, sagen wir mal Elektrokohle Lichtenberg, ist schnell geschlossen, aber woher dann die Elektroden für Stahlerzeugung nehmen?

Rudolf Bahro: Sie denken stets nur von dem einen der "drei Beine" her ... Wir schleusen viel zu viel Eisen etc. durch unsere Volkswirtschaft, daher brauchen wir so viele Elektroden! Ein Teil der Investitionen soll ja der industriellen Modernisierung dienen: man müsste neu entwerfen, wie diese Mittel dem Volke statt technokratischen Renommierprojekten dienen können.

ND: Aber mit Mitteln aus alternativer Landwirtschaft lässt sich doch weder das eine noch das andere bezahlen.

Rudolf Bahro: Das ist wahr, obwohl man auch mit biologischem Landbau ein paar Devisen machen könnte. Aber der neue Sektor wird bald sich selber tragen, und das wird genug sein.

ND: Uns geht es darum, dass sich jedes Projekt rechnen muss für die DDR; darum, dass wir uns keine Abenteuer leisten können. Schließlich betrifft es viele Männer, Frauen, Kinder ...

Rudolf Bahro: Eben drum! Die bisherige Wirtschaftspolitik ist das Abenteuer.

ND: Welchen praktischen Schritt schlagen Sie dann vor?

Rudolf Bahro: Diese ganze "dreibeinige" Variante müsste man von ein paar Leuten, die allerdings damit sympathisieren, durchrechnen lassen. Zugleich aber, d. h. sofort, könnte der Ministerpräsident erklären, diese sozialökologische Perspektive ist nicht nur eine Diskussion, sondern sofortige Versuche wert; abrufbare Mittel werden bereitgestellt, damit Menschen beginnen können, die es selber wollen. Dass sie ein Zeichen setzen, die Initiative ergreifen können, möglicherweise eine von geschichtlichem Rang!

(Das Gespräch führten Helfried Liebsch und Otto Luck)

aus: Neues Deutschland, 44. Jahrgang, Ausgabe 302, 23.12.1989. Die Redaktion wurde 1956 und 1986 mit dem Karl-Marx-Orden und 1971 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet.

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