Bonn. ADN/BZ Mit einem etwa einstündigen Vieraugengespräch zwischen Ministerpräsident Hans Modrow und Bundeskanzler Helmut Kohl begann gestern [13.02.] in Bonn der zweitägige Arbeitsbesuch des DDR-Regierungschefs. Zu der Unterredung wurden zeitweilig die engsten Berater der Staatsmänner hinzugezogen.
Dem Gespräch schloss sich eine Aussprache im Kreis beider Delegationen an, die eine Stunde länger als geplant dauerte. Parallel zu dem Gespräch der Regierungschefs fanden Begegnungen zwischen der für Wirtschaft zuständigen stellvertretenden Ministerpräsidentin Christa Luft und Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann, zwischen den Bauministern Gerhard Baumgärtel und Gerda Hasselfeldt, den Landwirtschaftsministern Hans Watzek und Ignatz Kiechle statt. Kanzleramtsminister Rudolf Seiters empfing die aus den Reihen der Opposition kommenden acht DDR-Minister ohne Geschäftsbereich.
Nach den Gipfelgesprächen herrschte am Abend in der DDR-Delegation deutliche Verstimmung, schreibt dpa. Von einem "Geist der nationalen Verantwortung", von dem Bundeskanzler Helmut Kohl sprach, sei wenig zu spüren gewesen, habe es in Kreisen der DDR-Abordnung geheißen.
"Wir hätten gern ein bisschen mehr mitgenommen", zitiert dpa Rainer Eppelmann, der für den Demokratischen Aufbruch in der Regierung von Hans Modrow sitzt. Er habe eine Summe von 5 Milliarden D-Mark genannt und die Sorge geäußert, dass die Gesprächsergebnisse zu wenig seien, um den Übersiedlerstrom zu stoppen.
Andere Delegationsmitglieder hätten offen von einer Brüskierung der DDR durch die Bundesregierung gesprochen. Bonn gehe es offenbar darum, den "Preis" für die Vereinigung durch eine übertrieben schlechte Darstellung der Lage der DDR noch herunterzudrücken, schreibt die Nachrichtenagentur. Indirekt sei die nicht konstruktive Stimmung auf den Wahlkampf in beiden Staaten zurückgeführt worden.
Am Nachmittag informierten Bundeskanzler Helmut Kohl und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow die internationale Presse über die Ergebnisse ihrer Gespräche. Die BRD und die DDR hätten sich darauf verständigt, eine hochrangige Expertenkommission zu bilden, die eine Währungs- und Wirtschaftsgemeinschaft beider deutscher Staaten in die Wege leiten soll, teilte Helmut Kohl dabei mit. Die Kommission, so Kohl in seiner eingangs abgegebenen Erklärung, werde bereits in der kommenden Woche ihre Arbeit aufnehmen.
Nach den Vorstellungen des Bundeskanzlers soll an einem bestimmten Stichtag die Mark der DDR durch die D-Mark als gesetzliches Zahlungsmittel ersetzt werden. Zeitgleich müsse die DDR die notwendigen Voraussetzungen für eine soziale Marktwirtschaft schaffen. Die BRD bringe in ihrer Offerte ihren stärksten wirtschaftlichen Aktivposten, die D-Mark, ein, sagte Kohl, der die soziale und ökologische Absicherung der Schaffung einer Marktwirtschaft in der DDR auch für die BRD für bedeutsam hält.
Modrow will sozialen Besitzstand wahren
Während der Bundeskanzler wiederholt davon sprach, die Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft möglichst schnell in die Wege zu leiten, mahnte Ministerpräsident Modrow an. schrittweise vorzugehen und dabei das erforderliche Augenmaß zu wahren. Nachdrücklich sprach er von der Notwendigkeit, den sozialen Besitzstand der DDR-Bevölkerung zu wahren. Es gehe um die Gewährleistung sozialer Sicherheit für die Rentner, die Sicherung ihrer Sparkonten. Es müsse gewährleistet werden, dass sich die Bauern nicht um ihren Grund und Boden sorgen müssen. Der Anschluss der DDR an die BRD, so Modrow auf eine Frage, könne nicht das Konzept - sein. Soziale Aspekte dürften nicht nur von einer Seite aus gesehen werden.
