Vier Stunden beendeten am Freitag, dem 14. September 1990, die über vierzig Jahre währende Existenz einer Organisation, die am Ende ihres Weges gegenüber den Anforderungen der Zeit versagte.
Delegierten von 21 Einzelgewerkschaften der DDR schlossen mit dem Abstimmungsergebnis von 112 : 2 Enthaltungen den Prozess der Selbstauflösung des FDGB zum 30. September diesen Jahres ab. Sie vollendeten damit, was am 9. Mai mit einem entsprechenden Beschluss der Industriegewerkschaften und Gewerkschaften und der Ablösung des im Februar vom Außerordentlichen Kongress gewählten Geschäftsführenden Vorstandes auf den Weg gebracht worden war. Diese Aufgabe nun mit Würde und Anstand zu Ende zu bringen, appellierte Peter Rothe, Vorsitzender des seinerzeit eingesetzten Sprecherrates, an den nur halb gefüllten Saal im Haus "Am Märkischen Ufer". Den Bruch mit dem FDGB bezeichnete er als Voraussetzung für die gemeinsame Arbeit der Einzelgewerkschaften unter dem Dach des DGB in den künftig 16 Ländern eines einheitlichen Deutschlands.
Angesichts der sich stetig verschlechternden Lage der Arbeitnehmer auf Noch-DDR-Territorium und ihres Ausschlusses von der Gestaltung der Wirtschaftsprozesse, sei eine starke gewerkschaftliche Position dringend erforderlich.
Hauptpunkt der Auseinandersetzung in der Diskussion wurde, wie erwartet, nochmals die Aufteilung des Vermögens des Bundesvorstandes des FDGB, das nach Schätzungen noch 400 bis 500 Millionen Mark beträgt. Es wurde per Mehrheitsbeschluss in eine gewerkschaftliche Vermögensverwaltungsgesellschaft "Märkisches Ufer" eingebracht und soll nach Abdeckung aller Verbindlichkeiten entsprechend der Mitgliederstärke auf die Einzelgewerkschaften aufgeteilt werden. Für die sofortige Aufteilung plädierte dagegen ein Antrag der IG Metall.
Über die Verwendung des Solidaritätsfonds wurde gemäß des vorliegenden Antrages entschieden.
Den Feriendienst betreffend wurde entschieden, die aus staatlichen Mitteln finanzierten Ferienheime, das betrifft 72 Prozent, zurückzuführen. Der Rest von 28 Prozent der Ferienobjekte, die aus Gewerkschaftsmitteln entstanden wird von der FEDI-Feriendienst GmbH übernommen.
Zu Liquidatoren bestellte der Auflösungkongress Rainer Schramm von der IG Chemie, Glas, Keramik, Dr. Ludwig Penig, Gewerkschaft Wissenschaft, und den unabhängigen Rechtsanwalt Dr. Haus-Joachim Gröber.
(Tribüne, Mo. 17.09.1990)
ADN/AP. In Ost-Berlin hat am Freitag der Kongress zur Auflösung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) begonnen. Der Vorsitzende des Sprecherrates der DDR-Einzelgewerkschaften, Peter Rothe, begründete vor den rund 150 Delegierten den Antrag, der die Auflösung des Dachverbandes zum 30. September 1990 vorsieht. Er unterstrich, dass der am 9. Mai eingeleitete Prozess zur Auflösung des FDGB als Dachverband und die Bildung des Sprecherrates notwendig waren und keine Alternativen hatten. Künftig soll der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die Vertretung der sich mit ihren bundesdeutschen Partnern vereinigenden Einzelgewerkschaften auch auf dem Territorium der heutigen DDR übernehmen und damit für die 16 Länder des gemeinsamen Deutschlands zuständig sein. Rothe forderte dazu auf, "mit Würde und Anstand die Geschichte des FDGB zu beschließen".
Hauptsächlichstes Thema des Auflösungskongresses ist die künftige Verwaltung und Verwendung des FDGB-Vermögens, das mit 400 bis 500 Millionen DM angegeben wird. Der von der FDJ, die zur Finanzierung des 89er Pfingsttreffens widerrechtlich 100 Millionen Mark vom Bundesvorstand Harry Tischs erhalten hatte, zurückgezahlte Betrag von 50 Millionen DDR-Mark sei entsprechend der Beschlüsse des außerordentlichen FDGB-Kongresses vom Januar verwendet worden. Demnach erhielten beispielsweise die Volkssolidarität 7,3 Millionen Mark, das Ministerium für Gesundheits- und Sozialwesen 30,1 Millionen, der Behindertenverband 2,5 Millionen und der Arbeitslosenverband eine Million.
Es ist vorgesehen, alle Vermögenswerte des FDGB in eine Vermögensverwaltungsgesellschaft einzubringen. Nach Ablauf eines Jahres
wird dieses Vermögen in die Hände des bundesdeutschen DGB übergehen. Mit der Abwicklung der Liquidierung wurden Rainer Schramm von der IG Chemie-Glas-Keramik, Ludwig Penig von der Gewerkschaft Wissenschaft und der Westberliner Wirtschaftsprüfer Herbert Brönner beauftragt.
(Junge Welt, Sa. 15.09.1990)
JW sprach auf dem Auflösungskongress mit dem letzten "Schatzmeister" der ehemaligen Staatsgewerkschaft, Klaus Umlauf.
Was bleibt unterm Strich?
Gut 900 Millionen Mark (Grundmittel, einschließlich eines Bargeldbestandes von rund 15 Millionen.
Zu Jahresbeginn betrug das FDGB-Gesamtvermögen noch über fünf Milliarden Mark. Wo ist denn der Rest geblieben?
Bei eindeutiger Rechtslage haben auch wir mehrere GmbH gebildet. Zum Beispiel das Berliner Congreß-Center am Märkischen Ufer, den Tribüne-Verlag und die Druckerei, einen Kaulsdorfer Baubetrieb sowie ein Reisebüro-Feriendienstunternehmen. Allein auf letztere entfallen knapp drei Milliarden Mark.
Ist die Lage damit bei allen rund 500 ehemaligen FDGB-Ferienobjekten schon geklärt?
Nein. Bei über 200 vom FDGB genutzten ehemaligen volkseigenen Ferieneinrichtungen im Wert von knapp zwei Milliarden Mark ist die Rechtslage noch unklar.
Was wird mit ihnen?
Wir übergeben sie der Treuhandgesellschaft, die letztlich entscheidet.
Hatte der FDGB auch Vermögen im Ausland?
Nein, weder Barvermögen noch Immobilien.
Was passiert nach dem Kassensturz mit den verbleibenden Millionen?
Sie kommen nach Abwicklung der Liquidation den neuen Einzelgewerkschaften zugute.
Interview: Peter Conradi
(Junge Welt, Sa. 15.09.1990)
Für das Archiv und die Bibliothek soll eine Stiftung ins Leben gerufen werden.
Einer der beiden Geschäftsführer der Vermögensverwaltungsgesellschaft "Märkisches Ufer" kommt vom DGB.