DDR 1989/90Brandenburger Tor


Die Gleichberechtigung von Frau und Mann ist in unserer Verfassung verankert. Warum gründet sich überhaupt ein unabhängiger Frauenverband (UFV)?

Petra Wunderlich: Sozialismus und Unterdrückung der Frau schließen eigentlich einander aus. Jedoch existierte der Sozialismus nicht, somit auch nicht die Gleichstellung der Geschlechter.

Aber wir hatten und haben doch den DFD . . .

Ines Koenen: Der DFD war schon eine aktive und emanzipierte Frauenbewegung, kam allerdings zunehmend unter den Hammer des bürokratisch-administrativen Systems in unserem Land.

P. Wunderlich: Daneben existieren bereits seit Jahren Frauengruppen. Vornehmlich unter dem Dach der Kirche, denn anderer Raum stand nicht zur Verfügung.

Jetzt sehen wir die Möglichkeit, einen Verband zu gründen, der um die Rechte der Frauen kämpft. Und das ist nötiger denn je. Selbst bei den gegenwärtigen Prozessen haben - auch in den neuen Gruppierungen und Parteien - wieder hauptsächlich Männer das Sagen.

I. Koenen: Der Stellenwert der Frau ist das Ergebnis von Männerpolitik. Jetzt wollen wir Politik machen.

. . . das heißt, in die Parlamente einziehen?

I. Koenen: Unbedingt. Des weiteren fordern wir das Einsetzen einer Beauftragten im Range einer Ministerin für Gleichstellungsfragen und ebensolche Beauftragte in den örtlichen Räten.

Angenommen, ihr werdet politische Verantwortung tragen, worum wollt ihr euch vorrangig kümmern?

P. Wunderlich: Um die Erhaltung des Rechtes auf Arbeit der Frau sowie um die praktische Verwirklichung der Gleichberechtigung. Nicht nur gleiches Geld für gleiche Arbeit, sondern ebenfalls gleiches Geld für gleichwertige Arbeit. Außerdem wollen wir die Berücksichtigung der Belange aller Frauen, die Schaffung von frauenfreundlichen Kommunikations- und Begegnungsmöglichkeiten, Front machen gegen die Vermarktung der Frau als Sexobjekt, gegen sexuelle Gewalt usw.

Nun hat jede Frau andere Vorstellungen vom Leben. Wie wollt ihr da allen gerecht werden?

I. Koenen: Es gibt Arbeitskreise zu ganz verschiedenen Themen wie Erziehung, Altere, Alleinerziehende sowie zu sozialen Randgruppen, zum Beispiel Lesben. Ein anderer Weg wäre, die Frauen eines Gebietes, eines Betriebes oder einer Partei fänden sich zusammen: Der UFV versteht sich als Dachverband.

Die Frau hat aufgrund zusätzlicher Belastungen innerhalb der Familie beruflich das Nachsehen. Erst recht in einer Leistungsgesellschaft wie der BRD. Wie denkt ihr da über Wiedervereinigung?

P. Wunderlich: Zu diesem Thema erhalten wir sehr viele Zuschriften besorgter Frauen ... Tja, eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist bestimmt nicht mehr abwendbar. Aber wir wollen diesen Prozess nicht an uns vorbeigehen lassen, sondern Bedingungen stellen können. Beispielsweise den Beibehalt sozialer Maßnahmen und deren Ausbau. Dazu bringen wir Vorstellungen in die Arbeitsausschüsse vom Runden Tisch ein. So machen wir uns im Ausschuss Gesundheitswesen für den Erhalt des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch stark.

Wie seht ihr eure Chance, wirklich etwas zu erreichen?

P. Wunderlich: Wir hoffen, dass unser Ruf nach Gerechtigkeit nicht ungehört verklingt. Tausende Frauen stehen hinter uns; außerdem sind wir am Runden Tisch vertreten. Sicherlich werden wir nicht alles auf einmal schaffen, aber wir können die Kraft der Frauen bewusst machen und mobilisieren.

I. Koenen: Vieles sind noch Wunschträume . . . Aber man muss doch noch träumen können. Trotz alledem.

(Das Gespräch führte Antje Looks)

PS: Heute Abend sind die Frauen des UFV in Aktion zu erleben! Für 17 Uhr rufen sie zur großen Kundgebung auf dem Alex auf, von der Männer nicht ausgeschlossen sein sollen. Motto: "Gegen Sozialabbau - für alle Kinder und jede Frau"

Geschäftsstelle der UFV: Haus der Demokratie: Friedrichstraße 165, Berlin 1080.
Kontakttelefon: (...)

aus: Junge Welt, Nr. 37 B, 13.02.1990, 44. Jahrgang, Linke Sozialistische Jugendzeitung

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