DDR 1989/90Brandenburger Tor

Was wollen wir?

Glanz bestimmt einen neuen Jugendverband

Eine neue FDJ vielleicht. Einen sozialistischen Jugendverband der DDR auf jeden Fall. Eventuell nennt er sich SJV.

Das vor 14 Tagen veröffentlichte Diskussionsangebot des Zentralrats zu einer neuen FDJ führte, wenn überhaupt nachhaltig zur Kenntnis genommen, zu Verunsicherungen und zur weiteren Auflösung der FDJ, nicht aber zu einer Diskussion für einen neuen Jugendverband.

Dazu können wir nicht schweigen und bieten den in unserer Bezirksorganisation bisher erstrittenen Standpunkt als Berliner Plattform für einen neuen Jugendverband zur Diskussion an.

Deshalb sind wir:

- ein politische, Interessenverband, gleichberechtigt neben anderen;

- unabhängig von allen Parteien und eigenständig die Interessen unsrer Mitglieder vertretend;

- basisdemokratisch in allen Fragen, die Mitglieder entscheiden selbst, was sie wollen;

- freiwillig im Bekenntnis und vorwiegend getragen durch ehrenamtliche Arbeit vieler:

- für Gemeinsamkeit durch Diskussion und Aktion;

- für Mitgestaltung und Mitverantwortung als sozialistischer Jugendverband in einem modernen Sozialismus in der DDR.

Moderner Sozialismus - wie wir ihn sehen

Wir erheben nicht den Anspruch, die Wahrheit auf unser zukünftiges Gesellschaftsbild gepachtet zu haben, mit fertigen Antworten für unfertige Gesellschaftskonzeptionen aufwarten zu können. Aber wir haben eine Meinung.

Was wollen wir prinzipiell und sofort ?

1. Zur Verhinderung des schon begonnenen Abbaus von sozialen und kulturellen Leistungen der Betriebe, Einrichtungen und Kommunen für Jugendliche ist die dringlichste Aufgabe:


Alle Macht den Jugendräten !


Die Wahl von Jugendräten/Schülerräten/Studentenräten an allen Betrieben, Schulen, Hochschulen und anderen Einrichtungen bis Ende Januar 1990 halten wir für erforderlich.

Ziel der Räte muss es sein, alle Fragen der Jugendarbeit bei den staatlichen Leitungen einzuklagen. Deshalb:

- Verhinderung von Sozialabbau im Zuge wirtschaftlicher Umgestaltung u.a. für Jugendliche und junge Mütter;

- anspruchsvolle Aufgaben für Junge Absolventen und Facharbeiter;

- Mitbestimmung in der Lehrplangestaltung an Schulen, Berufs-, Hoch- und Fachschulen;

- Erhaltung betrieblicher Jugendklubs, Schulklubs, Studentenklubs sowie betrieblicher Ferienlager usw.

Zur Organisation der Rätewahlen (Anzahl zu wählender Mitglieder, Aufstellung der Kandidaten, Durchführung der Wahl, Bereitstellung von Org.-Materialen/Räume usw.) sollten sich die Gewerkschaftsleitungen, Mitglieder anderer Jugendverbände, nichtorganisierte Jugendliche und FDJ Leitungen zusammenfinden.

2. Interessenvertretung wird zunehmend über die gewählten Volksvertretungen entschieden. Es gibt Kräfte in unserer Gesellschaft, die die Jugend aus den Parlamenten verdrängen wollen. Wir wehren uns entschieden!!! Ohne demokratische Mitwirkung an der Entscheidungsfindung durch die Jugend in den Parlamenten ist kein wirklich moderner Sozialismus gestaltbar.

Deshalb fordern wir alle auf, per Unterschriftensammlung zu bekunden, dass die Jugend in den Parlamenten bleiben muss und nicht möglicherweise als Bittsteller vor der Tür stehen darf. Alleinig gewählte Vertreter der Jugend im Parlament sind bisher FDJ-Mandatsträger. Sie müssen sofort bereit sein, selbstlos Interessenvertreter auch anderer Jugendorganisationen zu sein und bei er Neuwahl sich von einer FDJ-Fraktion zu einer demokratische legitimierten Jugendfraktion in unseren Volksvertretungen zu konstituieren.

3. Wir respektieren die entstandene Interessenvielfalt und ihre Vertretung durch verschiedene Organisationen unter der Jugend. Sie ist Ausdruck demokratischer Willensbildung unserer in unserer Gesellschaft. Zugleich bekennen wir, dass wirkliche und übergreifende Interessenvertretung der Jugend nur durch gleichberechtigtes Zusammenwirten aller legitimierten Vertreter der Jugend erfolgen kann. Wir rufen deshalb auf, die Gespräche am Runden Tisch fortzusetzen. Wir fordern dazu auf, über neue Formen des Zusammenwirkens der Jugendorganisationen - beispielsweise in einem Jugendring der DDR, einem Jugendparlament oder einer Jugendunion - nachzudenken.

Unsere Forderungen:

1. Wir sind für die sofortige Einstellung der Produktion der FDJ-Hemden!

Sinnvoller lassen sich das Material, die finanziellen Mittel und das Arbeitsvermögen für die Verwirklichung der Ideen der Jugendmodeklubs nutzen. Wir erwarten die sofortige Rücknahme jeglicher Subventionen für noch vorhandene FDJ-Bekleidung.

2. Im Fall Jugendtourist:

- eindeutige Zuordnung zum Amt für Jugend und Sport,

- Interessenorientierte Erweiterung des Angebots attraktiver, stattlich gestützter Jugendreiten für alle Jugendlichen.

