DDR 1989/90Brandenburger Tor


Brief bulgarischer Staatsbürger an die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik

Nachfolgend veröffentlichen wir einen Brief mehrerer in der DDR lebender bulgarischer Staatsbürger. Darin schildern sie ihre Nöte und Schwierigkeiten, die mit der Erlangung der DDR-Staatsbürgerschaft in ursächlichem Zusammenhang stehen. Sie treten damit zum ersten Mal an die Öffentlichkeit, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Unter der Überschrift "An die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik" heißt es:

Ausgehend von der gegenwärtigen Entwicklung der Erneuerung in der DDR, bitten wir, uns, den seit 10, 20 und mehr Jahren in der DDR lebenden Bulgaren, die DDR-Staatsbürgerschaft zu verleihen - nach eingehender Prüfung der gestellten Anträge durch das Ministerium des Innern - ohne die langwierige und schwierige sowie psychisch bedrückende Prozedur der Entlassung aus der bulgarischen Staatsbürgerschaft. Diese Prozedur hat verheerende Auswirkungen auf unser Leben.

1. Auswirkungen für die einzelne Person:

- Bis in die 70er Jahre wurde von uns verlangt, 10 % unseres monatlichen Bruttoeinkommens an die Handelsvertretung der Bulgarischen Botschaft, Handelsbetrieb "Technoexport" abzuführen. Wir fragen, wofür haben wir gezahlt?

- Bulgaren, die in kapitalistischen Ländern leben, besitzen eine doppelte Staatsbürgerschaft und benötigen keine Entlassung aus der bulgarischen Staatsbürgerschaft. Außerdem brauchten sie nicht 10 ihres monatlichen Bruttoeinkommens an die Botschaft zu zahlen.

- Für die Verlängerung des Aufenthaltes in der DDR sind wir gezwungen, einen bestimmten Betrag an die Botschaft zu zahlen. Ist es menschlich nicht unwürdig, unseren Aufenthalt in der DDR zu erkaufen?

- Wir wurden gezwungen, Verträge abzuschließen, obwohl wir nicht durch einen Arbeitsvertrag in die DDR kamen, sondern durch die Eheschließung.

2. Auswirkungen für die gemischten deutsch-bulgarischen Familien:

- Durch ständige Bedrohungen der bulgarischen Botschaft, die Behörden der Deutschen Volkspolizei würden uns ausweisen, wenn wir nicht den Anforderungen der Botschaft Folge leisten sowie durch finanzielle Belastungen usw., kam es in unseren Familien zu so starken Belastungen, dass viele Ehescheidungen die Folge waren.

3. Auswirkungen für die Arbeitsdisziplin in den Betrieben:

- Durch die Forderung der bulgarischen Botschaft, bei der Verlängerung des Aufenthaltes in der DDR und bei anderen Angelegenheiten persönlich vorstellig zu werden, kommt es in den Betrieben, in denen wir arbeiten, zu Ausfallstunden und damit zu Unverständnis seitens des Arbeitskollektivs und der Betriebsleitung. Für uns entstehen außerdem ziemliche Unkosten, da nicht jeder von uns seinen Wohnsitz in Berlin hat.

aus: Neue Zeit, 13.12.1989