Berlin (H. W. - Eig. Ber.) Ohne Krawall, aber spannungsgeladen, drastisch fordernd aus einem Gefühl der Verbitterung heraus - so verlief die Protestdemonstration von mehr als 1 000 Beschäftigten der Land-, Nahrungsgüter- und Forstwirtschaft aus Berlin und Berliner Randgebieten am Donnerstag im Lustgarten der Hauptstadt. Sie verlangen angesichts anhaltend guter Leistungen höhere Löhne, sichere Arbeitsplätze und Mitbestimmung. Im Namen der 600 000 Mitglieder ihrer Gewerkschaft forderte die Vorsitzende Marianne Sandig die Regierung auf, rasch zu handeln, um unkontrollierte Importe von Nahrungsgütern und sozialen Abbau zu verhindern. In einem Brief an die Volkskammerpräsidentin wird die Anhebung der Löhne und Gehälter um 30 Prozent und bis Jahresende um 50 Prozent gefordert. Ab 1991 soll mit der Partnergewerkschaft aus der BRD ein einheitlicher Tarifvertrag ausgehandelt und beschIossen werden. Die Rednerin verlangte, mit Landwirtschaftsminister Pollack zu sprechen, um mit Nachdruck Entscheidungen der Regierung einzufordern.
Zum Wochenende haben Bauern- und Genossenschaftsverband Protestaktionen aus gleichen Gründen an Grenzübergängen zur BRD angekündigt.
(Tribüne, Fr. 27.04.1990)
Wie uns der Zentralvorstand der Gewerkschaft Land, Nahrungsgüter und Forst mitteilt, ruft sie für Donnerstag, den 26. April 1990, 11 Uhr zu ein Demonstration vor der Volkskammer auf:
Es geht um unsere Existenz!
Deshalb fordern die Gewerkschafter:
- Erhaltung und Schaffung neuer Arbeitsplätte
- Gewährung staatlicher Schutzfunktionen für Binnenagrarmarkt und Entschuldung auch unserer Betriebe
- einen Umtauschkurs für Löhne, Gehälter, Renten und Sparguthaben von 1:1
- sofortige Wiederaufnahme Tarifverhandlungen
- Erhaltung und Ausbau des sozialen Netzes unter marktwirtschaftlichen Bedingungen.
(Bauern-Echo, Mi. 25.04.1990)
BE-Interview mit der Gewerkschaftsvorsitzenden Marianne Sandig
"Bauern-Echo": Brachte die Bauern-Demo den erwarteten Erfolg?
Marianne Sandig: Wie man`s nimmt. Unsere Demonstration in der "Bannmeile" der Volkskammer - normaler Weise dürfen hier keine Demonstrationen durchgeführt werden - war gut besucht. Ich bin zufrieden, dass hier so engagiert gesprochen wurde und das Wollen unsere Gewerkschaftsmitglieder sehr deutlich zum Ausdruck kam. Auch wirksam die Ausführungen des DBD-Vertreters Georg Zschornak.
"Bauern-Echo": Sie wurden von den Veranstaltungsteilnehmern aufgefordert dem Landwirtschaftsminister die gemeinsamen Probleme vorzutragen. Wie verlief dieser Besuch im Hause der Volkskammer?
Marianne Sandig: Ich finde es schon bezeichnend, dass uns zuerst zwei Vertreterinnen der Opposition - der PDS - begrüßten. Es ist doch etwas bitter, dass wir nicht von Vertretern der Regierungsparteien empfangen wurden. Wir erwarten in erster Linie von den Parteien, die im Parlament das Sagen haben, eine klare Haltung zu den Interessen der Menschen unseres Landes.
"Bauern-Echo": Aber es gab doch ein Gespräch mit Landwirtschaftsminister Dr. Peter Pollack . . .
Marianne Sandig: Das war gut und notwendig. Einleitend: Er hat das Amt des Ministers noch nicht üben können, so, wie wir als neue gewerkschaftliche Vertreter unsere Funktionen noch nicht ausreichend üben konnten. Wir haben alle zu lernen. Trotzdem wäre mehr Konstruktivität notwendig. Ein konkretes Angebot an unsere Gewerkschaft hätten wir als gut empfunden. Wir mussten einigermaßen bohren, um ihm zu entlocken, dass er mir mitteilen wird, wann wir in der Zeit vom 2. bis 5. Mai ins Gespräch kommen.
(Bauern-Echo, Fr. 27.04.1990)