DDR 1989/90Brandenburger Tor


"Randgruppen" - in der DDR?

Naserümpfend empört wegblicken - und weiter?

Ruckend hält der Bus. Mit lautem Krachen öffnet sich die Tür: "Einmal 'Bassi' !". Schnürstiefel poltern. Müde Passagiere werden aufmerksam: "Sehen Sie nur da kommen Halbwilde !" - Übernächtigte Gesichter; mit zerschlissenen Lederjacken und bunten gestylten Haaren steigen sie ein - einer, noch einer, ein ganzer Haufen ...

In diesem Augenblick erwacht der ordnungsliebende Blick des Busfahrers: "Halt! Du bist ja betrunken! Raus, so was nehme ich nicht mit! . . . Wie? Mit euch diskutiere ich doch nicht . . . was red' ich denn eigentlich? Alle wieder aussteigen, aber dalli - ich lass mir doch meinen Bus nicht eindrecken. Na los, wird's bald!" "Dann gib uns unser Geld zurück, wir haben schon bezahlt ..." "... frech werden! Wenn ihr nicht sofort verschwindet, rufe ich die Polizei - fahrt woanders mit!"

Krachend schlägt die Bustür zu. Wieder stehen die Punks im Regen, während sensationslüsterne Bürger an den Scheiben die Nasen breitdrücken. Ein älterer Herr doziert seiner Nachbarin: "Scheußlich, dass man sich von diesen Skinheads belästigen lassen muss; dass sowas überhaupt frei rumlaufen darf ...".
(nicht ganz frei erfunden)

Vorwiegend um Jugendliche in und um "Randgruppen" ging es auf der Mitgliederversammlung der APO Kombinatsleitung vom 22. Mai [1989]. Gast war Genosse A(...) H(...) vom Volkspolizeikreisamt Potsdam, Abteilung K.

"Randgruppen" in der sozialistischen DDR - Punks, Heavys, Skins, Grufts - geraume Zeit wurde ihre Existenz auf die leichte Schulter genommen und totgeschwiegen. Eine Reihe von Meldungen ließ aufmerken: Velten, Zionskirche, Fußballrandalen, Skinprozesse. Lange wurden alle Gruppen pauschal klassifiziert mit "asozial, rowdyhaft, reaktionär ...". Ein Umdenken in der Auseinandersetzung mit Randgruppen findet wohl gegenwärtig statt.

Mehr und mehr richtet sich das Augenmerk auf Skinheads, deren Entwicklung mittlerweile bedenkliche Formen angenommen hat.

"Ich habe keine besondere Freizeitbeschäftigung. In der 9. Klasse war ich in einer Boxgemeinschaft, musste aber aus gesundheitlichen Gründen damit aufhören. Mittwochs und Sonnabends gehe ich in die (...), weil da noch mehr Skins sind, (...). Ich wusste, dass viele Punks im Café (...) sind. Ich wollte mich abreagieren, also bin ich dahingegangen und habe draußen gewartet, bis einer rauskam. (...) Ich trinke viel Alkohol, bin aber trotzdem immer voll da. Trotzdem ich keinen Sport treibe, habe ich eine kräftige Figur. Die habe ich wohl von meinem Vater geerbt, außerdem bin ich Maurer." Warum wurdest du Skinhead?" "Im September 1988 entschloss ich mich, Skinhead zu sein. Ich ließ meine Haare auf einen Zentimeter Länge schneiden, weil sie mir kürzer nicht stehen. Sonst würde ich sie ein bis drei Millimeter lang tragen. Dann habe ich mir eine grüne Bomberjacke zugelegt. Boot's (Springerstiefel) wollte ich mir kaufen, wenn sie nicht zu teuer sind.

Ich mag keine Gruftis, weil die viel trinken, sich auf Friedhöfen rumtreiben und Gräber schänden Punks sind zwar nicht auf Friedhöfen, trinken aber mit den Gruftis zusammen. (...) Für Politik interessiere ich mich nicht, ich verfolge aber Berichte über das Leben von Skinheads in der BRD. Vor kurzem haben die einen Türken getötet. Das war Blödsinn. Eine Tracht Prügel hätte auch gereicht. Ich setze Türken auf eine Stufe mit den Punks, aber die Türken nehmen Arbeit weg, müssen nach Hause zurück. Punks und Grufties kommen ja wohl von hier."

Bis zum Herbst 1986 waren in Potsdam nur 5 Skins erkennbar, dann kam es zu einer schlagartigen Entwicklung. Gruppen wurden in Berlin ausgebildet. In Potsdam gründete sich unter der Leitung eines "Herrn Sowieso" ein "Bund der Neudeutschen", dessen Ziel es war, sich in Anlehnung an die Struktur der SA auszubilden. Dazu kam es nicht ...