- Verhinderung eines In die Ecke-Stellens bisheriger engagierter ehrenamtlicher Mitarbeiter dieses Jugendreisebüros.

3. Wir erwarten sofort und verbindlich einen öffentlichen Standpunkt des Ministeriums für Bildung zur Förderung einer breiten demokratischen, von allen Parteien und Organisationen unabhängigen Kinderbewegung und zur Festschreibung konkreter Rechte für Schülerräte. Dabei geht es uns auch um die Realisierung solcher wichtigen materiellen und personellen Bedingungen wie die Planstellen und Ausbildungsmöglichkeiten für Freundschaltspionierleiter, die Tätigkeit der Pionierhäuser und -lager usw. Wir schlagen dazu vor:

- die Verantwortlichkeit für die materiellen und finanziellen Grundlagen der Kinderbewegung ist sofort an die Kommunen zu übertragen,

- die hauptamtlichen Koordinatoren der Kinderbewegung sind durch die Volksvertretungen zu berufen,

- mit der Ausbildung wirklicher Freizeitpädagogen ist schnellstmöglich zu beginnen,

- für Freundschaltspionierleiter ist eine Weiterbildung entsprechend sozialpädagogischer Aspekte anzubieten.

Bei weiterer Ausgestaltung aller bisher vorhandenen Möglichkeiten sind mit Unterstützung engagierter Pädagogen und Eltern bereits jetzt alle Möglichkeiten für die Schaffung von Kinderklubs, Kinderläden, Spiel- und Aktionszentren u. a. um Territorium zu erschließen.

Da unsere Zielstellungen für die weitere Tätigkeit dem Anliegen der am 5.12.89 ins Leben gerufenen Bürgerinitiative "Kinderbewegung in der DDR" sehr nahe kommen, setzen wir uns für eine konstruktive Zusammenarbeit mit ihr ein.

4. Das Ministerium für Kultur und die örtlichen Volksvertretungen, besonders deren FDJ Fraktionen, müssen sich jetzt dafür einsetzen, dass:

- Saalmieten für Kinder- und Jugendveranstaltungen nicht entgegen dem noch gültigen Jugendgesetz erhoben werden

- Jugendklubs der Betriebe nicht massenhaft "unter den Hammer" kommen

- Jugendveranstaltungen (z. B. Festival das politischen Liedes, Berliner Rock- und Liedersommer, Literaturfest, Kinderwoche) durch Kürzung staatlicher Zuschüsse nicht aufgegeben werden müssen

- Jugendklubs in den Territorien materielle Mittel, Leistungen und finanzielle Zuschüsse weiterhin erhalten

- Junge Künstler und alternative Kunst gefördert und gefordert werden.

5. Den Ministerpräsidenten der DDR und den Ministerrat fordern wir auf, rechtzeitig und ehrlich die Jugend und ihre organisierten Vertreter in die Erarbeitung

- einer neuen Verfassung

- des Wohlgesetzes

- des Gesetzes zur Gründung von Parteien und Organisationen

- des neuen Jugendgesetzes

sowie aller neu zu erarbeitenden Gesetzeswerke und Regelungen einzubeziehen.

Wir fordern Mitsprache und Gehörtwerden in Sachen Bildungsreform, Hochschulreform, Wirtschaftsreform, Rentenreform und weiterer notwendiger rechtsstaatlicher Regelwerke bei der Ausgestaltung des wirklich demokratischen Sozialismus in der DDR.

Meinungen gefragt

Wir treten ein, für eine neue Schulordnung, Heimordnung, Absolventenordnung, Jugendklubverordnung und für eine Neuregelung der Fürsorge und Aufsichtspflicht.

Dazu brauchen wir eure Vorschläge!

Was haltet ihr davon

- einen Silvesterlauf (31.12.) mit Start am Brandenburger Tor durchzuführen

- Westberlinbesuche zum Kennanlernen fortschrittlicher Jugendorganisationen- und -verbände und zum Besuch von Jugendzentren zu nutzen und sich dabei mit sozialen Problemen von Jugendlichen wie Rauschgift, AIDS, Jugendkriminalität auseinander zusetzen.

- eine Schülerzeitung für alle Berliner Schulen;

- alte und kranke und körperbehinderte Menschen aus eurer Umgebung zu betreuen und zu pflegen

- unseren Jüngsten in der Schule bei der Freizeit und Pioniernachmittagsgestaltung zu helfen (Tipp: 13.12. Pioniergeburtstag)

- eine sofortige Überprüfung der materiellen Bedingungen in allen Wohnheimen einzuleiten (baulicher Zustand der Heime, Belegungsanalyse), denn Wohnheimplatz ist zugleich auch Arbeitsplatz

- dafür einzutreten, dass Lehrlinge, die es wollen, im eigenen Betrieb aber auch im Handel oder Gesundheitswesen zeitweilig gegen Bezahlung arbeiten gehen können?

Wir (Arbeitskreis Schuljugend der FDJ Bezirksleitung) laden aus allen Berliner Oberschulen einen Vertreter zu einer "Berliner Schuljugendkonferenz" am 20. Dezember 1989 um 15.30 Uhr ins Haus des Zentralrates dar FDJ. Eingang Mittelstraße, ein.

Thema: wie geht es weiter mit der Schuljugend?

Im Namen vieler, die sich mit uns um uns sorgen und mit ihren Ideen eingebracht haben die Mitglieder des Arbeitsausschusses der FDJ-Bezirksleitung Berlin:

(...)

aus: Junge Welt, Organ des Zentralrats der FDJ, Nr. 290, 09./10. 12. 1989, 43. Jahrgang

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