DDR 1989/90Brandenburger Tor


Mahnwache

Für die politischen Gefangenen in der DDR

" Ihr löscht das Feuer mit Benzin Ihr löscht den Brand nicht mehr.
Wolf Biermann

In den letzten Wochen wurden in Leipzig, Potsdam und Berlin Menschen wegen ihres, gesellschaftlichen Engagements und der Wahrnehmung grundlegender Menschenrechte kriminalisiert und inhaftiert.

Leipzig: Am 11. September 1989 wurden vom montäglichen Friedensgebet in der Nikolaikirche kommend, 104 Personen festgenommen. Von diesen wurden über 22 mit Strafbefehlen (Geldstrafe, 1 000 bis 5 000 Mark) belegt. Mindestens 13 von ihnen sind noch als inhaftiert bekannt: (...)

Von diesen sind bereits 12 per Strafbefehl ebenfalls nach § 217 StGB (Zusammenrottung) zu Haftstrafen verurteilt: (...)

Auch am 18. September kam es zu über 46 Festnähmen, von denen noch 6 inhaftiert sein sollen. Bislang liegen noch keine Namen vor.

Am 25.9.1989 kam es zu mindestens 12 Festnahmen, von deren sich noch T(...) K(...) in Haft befindet.

Am 2. Oktober fand die bisher größte Demonstration statt, bei der es zu mindestens 8 bekannten Festnahmen kam.

POTSDAM: Am 10. September beteiligte sich die ANTIFA-Gruppe Potsdam an der offiziellen Kundgebung zum Internationalen Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg. Sie versuchten, eigene Plakate zu zeigen ("Warnung! Neonazis auch in der DDR!", "Nie wieder Krieg - Wehret den Anfängen").

Sicherheitskräfte griffen brutal ein. Dabei wurde auch der Pädagogikstudent M(...) S(...) misshandelt und verhöhnt. Am 13. September wurde er verhaftet.

BERLIN: Seit dem 23. September befindet sich O(...) S(...) in Haft. Er ist der Arche-Projektgruppe Ökologie/Ökonomie, die kürzlich die erste Nummer ihrer Publikation "Standpunkt" veröffentlichte, bei der er als Kontaktadresse angegeben war. Am 7. Juli, bei der seit dem Wahlbetrug regelmäßig auf dem Alexanderplatz stattfinden Demonstrationen versuchte er, das Transparent "Zu dumm zu addieren, aber ein ganzes Land regieren" zu zeigen. Das in diesem Zusammenhang eingeleitete Ermittlungsverfahren wurde nach 3 Wochen eingestellt.

BERLIN: Wie erst jetzt bekannt wurde, sind seit dem 13. Juli T(...) R(...) und H(...) S(...) inhaftiert. Sie waren bereits bei der unabhängigen Demonstration am 30. Juni gegen den Staatsterror gegen die Demokratiebewegung in China festgenommen worden. Ermittlungsverfahren nach § 217, Abs. 1 (T. R(...)) und § 217, Abs. 2 (H. S(...)) sind seit Mitte September abgeschlossen. Der Prozesstermin ist noch nicht bekannt.

Wir fordern mit der Mahnwache an der Gethsemanekirche, Stargarder Straße, die seit dem 2. Oktober ununterbrochen durchgeführt wird:

- Freilassung der Inhaftierten

- Keine Abschiebung der Betroffenen gegen ihren Willen

- Einstellung der Ermittlungsverfahren

- Aufhebung aller Strafbefehle (Haft- und Geldstrafen)

Die gegenwärtige innenpolitische Krise kann mit polizeistaatlichen Methoden nur verschärft und in keinem Falle gelöst werden. Auch die größte Fluchtwelle seit dem Mauerbau zeigt, dass die Abschottung eines Landes von politischen Veränderungen in Europa nicht möglich ist, denn ein Land, das sein konstruktives Potential einer starren, festgefahrenen Staatsräson opfert, verspielt die eigene Zukunft.

Täglich finden um 18.00 Uhr in der Gethsemanekirche aktuelle Informationsandachten statt.

Informationen können unter der Nummer des Berliner Kontakttelefons: (...), täglich ab 15.00 Uhr abgerufen und gegeben werden.

Bringt bitte Kerzen, Blumen und Nahrungsmittel, Tee und Kaffee mit.

INFOS:

EIN KONKRETES ANGEBOT ZU! GEWALTFREIEN WIDERSTAND

- ich faste, um mich zu besinnen und mein Leben durch Stille und Gebet neu auszurichten.

- ich faste, um mich reinigen zu lassen von Angst und Resignation, Hass und Gewalt, Ungeduld und Sensationslust.

- ich faste, weil ich keine andere Ausdrucksmöglichkeit für meinen Protest sehe, gegen die Art und Weise, mit der unsere Politiker ungerührt den Schein aufrecht erhalten und den 40. Jahrestag als ihren Sieg feiern.

- ich faste, weil ich im Gegensatz zu unseren, staatlichen Medien, betroffen bin über die große Anzahl von Menschen, die unser Land verlassen.

- ich faste, um mit Solidarität zu leben mit allen Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen und deswegen leiden müssen und verfolgt werden.

- ich faste in der Hoffnung, dass sich auch noch andere daran beteiligen - Stunden oder Tageweise, und wir ein Zeichen unseres persönlichen Engagements für dieses Land setzen und bereit sind, dafür unsere materiellen Bedürfnisse einzuschränken

4. Oktober 1989

A(...) K(...) z.Zt. Gethsemanekirche

In der Gethsemanekirche liegt auch eine Protestresolution an den Generalstaatsanwalt zur Unterschrift aus (Bisher über 3 000 Unterzeichnende)

DIE MAHNWACHE

aus: gesammelte Flugschriften DDR `89, Heft 1, November 1989, Redaktion und inhaltliche Gestaltung herausgeberkollektif (Ostberlin), Technische Gestaltung, Produktion und Vertrieb: ASTA TU Berlin

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