Zeitweilig marschierten Skins in Zweierreihen in ein Jugendzentrum (ohne zu bezahlen), - und - ohne, dass Ordnungsgruppen oder Verantwortliche tätig wurden. Mitglieder von "Randgruppen" verübten 1988 im Kreis Potsdam 12 registrierte Straftaten, zehnmal waren es Aktionen der Skins.

Inspirationen durch und Verbindungen zu neofaschistischen Organisationen Westberlins, zu den "Republikanern" und zur "Deutschen Volksunion" sind erwiesen. Missbraucht wird der Besucherverkehr.

Skinheads werden einzeln oder in Gruppen aktiv, immer aber planmäßig. Zielgruppen sind Ausländer, Punks, Armisten . . .

Im Potsdamer Raum wurden vor allem Punks immer häufiger Opfer von Skin-Aktionen. Anfänglich kam es vor, dass Täter und Opfer gleiche Behandlung erfuhren auf Grund der Annahme, dass sich da Außenseiter untereinander bekriegen.

Die Opfer gründeten eine Selbsthilfegruppe. Sie sammeln Material über Aktionen der Skins, setzen sich mit Faschismus und Neofaschismus auseinander, versuchen, Ursachen für derartige Entwicklungen in unserem Land zu ergründen. Sie wandten sich an gesellschaftliche Organisationen mit der Bitte um Zusammenarbeit und Unterstützung. Sämtliche Ansprechpartner begingen den groben Fehler, selbst das Gespräch abzulehnen. Autorität statt Dialog ..., die Gruppe erhielt Unterstützung durch die evangelische Kirche.

Mittlerweile existiert eine gute Zusammenarbeit mit der FDJ-Kreisleitung Potsdam. Wie weit wird man sich mit diesen Jugendlichen treffen können?

Punk - entstanden aus Protest gegen die Freud- und Zukunftslosigkeit einer anderen Gesellschaft, seit Ende der siebziger Jahre auch "über die DDR gekommen". Für viele sind sie anstößig, nicht angebracht. In der Masse werden sie kaum gewalttätig, die meisten gehen arbeiten. Vielleicht sollte man sie in ihrem Protest gegen Mittelmaß und als Provokation einer sich möglicherweise breitmachenden Selbstzufriedenheit verstehen. Und in ihrem Wirken gegen neofaschistische Gruppierungen sind sie progressiv.

Es geht ja nicht nur darum, das Strafmaß für Skins pauschal heraufzusetzen, Sondermaßnahmen und -verfahren einzuleiten. Das wird praktiziert. Woher aber kommen, wenn auch arg beschränkte, so doch vorhandene, neofaschistische Tendenzen im Denken und Handeln einiger Mitglieder dieser Gesellschaft mit anerkannt antifaschistischen Traditionen?

Ursachen mögen die Nähe zu Westberlin verbunden mit dem Reiseverkehr und dem großen Einfluss der Massenmedien sein. Von der anderen Seite wird gezielt mit Gruppen, gerade von Skins, gearbeitet. Das als einzige Erklärung ist aber wohl unangebracht simpel.

Es gibt Leute, die vermeinen, der Entwicklung hilflos gegenüberzustehen, die Terror stillschweigend ertragen, die sich abwenden, um ja nichts mitzubekommen, die vor Anzeigen zurückschrecken, "weil's ja sowieso nichts bringt", die Schäden stillschweigend ausbessern. "Keiner wird als Skin geboren ..."; machen sich hier Folgen inkonsequenter Erziehung und erkaltender zwischenmenschlicher Beziehungen bemerkbar? Wie sieht es denn nun wirklich aus mit der Rolle unseres sozialistischen Jugendverbandes als dem Interessenvertreter aller Jugendlichen. Freizeitgestaltung - wird oftmals mit einem möglichst großen Angebot an Diskotheken abgehakt ...

Der Staat steht vor einer schwierigen Aufgabe. Zeitweilig häufige Publikationen über das Unwesen der Skins wurden von denen prompt als Anleitungsmaterial gesammelt.

Wichtig ist jetzt, dass alle informiert werden - Eltern, junge Menschen -, dass man selbst etwas tut für sein Wissen um solche Erscheinungen. Alle, die Gesellschaft und damit jeder Einzelne - werden es lernen müssen, mit beidem zu haushalten, mit Toleranz und Härte im Urteil über andere - und über sich selbst.

Aus diesem Grund zu Beginn die, Szene im Bus - ohne Kommentar!

(Das Geschriebene erscheint nicht um der Sensation willen. Auch Panik oder. Angst sollen nicht verbreitet werden. Sämtliche Größen sind im Verhältnis gesehen recht gering. Denkanstoß soll der Artikel sein, nicht mehr - und auch nicht weniger.)