Übereinstimmung bestand darüber, dass die Herstellung einer Währungs- und Wirtschaftsgemeinschaft als Schritt zur Einheit im internationalen Kontext geschehen müsse. Beide Regierungen, so Modrow. müssten sich der Notwendigkeit stellen, die Schritte zur Vereinigung im europäischen Prozess zu sehen und einzubetten.
Unterschiedliche Positionen zeichneten sich auch in der Frage des vom Runden Tisch am Montag geforderten Solidarbeitrags in Höhe von 10 bis 15 Milliarden D-Mark ab. Modrow bekräftigte, dass dieser Solidarbeitrag seitens der BRD geleistet werden müsse Er verwies darauf, dass für die DDR mit der Öffnung der Grenzen zahlreiche langfristige Probleme entstanden seien.
Bundeskanzler Kohl erklärte die grundsätzliche Bereitschaft der Bundesregierung, kurzfristig zu helfen und verwies in diesem Zusammenhang auf den am Mittwoch zu verabschiedenden Nachtragshaushalt in Höhe von 6 Milliarden D-Mark.
Kohl drückt sich weiter um Grenzfrage
Mehrere Fragen der Journalisten bezogen sich auf den Status eines künftigen vereinten Deutschland und die Garantien für die Oder-Neiße-Grenze als der Westgrenze Polens. Modrow hob noch einmal ausdrücklich hervor, die DDR habe 1950 den Vertrag von Görlitz und Zgorzelec unterschrieben. Sie gehe davon aus, dass diese Grenze eine völkerrechtlich festgeschriebene Grenze ist. Kohl hingegen bekräftigte den Standpunkt, dass die Bundesrepublik zum Warschauer Vertrag stehe und dass die Frage der polnischen Westgrenze eine Entscheidung sei, die eine gesamtdeutsche Regierung, ein gesamtdeutsches Parlament angeht.
Im weiteren Verlauf des Tages führte Hans Modrow mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker und dem SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel Gespräche.
Zu den auf der Bonner Pressekonferenz mitgeteilten ersten Ergebnissen der Gespräche zwischen Hans Modrow und Helmut Kohl äußerten sich in Berlin Vorsitzende und Sprecher von Parteien, Organisationen und Bewegungen. Ihre differenzierten Stellungnahmen drücken Zustimmung zur Tatsache des Miteinanderredens beider Seiten über Wege zur deutschen Einheit aus, lassen große Erwartungen in die künftige Entwicklung deutlich werden und zeigen zum Teil auch Enttäuschung über das bisher Erreichte.
Die vorliegenden Ergebnisse des Treffens hält Demokratie Jetzt für "unzureichend und politisch falsch". Wichtige Bedingungen für eine Einheit Deutschlands wie Abrüstung und Entmilitarisierung sowie die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze fanden nicht die erwartete Berücksichtigung durch den Bundeskanzler, heißt es in einer Erklärung. "Eine schnellstmögliche Währungsunion erscheint uns Wirtschafts- und sozialpolitisch als ein unvertretbares Risiko. Wir sehen in der Politik der Bundesregierung eine Gefährdung des Demokratisierungsprozesses und des Rechtes auf Selbstbestimmung der Bevölkerung der DDR."
Grüne: Bonn will bedingungslosen Anschluss
Es habe eigentlich keine Ergebnisse bei den Gesprächen von Ministerpräsident Modrow mit Bundeskanzler Kohl gegeben, sagte der 2. Sprecher der SPD in der DDR, Markus Meckel, gegenüber ADN. Die Expertenkommission, die sich um eine Währungsunion kümmern soll, hätte auch "in einem Telefongespräch zwischen den Ministerien und auch schon eher" vereinbart werden können.
Die GRÜNE PARTEI äußerte zum Treffen in Bonn: "Seit der heutigen Pressekonferenz von Kohl und Modrow ist es klar, es wird kein allmähliches Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten geben, sondern nur noch einen bedingungslosen Anschluss der DDR an die BRD."
(Berliner Zeitung, Mi. 14.02.1990)