V(...) O(...)

Randgruppen
entstanden verstärkt Anfang der siebziger Jahre in den großen westlichen Industrieländern aufgrund sozialer Ausgrenzung beziehungsweise aus Protest gegen herrschende gesellschaftliche Verhältnisse. Sie unterscheiden sich von der Durchschnittsgesellschaft durch Aussehen, Lebensweise, Ideologie und Moral, artikulieren sich durch Provokation, Konfrontation oder völligen Ausstieg.

Im sozialistischen Gesellschaftsmodell sind die Ursachen für soziale Ausgrenzung prinzipiell nicht gegeben. Ein völliger Ausstieg ist innerhalb dieser Gesellschaft praktisch nicht möglich, Der Begriff R. wird auch von Mitgliedern der angesprochenen Gruppen kaum akzeptiert, da ihr Erscheinen Reaktionen auslösen soll.

Aus den genannten Gründen sollte man den Begriff "Randgruppen" als nicht zutreffend betrachten.

Skinheads
(engl. Kahlköpfe) entstanden Ende der sechziger Jahre in den Slums englischer Großstädte, setzten ihren Hass, ihr Unverstandensein und ihre scheinbare Nutzlosigkeit in Aggressivität um. Militanter Ausländerhass, Bereitschaft zu Gewalttaten boten neofaschistischen und rassistischen Ideen Nährboden.

Aussehen: weitgehend einheitlich; Glatze oder kurzgeschorene Haare, Bomberjacke, hochgekrempelte Jeans, Schnürstiefel.

Skins arbeiten planmäßig, organisiert und konspirativ, sind wegen ihrer Ideologie und Gewalttätigkeit gefährlich.

Punks
(Punk: engl. Müll) entstanden Anfang der siebziger Jahre in englischen Industriestädten. Verkörpern ein Programm der Hoffnungslosigkeit: soziale Widersprüche, eigene Perspektivlosigkeit, Unverstandensein und Nichtgebrauchtwerden; Entfremdung und Verkümmerung zwischenmenschlicher Beziehungen, Gefahr durch Hochrüstung und Umweltzerstörung. Protest beschränkte sich nicht nur auf Provokation als "Bürgerschreck" - wurde teilweise umgesetzt bei sozialen und antifaschistischen Auseinandersetzungen.

Punkmode: "Wenn etwas nicht passt, scheußlich aussieht, dreckig ist, zieh es an" - charakteristisch zerschlissene Lederkluft, ungewöhnliche Frisuren und Haarfärbungen. Einstellung: anarchistisch, linksradikal.

Heavys:
(volkstüml. Rocker/heavy metall: engl. Schwermetall) Easy-Rider-Tradition, Beginn um 1950. Markenzeichen und Lebensinhalt waren schwere Motorräder. Verstanden ihr Dasein als Verweigerung, Ausstieg aus einer verbürgerlichten Umgebung. Motorradclubs wurden bekannt, erlangten durch Mafia- und Gangsterpraktiken teilweise traurige Berühmtheit.

Bevorzugen mit Nieten besetzte Lederkluft, harte Musik. Ihr Hiersein demonstrieren Heavys mehr, gelegentlich kommt es zu Ausschreitungen. Einstellung: größtenteils konservativ.

Grufts
In den siebziger Jahren Abwendung vieler Menschen in den USA und der BRD von sozialen Fragen. Zuflucht im Spiritismus. Eine Betrachtungsweise; die hiesige Welt als Vorstufe des Jenseits. Die Einstellung der Grufts bedingt eine völlige Abwendung von den Realitäten, verbunden mit einer entsprechenden Lebensweise, der Ausübung spiritueller Riten.

Grufts tragen schwarze, möglichst nostalgische Kleidung, schwarze, aufgestylte Haare, halten sich von menschlicher Gesellschaft fern, arbeiten konspirativ.

An den Leser
Äußeres und Einstellung müssen nicht identisch: sein, "Verkappte" und Mitläufer gibt es viele. Es war auch nicht beabsichtigt, Schubladen für Menschenbewertungen aufzutun. Versucht wurde lediglich, ein grobes Bild von "Randgruppen" zu zeichnen; mehr konnte uns nicht gelingen, da das Thema ohnehin den Rahmen unserer Betriebszeitung sprengte. Allein der mit der Parteiversammlung gegebene Anlass und die Aktualität der Problematik ließen die Herausgabe gerechtfertigt erscheinen.

aus: Der Wohnungsbauer, Nr. 12, 2. Juniausgabe 1989, 25. Jahrgang, Organ der Betriebsparteiorganisation im VEB Wohnungsbaukombinat Potsdam, Herausgeber: Leitung der Betriebsparteiorganisation Potsdam der SED im Wohnungsbaukombinat Potsdam

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